Auf jeden Fall keine statische und abstrakte Größe. Das zeigt sich schon allein dadurch, dass sich “Wille” im Gehirn nicht in einem bestimmten Areal festmachen lässt. Freier Wille oder Entscheidungsfreiheit ist die von uns bewusst erlebte Entscheidung, die uns einem inneren oder äußeren Handlungsimpuls nachgeben lässt oder nicht, die uns in einem Experiment einen Knopf drücken lässt oder nicht, die uns beim Klingeln der Glocke aufstehen lässt oder nicht, die uns einen Seitensprung machen lässt oder nicht, die uns den Abzug einer Waffe drücken lässt oder nicht.
Ein ganzes Bündel an vor- und unterbewussten Vorentscheidungen gehen dem voraus, ohne dass wir dies merken. Ein ganzes prägendes und geprägtes Leben liegt da hinter uns, ohne das wir uns im Moment der Entscheidung dessen bewusst sind. Ein ganzer Normenkatalog, den wir von den frühesten Kindertagen an erlernt haben, zwingt uns da bereits in eine ganz bestimmte Richtung. Das wusste schon Freud, er hat sich in seiner Theorie für unseren modernen Geschmack zu “mythisch” ausgedrückt. Aber er hat zu Recht den Fokus auf die nicht bewussten Anteile unserer Verhaltensimpulse gelegt.
Auf physiologischer Ebene manifestiert sich der ganze Prozess der Entscheidungsfindung im Feuern der Neuronen in den unterschiedlichen Hirnregionen, im Ausschütten von verschiedenen Botenstoffen und in anderen physischen und chemischen Prozessen, die wir erst allmählich verstehen lernen. Alles ein Konglomerat aus Physik und Chemie einerseits und den Korrelaten Gefühl und Bewusstheit andererseits. Noch ist dieser äußerst komplexe Vorgang nicht enträtselt. Aber immerhin wissen wir, dass das Drehen an einer der Stellschrauben die unterschiedlichsten Auswirkungen haben kann: bei den Wirkungen von Psychopharmaka und Drogen auf die Neurotransmitter ist dies am besten erforscht. Bei direkter Einflussnahme auf die Gefühle und damit am Verhalten und Denken via Verhaltenstherapie, Gruppendynamik, Konfrontationstherapie etc ebenfalls.
Die Schwierigkeit aber besteht noch immer darin, diese unterschiedlichen Faktoren zusammenzubringen. Dass die sich dadurch ergebenden Fragen wie die nach dem freien Willen, nach Determiniertheit oder dem Bewusstsein uns in unserem Selbstbild unmittelbar betreffen, ist logisch. Und das macht die Antwortsuche noch zusätzlich so verflixt: Der Gegenstand der Neurowissenschaften ist zugleich untersuchtes Objekt UND untersuchendes Subjekt. Dessen sollten sich alle Forscher bewusst sein. Wenn ein gekränktes Ego (Ich bin nicht frei) die eigene Gekränktheit auf alle anderen überträgt (Ihr seid nicht frei), indem es seine Forschungsergebnisse narzisstisch überhöht (ICH habe es herausgefunden!) dann kann allein dieser Umstand die ganzen Ergebnisse stark verfälschen.
Auf jeden Fall liegt inzwischen eines mehr als nahe: Bewusstsein und Gefühl sind nicht Emanationen einer transzendenten Seele, sondern Ergebnis rein physiologischer Prozesse. Aber das wollen alle religiösen oder metaphysischen Weltdeuter nicht gerne hören.


