Irrtümer zum Thema Depression gibt es wie Sand am Meer. Einige davon habe ich hier zusammengestellt. Wahrscheinlich ist diese Liste noch lange nicht abgeschlossen. Bei Bedarf werde ich sie daher jederzeit ergänzen. Für Anregungen und Anfragen bin ich selbstverständlich offen.
Die größten Irrtümer über Depressionen, mit denen sich jeder Depressive mehr als nur einmal befassen muss:
- „Du musst nur wollen!“ Dann wird das schon. Schließlich ist jeder mal schlecht drauf.
- FALSCH! Depression ist eine Krankheit, aus der der Kranke eben NICHT aus eigener Kraft herauskommt!
- Die Ursachen liegen immer in der Kindheit. Psychopharmaka sind Mumpitz, ja sogar schädlich. Was hilft ist ausschließlich eine Psychotherapie, die alle ungelösten Konflikte aus der Kindheit angeht und bearbeitet.
- FALSCH! Eine schwere Kindheit, Missbrauch oder andere Traumata KÖNNEN Ursachen von Depressionen sein, müssen es aber nicht. Es gibt genügend Patienten, denen es ansonsten immer gut ging, und die dann aus heiterem Himmel depressiv wurden.
- Psychopharmaka, zu denen die Antidepressiva gehören, sind überflüssig und haben alle schwere Nebenwirkungen.
- FALSCH! Um überhaupt mit manchen Kranken psychotherapeutisch arbeiten zu können, braucht es Medikamente. Bei leichten Depressionen kann man vielleicht darauf verzichten, aber nicht bei mittleren, oder gar schweren. Sie einem solchen Kranken vorzuenthalten, grenzt für mich an schwere Körperverletzung.
- FALSCH! Was die Nebenwirkungen angeht, sind die neueren Medikamente weit besser als die Klassiker und weit besser als ihr Ruf. Nebenwirkungen werden häufig sehr stark übertrieben und manche von ihnen entsprechen bekannten Depressionssymptomen, was die Unterscheidung zwischen Krankheitssymptom und Nebenwirkung oft verunmöglicht.
- Antidepressiva verändern die Persönlichkeit und machen süchtig.
- FALSCH! Antidepressiva bringen den Kranken aus der Depression heraus und helfen ihm, seinen alten Normalzustand zu erreichen. Es sind keine Drogen, die dem Depressiven eine rosarote Brille aufsetzen, es sind keine Glücklichmacher aus der Hexenküche von Pfizer und Konsorten. Es sind vielmehr spezifisch auf bestimmte Neurotransmitter im Gehirn wirkende Substanzen, deren Wirkweise man inzwischen recht gut versteht.
- FALSCH! Merkmale einer Sucht, die alle auf Antidepressiva NICHT zutreffen, sind:
- Zwang zum Gebrauch
- Kontrollverlust
- Entzugssyndrom
- Toleranzentwicklung (immer höhere Dosis ist nötig)
- FALSCH! Oft werden Beruhigungsmittel aus der Klasse der Benzodiazepine wie z.B. Tavor® oder Valium® mit Antidepressiva verwechselt. Im Gegensatz zu Antidepressiva wirken Beruhigungsmittel sofort und unmittelbar, haben einen großen Gewöhnungseffekt und können in der Tat bei mehrwöchigem Gebrauch abhängig machen.Sie werden in der Psychiatrie ausschließlich in der Akutphase und nie als Dauermedikation eingesetzt.
- Der Pharmaindustrie geht es nur ums Geld und die Ärzte machen bereitwillig mit.
- RICHTIG und doch FALSCH! Natürlich geht es der Pharmaindustrie ums Gewinne machen. Das ist im Kapitalismus nun mal so. Wer eine andere Einstellung bei den Pharmariesen möchte, muss erst einmal das System radikal ändern. Aber damit ist bis dann den Kranken nicht die Bohne geholfen. Da sind die Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Medikamente jetzt wichtiger. Ob dies aus reiner Nächstenliebe oder aus knallhartem Gewinnstreben hervorgeht, ist egal! Wichtig jedoch ist, dass dem ganzen Vertriebs- und Vertretersumpf endlich mal Einhalt geboten wird. Da sollten mal unsere Gesundheitsreformer ansetzen! Und dies kommt ALLEN Patienten zugute. Bei aller Kritik an der Pharmalobby ist eines ganz wichtig: es gibt inzwischen eine große Auswahl an Medikamenten, die bei einem großen Teil der Depressionen wirklich helfen können.
- In der Psychiatrie wird man nur weggesperrt. Das ist ein reiner Aufbewahrungsort, damit man keine Dummheiten macht. Wer weiß, was die dort mit einem machen?
- FALSCH! „Einer flog übers Kuckucksnest“ war ein guter Film. Aber die Zustände, die er anprangert sind zum Glück lange vorbei. Über die Psychiatrie gibt es viele, viele Vorurteile, von denen die allermeisten falsch sind. Den brutalen Pfleger, der mit der Zwangsjacke droht, die isolierte Gummizelle und den Nazi-Arzt, der die Patienten für seine grausamen Experimente missbraucht, gibt es so wenig wie Elektroschocks bei vollem Bewusstsein oder gar die Lobotomie renitenter Patienten. In der Psychiatrie kann sich der Patient fallen lassen und sich auf seine Gesundung konzentrieren ohne durch den Alltag, den er nicht mehr bewältigen kann, daran gehindert zu werden. Und manchmal ist es schlicht lebensrettend (bei akuter Suizidalität), in einer Klinik zu sein.
- Depressionen sind ein Schicksal, das man über sich ergehen lassen muss. Es gibt keine Hilfe. Vielleicht für die anderen, aber nicht für mich.
- FALSCH, FALSCH und noch mal FALSCH! Diesen zutiefst depressiven Gedanken hat jeder Depressive schon x-fach gedacht. Mal meint man, allen anderen gehe es viel schlimmer, man sei nur ein Simulant. Mal ist man der Überzeugung, die Tabletten würden bei allen anderen wirken, nur bei einem selbst nicht. Und dann wieder ist man der festen Überzeugung, man stelle sich zu dumm an, sei unfähig, die Therapie sinnvoll mitzumachen … Solche Gedanken und Gefühle, die einem absolut wahr und logisch erscheinen, gehören leider zur Krankheit dazu. Selbstzweifel ist ja sowas wie der zweite Name der Depression. Ein liebevoller Partner und einfühlsame Therapeuten wissen darum und können den Kranken auch da auffangen.


Auch wenn ich nichts produktives beitragen kann, danke ich Sabine für den ausführlichen Bericht!
Leider gibt es immer noch zu viele Organisationen, die derartigen Unsinn über die PSychiatrie verbreiten, zB Antipsychiatry (Scientologyableger, aber das weißt Du ja sicher sowieso).
Glücklicherweise ist fast mein gesamtes Umfeld verständiger, und den Rest konnte ich halbwegs aufklären.
Lieber Frosch,
danke für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht. Leider ist vieles wahr dran. Und deiner Folgerung am Ende kann ich voll und ganz zustimmen.
Es ist ein krankes System, das Krankheiten produziert und zahllose Opfer hinterlässt.
Zu den letzten beiden Punkten:
Das mit dem Wegsperren stimmt teilweise schon und hängt damit zusammen, daß die Psychiatrien genauso wie „normale“ Krankenhäuser einem extremen Sparzwang unterliegen (obwohl die Krankenkassen Milliarden-Überschüsse machen). Meine eigenen Erlebnisse:
http://www.atari-frosch.de/depression/klinik.html
Echte Hilfe, die diese Bezeichnung auch wert ist, habe ich bislang tatsächlich nicht erhalten.
Auch das hat teilweise mit Geld zu tun: Wirklich gute Psychotherapeuten verabschieden sich aus dem Krankenkassen-System und nehmen nur noch Privatpatienten an. Oder, wie einer meinte: Die Sozialfälle seien ihm zu langweilig, „die jammern ja nur über ihre Armut“ und seien „überdurchschnittlich dumm“. Klar, es ist sicher einfacher, sich die Wehwehchen eines stinkreichen Menschen anzuhören, der eigentlich einfach nur einsam ist, als sich mit den komplexen Problemen eines depressiven Arbeitslosen herumzuschlagen, wenn es für letzteres dann auch noch weniger Geld gibt.
Die übrigbleibenden Therapeuten haben (zumindest hier in Düsseldorf) problemlos mal Wartezeiten auf einen Ersttermin zwischen 3 und 6 Monaten — und danach stellt man schnell fest, daß man an jemanden geraten ist, mit dem man nicht „kann“ oder der Depressionen nicht begriffen hat. Nein danke, davon hab’ ich auch genug.
Bei Medikamenten sieht es für mich so aus, daß einiges nicht geholfen hat und dann irgendwann die Grenze erreicht war, an der ich gesagt habe, moment mal, ich bin doch kein Versuchskaninchen. Ich stehe weder auf weitere Verfettung noch auf Dauerverstopfung — bei Null Wirkung bezüglich der Depressionen.
http://www.atari-frosch.de/depression/medikamente.html
Der Punkt ist also nicht, daß es „nichts gibt, was hilft“, sondern daß die Möglichkeiten, dranzukommen, für zwangsverarmte (arbeitslose/erwerbsunfähige) Leute immer geringer werden, während die „Chance“, depressionskrank zu werden, massiv gestiegen ist.
Dazu kommen Ärzte, die in vorauseilendem Gehorsam sparen wollen, und wenn ihre teils wirklich seltsamen Therapien dann nicht anschlagen, ist es sehr einfach, dem sowieso schon psychisch geschwächten Patienten die Schuld zuzuschieben.
Auf der anderen Seite steht der Mangel an Kraft, der nötig wäre, um sich mühsam jedes Bröckchen Hilfe zusammenzusuchen.
Als Schicksal sehe ich die Krankheit deshalb trotzdem nicht an, sondern eher als … sagen wir mal, natürliche Folge einer Gesellschafts- oder besser Wirtschaftsform, die auf Gewinnmaximierung für Wenige ausgelegt ist und in welcher Kollateralschäden völlig unter den Tisch fallen.
Gruß, Frosch