Aphorismus #32

Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass unsere geistigen und mentalen Leistungen die Folge von neuronalen Prozessen sind – und nicht umgekehrt. Sie sind meist heimliche Dualisten und glauben, dass da ein unabhängiger Geist schaltet und waltet und irgendwie mit dem Gehirn wechselwirkt, damit es das tut, was der Geist will.

Prof. Dr. Wolf Singer in einem Interview mit der Wochenzeitung “Die Zeit”. Singer ist einer der führenden (wenn nicht sogar DER führende!) deutschen Neurowissenschaftler. Bekannt geworden ist er auch dadurch, dass er die Ergebnisse seiner Forschungen populärwissenschaftlich einem breiten Publikum vermittelt.

Was ist eine Depression?

Bei keiner psychischen Erkrankung meint wohl fast jeder, irgendwie auch mitreden zu können: “Depressiv sind wir doch alle mal!” Und doch hat kaum einer wirklich Ahnung von dieser Krankheit. Als seit Jahren selbst Betroffener möchte ich hier zur Information und Diskussion darüber beitragen. Wer Kontakt mit mir aufnehmen möchte, kann dies gerne tun, entweder über die Kommentarfunktion, oder über meine Email, die es hier gibt (unten im Bild des FSM eingebettet).

Bei meinem letzten Klinikaufenthalt gab es eine sogenannte “Depressionsgruppe”, in der es um Formen, Ursachen, Behandlungsmethoden etc.  der Depression ging. Ziel war es die Patienten zu “Experten ihrer eigenen Krankheit” zu machen. So ein Lernziel habe ich mir natürlich nicht zweimal sagen lassen. ;-) Hier gebe ich wieder, was m.W. derzeitiger anerkannter Stand von Forschung und Behandlung ist. Für Ergänzungen und fundierte Korrekturen bin ich dankbar.

Ein paar nicht ganz ernst gemeinte Ratschläge.

Nicht ganz ernst gemeinte Ratschläge! Für Originalgröße auf das Bild klicken!

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  • Depression ist eine schwere Krankheit, die neurophysiologische (Stichwort: ein aus dem Gleichgewicht geratene Balance der Neurotransmitter, besonders Serotonin- und Noradrenalinmangel), psychologische (die berühmte schwere Kindheit, prägende negative Erlebnisse, eine PTBS etc) und soziologische (Mobbing am Arbeitsplatz, Druck in der Familie, Zukunftsangst …) Ursachen haben kann. Meist ist dabei nicht nur ein Punkt der Grund für den Ausbruch der Krankheit, sondern mehrere Faktoren treffen zusammen. Die Psychiater gehen heute nicht mehr von der alten Einteilung in endogene und reaktive Depressionen aus, sondern tasten sich von der deskriptiven Diagnose zur Beschreibung der Ursachen und ihrer Behandlung vor. So gibt es auch der ICD-10 der WHO vor.
  • Bewährt haben sich als Behandlungsmethoden die pharmazeutische mit Antidepressiva (neben den klassischen Trizyklika sind dies die selektiven Serotonin- und/oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, sog. SSRI und SNRI) und/oder mit kognitiver Verhaltenstherapie. Dabei dient oft die pharmazeutische Behandlung zunächst einmal dazu, den Patienten für eine verhaltenstherapeutische offen und fähig zu machen. Wer je einen schwer depressiven Menschen erlebt hat, weiß, dass er zu fast nichts mehr fähig ist, und sein Denken und Verarbeiten von äußeren Eindrücken schwerst beeinträchtigt ist: dies kann schon fast katatonische Züge annehmen.
  • Depressionen werden unterteil in drei Schweregrade: leichte, mittlere und major depression. Bei erster helfen meist schon Johanniskraut, eine Änderung des Tagesablaufes, wenige Sitzungen Verhaltenstherapie oder auch angenehme Aktivitäten Bei mittleren Depressionen führt meist kein Weg an einer Medikation vorbei und zusätzlich ist Verhaltenstherapie angesagt. Meist sollte die Behandlung in einer Klinik stattfinden, damit eine evtl. Suizidgefährdung nicht zur Tat wird. Dies gilt ausnahmslos für eine major depression. Patienten und Therapeuten brauchen evtl. monatelange Geduld, bis die Behandlung nachhaltig wirkt.
  • Man unterscheidet Depressionen neben dem Schweregrad auch nach der Art und Weise ihrer Dauer:
    • Aus einer einzelnen depressiven Episode entwickelt sich bei ca. 30% der Patienten eine rezidivierende depressive Erkrankung, d.h. bei den Betroffenen wechseln sich meist in unregelmäßigen Abständen depressionsfreie Phasen von mehreren Jahren mit depressiven Episoden ab.
    • Hat der Patient eine andauernde leichte (bis mittlere) Depression, die länger als zwei Jahre andauert und meist in der Jugend beginnt, so bezeichnet man dies als Dysthymie, oder chronische Depression.
    • Treten bei einer Dysthymie rezidivierend Phasen einer  mittel- bis hochgradiger Depression auf, spricht man von einer Doppeldepression.
    • Was man früher Manische Depression genannt hat, wird heute als bipolare Störung bezeichnet und nicht mehr zu den eigentlichen Depressionen gerechnet.

Irrtümer zum Thema “Depression”

Irrtümer zum Thema Depression gibt es wie Sand am Meer. Einige davon habe ich hier zusammengestellt. Wahrscheinlich ist diese Liste noch lange nicht abgeschlossen. Bei Bedarf werde ich sie daher jederzeit ergänzen. Für Anregungen und Anfragen bin ich selbstverständlich offen.

Die größten Irrtümer über Depressionen, mit denen sich jeder Depressive mehr als nur einmal befassen muss:

  • “Du musst nur wollen!” Dann wird das schon. Schließlich ist jeder mal schlecht drauf.
    • FALSCH! Depression ist eine Krankheit, aus der der Kranke eben NICHT aus eigener Kraft herauskommt!
  • Die Ursachen liegen immer in der Kindheit. Psychopharmaka sind Mumpitz, ja sogar schädlich. Was hilft ist ausschließlich eine Psychotherapie, die alle ungelösten Konflikte aus der Kindheit angeht und bearbeitet.
    • FALSCH! Eine schwere Kindheit, Missbrauch oder andere Traumata KÖNNEN Ursachen von Depressionen sein, müssen es aber nicht. Es gibt genügend Patienten, denen es ansonsten immer gut ging, und die dann aus heiterem Himmel depressiv wurden.
  • Psychopharmaka, zu denen die Antidepressiva gehören, sind überflüssig und haben alle schwere Nebenwirkungen.
    • FALSCH! Um überhaupt mit manchen Kranken psychotherapeutisch arbeiten zu können, braucht es Medikamente. Bei leichten Depressionen kann man vielleicht darauf verzichten, aber nicht bei mittleren, oder gar schweren. Sie einem solchen Kranken vorzuenthalten, grenzt für mich an schwere Körperverletzung.
    • FALSCH! Was die Nebenwirkungen angeht, sind die neueren Medikamente weit besser als die Klassiker und weit besser als ihr Ruf. Nebenwirkungen werden häufig sehr stark übertrieben und manche von ihnen entsprechen bekannten Depressionssymptomen, was die Unterscheidung zwischen Krankheitssymptom und Nebenwirkung oft verunmöglicht.

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  • Antidepressiva verändern die Persönlichkeit und machen süchtig.
    • FALSCH! Antidepressiva bringen den Kranken aus der Depression heraus und helfen ihm, seinen alten Normalzustand zu erreichen. Es sind keine Drogen, die dem Depressiven eine rosarote Brille aufsetzen, es sind keine Glücklichmacher aus der Hexenküche von Pfizer und Konsorten. Es sind vielmehr spezifisch auf bestimmte Neurotransmitter im Gehirn wirkende Substanzen, deren Wirkweise man inzwischen recht gut versteht.
    • FALSCH! Merkmale einer Sucht, die alle auf Antidepressiva NICHT zutreffen, sind:
      • Zwang zum Gebrauch
      • Kontrollverlust
      • Entzugssyndrom
      • Toleranzentwicklung (immer höhere Dosis ist nötig)
    • FALSCH! Oft werden Beruhigungsmittel aus der Klasse der Benzodiazepine wie z.B. Tavor® oder Valium® mit Antidepressiva verwechselt. Im Gegensatz zu Antidepressiva wirken Beruhigungsmittel sofort und unmittelbar, haben einen großen Gewöhnungseffekt und können in der Tat bei mehrwöchigem Gebrauch abhängig machen.Sie werden in der Psychiatrie ausschließlich in der Akutphase und nie als Dauermedikation eingesetzt.
  • Der Pharmaindustrie geht es nur ums Geld und die Ärzte machen bereitwillig mit.
    • RICHTIG und doch FALSCH! Natürlich geht es der Pharmaindustrie ums Gewinne machen. Das ist im Kapitalismus nun mal so. Wer eine andere Einstellung bei den Pharmariesen möchte, muss erst einmal das System radikal ändern. Aber damit ist  bis dann den Kranken nicht die Bohne geholfen. Da sind die Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Medikamente jetzt wichtiger. Ob dies aus reiner Nächstenliebe oder aus knallhartem Gewinnstreben hervorgeht, ist egal! Wichtig jedoch ist, dass dem ganzen Vertriebs- und Vertretersumpf endlich mal Einhalt geboten wird. Da sollten mal unsere Gesundheitsreformer ansetzen! Und dies kommt ALLEN Patienten zugute. Bei aller Kritik an der Pharmalobby ist eines ganz wichtig: es gibt inzwischen eine große Auswahl an Medikamenten, die bei einem großen Teil der Depressionen wirklich helfen können.
  • In der Psychiatrie wird man nur weggesperrt. Das ist ein reiner Aufbewahrungsort, damit man keine Dummheiten macht. Wer weiß, was die dort mit einem machen?
    • FALSCH! Einer flog übers Kuckucksnest” war ein guter Film. Aber die Zustände, die er anprangert sind zum Glück lange vorbei. Über die Psychiatrie gibt es viele, viele Vorurteile, von denen die allermeisten falsch sind. Den brutalen Pfleger, der mit der Zwangsjacke droht, die isolierte Gummizelle und den Nazi-Arzt, der die Patienten für seine grausamen Experimente missbraucht, gibt es so wenig wie Elektroschocks bei vollem Bewusstsein oder gar die Lobotomie renitenter Patienten. In der Psychiatrie kann sich der Patient fallen lassen und sich auf seine Gesundung konzentrieren ohne durch den Alltag, den er nicht mehr bewältigen kann, daran gehindert zu werden. Und manchmal ist es schlicht lebensrettend (bei akuter Suizidalität), in einer Klinik zu sein.
  • Depressionen sind ein Schicksal, das man über sich ergehen lassen muss. Es gibt keine Hilfe. Vielleicht für die anderen, aber nicht für mich.
    • FALSCH, FALSCH und noch mal FALSCH! Diesen zutiefst depressiven Gedanken hat jeder Depressive schon x-fach gedacht. Mal meint man, allen anderen gehe es viel schlimmer, man sei nur ein Simulant. Mal ist man der Überzeugung, die Tabletten würden bei allen anderen wirken, nur bei einem selbst nicht. Und dann wieder ist man der festen Überzeugung, man stelle sich zu dumm an, sei unfähig, die Therapie sinnvoll mitzumachen … Solche Gedanken und Gefühle, die einem absolut wahr und logisch erscheinen, gehören leider zur Krankheit dazu. Selbstzweifel ist ja sowas wie der zweite Name der Depression. Ein liebevoller Partner und einfühlsame Therapeuten wissen darum und können den Kranken auch da auffangen.

Aphorismus #12

Ich bin gegen Religion, weil sie uns lehrt damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen.

Richard Dawkins (*1941) Evolutionsbiologe und wohl der bekannteste Bright

Veröffentlicht in: on Sonntag, 1. Juni 2008 at 00:04 Kommentare (0)
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Was ist der freie Wille?

Auf jeden Fall keine statische und abstrakte Größe. Das zeigt sich schon allein dadurch, dass sich “Wille” im Gehirn nicht in einem bestimmten Areal festmachen lässt. Freier Wille oder Entscheidungsfreiheit ist die von uns bewusst erlebte Entscheidung, die uns einem inneren oder äußeren Handlungsimpuls nachgeben lässt oder nicht, die uns in einem Experiment einen Knopf drücken lässt oder nicht, die uns beim Klingeln der Glocke aufstehen lässt oder nicht, die uns einen Seitensprung machen lässt oder nicht, die uns den Abzug einer Waffe drücken lässt oder nicht.

Ein ganzes Bündel an vor- und unterbewussten Vorentscheidungen gehen dem voraus, ohne dass wir dies merken. Ein ganzes prägendes und geprägtes Leben liegt da hinter uns, ohne das wir uns im Moment der Entscheidung dessen bewusst sind. Ein ganzer Normenkatalog, den wir von den frühesten Kindertagen an erlernt haben,  zwingt uns da bereits in eine ganz bestimmte Richtung. Das wusste schon Freud, er hat sich in seiner Theorie für unseren modernen Geschmack zu “mythisch” ausgedrückt. Aber er hat zu Recht den Fokus auf die nicht bewussten Anteile unserer Verhaltensimpulse gelegt.

Auf physiologischer Ebene manifestiert sich der ganze Prozess der Entscheidungsfindung im Feuern der Neuronen in den unterschiedlichen Hirnregionen, im Ausschütten von verschiedenen Botenstoffen und in anderen physischen und chemischen Prozessen, die wir erst allmählich verstehen lernen. Alles ein Konglomerat aus Physik und Chemie einerseits und den Korrelaten Gefühl und Bewusstheit andererseits. Noch ist dieser äußerst komplexe Vorgang nicht enträtselt. Aber immerhin wissen wir, dass das Drehen an einer der Stellschrauben die unterschiedlichsten Auswirkungen haben kann: bei den Wirkungen von Psychopharmaka und Drogen auf die Neurotransmitter ist dies am besten erforscht. Bei direkter Einflussnahme auf die Gefühle und damit am Verhalten und Denken via Verhaltenstherapie, Gruppendynamik, Konfrontationstherapie etc ebenfalls.

Die Schwierigkeit aber besteht noch immer darin, diese unterschiedlichen Faktoren zusammenzubringen. Dass die sich dadurch ergebenden Fragen wie die nach dem freien Willen, nach Determiniertheit oder dem Bewusstsein uns in unserem Selbstbild unmittelbar betreffen, ist logisch. Und das macht die Antwortsuche noch zusätzlich so verflixt: Der Gegenstand der Neurowissenschaften ist zugleich untersuchtes Objekt UND untersuchendes Subjekt. Dessen sollten sich alle Forscher bewusst sein. Wenn ein gekränktes Ego (Ich bin nicht frei) die eigene Gekränktheit auf alle anderen überträgt (Ihr seid nicht frei), indem es seine Forschungsergebnisse narzisstisch überhöht (ICH habe es herausgefunden!) dann kann allein dieser Umstand die ganzen Ergebnisse stark verfälschen.

Auf jeden Fall liegt inzwischen eines mehr als nahe: Bewusstsein und Gefühl sind nicht Emanationen einer transzendenten Seele, sondern Ergebnis rein physiologischer Prozesse. Aber das wollen alle religiösen oder metaphysischen Weltdeuter nicht gerne hören.

Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten*

PTBS / PTSD ist so alt wie die Menschheit, genauer: so alt wie sie Kriege führt. Schon in der Antike wusste man das! Nur die Militärs geben sich immer wieder überrascht, dass ihre Kampfmaschinen doch Menschen sind.

Wenn ein Krieg, wie in Afghanistan oder im Irak, so offensichtlich aus anderen Gründen geführt wird, muss der denkende Soldat (Den soll es auch geben!) ins Grübeln und Zweifeln kommen, und schon sieht er die Opfer seines blutigen Handwerks nicht mehr als “gerecht”, oder “notwendig” an, sondern als sinnlos und brutal. Und wenn man dann selbst unter Beschuss gerät, seinen Kameraden in einem Hinterhalt verliert, dann sind Selbstzweifel, Selbsthass, unkontroliierbare Ängste, Panikattacken, Zwänge und andere psychische Störungen nicht weit: kurzum all das, was man gemeinhin eine PTBS nennt.

Das Land, wo die Neurosen blühen, ist das Land der Militärs und der Kriege. Wir Menschen sind von Natur aus eben nicht konstruiert zum gnadenlosen Töten und hingebungsvollen Metzeln, so wie es die Militärs dieser Welt gerne hätten. Dazu müssen wir erst durch Drill und Ideologie gebracht werden. Dadurch verlieren die Gegner ihr menschliches Antlitz, gehören zu einer “minderwertigen Rassen”, gelten als “Ungläubige” oder sind ganz einfach alles potentielle “Terroristen”. Gute Propaganda, “Volksaufklärung” und Erziehung der eigenen Leute gehören seit jeher zum Kriegshandwerk. Oder weswegen sonst erfand die US-Army den “embedded” Journalisten? Das gaukelt Authentizität vor und gibt dem Militär gleichzeitig die Macht über die Bilder und Botschaften.

Von welcher Seite der wahre Terror ausgeht, ist noch nicht abschließend zu beantworten.

Was die Kriege nach ‘45 angeht, wissen wir hinlänglich bescheid über psychische Folgen bei den Soldaten. Und je jünger sie zurückliegen, desto mehr tun wir das. Gibt es über die amerikanischen Feldzug des WK II noch relativ viel Material, so sieht es auf deutscher Seite zu diesem Thema mau aus. Die Nazis selbst hatten keine Interesse an den für sie “verweichlichten” Vertreter der arischen Rasse. Und mit ihrer Ablehnung der “jüdischen” Psychoanalyse wurde mögliche Hilfe ebenfalls verteufelt. Nach der Kapitulation mussten die Heimkehrer aus der Kriegsgefangenenschaft die nächsten Jahre über funktionieren und schuften beim Wiederaufbau, danach mussten sie sich gegen die “bösen” ‘68er rechtfertigen und nun über 60 Jahre später sterben sie nach und nach weg.

Wieviel der Neurosen der Adenauer-Ära verdanken wir wohl dieser kollektiven Verdrängung? Wie sehr wurde die Geschichte der BRD von dieser Tatsache geprägt? Es ist ja kein Zufall, dass Machwerke wie “Dresden” oder “Die Flucht” so begierig ein breites Publikum finden: endlich wurde die deutsche “Opferrolle” und die brutalen Folgen des Krieges, auch die psychischen, thematisiert. Das macht diese Art des “Event-Kinos” zwar auch nicht besser, bedient aber ein Bedürfnis, das latent vorhanden ist: auch unter den Kindern und Enkeln, weil sonst nie oder nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen wurde.

* Dies ist ein Forenbeitrag von mir zu einem Artikel darüber, dass die Zahl von US-Soldaten mit PTBS in den letzten Kriegen stark zugenommen hat.

Gehirndoping

Ein Forumsbeitrag von mir zu einem Artikel über das Zunehmen von Gehirndoping bei “Geistesarbeitern” mit Ritalin, Amphetaminen und Betablockern:

Sollte es einen wundern?

In einer Gesellschaft:
- in der Kosteneffizienz alles ist?
- in der nur Leistung zählt?
- in der das Motto heißt: höher, schneller weiter?
- in der immer und überall die Herren und Damen Kontrolleure mit den Stoppuhren neben uns stehen (und wenn dies nur in unserer Vorstellung so ist)?
- in der vorwurfsvoll nach Eliten gesucht wird, die allein besondere Förderung verdienen?
- in der ein beispielloser Konkurrenzkampf aller gegen alle herrscht?
- in der mit Hartz IV das Schreckgespenst des sozialen Abstiegs nach kürzester Zeit dräut?
- in der uns jeden Tag gesagt wird, wie entbehrlich und ersetzbar wir doch alle sind?
- in der der wir alle bis auf die kleine Schar der Reichen und Superreichen Habenichtse sind, die nichts haben als ihre Arbeits- oder Geisteskraft?
- die zutiefst inhuman und gnadenlos ist mit allen, die unter die Räder kommen?

In einer solchen Gesellschaft ist das “bisschen Gehirndoping” ja das Mindeste, was man von uns erwarten kann!

Die chemische Formel von Kokain

Willkommen in der schönen neuen Welt des Kapitalismus 2.0:
turboschnell, global, verheerend für die ökologischen, sozialen, politischen und humanen Ressourcen.
Weh uns, wenn das ungebremst so weitergeht!

P.S.: Der Kommentar von “achterbahnfahrer” und ein reger Schriftwechsel mit ihm haben mir gezeigt, dass die Gefahr besteht, meine Worte misszuverstehen: Ich meine natürlich nicht den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Medikamenten. Für die Kranken sind ihre verordneten Medikamente, egal welche ein Segen und bringen ihnen nachhaltig Linderung, oder Heilung. Das gilt auch für Ritalin, Prozac und andere oft verteufelte Psychopharmaka.

Zufall und Notwendigkeit

So ist das Bild in der Sixtinischen Kapelle ...

Als 1970 der französische Nobelpreisträger Jacques Monod unter diesem Titel (im Original: Le hasard et la nécessité) einen Essay veröffentlichte, ging ein Rauschen durch den Blätterwald. Da hatte endlich ein Naturwissenschaftler den Mut, die Ergebnisse seiner Forschungen (aus Genetik und Biologie) auf Philosophie und Religion anzuwenden. Wäre er bei seinen Leisten, sprich der Evolution bzw. Mikroevolution auf DNA-Ebene geblieben, wäre sein Buch kaum aufgefallen. Aber so traten die Gralshüter aller religiösen und quasireligiösen Sinnstiftungssysteme auf den Plan und versuchten Monod zu widerlegen. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie sich 10 Jahre später ein Evang. Theologie-Professor ereiferte über diese „Engführung“, der doch das Entscheidende fehlte: die religiöse Dimension. Es gehe nicht an, dass die Biologie solche weitreichenden Aussagen treffe. Um dem Menschen sagen zu können, wer er wirklich sei und was der Sinn des Lebens sei, brauche es eben die Theologie.

Warum nicht so?

So finde ich das Bild viel ansprechender!

Ich denke, dies kann, ja muss man anders sehen! Gerade die von philosophischen wie religiösen Scheuklappen befreite naturwissenschaftliche Sicht kann uns helfen, zu begreifen, wer oder was wir tatsächlich sind.

Schon Aristoteles bezeichnete den Menschen als „vernunftbegabtes Tier“ (gr. zoon logikon; lat. animal rationale). Bei ihm war das freilich noch in sein metaphysisches Weltbild eingebunden: der Mensch einerseits aus der Natur kommend, andererseits aber göttlich beseelt. Ihm war es nicht vorstellbar, dass das große Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier, die Vernunft (gr. logos, lat. ratio) allein aus der Natur heraus zu begreifen sei. Sie musste einfach göttlichen Ursprungs sein. Monod hat auf dem Hintergrund der Evolutionstheorie nur konsequent weitergedacht. Der Mensch ist Teil der Natur, Teil des evolutionären Prozesses. Dieser wird angetrieben durch die Kräfte von Mutation und Selektion, von zufälligen Veränderungen und notwendiger Anpassung. (Zufall und Notwendigkeit sind ebenfalls ein altgriechisches Begriffspaar, das von Demokrit, dem Begründer der „Atomlehre“ stammt.) Alle Formenvielfalt des irdischen Lebens, wie sie auf unserem Planeten entstanden ist, geht allein auf diese beiden Kräfte zurück. Dazu braucht es keine göttlichen Schöpfer hinter diesen Naturgesetzen, keine göttlichen Eingriffe von außen und auch kein Ziel dieser Entwicklung, weil sie unaufhörlich weiter geht. Der Mensch ist nur eines von vielen Gliedern in einer langen, langen Kette.

Aristoteles

Es ist ernüchternd, sich selbst so zu betrachten, statt als „Krone der Schöpfung“ oder „Gottes Ebenbild“. Viele Zeitgenossen erleben eine solche nüchterne Sicht als narzisstische Kränkung. In der Geschichte der Naturwissenschaften spricht man von den drei großen narzisstischen Kränkungen:

  1. Die Kopernikanische, die die Erde und damit den Menschen aus dem Mittelpunkt des Universums rückte.
  2. Die Darwinsche, die den Menschen als Teil der Natur und nicht als ihren Herren begriff.
  3. Die Freudsche, die dem Menschen es absprach, ausschließlich vernunftbegabt zu handeln.

Es ist Monods Verdienst, die ersten beiden Kränkungen auf den Punkt gebracht zu haben, wenn es bei ihm heißt: „Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch [...] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.”

Der Blick nach oben, ist unsinnig und kontraproduktiv. Da ist niemand. Viel wichtiger ist es, auf sich zu sehen und neben sich, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Die bekannten Figuren der Osterinsel.

Wie sinnlos eine inbrünstige Religiosität ist, der sich alles unterzuordnen hat, sieht man an der Geschichte der Osterinsel „rapa nui. Lange Zeit war es unklar, wer die berühmten Felsenköpfe hergestellt hatte und warum mitten in der Bauphase der größten und mächtigsten Köpfe plötzlich abgebrochen worden war. Eine mir sehr einleuchtende These besagt, dass es zu einem verhängnisvollen Rückkopplungsprozess kam, bei dem die Religion die tragende Rolle spielte, und die der Insel ihren Baumbestand, ihre Fruchtbarkeit und den Ureinwohnern ihre Lebensgrundlagen entzog: Wie in vielen Religionen üblich gab es auf rapa nui auch Standbilder der Götter. Als es nun zu einer langen Dürre und mit folgenden Missernten kam (evtl. ausgelöst durch die mittelalterliche kleine Eiszeit), fielen diese Idole auf Geheiß der Priester immer größer und protziger aus. Dazu mussten immer mehr Bauern von der Feldarbeit abgezogen werden zum „Gottesdienst“ in die Steinbrüche. Außerdem wurden immer mehr Palmen abgeholzt zum Transport der mächtigen Figuren. Dies führte beschleunigte die Bodenerosion und machte die Lage noch dramatischer. Da die Ernten über Jahre kümmerlich blieben, wurde mehr und mehr Kraft und Zeit zur Besänftigung der Götter aufgebracht, bis schließlich die letzte Palme gefällt war und niemand mehr die letzten und größten Standbilder fertig stellen und zum Strand zu bringen konnte. (So wie wir dies heute noch vorfinden!) Zwangsläufig wurde aufgegeben werden und eine ganze Kultur ging unter, nur wegen des religiösen Eifers ihrer Führer und der Inbrunst der Gläubigen und ihrer Priester.

In den Schulen wird, wen wundert es beim Einfluss der Kirchen, immer noch ausschließlich gelehrt, dass die großen Reiche untergingen, weil sie dekadent geworden sind, die Bürger nicht mehr zusammenstanden, die Bindung zu Gott verloren haben etc. Diese Sicht der romantischen Geschichtswissenschaft aus dem 19. Jahrhundert wird nach wie vor den Schülerinnen und Schülern als „Tatsache“ vermittelt. Aber auch ein Zuviel an Religion kann ein Volk kaputt machen: die USA sind auf dem besten Weg dazu!

Dieses \

Wer dauernd, auf göttliche Hilfe hoffend, nach oben sieht, wer einen Gutteil seiner Zeit mit Handlungen vergeudet, die als Gottes-Dienst gelten, wer damit beschäftigt ist Gottes Gebote möglichst genau zu befolgen, und seien sie noch so unsinnig, dessen Blick geht an den tatsächlichen Ursachen der Probleme der Menschheit vorbei, der stolpert blind für das Wesen der menschlichen Natur durchs Leben und behauptet doch, alle anderen, die nicht dieselbe religiöse Form der Blindheit hätten wie er, alle anderen seien die wahren Blinden. Und wenn mal wieder im deutschen Feuilleton davon fabuliert wird, wir hätten keine Werte mehr, es bräuchte mehr Religiosität, den Naturwissenschaften fehle die Ethik, die Menschen würden immer materialistischer werden, dann stehen leider viel zu wenige auf und halten dagegen: stattdessen gibt es Applaus von allen Seiten, besonders von der konservativen natürlich.

Ein Blick in die Tiefen des Alls mit Hubble

Als „Zigeuner am Randes des Universums“ sind wir nicht alleine unterwegs, sondern als Menschheit gemeinsam. Auch ohne Gott und Religion ist nicht alles gleichgültig und alles erlaubt. Auch ohne 10 Gebote muss unser Zusammenleben nicht in einem einzigen Hauen und Stechen untergehen.

Wir haben nur ein Leben, also sollten wir das Beste daraus machen. Und da die Spezies homo ein Rudel- oder Herdentier ist, folgert daraus nicht grenzenloser Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegen die anderen, wie es immer wieder von den Kanzeln schallt. Schon für Aristoteles ist der Mensch nicht nur ein zoon logikon, sondern auch ein zoon politikon, ein politisches Wesen: ein städtisches, ein bürgerliches, ein soziales Wesen.

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu. Um diese goldene Regel einzuhalten, braucht es keinen Gott. Sie ist in vielen, vielen Religionen quer durch die Zeiten, genauso wie in vielen philosophischen Systemen zu finden. Sie ist so etwas wie eine universelle Ethik der Menschheit. Sie gehört quasi zu unserer Gen-Ausstattung: es ist für das Überleben der eigenen Gene sehr sinnvoll, die eigene Brut und das eigene Rudel zu beschützen und zu verteidigen. Dummerweise geht es in den modernen Gesellschaften nicht mehr um die 30 Mitglieder des eigenen Clans, sondern um Tausende, um zahllose Fremde, denen ich jeden Tag begegne, die ja vielleicht sogar Konkurrenten für meine eigenen Gene sind.

Seit Monods Bahn brechendem Essay von 1970 ist die Wissenschaft weitergegangen. In der Biologie wurde das menschliche Genom vollständig beschrieben, in der Neurobiologie haben die so genannten Bild gebenden Verfahren eine Revolution ausgelöst: wir können inzwischen der menschlichen Vernunft beim Arbeiten zusehen. Davon ausgehend haben einige Neurobio- und –physiologen die dritte narzisstische Kränkung, die Freudsche zugespitzt: sie sprechen uns den freien Willen ab, reden von ihm als einem „kulturellen Konstrukt“. Nicht wir denken und handeln mit unserem Gehirn, sondern es denkt, fühlt und handelt mit uns.

Der bekannte Neurophysiologe Wolf Singer sagt pointiert: „Was wir tun oder lassen, entscheidet nicht unser unabhängiger Wille, es hängt vielmehr ab von angeborenen Möglichkeiten, Erziehung und anderen Umweltfaktoren, die Strukturen und Verschaltungen in unserem Gehirn prägen. Was wir tun, ist Folge des unmittelbar vorausgehenden Zustands unseres Gehirns, von dem wir nur wenige Variable bewusst kontrollieren. Plus ein bisschen thermisches Rauschen.“

Also von Zufall und Notwendigkeit.

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Mag es für manchen eine grausame Vorstellung sein, nicht über seinen Kopf und seinen freien Willen zu bestimmen, so ist jedem, der eine psychische Erkrankung hat, dies unmittelbar einleuchtend: da will der Kopf nicht so, wie man selbst will, da spielt er verrückt, nur weil ein paar Neurotransmitter verrückt spielen. Da erlebt man sich hilflos ausgeliefert an das eigene Gehirn, das nicht mehr richtig tickt. Für den Depressiven versinkt die Welt in einem tiefen Novembergrau bis hin zu zwanghaften Suizidphantasien. Da hört der Psychotiker Stimmen und gehorcht ihren Anweisungen, und seien diese noch so absurd. Und der Borderliner verspürt solch einen inneren Druck, den er nicht anders loswerden kann, als nur durch Schneiden.

Mit dem Gefasel vom freien Willen kommt man da nicht weit: in all diesen Fällen macht das Gehirn mit dem Menschen, was es will, nicht umgekehrt! Und was wir bei psychischen Erkrankungen wie unter einem starken Vergrößerungsglas sehen, gilt auch für unser ansonsten gesundes Leben: das Gehirn denkt mit uns, nicht wir mit dem Gehirn! Wir sind ein Produkt von Zufall und Notwendigkeit.

Wenn es aber keinen freien Willen gibt, was ist dann mit dem Verbrecher, der sich darauf beruft, nicht anders handeln zu können? Singer sagt dazu: „Ob wir nun glauben, jemand sei ‘böse’ und habe einen Mord begangen, weil es seine freie Entscheidung war, oder ob wir ihn als armen Kerl am Rande des Spektrums menschlicher Möglichkeiten sehen, der aufgrund vieler ungünstiger Einflüsse nur eine niedrige Tötungshemmung entwickelt hat - in jedem Fall ist solch ein Mensch eine Gefahr und muss für lange Zeit daran gehindert werden, in Freiheit zu agieren, und wenn möglich auch therapiert werden.“

In der griechischen Mythologie schaute Narziss in einen Fluss und verliebte sich unsterblich in sein Spiegelbild.

Narziss - unser Spiegelbild.

Im Laufe der Geschichte schaute der Mensch immer wieder in diesen Fluss und entdeckte sich im Wellengekräusel anfangs stolz als Gottes Ebenbild, später musste er feststellen, dass er „nur“ ein klein wenig über das Tierreich hinausgehoben war durch seine Vernunft. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung erkennen wir, dass wir nicht anders als die Tiere um uns herum sind, bestimmt durch Zufall und Notwendigkeit, Tiere freilich, die sich genau darüber Gedanken machen. Bewusste Tiere, die sich die Verantwortung für diesen Planeten aufgebürdet haben, die die Natur, deren Teil sie sind, unterjocht haben, die nun auf niemand anderem mehr die Verantwortung schieben können und die von außen keine Hilfe zu erwarten haben: Zigeuner am Rande des Universums eben.

Es gilt gemeinsam das Beste daraus zu machen.