Wann hat man eine Depression?

Was bei einem Knochenbruch offensichtlich ist, lässt sich auch bei vielen anderen Krankheiten auf den ersten Blick erkennen: um was es sich handelt. Aber spätestens seit Dr. House weiß ein jeder, dass es eine große Anzahl von Erkrankungen gibt, die sich nicht sofort zu erkennen geben. Depressionen gehören leider dazu.

Das liegt sicher daran, dass das Wort depressiv in unserer Alltagssprache vorkommt: wenn man niedergeschlagen ist, oder wenn mal wieder schlechtes Wetter ist. Ergo meint jeder, er wisse, was “depressiv” ist und was eine “Depression” ist. Das ist jedoch ein großer Irrtum. Eine Depression unterscheidet sich grundlegend von einer normalen Traurigkeit, dem Winter-Blues oder dem allgemeinen Weltschmerz nach dem fünften Bier.

  1. Da ist zunächst einmal die Dauer. Jede Traurigkeit, jede mürrische oder schlechte Stimmung verschwindet irgendwann. Eine Depression bleibt, auch wenn es dem Betreffenden dazwischen immer wieder kurzfristig (ein, zwei Stunden, oder jeden Abend/ jeden Morgen) besser gehen sollte. In der Regel heißt es, dass die Symptome mindestens 2 Wochen anhalten müssen, um von einer Depression zu sprechen.
  2. Rückzug aus (fast) allen sozialen Bezügen. In einer Depression zieht sich der Kranke meist komplett von seiner Umwelt zurück. Termine werden nicht mehr wahrgenommen, Freundschaften nicht mehr gepflegt, jeder soziale Kontakt wird auf ein Minimum reduziert. Selbst dem Plausch am Zaun mit den Nachbarn wird aus dem Weg gegangen. Der Depressive hat genug mit sich allein zu tun.
  3. Interesselosigkeit macht sich breit, auch und besonders an solchen Unternehmungen und Dingen, die sonst viel Freude machen. Hobbys schlafen ein, Bücher bereiten keinen Spaß mehr, das Training im Club oder das abendliche Jogging fällt immer öfter aus, auch das Zusammensein mit den Kindern oder Enkeln wird eher als Last, denn als Freude empfunden. Diese Interesselosigkeit kann soweit gehen, dass der Kranke wirklich sich für NICHTS und NIEMANDEN mehr interessiert.
  4. Antriebslosigkeit verstärkt den Rückzug und die Interesselosigkeit noch. Selbst einfachste Erledigungen werden zum “Staatsakt”, wie den Müll nach unten bringen, sich anziehen oder duschen. Manche Angehörige berichten davon, dass der oder die Betroffene wochen- ja monatelang  nicht aus dem Bett oder vom Sofa hoch kam außer zur Hygiene. Und selbst dazu braucht es dann viele Anläufe. Das ist sicher ein extremes Beispiel, aber mit einer mehr oder minder starken Antriebslosigkeit hat jeder Depressive zu kämpfen. Fatal ist dies bei Alleinlebenden, wenn sie niemand haben, der “nach dem Rechten schaut”. Soziale Ängste, steigendes Schamgefühl, Vermüllung, etc können die Folge davon sein.
  5. Die verminderte Belastbarkeit des Depressiven kann sich unterschiedlich äußern: er fängt nichts Neues an und bringt nichts zu Ende, er geht allen Anstrengungen aus dem Weg (Vermeidung), er fühlt sich von den kleinsten Dingen überfordert, er flieht alle Situationen, die belastend sein könnten, er flippt bei Problemen leicht aus, schreit herum, macht Angehörigen oder Kollegen haltlose Vorwürfe. Nur um hinterher in Schuldgefühlen zu ertrinken.
  6. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt rapide ab. Nur ein persönliches Beispiel: ich als Vielleser und jemand, der gerne auch komplizierte Sachverhalte durchdenkt und den Dingen auf den Grund geht, konnte in meinen schlimmsten Phasen keine zwei Seiten zusammenhängenden Textes lesen. Da wusste ich dann nicht mehr, was am Anfang stand. Filme konnte ich keine ansehen, denn spätestens nach einer Stunde, war mein Konzentration am Ende und ich hibbelte unruhig auf meinem Sitz hin und her.
  7. Das Selbstbild ist nur noch negativ. Man fühlt sich an allem und jedem schuld, selbst an dem berühmten Sack Reis in China! Man fühlt sich bei der kleinsten Kritik angegriffen. Man könnte oft vor Scham in den Boden versinken. Man hält sich für schlecht und unfähig.
  8. Man ist der Überzeugung, dass es keine Hilfe gibt, dass die Zukunft nur Schlechtes bringt, und dass man dies auch verdient hat.
  9. Dazu gibt es häufig noch körperliche Symptome, die sehr unterschiedlich sein können: Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit (aber auch Heißhunger!), Verlust der Libido, Innere Unruhe, die sich äußerlich durch Hibbeligkeit und Fahrigkeit zeigt, chronische  Verstopfung, aber auch chronischer Durchfall, Schmerzen ohne organische Ursachen, und weitere psychosomatische Symptome.
  10. Und das für jeden Depressiven (der es schon hatte) als schlimmstes und gleichzeitig als peinlichstes Symptom:  Suizidgedanken, Suizidphantasien und am bedrängendsten: Zwangsgedanken an den eigenen Suizid, die sich nicht abstellen lassen. Kein Mensch bringt sich gerne um, das ist schlicht in unserem genetischen Programm nicht vorgesehen. Und doch bringt die Depression immer wieder Depressive zu dieser Tat. Auch gegen ihren Willen, wenn sie bei Sinnen wären! Sie wollen einfach Ruhe haben, wollen niemandem mehr zur Last fallen oder können mit ihrer persönlich so empfundenen Riesenschuld nicht mehr leben. Wer suizidgefährdet ist, wer Andeutungen in diese Richtung macht, brauch dringend ärztliche und/oder psychologische Hilfe. In jeder Stadt gibt es dazu Anlaufstellen. Jede Psychiatrie hat einen Notdienst, der Tag und Nacht besetzt ist. Weiterführendes zu diesem ernsten Thema gibt es hier.

Johanneskraut ist bei leichten Depressionen ein gutes Mittel, aber nicht ohne ärztlichen Rat.

Alle diese Merkmale einer Depression können, müssen aber nicht sein. Jede Erkrankung sieht anders aus, verläuft anders und hat eine unterschiedliche Schwere und Dauer. Manchmal gibt es einen Auslöser wie den Verlust des Arbeitsplatzes, Mobbing, den Bruch einer Beziehung oder einen Trauerfall. (Wobei Trauer und Depression sich sehr ähneln können. Hier entscheidet die Dauer und die Schwere.) Andere Depressionen kommen aus heiterem Himmel, früher sprach man darum von “endogenen” Depressionen, d.h. von ursachelosen aus dem Inneren des Patienten kommenden Depressionen im Gegensatz zu den reaktiven, die auf äußerliche Ereignisse zurückzuführen sind. Heute hat man diese Unterscheidung zu Gunsten einer deskriptiven Beschreibung der Symptomatik aufgegeben.

Wer bei sich selbst oder bei einem Angehörigen oder Freund einige der oben beschriebenen Punkte feststellt, den empfehle ich diesen einfachen Kurztest und den etwas ausführlicheren und m.E. sehr guten Test von Goldberg. Am besten füllt man den Test mit jemandem aus, dem man voll vertraut, so dass hinterher die richtigen Schlüsse gezogen werden: Aufsuchen eines Arztes, auch wenn es am Anfang schwer fällt. Am besten NICHT des Hausarztes, da sie oft nicht die Erfahrung mit Depressionen haben, die es bräuchte. Und auch wenn der erste Gang zum Psychiater oder gar der in die Psychiatrie sicher sehr schwer fällt, weil man sich ja nicht als Irren ansieht, es ist der erste Schritt heraus aus der Krankheit.

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2 Kommentare Leave a comment.

  1. Hallo ungenannter,

    ich finde es sehr gut, dass Du Depressionen hier thematisierst. Ich mache etwas Ähnliches im Hinblick auf ADHS, mit einigen Beispielen. Und ich finde, dass es da Überschneidungen gibt zu Depressionen (innere Unruhe, Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit, eher schlechte Stimmung etc.).

    LG tigger

  2. Danke, das ist eine gute Zusammenfassung der Probleme, die bei Depressionen auftreten können. Ich scheine laut Arzt eine zu haben und viele der oben aufgezählten Dinge machen mir schon jahrelang das Leben schwer. Schlimm dabei sind die Vorwürfe von Unwissenden, die behaupten, ich wäre faul oder hätte keine Selbstdisziplin.


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