2. Fasten: per Express in himmlische Sphären
Der Versuch irdische Katastrophen durch Nahrungsverzicht und zerknirschte Gesichter abzuwenden, ist eines, durch Fasten einen ganz heißen und direkten Draht zu Gott zu bekommen, das ist eine ganz andere Hausnummer. Zumindest behauptet dies die Bibel. Mit ein oder zwei Tagen Fasten, ja nicht einmal mit einer Woche ist es da getan, da braucht es schon die ominösen biblischen 40 Tage. Welchen Narren Jahwe an der Vierzig gefressen hat, keine Ahnung. Sie gehört jedenfalls zu den ganz besonderen Zahlen [4]: 40 Tage Sintflut (1. Mose 7, 17); 40 Tage lang hängt die Arche am Ararat fest (1. Mose 8, 6); 40 Jahre lang finden die Israeliten das gelobte Land nicht und irren in der Wüste umher (2. – 5. Buch Mose) und das trotz göttlichen Navis (2. Mose 13, 21); 40 Tage und 40 Nächte isst und trinkt Moses auf dem Berg Sinai nichts, im Gegenzug zeigt Gott ihm “seine Herrlichkeit” [5] und gibt ihm seine Gebote (2. Mose 34) [6]; 40 Tage wird Jesus vom Teufel in der Wüste “versucht” (Lk 4, 2) und 40 Tage nach Ostern hat Jesus seine gemeinhin als Himmelfahrt bekannten finalen Lift zu Gott (Apg 1, 3).
Es gibt noch eine ganz besondere 40-Tage Geschichte, sie kupfert zwar bei Moses ab- oder war es umgekehrt?-, bringt aber auch Neues : Sie handelt davon wie der Prophet Elias nach seinem größten Triumph, einem öffentlichen Gottesurteil (einem hübschen Feuerzauber Jahwes) mit anschließendem Massaker an den unterlegenen 450 Priestern der Königin Isebel (1. Kön 18), eine Entlastungsdepression durchleidet. 1. Kön 19 wird beschrieben, wie er aus Angst in die Wüste flieht, sich unter einen Wacholder setzt und einfach nur sterben will. Darüber schläft er ein. – Aber die Bibel wäre nicht die allerheiligste Schrift, wenn nicht Gott um die Ecke kommen würde, um zu helfen. Er zaubert ein Kaninchen namens “Engel des Herrn” aus seinem metaphysischen Zylinder. Dieser Engel weckt Elias zweimal und tischt ihm wahrhaft göttliche Speise und Trank auf [7]. Und wie Forrest Gump beginnt Elias danach zu laufen, zu laufen und nochmal zu laufen: “… und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.” (1. Kön 19, 8) WOW! Was für ein Lauf!
Und was passiert, wenn man 40 Tage nichts isst und nichts trinkt? Dazu noch schwerste körperliche Strapazen erleidet? (Was war mit seinen Brustwarzen? Was mit seinen Füßen? Wie hielten seine Sandalen durch?) Der Körper schüttet Dopamin in Massen aus. Und das hat Folgen. Je mehr Dopamin im Gehirn herumschwappt, desto erhöhter ist die Wahrnehmeung, desto schlechter funktioniert das überlebenswichtige Filtern der Eindrücke um uns herum, desto mehr kommt es zu psychoseartigen Zuständen [8], zu Halluzinationen [9], zu Delirien- kurzum, zu “göttlichen Offenbarungen”. Inzwischen gibt es sogar Hinweise, dass der Glaube an Paranormales mit der Höhe des Dopamin-Spiegels korreliert.
Und was Elia am Berg Horeb erlebt, ist ein schönes Beispiel für religiöses Halluzinieren:
11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. 1. Kön 19, 11-13
Donnerwetter, kann man da nur sagen! Wind, Erdbeben, Feuer. Jahwe fährt allerschwerstes Geschütz auf, und macht mächtig Eindruck auf Elia. Aber am Ende ist zum Glück doch alles nur “heiße Luft”. Wäre ja nicht auszuhalten, wenn der HERR immer so stürmisch wäre….
Fazit: Zu lange nichts essen, sich zu sehr anstrengen, anhaltend über seine Grenzen gehen macht ganz komisch in der Birne. Die einen nennen es Offenbarung Gottes, oder das Eins-Sein mit allem, andere nennen es ein geiles Gefühl, ich denke, es ist eher eine vorübergehende Psychose. Nichts, was einen beunruhigen sollte, nur wenn es zur Gewohnheit wird, ist es ungesund. Und wer sein komplettes Leben auf solcherlei “spirituelle” Erfahrung baut, wird einmal ziemlich in die Röhre gucken. Letzten Endes ist es nur ein wunderbarer “Tanz” der Neurotransmitter und ein Feuerwerk der Synapsen im Gehirn. Hübsch. Aufregend. Interessant. Aber mehr auch nicht.
Nächsten Sonntag im Teil II geht es dann um die medizinische Seite des Fastens, aber ganz ohne Religion geht das natürlich auch nicht. Es heißt nicht umsonst “Heilfasten”.
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[4] Zu einer anderen, sehr beliebten Zahl in der Bibel, der Zwölf, habe ich mich im Wort zum Sonntag #12 ausführlich ausgelassen.
[5] Kann man für Moses nur hoffen, dass Gott nicht katholisch war.
[6] Gebote 1.0 ging ja gründlich daneben: 2. Moses 24, 18 – 31, 18
[7] Ob sich da Jahwe etwas Ambrosia bei seinen griechischen Kollegen ausgeborgt hat? “Ambrosia (αμβροσία, griech. Unsterblichkeit) ist die Speise und Salbe griechischer Götter sowie das Futter ihrer Rösser.” Denn wie ein Pferd ist er anschließend zum Horeb marschiert! – Selbstverständlich gehe ich nicht davon aus, dass diese ganze religiöse Erzählung stimmt. Aber wenn man mal so tut als ob, ergeben sich ganz besondere Erkenntnisse. ![]()
[8] “Projektionen des mesolimbischen DA-Systems scheinen in der Entwicklung von Suchtverhalten und Psychosen eine entscheidende Rolle zu spielen. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass Dopamin die Wahrnehmungsfähigkeit erheblich zu steigern scheint. Menschen, die an einer Psychose leiden, sind “Wahrnehmungsgenies”. Ununterbrochen ist jeder Mensch Wahrnehmungen, Empfindungen, Eindrücken, Gefühlen ausgesetzt. Ein “gesunder” Mensch nimmt davon nur ungefähr 10 Prozent bewusst war. Verdoppelt sich der Anteil der bewussten Wahrnehmung auf 20 Prozent, so stehen die meisten Menschen kurz vor einem “Nervenzusammenbruch”. Wenn es noch mehr wird, dann werden Seele und Geist des Betroffenen krank. Er kann nicht mehr bewerten, was wichtig ist, und was nicht.” Dopaminerges Belohnungssystem
[9] “Die Wirkung dieser Halluzinogene beruht bekanntlich auf ihrer Ähnlichkeit mit Transmittersubstanzen des Gehirns. So ist Mescalin dem Noradrenalin und dem Dopamin ähnlich und Psilocybin und LSD dem Serotonin.” Prof. Dr. Erich Kasten, Visuelle Halluzination
