Aphorismus #505

Letztlich ist subjektives Erleben ein biologisches Datenformat, also eine hochgradig spezifische Weise, Information über die Welt darzustellen, eine innere Weise des Gegebenseins, und das Ego ist lediglich ein komplexes physikalisches Ereignis – ein Aktivierungsmuster in unserem zentralen Nervensystem.

Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel

Aphorismus #503

Unter Vorurteilen leiden Psychiatrie-Erfahrene, ihre Angehörigen und mit etwas Einschränkung auch die psychiatrisch Tätigen; Vorurteile gefährden therapeutische Fortschritte und die strukturelle Weiterentwicklung der Psychiatrie. Insofern kann und muss der Kampf gegen Stigmatisierung ein zutiefst gemeinsames Anliegen sein, das nur im echten Dialog gelingen kann. Schließlich sind die Vorurteile von heute die Fehler der Psychiatrie von gestern.

PD Dr. Thomas Bock in Soziale Psychiatrie 4/2000, S.16-18

Antidepressiva wirken nicht!

Wirklich?

Seit einigen Jahren machen immer wieder neue Studien von sich reden, in denen behauptet wird, dass die neueren Antidepressiva (AD) insgesamt oder eine bestimmte Gruppe von ihnen im Vergleich zu Placebos oder zu älteren Medikamenten nur bedingt oder gar nicht wirkten. Da ist dann das Geschrei derer groß, die sich für ausgewiesene Experten in Sachen Depression halten und z.B. meinen, diese Krankheit ließe sich auch so, ohne ADs,  in den Griff bekommen. Und für die Kritiker der ach so bösen Pharmaindustrie ist mal wieder ausgemacht, dass diese nur eines will: möglichst viel Geld machen. [1] Und die esoterischen Spinner mit ihrem okkulten Hokuspokus fühlen sich ebenfalls bestätigt. Schamanische Rituale, Rückführungen in angeblich vergangene Leben, das komplette Umkrempeln der Wohnung nach Feng Shui usw. usf. : das alles sei viel wirksamer als die Gifte aus den Chemieküchen der Pharmas. Die machten sowieso mehr krank. als dass sie helfen könnten. Und außerdem würden durch Psychopharmaka die Patienten zu willenlosen Zombies gemacht. – Umpf!- Was für ein Wahnsinn! Was für eine hirnrissige und gefährliche Weltsicht. Nur einen Tag müssten solche Sprücheklopfer eine major depression durchleiden und diese Blödmänner und vor allem Blödfrauen würden schön die Klappe halten! SIE müssen ja NICHT mit den Konsequenzen ihrer Quacksalberei leben! Warum gibt es eigentlich keine Haftung für die Kunstfehler von selbst ernannten „Lebensberatern“, „Heilern“, „ganzheitlichen Therapeuten“  und wie sie sich alle nennen, die ihr knallhartes Geschäft mit den Ahnungs-, Hilf- und Ratlosen machen? Ihr Schimpfen auf die „Schulmedizin“ hat einen handfesten Grund: to make money. Je mehr man die anderen anschwärzt, desto mehr Kundschaft kommt zu einem selbst.

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[1] Warum wird eigentlich von manchen Leuten ausschließlich den Pharmas vorgeworfen, was- weil unverzichtbare Grundlage des Kapitalismus- allen Unternehmen vorzuwerfen wäre, von der Imbissbude bis zum Rüstungskonzern, von der Änderungsschneiderei bis zu den Energie-Riesen? Wenn Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise geübt werden soll, dann richtig: am gesamten System. Pharmas wie Banken, wie Autobauer etc. tun nur, was ihre Rolle ist: möglichst viel Gewinn erzielen für die Aktionäre. Dass ihnen dabei fast alles recht ist, ist nicht böser Einzelfall, sondern hat Methode und ist der grundsätzliche Designfehler am kompletten System.  Hier, da, dort, da auch und dort ebenso gibt es mehr dazu in meinem Blog .

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Aphorismus #449

Weil unser eingebautes existenzielles Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit in der physikalischen oder sozialen Welt niemals befriedigt werden kann, neigen wir zu Wahnvorstellungen und bizarren Glaubenssystemen. Es sieht so aus, als hätte die psychologische Evolution uns mit einer starken Tendenz versehen, unser gefühlsmäßiges Bedürfnis nach Stabilität und Bedeutung zu erfüllen, indem wir metaphysische Welten und unsichtbare Personen erschaffen.

Thomas Metzinger, Der Preis der Selbsterkenntnis in: Gehirn & Geist 7-8/2006

Aphorismus #448

Unwissenheit ist keine Schande. Anderen Leuten die eigene Unwissenheit aufzudrängen ist eine Schande.

Daniel Dennett, amerikanischer Philosoph

ein paar schöne Abwandlungen via linkBeim Klick auf’s Bild gibt es ein paar schöne Abwandlungen.
Eigentlich spricht es aber auch so Bände….

Veröffentlicht in:  on Donnerstag, 13. August 2009 at 00:02 Kommentare (1)
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Aphorismus #419

Sich im Schoß der Propheten auszuruhen, ist bequemer. Vom “Aufstieg der Menschheit” zu sprechen, ist verlockend, und natürlich will niemand den “Abstieg”. Das Paradoxe an unserer Situation ist, dass gerade dieser feste Glaube an den Aufstieg, an den Fortschritt, den Abstieg beschleunigen kann (und bereits zu beschleunigen begonnen hat). Maßgeblich beteiligt an der kritischen Situation, in die sich Homo sapiens manövriert hat, ist seine Überzeugung, etwas Besonderes, der Favorit der Evolution zu sein.

Frank M.Wuketits: Evolution und Fortschritt – Mythen, Illusionen, gefährliche Hoffnungen

Sensationelle Fortschritte im Vogelgesang!

Aphorismus #418

Man kann die Biografie nicht trennen von dem, was auf unseren Genen passiert. Äußere Ereignisse verändern zwar nicht die Gene selbst, aber die Genregulation. Die Wechselwirkung zwischen Veranlagung und äußerer Ursache führt zur Stoffwechselstörung im Hirn.

Prof. Dr. Dr. Florian Holsboer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München in einem lesenswerten Spiegel-Interview (Gibt es ab und zu, auch wenn sich die Redakteurin redlich bemühte, es zu versauen. Der Professor war einfach schlauer!) Gestoßen bin ich auf dieses Interview durch einen link im telepolis-Forum zu einem  Artikel mit dem reißerischen Titel „Doch kein Depressionsgen„. Dabei ging es mal wieder um eine neue Metastudie, die bewiesen habe, dass es kein Depressions-Gen gäbe. Ich konnte mich natürlich nicht zurückhalten, habe ausgiebig kommentiert und, was mich sehr freute, der Autor Stephan Schleim stieg in diese Diskussion mit ein. Allerdings stellte sich heraus: Wir konnten zusammen nicht kommen… Interessant war es auf jeden Fall.

Aphorismus #415

Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.

Karl Marx/ Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. 1845/46 MEW 3, S. 27,

Aphorismus #408

Wenn ich unterstelle, dass die Neurowissenschaften die Mechanismen aufdecken kann, die psychologischen Funktionen zugrunde liegen, dann unterstelle ich damit, dass es in der Tat das Gehirn ist, dass diese Funktionen ausübt – dass die Fähigkeiten des menschlichen Geistes tatsächlich Fähigkeiten des menschlichen Gehirns sind. Diese Annahme und die damit einhergehende Verabschiedung cartesischer, unabhängig vom Gehirn existierenden Seelen, Geister und sonstigen Hokuspokus ist keine verschrobene Idee. Im Gegenteil, sie ist eine höchst wahrscheinliche Hypothese,die sich auf die zur Zeit verfügbaren Erkenntnisse der Physik, Chemie, Neurowissenschaft und Evolutionsbiologie stützt.

Patricia Smith Churchland, Die Neurobiologie des Bewusstseins, in Bewusstsein: Beiträge aus der gegenwartsphilosophie, Thomas Metzinger (Hrsg), zitiert nach dem sehr empfehlenswerten Aufsatz von Ermanno Parvesi: „Von den Neurowissenschaften zur Neurophilosophie „

Aphorismus #394

Die naturalistische Antwort auf das Problem der individuellen Subjektivität lautet: Die »Perspektive der ersten Person« ist ausschließlich ein Darstellungsphänomen, dem nichts in der objektiven Struktur der Welt entspricht. Wir sind nicht auf mysteriöse Weise mit einer besonderen innerweltlichen Person und ihrem Standpunkt identisch, sondern wir besitzen in diesem Sinne überhaupt keine Identität: Wir sind eine intern mehr oder weniger stark korrelierte Menge aus physischen und psychologischen Eigenschaften, die sich durch die Zeit bewegt. Die Einheit des Selbstbewußtseins ist eine repräsentationale Fiktion.

Der Neurophilosoph Thomas Metzinger in: „Niemand sein. Kann man eine naturalistische Perspektive auf die Subjektivität des Mentalen einnehmen?“, S. 151. In: Sybille Krämer: Bewußtsein. Philosophische Beiträge. Frankfurt am Main 1996. 130-154.