Zuerst war ich sehr skeptisch, als mein Therapeut mir ein schmales Heft in die Hand drückte mit dem sperrigen Titel: “Mein Weg aus der Depression mit dem Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy – CBASP Patientenmanual” von James P.McCullough, Jr.* Neugierig war ich aber schon: sollte es doch eine Therapie speziell entwickelt für chronisch depressive Patienten sein! Im ersten Teil wird beschrieben, was eine chronische Depression ausmacht und wie ein chronisch Depressiver “tickt”. Dabei hatte ich zum ersten mal seit langem das Gefühl, wirklich verstanden zu werden. Allein schon dadurch war ich offen für diese neue Therapieform aus den USA.
Was ist nun so besonders an einer chronischen Depression?
So plump, wie es klingt: sie ist chronisch, d.h. sie ist mehr oder weniger permanent da, im Gegensatz zu einer rezidivierenden Depression. (Über den Unterschied habe ich hier mehr dazu geschrieben.) Und das seit der Jugend oder dem (frühen) Erwachsenenalter. Sie ist der ständige Begleiter des Depressiven. Seine zweite Natur sozusagen, wenn nicht sogar seine erste. Gekennzeichnet ist diese Form der Depression durch
- globales Denken:
- Bei mir klappt nie etwas!
- Keiner wird mich je lieben!
- Ich fühle mich wertlos und bin es auch!
- Ich kann nichts!
- Ich bin schuld!
- …
- Resignation:
- Nichts was ich tue, ändert etwas. warum es also probieren?
- Und selbst wenn ich es versuche, es würde am Ende doch nur wieder ein weiteres Scheitern dabei herauskommen!
- Es hat alles keinen Sinn!
- …
Andere Depressive kennen solche Sätze aus ihren Krankheits-Phasen auch, beim chronisch Depressiven sind sie jedoch ständig vorhanden. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. So fühlt er sich eingemauert in seine negativen, destruktiven und resignativen Gedankengefängnisse. Die tiefe Überzeugung setzt sich fest: “Mir kann keiner helfen, und wenn, dann stelle ich mich zu blöd an und verbocke alles.”**
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*ISBN 978-3-932096-55-6 Erschienen bei CIP-Medien, München 2006 – Das Heft kann leider nicht über die Bar-Sortimenter bestellt werden, sondern muss die Buchhandlung direkt beim Verlag tun. Der Preis von 14,- € für 50 Seiten ist leider auch sehr hoch. Für einen, der keine Möglichkeit einer CBASP-Therapie hat, ist es außerdem sicher erneuter Frust, zu lesen, wie anderen geholfen werden kann. Und mit CBASP kann man sich NICHT selbst therapieren! Die Beziehung Patient zum Therapeuten spiel teine wichtige Rolle bei der Behandlung!
** Mir ist bewusst, dass die Beispielsätze hier absolut nicht alle negativen Gedanken bei allen Erkrankten wiedergeben können. Das geht gar nicht. Es wird aber hoffentlich so deutlicher, was die Krankheit und ihre Behandlung ausmacht, wenn ich die Beschreibungen “mit Leben erfülle”. Jeder Betroffene kennt seine “Gedankengefängnisse”, er wird merken, dass die beiden großen Schlagworte zutreffen: Globalisierung und Resignation.

Dann sind wir ja einer Meinung
Innere Kündigung – Statisten am Schreibtisch
20 Prozent der deutschen Arbeitnehmer flüchten sich in die innere Kündigung. Das kostet die Wirtschaft bis zu 109 Milliarden Euro im Jahr. Unternehmen jammern – doch sie sind selbst schuld an der Misere.
http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/683/454366/text/
(falls Du diesen Artikel noch nicht kennen solltest
)
D’accord.
Dazu möchte ich mit meinem Blog einen kleinen Beitrag leisten.
“Du kannst nicht die anderen verändern, sondern immer nur dich selbst!”
Jain. Es ist zwar richtig, dass der Gegenüber nicht selbst verändert werden kann. Jedoch können ihm die Augen geöffnet werden, dass dieses System für Elend, Leid verantwortlich ist und was dagegen unternommen werden kann.
Und hat sich dann eine kritische Masse entwickelt, kann aktiv dieses System zu etwas Besseren geändert werden. Ansonsten wird dieses nie geändert werden, wenn immer nur zu allem Ja und Amen gesagt wird.
Grundsätzlich ja. Ich persönlich sage jedoch statt einer rousseauschen “westlich zivilisierte Welt” das marxistische “kapitalistische System”, in dem jeder einzelne nur nach seinem Wert bemessen und also “verwertet” wird.
Jedoch muss ich zu bedenken geben, dass diese Analyse dem Einzelnen nicht weiterhilft. Auch wenn das System krank macht, und dies beileibe nicht nur bei psychischen Erkrankungen, kann der Betroffene nicht auf das Ende des Systems hoffen, oder gegen die herrschenden Zwänge in der Medizin antreten in dem Glauben, dass damit alles gut wird. Diesen Weg gingen in den 60er und 70er Jahren Antipsychiatrie und das “Sozialistische Patientenkollektiv in Heidelberg“. Dabei wurde m.E. jedoch die physische Seite psychischer Erkrankungen verkannt, weil dies dem sozialrevolutionären und antiautoritären Ansatz widersprach.
Auf diesem Hintergrund, wo man um die Behandlungsbedürftigkeit und -möglichkeit jedes einzelnen psychisch Erkrankten weiß, ist es nicht vertretbar aus sozialrevolutionären wie -romantischen Überlegungen heraus Hilfe in Form von psychologischer und medikamentöser Therapie zu versagen.
Bei aller nötigen Kritik am System ist mir eine grundlegende These jeglicher kognitiver Verhaltenstherapie wichtig und hilfreich insbesondere durch CBASP geworden:
Letztendlich betreiben alle bisherigen Versuche, Depressionen zu “heilen”, nur Symptombekämpfung anstelle von Ursachenbekämpfung. Letztendlich ist das unsrige System der “zivilisierten” Welt der Auslöser.