Aphorismus #647

Wort zum Sonntag #42

Hungerkünstler Teil I

Alle Jahre wieder, wenn die nervigste aller Jahreszeiten, die fünfte, erfolgreich mit dem Aschermittwoch ihr Ende genommen hat- R.I.P.!-, wenn kalendarisch das Frühjahr droht, wenn in den Schränken schon wieder die Sachen eingegangen sind, wenn also auch der letzte Dorftrottel gemerkt hat, dass Essen dick und zu viel Essen viel zu dick macht, alljährlich in dieser schweren Zeit „entdeckt“ das Feuilleton mal wieder so schöne Sachen wie „Heilfasten“, „7 Wochen ohne“ (Prost Fr. Käßmann!), die „uralte Tradition des Fastens“, FdH und andere Formen der spiriutellen Ökotrophologie und der diätetischen Religiosität.
Das allein kann einem gründlich den Appetit verderben. Was da Jahr für Jahr an hanebüchenem Unsinn, halbgarem „Expertenwissen“ und esoterischem Unfug an den arglosen Medienkonsumenten gebracht werden soll, changiert irgendwo zwischen Lächerlichkeit, Rattenfängerei, Proselytenmacherei und offenem Betrug.
Aber es verkauft sich gut. Es bringt Quote. Es ist ein prima Geschäft. Das bekommt auch nur der Kapitalismus hin, aus dem Nichtkonsum Fasten ein Geschäft zu machen! Statt für Nahrung wird dann genauso viel oder noch mehr Geld ausgegeben für Fastenkuren, Fastenratgeber (Bei amazon sind es allein über 7.800 Treffer bei Büchern zum Stichwort „Fasten“!), Fastengruppen, Fastenkursen, Fastentees etc. pp.
Fragt sich nur: Wozu soll der ganze Schabernack gut sein?

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Aphorismus #646

Die Presse, diese Cloaca maxima der öffentlichen Meinung.

Karl Kraus, Beethoven und Goethe – Vorbilder und Lebensführer (Die Fackel, 1920)

Aphorismus #645

The more I see of the moneyed classes, the more I understand the guillotine.

George Bernard Shaw (1856 – 1950) zugeschrieben. Im Netz häufig nachzulesen, doch konnte ich nirgends eine Quellenangabe finden. Für sachdienliche Hinweise bin ich bekanntermaßen immer dankbar.

Aphorismus #644

Eine der besten „Neues aus der Anstalt“-Folgen bisher. Priol beginnt eher behutsam über den politischen Aschermittwoch zu sprechen, nimmt dann aber mächtig Fahrt auf, wenn er sich über die Folgen des Zölibats in Rage redet. Er keilt mächtig nach allen Richtungen aus, so dass es vielen bildungsbürgerlichen/ humanistischen Zuschauern in der Sendung wohl „zu weit ging“. Das Klatschen ist eher verhalten.
Wie viele kirchliche Würdenträger wohl schon in Mainz vorstellig geworden sind?

Aphorismus #643

Alcohol is the answer… What was the question?

Eine wunderbare Abwandlung der Frage „If Jesus is the answer, what is the question?“. Passt.
Leider war für beide Zitate der Autor nicht zu ermitteln.

Veröffentlicht in: on Mittwoch, 24. Februar 2010 at 00:02  Kommentare (1)  
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Aphorismus #642

Es sei ein Recht des in der Gesellschaft lebenden Menschen, in allem volle Freiheit zu genießen, so dass er nicht nur in der Ausübung seiner Religion nicht behindert werden darf, sondern dass es auch seinem Ermessen überlassen bleibt, was er über religiöse Fragen denken, reden, schreiben und im Druck veröffentlichen will.
Diese wahre Ungeheuerlichkeit stamme und folge, so wird erklärt, aus der Gleichheit aller Menschen und ihrer natürlichen Freiheit. Aber kann man etwas Sinnwidrigeres ersinnen als eine solche Gleichheit und Freiheit aufzustellen?

Religionsfreiheit als Ungeheuerlichkeit?
Gleichheit aller Menschen als Absurdität?
Sätze eines fanatischen Ayatollahs? Oder eines durchgeknallten Sektierers?
Nein, von einem „Unfehlbaren“ sind sie, von Papst! Papst Pius VI. 1791 in seinem Breve „Quod Aliqauntum“, wo er zu den Menschenrechten, wie sie von der Französischen Revolution verkündet wurden, Stellung nimmt.
Ach, 1791 ist lange her, heute denkt der Papst bestimmt anders!
Wieder daneben.
Ganz offiziell wird im Katechismus der Katholischen Kirche von 1997 genau dieses Pamphlet zustimmend erwähnt:
2109 Das Recht auf Religionsfreiheit darf an sich weder unbeschränkt [Vgl. Pius VI., Breve „Quod aliquantum"] noch bloß durch eine positivistisch oder naturalistisch verstandene „öffentliche Ordnung“ [Vgl. Pius IX., Enz. „Quanta cura".] beschränkt sein…“

Frage: Kann man einer Institution, die so offensichtlich gegen die elementarsten Menschenrechte eingestellt ist, seine Kinder anvertrauen im Kindergarten und der Schule? Ihr die Arbeit mit Behinderten, Alten und Bedürftigen bereitwillig überlassen? Ihr Lehrstühle an staatlichen Universitäten einrichten und unterhalten? Ihr so viel Platz im öffentlichen Raum, in den Medien und an vielen anderen Stellen unserer Gesellschaft bereitwillig einräumen?
Man kann es nicht, wenn man Freiheit ernst meinte.
Aber man tut es.

Aphorismus #641

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Von Albert Einstein [1] allen „Experten“, „Wissenschaftlern“ und „Politikern“ [2] ins Stammbuch geschrieben, die rein gar nichts aus der letzten Finanzkrise gelernt haben, aber schon fleißig an der nächsten basteln.
__________________
[1] Eine Quelle für dieses Zitat hab eich nicht gefunden, da es aber zig mal aufgeführt wird, nehme ich zu seinem Gunsten an, dass es wirklich von Alber E. stammt.
[2] Auch sie haben sich die Gänsefüßchen redlich verdient. Denn sie kümmern sich nicht um die Polis, i.e. das Gemeinwesen, sondern bestenfalls um ihre Klientel (mit und ohne Hotels), meistenteils jedoch nur um die eigene Karriere.

Aphorismus #640

Wort zum Sonntag #41

Die Geschichte eines Autodafés

5 Er hatte drei Tage vor seiner Gefangennahme ein Gesicht, er sah sein Kopfkissen von Feuer ergriffen; da wandte er sich an seine Umgebung und sprach prophetisch: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.

8 (Nach Verhaftung und Verhör) P. ging heiter mit schnellen Schritten weiter und wurde in die Rennbahn geführt; es war aber in der Rennbahn ein solcher Lärm, daß man nichts verstehen konnte.
9 Als er in die Rennbahn eintrat, erscholl eine Stimme vom Himmel: „Mut, P., halte dich männlich!“ Den Redenden sah niemand, die Stimme aber hörten alle, die von den Unsrigen anwesend waren. Wie schon gesagt wurde, war bei seinem Eintreten der Lärm groß, da man gehört hatte, daß P. ergriffen worden war.
Und in dem Getümmel hat jeder gehört, was er hören wollte….
11 Da erklärte der Statthalter: „Ich habe wilde Tiere, denen werde ich dich vorwerfen lassen, wenn du nicht anderen Sinnes wirst.“ Der aber entgegnete: „Laß sie kommen; denn unmöglich ist uns die Bekehrung vom Besseren zum Schlimmeren; ehrenvoll aber ist es, sich vom Schlechten zur Gerechtigkeit hinzuwenden.“ Jener aber fuhr fort: „Wenn du dir aus den Tieren nichts machst, lasse ich dich vom Feuer verzehren, sofern du deine Meinung nicht änderst.“ Darauf sagte P.: „Du drohst mir mit einem Feuer, das nur eine Stunde brennt und nach kurzem erlischt; denn du kennst nicht das Feuer des zukünftigen Gerichtes und der ewigen Strafe, das auf die Gottlosen wartet. Doch was zögerst du? Hole herbei, was dir gefällt!“
12 Da fanden sie es für gut, einstimmig zu schreien, P. solle lebendig verbrannt werden. Es mußte ja auch das an seinem Kopfkissen ihm geoffenbarte Gesicht sich erfüllen; er hatte dieses beim Gebete brennen sehen und zu den Gläubigen, die bei ihm waren, hingewandt die prophetischen Worte gesprochen: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.
Damit es der letzte Depp kapiert: Es ist eine Prophezeiung!
13 Das wurde schneller ausgeführt, als es erzählt werden kann. Die Volksmassen trugen auf der Stelle aus den Werkstätten und Bädern Holz und Reisig zusammen; die größten Dienste leisteten dabei bereitwilligst die Juden, wie sie es gewohnt sind.
Ja, klar. Die Juden sind unser Unglück! Schon immer!
15 Als er sein Gebet vollendet hatte, zündeten die Heizer das Feuer an. Mächtig loderte die Flamme empor; da schauten wir, denen diese Gnade gegeben war, denen es auch vorbehalten war, das Geschehene den anderen zu verkünden, ein Wunder. Denn das Feuer wölbte sich wie ein vom Winde geschwelltes Segel und umwallte so den Leib des Märtyrers; dieser aber stand in der Mitte nicht wie bratendes Fleisch, sondern wie Brot, das gebacken wird, oder wie Gold und Silber, das im Ofen geläutert wird. Auch empfanden wir einen Wohlgeruch wie von duftendem Weihrauch oder von einem anderen kostbaren Rauchwerk.
Gott war es nicht nach Fleisch, sondern nach Brot. Hätte er doch gleich sagen können, und nicht solche Umstände machen müssen. Es stinkt nicht zum Himmel, sondern ein Wohlgeruch verbreitet sich: Zur Vision und Audition gesellt sich nun die Phantosmie. Wo aber bleibt die Phantogeusie? Oder hat der liebe Gott nicht mehr auf der Pfanne?
16 Als endlich die Gottlosen sahen, daß sein Leib vom Feuer nicht könne verzehrt werden, befahlen sie dem Konfektor, hinzuzutreten und ihm den Dolch in die Brust zu stoßen. Als das geschah, kam eine solche Menge Blut hervor, daß das Feuer erlosch und das ganze Volk erstaunt war über den großen Unterschied der Ungläubigen und der Auserwählten.
Wow! Weder Flammen noch Rauch konnten dem Standhaften was anhaben, also zückt der Vollstrecker den Dolch und es gibt ein Blutbad. Im wahrsten Sinne des Wortes.
17 Als aber der Nebenbuhler, der Verleumder und Böse, der Gegner der Gerechten, die Größe seines Martyriums, seinen von jeher unbefleckten Wandel und ihn selbst sah, wie er mit dem Kranze der Unvergänglichkeit geschmückt war und einen unbestrittenen Kampfpreis davontrug, da arbeitete er darauf hin, daß wir seine Überbleibsel nicht davontragen sollten, obschon viele dies zu tun und an seinem heiligen Leibe Anteil zu haben beehrten. Er veranlaßte also den Niketes, den Vater des Herodes und Bruder der Alke, den Prokonsul zu ersuchen, er möge seinen Leib nicht herausgeben, damit sie nicht – das sind seine Worte – den Gekreuzigten verlassen und diesen anzubeten anfangen. Das sagten sie auf Antrieb und Drängen der Juden, die auch achtgaben, als wir ihn aus dem Feuer nehmen wollten; sie begreifen nicht, daß wir Christus niemals verlassen werden, der für das Heil aller, die auf Erden gerettet werden, gelitten hat als ein Schuldloser für die Schuldigen, und daß wir auch keinen andern anbeten können. Denn ihn beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer. Möchten doch auch wir ihre Genossen und Mitschüler werden!
18 Als nun der Hauptmann den Widerstand der Juden sah, ließ er ihn mitten auf den Scheiterhaufen legen und, wie es bei ihnen Brauch ist, verbrennen. Auf diese Weise haben wir hinterher seine Gebeine bekommen, die wertvoller sind als kostbare Steine und schätzbarer als Gold, und haben sie an geeigneter Stätte beigesetzt. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und den Geburtstag seines Martyriums feiern zum Andenken an die, welche bereits den Kampf bestanden haben, und zur Übung und Vorbereitung für die, welche ihm noch entgegengehen.
Der Märtyrerkult ist also Ursprung des Reliquienkultes der katholischen Kirche.

So weit so schlicht. Ich habe den Text des „Martyrium des Hl. Polykarp“ gekürzt aber im Wortlaut weitgehend beibehalten. Wer sich es antun mag, kann ihn komplett in der „Bibliothek der Kirchenväter“ nachlesen. Übrigens gilt diese Räuberpistole- besonders hat es mir das nicht verbrennende Feuer angetan!- als wichtiges historisches Dokument: „Dieser Text ist als eine der ganz wenigen als echt geltenden zeitgenössischen Beschreibungen (Augenzeugenbericht) einer Christenverfolgung des 2. Jahrhunderts auch historisch von Interesse.
Da weiß man, was man von den anderen „Zeugnissen“ über die Christenverfolgungen im römischen Reich zu halten hat.
Nicht besonders viel.

Wenn man bei dieser Geschichte die Protagonisten ändert, statt eines römischen Prokonsuls einen christlichen Inquisitor einsetzt und statt eines allerheiligsten Märtyrerbischofs einen ketzerischen Albigenser, so bleibt es dieselbe Geschichte: Ein Autodafé, nur dass es hier die andere Seite trifft.
Die Kirche hat sich gut „gemerkt“, was ihr von den Mächtigen angetan wurde, sie hat es tausendfach vergolten. Allerdings nicht den Mächtigen.
Vergelt’s Gott!
Lieber nicht!

Aphorismus #639

Jemand wartet auf mich.
Das ist das einzige, was uns hindert
zu erfrieren.

Sergej Lukianenko. Leider weiß ich nicht mehr aus welchem seiner Wächter-Romane ich das Zitat habe.

Veröffentlicht in: on Samstag, 20. Februar 2010 at 00:02  Hinterlasse einen Kommentar  

Aphorismus #638

Wer die Armut erniedrigt, der erhöht das Unrecht.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827)

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