Aphorismus #629

Das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 1 GG sichert jedem Hilfebedürftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die für seine physische Existenz und für ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerlässlich sind.

Mit dieser schallenden Ohrfeige für die Politbonzen in Berlin beginnt die Begründung des Bundesverfassungsgerichts zu seiner Entscheidung über Hartz IV vom 8.2.2010. Die wahren Verfassungsfeinde sitzen im Bundestag und/ oder auf der Regierungsbank. Kaum noch ein Gesetz, das nicht von Karlsruhe korrigiert werden muss. Die Würde des Geldes, das sie für sakrosankt erklären. ist nun mal nicht die Würde des Menschen, und DIE ist unantastbar und steht in GG 1, und nicht die Unternehmensgewinne.

Gehört solch ein Schicksal zukünftig der Vergangenheit an?

Aphorismus #628

Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit ist ein köstliches Geschenk, nicht die Sterblichkeit allein, die wir mit den Molchen teilen, sondern unser Bewusstsein davon. Das macht unser Dasein erst menschlich.

Max Frisch (1911 – 1991), Tagebuch

Aphorismus #627

On the Internet, nobody can hear you fart.

Jonas Whitespore

Veröffentlicht in:  on Montag, 8. Februar 2010 at 00:02 Hinterlasse einen Kommentar
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Aphorismus #626

Wort zum Sonntag #39

Willing Suspension of Disbelief for the Moment

It was agreed, that my endeavours should be directed to persons and characters supernatural, or at least romantic, yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith. [1]

Samuel Taylor Coleridge (1772 – 1834)

Literatur ist immer Erfindung. Wer eine Erzählung ‘wahr’ nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.

Vladimir Nabokov (1899 – 1977)

1. Ein Beben und die Folgen

Kaum liefen die ersten Meldungen vom Erdbeben in Haiti am 12.1.2010 über die Laufbänder von CNN & Co., gab es bei den Freunden der großen Weltverschwörung schon die ersten Vermutungen, dieses Beben sei von den USA gezielt ausgelöst worden. Und je länger je mehr wurde diese Spekulation für viele Konspirationisten zur absoluten Gewissheit. Wie bei 9/11, JFK, Mondlandung und anderen großen Betrügereien sei auch dieses Katastrophe nur inszeniert worden.
Ein Erdbeben?
Der Stärke 7,0??
In 17 km Tiefe???
Sicher! Nichts leichter als das!
Die Amis schaffen zwar keinen Frieden im Irak, aber Terraforming machen sie mit links!
Wenn Wasser den Berg hinauf fließt und Dieter Bohlen etwas von guter Musik versteht, dann glaube ich das auch. Aber so ist es schlichter Unsinn, keines Gedankens würdig, wenn nicht weltweit Schwachmaten solches verbreiten würden! Vorneweg Hugo Chavez Präsident Venezuelas und selbst ernannter Erzfeind der USA. [2]

Bei jeder VT sind es immer die gleichen Schritte, die vom Zweifel an der schrecklichen Wirklichkeit zum Glauben an eine noch viel schrecklichere Welt hinter dem Vorhang führt:

  1. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erschütterndes Ereignis tritt ein, das sich wirklichem Verstehen ob seiner Monströsität entzieht.
  2. Dieses Ereignis löst Handlungen vieler Regierungen aus, insbesondere bei den USA (und Israel).
  3. Spätestens hier kommt die “Alles ist eine große Verschwörung”-Frage: Cui bono? [3]
  4. Es wird gefolgert: Wer NACH dem Ereignis handelt und wirklich oder auch nur erdichtet “Vorteile” daraus zieht, der muss es selbst inszeniert haben.
  5. Es wird nach “Ungereimtheiten”, “Widersprüchen”, “Vertuschungsversuchen” und “Verbindungen” gesucht und natürlich in Massen gefunden. Das nennt sich dann “Interessen geleitete Wahrnehmung”: Wer an Verschwörungen glaubt, wird auch Verschwörungen finden, auf Schritt und Tritt. [4]

Spätestens dann ist aus einer verständlichen Unsicherheit, aus einem nachvollziehbaren Unbehagen eine VT geworden, ein säkulares Glaubenssystem, das gespeist wird aus einem “willing suspension of disbelief for the moment”, einer “momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit”. Nur dass dies nicht bloß für den Moment des Lesens eines Gedichtes geschieht, für den romantischen Zauber der Poesie, sondern fortwährend und nachhaltig. Die sich ach so argumentierende, Belege aufführende, massenhaft Zitate im Mund führende, sich objektiv gebende VT ist genau dies nicht: argumentativ, überprüfbar, objektiv, falsifizierbar. Sie ist Glaube, keine Wissenschaft. Mythos, keine Erklärung. Fiktion, kein Fakt. Aber sage das mal einen VTler! Dann wird er dir seine Wahrheit wie ein nasses Handtuch um die Ohren hauen.

Aber warum findet noch die abstruseste VT Gläubige? Warum ist der Nerd des 21. Jahrhunderts genauso anfällig für den offensichtlichen Unsinn der pseudowissenschaftlichen Erklärungen bei einem Erdbeben, wie es der mittelalterliche Bauer für die irrationale Schuldzuweisung (Die Juden haben die Brunnen vergiftet!- oder: Die rothaarige Hexe von nebenan war’s!) bei der Pest war oder der antike Soldat beim bösen Omen vor der Schlacht?
Worin liegt diese fatale Lust an der Widervernunft, an einer Welt hinter dem Vorhang, an einer anderen Wirklichkeit, die uns zu Marionetten in der Realität degradiert? Woher kommt der fanatische Glaube an noch so verrückte Geschichten, die jeder Vernunft Hohn sprechen?
____________
[1] In der deutschen Wikipedia wie folgt übersetzt:
Wir sind übereingekommen, dass meine Bemühungen auf übernatürliche – oder zumindest romantische – Personen und Figuren gerichtet sein sollten, aber trotzdem so, dass es möglich ist, eine Verbindung mit den Figuren aufzubauen und so diese Schatten der Einbildungskraft mit jener momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit auszustatten, die ein Vertrauen in die Dichtung schafft.
[2] Wie schnell, wie irrational und doch absolut vorhersehbar eine Verschwörungstheorie (VT) inzwischen entsteht und wie ebenso konsequent neben den USA immer Israel ins Spiel kommt, ist im Artikel Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie – Heute: Haiti im Blog Basisbanalität nachzulesen.
[3] “Die Argumentation mittels Cui-Bono-Prinzip allein kann jedoch auch zum Fehlschluss cum hoc ergo propter hoc führen, da aus dem gleichzeitigen Vorhandensein eines Interesses und eines Ereignisses, das diesem Interesse dient, nicht auf die Kausalität des Ereignisses geschlossen werden kann, das ja auch durch ebenfalls interessierte Dritte oder bloßen Zufall eingetreten sein kann.” Wikipedia-Artikel cui bono?
[4] “Wahrnehmung wird vielmehr als ein aktiver Prozess gesehen, der sehr stark vom wahrnehmenden Subjekt gesteuert ist, von den Strukturen des vorhandenen Wissens, von den individuellen Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen.” aus: Winfried Schulz, Was bestimmt die Wahrnehmung in der modernen Gesellschaft?

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Aphorismus #625

In the beginning the Universe was created. This has made a lot of people very angry and been widely regarded as a bad move.

Douglas Adams (1952 – 2001), The Restaurant at the End of the Universe

Veröffentlicht in:  on Samstag, 6. Februar 2010 at 00:02 Hinterlasse einen Kommentar
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Aphorismus #624

Iggy Pop and The Stooges

The Passenger

Get into the car
We’ll be the passenger
We’ll ride through the city tonight
We’ll see the city’s ripped backsides
We’ll see the bright and hollow sky
We’ll see the stars that shine so bright
Stars made for us tonight

Was für eine Aufnahme! Ein völlig zugedröhnter Iggy zelebriert einen Song voller Energie und Leben. Grandios!
Wer’s nicht ganz so drogenlastig will. Hier und hier zwei weitere Versionen.

Aphorismus #623

Die Kirche ist eine ausgeflippte Braut, die mitten auf dem Marktplatz mit Bankiers und Diplomaten hurt und kleinen onanierenden Kindern das Leben sauer macht.

W. Senakowsky, gefunden auf Die Unmoralische

Aphorismus #622

Dies Glücksversprechen im Luxus setzt wiederum Privileg voraus, ökonomische Ungleichheit, eben die Gesellschaft, die auf Fungibilität* beruht. Darum wird das Qualitative selber ein Spezialfall der Quantifizierung, das Nichtfungible fungibel, der Luxus zum Komfort und am Ende zum sinnlosen Gadget.

Das schrieb Theodor W. Adorno in seinen “Minima Moralia” (77 – Auktion), die 1944 bis 1949 entstanden also 60 Jahre vor dem iPhone und den anderen “must have”, die die schöne neue Werbe- und Warenwelt bevölkern.
* Fungibilität = Austauschbarkeit

Aphorismus #621

During times of universal deceit*, telling the truth becomes a revolutionary act.

George Orwell (1903 – 1950), hier gefunden
* deceit = Betrug

Aphorismus #620

Brutalität, Aggression und Respektlosigkeit gehören zum alltäglichen Wahnsinn des Polizeidienstes.

Der Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei in Bayern, Harald Schneider (zitiert nach: Svenna Triebler, Heult doch! konkret 2/2010 S. 33)
Ein Anfall von Selbsterkenntnis und Umdenken bei der Polizei?
Natürlich nicht.
Brutal, aggressiv und respektlos, das war und ist in einem deutschen Staat nie die Polizei!