Aber bitte mit Gefühl!

Wie passen die Erkenntnisse der neuen Gehirnforschung mit unseren alten Gefühlen zusammen? Macht sie uns nicht zu reinen biomechnaischen und -chemischen Maschinen? Dieser Einwand gegen viele Ergebnisse der Neurowissenschaften ist so sicher wie das Amen in der Kirche, wenn es um das Thema Gehirn, Geist, Bewußtsein geht. Auf den ersten Blick scheint er ja berechtigt und plausibel. Wenn per fMRT herausgefunden worden ist, welche Areale unseres Denkapparates bei welchen Emotionen beteiligt sind, welche Gedanken, Gefühle und Erinnerungen wo und auf welche Weise abgerufen werden, wenn manche Wissenschaftler recht treffsichere Aussagen darüber machen können, worüber der Proband denkt, und wenn inzwischen klar ist, dass unser Gehirn schon bis zu 30 (!) Sekunden vor der bewussten Entscheidung seine Wahl getroffen hat. Wenn solche Momentaufnahmen aus den Forschungslabors zur Sprache kommen, dann winken viele Zeitgenossen kopfschüttelnd ab. Schnell tauchen sehr grundsätzliche Fragen auf: Wo bleiben denn da die Gefühle? Wo ist der freie Wille? Und vor allem: wo die Seele? Bleibt da nicht das Menschsein und mit ihm die Menschlichkeit auf der Strecke?

Eine Aufnahme mit einem fMRT

Solche Vorbehalte sind verständlich. Zu fremd und unerwartet sind für uns die Ergebnisse der Hirnforschung. Und doch ist sie keine Geheimwissenschaft, die Ergebnisse zweifelhaften Wertes zeitigt. Sie benutzt die gleiche Diagnostik, mit der heute Ärzte verborgenen Krankheiten im Körper ihrer Patienten auf die Schliche kommen. Das Problem sind also nicht die Methoden, sondern die Ergebnisse und besonders ihre Interpretation. Wir müssen uns von einem über 2000 Jahre alten lieb gewordenen Gedanken verabschieden dem sogenannten Dualismus.

Der besagt, dass wir Menschen auf zwei Ebenen existieren: der sicht- und messbaren des Körpers und der immateriellen unserer Seele / unseres Geistes/ unserer Geistseele: da gehen die Meinungen von Philosophen und Religionen auseinander. Diese beiden Ebenen würden miteinander interagieren. Die Seele sitze quasi wie ein “Reiter” auf dem “Pferd” Körper und steure es. So die Vorstellung, die seit Descartes zur Aufklärung unbedingt dazugehörte. Dummerweise beweisen die modernen Neurowissenschaften, dass es so ein Interagieren nicht gibt. Was man messen und beobachten kann sind die Grundbausteine der physiologischen Veränderungen, korrelierend zu den entsprechenden Gefühelen, Gedanken und sonstiger zerebraler Reaktionen. Den Reiter jedoch findet man nicht, es ist keine Interaktion nach außen sicht- und messbar. Es gibt kein Energieplus oder -minus das auf ihn hinweisen würde.

René Descartes Illustration des Dualismus. Reize werden von den Sinnesorganen weitergeleitet, erreichen die Epiphyse im Gehirn und wirken dort auf den immateriellen Geist ein. (Quelle: Wikipedia)

Der Doyen der deutschen Neurobiologie Wolf Singer sagt dazu: “Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass unsere geistigen und mentalen Leistungen die Folge von neuronalen Prozessen sind – und nicht umgekehrt. Sie sind meist heimliche Dualisten und glauben, dass da ein unabhängiger Geist schaltet und waltet und irgendwie mit dem Gehirn wechselwirkt, damit es das tut, was der Geist will.”

Das gilt nicht nur für unser Denken, sondern auch für unser Gefühle. Für alle Gefühle, auch die allerstärksten, allertiefsten und die uns am meisten bewegen. Sie sind das von uns erlebte Korrelat zu den Vorgängen in unserem Gehirn und in unserem ganzen Körper, die erfahrbare Entsprechung zur Ausschüttung von Botenstoffen und Hormonen, zum Dauerfeuer bestimmter Neuronen, zur Schärfung der Sinne, zum Beschleunigen des Herzschlages usw. Neurowissenschaftlich betrachtet ist auch das größte aller Gefühle reine Biochemie und Reizübertragung.

Wo bleibt dann der Zauber?

Gegenfrage: Verschwindet er dadurch?

Ist z.B. das Gefühl des Verliebtseins weniger intensiv, wenn ich ein wenig um die Mechanismen weiß? Ein wenig, deswegen, weil ganz haben wir es noch nicht verstanden. Zu komplex ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen biochemischen udn biophysikalischen Mechanismen. Ein Gefühl ist doch nicht dadurch weg, wenn ich zu einer anderen Stunde darüber reflektieren kann! Jeder Verliebte ist darauf aus, dass sein Gefühl Erfüllung findet, ob er um die Zusammenhänge weiß oder nicht. Denn dazu ist uns dieses Gefühl ja von der Evolution mitgegeben worden, dass wir uns zu einem Partner hingezogen fühlen, viele Kinder machen usw

Zum Träumen: Kate Bush – Oh to Be in Love

Gefühle verlieren nichts an ihrem Zauber, wenn wir sie nicht mehr im Himmel oder in einer unsterblichen Seele oder bei einem allwissenden Schöpfer verorten, sondern ganz irdisch, da sein lassen, wo sie ihren Ursprung haben: in unserem Körper.  Ähnlich wie jemand sich ein Bild von van Gogh nur so anschauen kann und seiner Faszination erliegt. Das ist schön für ihn und kann ein wirklich einmaliges Erleben sein. So ging es mir in Amsterdam im Museum. Aber genauso kann es einem  Kunstkenner ergehen, der es analysiert, einordnet und weit besser versteht als der Laie: die Faszination wird dadurch nicht geringer, im Gegenteil: manches wird noch tiefer, je besser wir es verstehen.

Warum sollte das von der Verliebtheit, der Liebe und allen anderen faszinierenden Gefühlen die unser Körper mit seinem Wunderwerk Gehirn für uns bereit hält, nicht gelten?

Darum mit Gefühl! Was denn sonst?

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2 Kommentare Leave a comment.

  1. Hallo Achterbahnfahrer,
    hier der link zu der entsprechenden Studie:
    http://www.pnas.org/content/105/16/6173.abstract?sid=b567ed63-0a24-4559-9942-463b7281a08c

    Im Abstract heißt es:
    “Humans engaged in monotonous tasks are susceptible to occasional errors that may lead to serious consequences, but little is known about brain activity patterns preceding errors. Using functional MRI and applying independent component analysis followed by deconvolution of hemodynamic responses, we studied error preceding brain activity on a trial-by-trial basis. We found a set of brain regions in which the temporal evolution of activation predicted performance errors. These maladaptive brain activity changes started to evolve ≈30 sec before the error. In particular, a coincident decrease of deactivation in default mode regions of the brain, together with a decline of activation in regions associated with maintaining task effort, raised the probability of future errors. Our findings provide insights into the brain network dynamics preceding human performance errors and suggest that monitoring of the identified precursor states may help in avoiding human errors in critical real-world situations.”

    Eine deutsche Beschreibung des Experiments gibt es hier:

    http://www.g-o.de/wissen-aktuell-8135-2008-04-24.html

  2. Zit.:”und wenn inzwischen klar ist, dass unser Gehirn schon bis zu 30 (!) Sekunden vor der bewussten Entscheidung seine Wahl getroffen hat.”

    30 sek? Sicher nicht dann, wenn ich zum Beispiel etwas gefragt werde. Dann kommt meine spontane Antwort sehr viel früher. Andernfalls müßte ich die Frage schon wissen, bevor sie gestellt wird.
    Wer sagt das mir den 30 sek?

    lg,
    Achter


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