
Als 1970 der französische Nobelpreisträger Jacques Monod unter diesem Titel (im Original: Le hasard et la nécessité) einen Essay veröffentlichte, ging ein Rauschen durch den Blätterwald. Da hatte endlich ein Naturwissenschaftler den Mut, die Ergebnisse seiner Forschungen (aus Genetik und Biologie) auf Philosophie und Religion anzuwenden. Wäre er bei seinen Leisten, sprich der Evolution bzw. Mikroevolution auf DNA-Ebene geblieben, wäre sein Buch kaum aufgefallen. Aber so traten die Gralshüter aller religiösen und quasireligiösen Sinnstiftungssysteme auf den Plan und versuchten Monod zu widerlegen. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie sich 10 Jahre später ein Evang. Theologie-Professor ereiferte über diese „Engführung“, der doch das Entscheidende fehlte: die religiöse Dimension. Es gehe nicht an, dass die Biologie solche weitreichenden Aussagen treffe. Um dem Menschen sagen zu können, wer er wirklich sei und was der Sinn des Lebens sei, brauche es eben die Theologie.

So finde ich das Bild viel ansprechender!
Ich denke, dies kann, ja muss man anders sehen! Gerade die von philosophischen wie religiösen Scheuklappen befreite naturwissenschaftliche Sicht kann uns helfen, zu begreifen, wer oder was wir tatsächlich sind.
Schon Aristoteles bezeichnete den Menschen als „vernunftbegabtes Tier“ (gr. zoon logikon; lat. animal rationale). Bei ihm war das freilich noch in sein metaphysisches Weltbild eingebunden: der Mensch einerseits aus der Natur kommend, andererseits aber göttlich beseelt. Ihm war es nicht vorstellbar, dass das große Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier, die Vernunft (gr. logos, lat. ratio) allein aus der Natur heraus zu begreifen sei. Sie musste einfach göttlichen Ursprungs sein. Monod hat auf dem Hintergrund der Evolutionstheorie nur konsequent weitergedacht. Der Mensch ist Teil der Natur, Teil des evolutionären Prozesses. Dieser wird angetrieben durch die Kräfte von Mutation und Selektion, von zufälligen Veränderungen und notwendiger Anpassung. (Zufall und Notwendigkeit sind ebenfalls ein altgriechisches Begriffspaar, das von Demokrit, dem Begründer der „Atomlehre“ stammt.) Alle Formenvielfalt des irdischen Lebens, wie sie auf unserem Planeten entstanden ist, geht allein auf diese beiden Kräfte zurück. Dazu braucht es keine göttlichen Schöpfer hinter diesen Naturgesetzen, keine göttlichen Eingriffe von außen und auch kein Ziel dieser Entwicklung, weil sie unaufhörlich weiter geht. Der Mensch ist nur eines von vielen Gliedern in einer langen, langen Kette.

Es ist ernüchternd, sich selbst so zu betrachten, statt als „Krone der Schöpfung“ oder „Gottes Ebenbild“. Viele Zeitgenossen erleben eine solche nüchterne Sicht als narzisstische Kränkung. In der Geschichte der Naturwissenschaften spricht man von den drei großen narzisstischen Kränkungen:
- Die Kopernikanische, die die Erde und damit den Menschen aus dem Mittelpunkt des Universums rückte.
- Die Darwinsche, die den Menschen als Teil der Natur und nicht als ihren Herren begriff.
- Die Freudsche, die dem Menschen es absprach, ausschließlich vernunftbegabt zu handeln.
Es ist Monods Verdienst, die ersten beiden Kränkungen auf den Punkt gebracht zu haben, wenn es bei ihm heißt: „Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch [...] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.”
Der Blick nach oben, ist unsinnig und kontraproduktiv. Da ist niemand. Viel wichtiger ist es, auf sich zu sehen und neben sich, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Wie sinnlos eine inbrünstige Religiosität ist, der sich alles unterzuordnen hat, sieht man an der Geschichte der Osterinsel „rapa nui“. Lange Zeit war es unklar, wer die berühmten Felsenköpfe hergestellt hatte und warum mitten in der Bauphase der größten und mächtigsten Köpfe plötzlich abgebrochen worden war. Eine mir sehr einleuchtende These besagt, dass es zu einem verhängnisvollen Rückkopplungsprozess kam, bei dem die Religion die tragende Rolle spielte, und die der Insel ihren Baumbestand, ihre Fruchtbarkeit und den Ureinwohnern ihre Lebensgrundlagen entzog: Wie in vielen Religionen üblich gab es auf rapa nui auch Standbilder der Götter. Als es nun zu einer langen Dürre und mit folgenden Missernten kam (evtl. ausgelöst durch die mittelalterliche kleine Eiszeit), fielen diese Idole auf Geheiß der Priester immer größer und protziger aus. Dazu mussten immer mehr Bauern von der Feldarbeit abgezogen werden zum „Gottesdienst“ in die Steinbrüche. Außerdem wurden immer mehr Palmen abgeholzt zum Transport der mächtigen Figuren. Dies führte beschleunigte die Bodenerosion und machte die Lage noch dramatischer. Da die Ernten über Jahre kümmerlich blieben, wurde mehr und mehr Kraft und Zeit zur Besänftigung der Götter aufgebracht, bis schließlich die letzte Palme gefällt war und niemand mehr die letzten und größten Standbilder fertig stellen und zum Strand zu bringen konnte. (So wie wir dies heute noch vorfinden!) Zwangsläufig wurde aufgegeben werden und eine ganze Kultur ging unter, nur wegen des religiösen Eifers ihrer Führer und der Inbrunst der Gläubigen und ihrer Priester.
In den Schulen wird, wen wundert es beim Einfluss der Kirchen, immer noch ausschließlich gelehrt, dass die großen Reiche untergingen, weil sie dekadent geworden sind, die Bürger nicht mehr zusammenstanden, die Bindung zu Gott verloren haben etc. Diese Sicht der romantischen Geschichtswissenschaft aus dem 19. Jahrhundert wird nach wie vor den Schülerinnen und Schülern als „Tatsache“ vermittelt. Aber auch ein Zuviel an Religion kann ein Volk kaputt machen: die USA sind auf dem besten Weg dazu!

Wer dauernd, auf göttliche Hilfe hoffend, nach oben sieht, wer einen Gutteil seiner Zeit mit Handlungen vergeudet, die als Gottes-Dienst gelten, wer damit beschäftigt ist Gottes Gebote möglichst genau zu befolgen, und seien sie noch so unsinnig, dessen Blick geht an den tatsächlichen Ursachen der Probleme der Menschheit vorbei, der stolpert blind für das Wesen der menschlichen Natur durchs Leben und behauptet doch, alle anderen, die nicht dieselbe religiöse Form der Blindheit hätten wie er, alle anderen seien die wahren Blinden. Und wenn mal wieder im deutschen Feuilleton davon fabuliert wird, wir hätten keine Werte mehr, es bräuchte mehr Religiosität, den Naturwissenschaften fehle die Ethik, die Menschen würden immer materialistischer werden, dann stehen leider viel zu wenige auf und halten dagegen: stattdessen gibt es Applaus von allen Seiten, besonders von der konservativen natürlich.

Als „Zigeuner am Randes des Universums“ sind wir nicht alleine unterwegs, sondern als Menschheit gemeinsam. Auch ohne Gott und Religion ist nicht alles gleichgültig und alles erlaubt. Auch ohne 10 Gebote muss unser Zusammenleben nicht in einem einzigen Hauen und Stechen untergehen.
Wir haben nur ein Leben, also sollten wir das Beste daraus machen. Und da die Spezies homo ein Rudel- oder Herdentier ist, folgert daraus nicht grenzenloser Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegen die anderen, wie es immer wieder von den Kanzeln schallt. Schon für Aristoteles ist der Mensch nicht nur ein zoon logikon, sondern auch ein zoon politikon, ein politisches Wesen: ein städtisches, ein bürgerliches, ein soziales Wesen.
„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“ Um diese goldene Regel einzuhalten, braucht es keinen Gott. Sie ist in vielen, vielen Religionen quer durch die Zeiten, genauso wie in vielen philosophischen Systemen zu finden. Sie ist so etwas wie eine universelle Ethik der Menschheit. Sie gehört quasi zu unserer Gen-Ausstattung: es ist für das Überleben der eigenen Gene sehr sinnvoll, die eigene Brut und das eigene Rudel zu beschützen und zu verteidigen. Dummerweise geht es in den modernen Gesellschaften nicht mehr um die 30 Mitglieder des eigenen Clans, sondern um Tausende, um zahllose Fremde, denen ich jeden Tag begegne, die ja vielleicht sogar Konkurrenten für meine eigenen Gene sind.
Seit Monods Bahn brechendem Essay von 1970 ist die Wissenschaft weitergegangen. In der Biologie wurde das menschliche Genom vollständig beschrieben, in der Neurobiologie haben die so genannten Bild gebenden Verfahren eine Revolution ausgelöst: wir können inzwischen der menschlichen Vernunft beim Arbeiten zusehen. Davon ausgehend haben einige Neurobio- und –physiologen die dritte narzisstische Kränkung, die Freudsche zugespitzt: sie sprechen uns den freien Willen ab, reden von ihm als einem „kulturellen Konstrukt“. Nicht wir denken und handeln mit unserem Gehirn, sondern es denkt, fühlt und handelt mit uns.
Der bekannte Neurophysiologe Wolf Singer sagt pointiert: „Was wir tun oder lassen, entscheidet nicht unser unabhängiger Wille, es hängt vielmehr ab von angeborenen Möglichkeiten, Erziehung und anderen Umweltfaktoren, die Strukturen und Verschaltungen in unserem Gehirn prägen. Was wir tun, ist Folge des unmittelbar vorausgehenden Zustands unseres Gehirns, von dem wir nur wenige Variable bewusst kontrollieren. Plus ein bisschen thermisches Rauschen.“
Also von Zufall und Notwendigkeit.

Mag es für manchen eine grausame Vorstellung sein, nicht über seinen Kopf und seinen freien Willen zu bestimmen, so ist jedem, der eine psychische Erkrankung hat, dies unmittelbar einleuchtend: da will der Kopf nicht so, wie man selbst will, da spielt er verrückt, nur weil ein paar Neurotransmitter verrückt spielen. Da erlebt man sich hilflos ausgeliefert an das eigene Gehirn, das nicht mehr richtig tickt. Für den Depressiven versinkt die Welt in einem tiefen Novembergrau bis hin zu zwanghaften Suizidphantasien. Da hört der Psychotiker Stimmen und gehorcht ihren Anweisungen, und seien diese noch so absurd. Und der Borderliner verspürt solch einen inneren Druck, den er nicht anders loswerden kann, als nur durch Schneiden.
Mit dem Gefasel vom freien Willen kommt man da nicht weit: in all diesen Fällen macht das Gehirn mit dem Menschen, was es will, nicht umgekehrt! Und was wir bei psychischen Erkrankungen wie unter einem starken Vergrößerungsglas sehen, gilt auch für unser ansonsten gesundes Leben: das Gehirn denkt mit uns, nicht wir mit dem Gehirn! Wir sind ein Produkt von Zufall und Notwendigkeit.
Wenn es aber keinen freien Willen gibt, was ist dann mit dem Verbrecher, der sich darauf beruft, nicht anders handeln zu können? Singer sagt dazu: „Ob wir nun glauben, jemand sei ‘böse’ und habe einen Mord begangen, weil es seine freie Entscheidung war, oder ob wir ihn als armen Kerl am Rande des Spektrums menschlicher Möglichkeiten sehen, der aufgrund vieler ungünstiger Einflüsse nur eine niedrige Tötungshemmung entwickelt hat - in jedem Fall ist solch ein Mensch eine Gefahr und muss für lange Zeit daran gehindert werden, in Freiheit zu agieren, und wenn möglich auch therapiert werden.“
In der griechischen Mythologie schaute Narziss in einen Fluss und verliebte sich unsterblich in sein Spiegelbild.

Im Laufe der Geschichte schaute der Mensch immer wieder in diesen Fluss und entdeckte sich im Wellengekräusel anfangs stolz als Gottes Ebenbild, später musste er feststellen, dass er „nur“ ein klein wenig über das Tierreich hinausgehoben war durch seine Vernunft. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung erkennen wir, dass wir nicht anders als die Tiere um uns herum sind, bestimmt durch Zufall und Notwendigkeit, Tiere freilich, die sich genau darüber Gedanken machen. Bewusste Tiere, die sich die Verantwortung für diesen Planeten aufgebürdet haben, die die Natur, deren Teil sie sind, unterjocht haben, die nun auf niemand anderem mehr die Verantwortung schieben können und die von außen keine Hilfe zu erwarten haben: Zigeuner am Rande des Universums eben.
Es gilt gemeinsam das Beste daraus zu machen.