…, so schlag ich dir den Schädel ein!
Proselytenmacherei ist auch 250 Jahre nach dem Aufkommen der Aufklärung nicht ausgestorben. Es greift weiter um sich. Der Missionseifer besonders der kleineren Freikirchen, der Sekten und Weltanschauungen ist anscheinend nicht zu stoppen. In einem Forumsbeitrag bei telepolis bin ich den bestimmenden Antrieben dieses nicht nur nervigen, sondern in manchen Fällen auch höchstgefährlichen Treibens der “Wahrheitsbesitzer” nachgegangen. Als ehemals selbst involvierter habe ich da m.E. ganz gute Einblicke für die Zusammenhänge. Aber das nur am Rande.
Proselytenmachere hat m.E. verschiedene Quellen, aus der sich diese speist :
1) Der persönliche, individuelle Antrieb des Glaubenden
So missionierte z.B. Paulus auf seinen Missionsreisen. Diese missionierende Spezies unter den Glaubenden hat meist ein Bekehrungserlebnis hinter sich, oder eine schwere persönliche Krise, die er durch seinen Glauben bewältigt zu haben meinte, bzw. durch ein Eingreifen irgendeines Gottes oder durch eine alternative Medizin. Ähnlich wie ein frisch Verliebter seine Liebe allen erzählen möchte, spürt der religiöse Eiferer, den Drang, seine Erlebnisse und seine “ewige Wahrheit” allen anderen aufzuschwatzen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Sagte schon die Hauptfigur der Gründungsurkunde der spätjüdischen Sekte namens Christenum.
Das ist oft lästig und nervt, aber “größtenteils harmlos“. Solcherlei Bekehrungseifer gibt es nicht nur bei religiösen Systemen, sondern auch bei anderen Heilslehren wie der Homöopathie, dem Kampf gegen die sog. Schulmedizin (naturwissenschaftlich betriebene Medizin ist m.E: der korrekte Ausdruck im Gegensatz zu vorwissenschaftlicher Erfahrungsmedizin), politischen Ideolgien (ich denke da an die K-Gruppen der 70er, oder an die faschistischen Parteien des rechten Randes), an irgedwelche obtruse Verschwörungstheorien (mein persönlicher Favorit sind die sog. “Chemtrails“, das angebliche Einsprühen von Chemikalien in die Kondensstreifen von Flugzeugen, und die z.Zt. übliche Verteufelung des normalen Kochsalzes als angeblich vom Körper nicht gut verträgliche Chemikalie!) oder auch nur Tupperwar oder andere Multi-Level-Marketing-Systeme.
2) Der Absolutheits- oder Universalanspruch der jeweiligen Weltbildes
Das ist dann nicht mehr so harmlos. Solange die jeweilige Glaubensrichtung keine andere Macht hat, als die über die Köpfe, ist es noch nicht allgemeingefährlich. Aber unbedarfte Mitglieder können schon mal einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Und das geschieht nicht nur in den sogenannten Sekten, sondern auch innerhalb der Großkirchen: in ihren mehr oder weniger fundamentalistischen Gruppen wie Opus Dei, bei den Verehrern des Pater-Pio in Italien bis hin zu den Charismatikern und Evangelikalen. Bei den eigenständigen Denominationen außerhalb der Großkirchen ist die Grenze zum zwanghaft Sektiererischen natürlich noch fließender. Was da auf Kanzeln, in Bibelkreisen und Schulungen so verzapft wird, da graust es einem. Da werden die Waffen für den Kampf gegen die gottlose Welt geschmiedet, da werden die Mitglieder ideologisch indoktriniert für ihre “Mission”, ihre Proselytenmacherei. Die Auswirkungen davon sind dann, dass plötzlich auch in Deutschland über Intelligent Design und Kreationismus diskutiert wird. Was da an “Argumenten” kommt, ist so abstrus, dass es einem vernunftbegabten Leser in den Ohren gellt. Aber an den jeweiligen Vertretern perlen alle Fakten ab wie von einer Lotos-Blatt.
3) Proselytentum als korporatives, auf die Gesellschaft ausgerichtetes Phänomen
Dieses zeigt sich bei den gesamtgesellschaftlichen Debatten um ethische Fragen (wie z.B. embryonale Stammzellen, aktiver Sterbehilfe, Recht auf Abtreibung …) oder in der wenig vorhandenen Trennung von Kirchen und Staat (Das Subsidiaritätsprinzip hat viele, viele Einrichtungen von Caritas und Diakonie zur Folge; konfessioneller Religionsunterricht, an staatlichen Schulen; die allgemeine Feiertagsruhe an hohen kirchlichen Feiertagen; die Leitkulturdebatte …) Da werden von den Kirchen gemeinhin schwere Geschütze aufgefahren wie die Religionsfreiheit (Was ist eigentlich mit einer als gleichwertig zu schützenden Freiheit VON Religion und Kirchen?), die Würde des Menschen (besonders in Form von embryonalen Stammzellen, oder bei Abtreibungen) oder gleich die Godwin-Keule: Sobald in D das Wort “Sterbehilfe” fällt ist spätestens nach 2 Sekunden die “Aktion Gnadentod” der Nazis auf dem Tablett. Dabei hat der individuelle Wunsch eines Totkranken und unter starken Schmerzen Leidenden nichts mit einer rassistischen und kriminellen Ermordung unschuldiger Opfer zu tun. Aber das nur am Rande. Kinder-KZ als Vorwurf gegen Abtreibungspraxen ist genauso hirnrissig.
Besonders die katholische Kirche ist da sehr erfindungsreich, wenn es darum geht den Menschen a) ein schlechtes Gewissen zu machen (Nach der Devise: ich biete dir mit der Beichte die Lösung für das Problem, das ich dir zuvor eingeredt habe!) und b) ihre Machtposition in den diversen Ethikkommissionen, Jugendschutzgremien und Medienräten festigen und auszubauen. Hier und an anderen Orten wird Proselytisierung betrieben, weil die Kirche über Gebühr ihren Einfluss geltend machen kann. Geht man von der tatsächlichen Anzahl der aktiven Gottesdienstbesucher aus, dürften die Kichen allenfalls ganz hinten in den Sitzungen einen Platz bekommen (und in den Nachrichten nur eine Randnotiz), nicht aber soviel Macht, Einfluss und Medienpräsenz. Wer es noch immer nicht geschnallt hat: Wir leben in einem säkularen aufgeklärten Staat. Der Sonderstatus der Kirchen, den sie durch die diversen Staatskirchenverträge erhalten haben, ist überholt. Aber da traut sich keiner ran, bzw. die Konservativen wissen sehr genau, was sie an den Kirchen haben: ihr williges Sprachrohr für ein überholtes Frauen- und Familienbild.
4) Die gesellschaftliche Funktion der Kirchen im Besonderen und aller Glaubenssysteme im Allgemeine
Sie dienen immer der Stabilisierung der Verhältnisse. Jedes Gemeinwesen, das obrigkeitlich ausgerichtet ist (und die BRD ist dies, bei allem gegenteiligen Demokratie-Beteuern), kann nur ein gewissesn Maß an Freiheit ertragen, braucht eine gemeinsame Basis. Die Konservativen schnappen da reflexartig nach dem ominösen Brocken “christlichen Abendland” und halten es unter Applaus der Kirchen hoch, die im Gegenzug selbstverständlich alles tun, damit diese unheilige Allianz der Scheinheiligen (beiden geht es nicht um “den Glauben” sondern nur um “die Gläubigen”) möglichst lange fortbesteht. Und in diesen durch den neoliberlane Kahlschlag unsicher gewordenen Zeiten von Massenarbeitslosigkeit, Hartz IV und staatlichem Ausverkauf des Gemeineigentums ist Religion ein ganz hervorragendes Mittel, die Masse bei Laune zu halten. Und da unsere Medien schon lange nicht mehr kritisch sind, schwenken sie voll auf diese Linie ein. Es ist absolut kein Maß für die Beliebtheit des Papstes, wie oft und wieviel über ihn berichtet wird, sondern nur dafür, wie wichtig es die Redakteuere und vor allem die Eigner halten. Religion ist auch im 21. Jahrhundert Opium des Volkes und auch Opium fürs Volk. Dabei interessiert keinen, dass wir de facto keine christliche Leitkultur mehr haben, sondern eine aufgeklärte. Denn ohne Aufklärung, Naturwissenschaften, Ingenieurskunst und wissenschaftlicher Medizin, könnten wir nicht mehr existieren und würden zurück ins Mittelalter fallen. Aber vielleicht ist es ja das, was die Kirchen wollen?






Sehr guter Beitrag. Kann ich 1:1 unterschreiben. Ich habe mir auch mal die tollen “Argumente” der “Kochsalz ist ein Werk des Teufels”-Fraktion durchgelesen und muss echt sagen, dass das ganze sehr hirnrissig ist. Da werden nur Behauptungen aufgestellt und mit Pseudo-Wissenschaft (kann man schon mit Bio-Wissen der 9. oder 10. Klasse widerlegen) unterstrichen bzw. “bewiesen”.
So viel dazu.
Klasse Beiträge immer (auch wenn teilweise ein bisschen viel Schwarzmalerei), mach weiter so.