Aphorismus #519

Sing-Sing ist der unfreiwillige Aufenthalt jener New-Yorker, die gefaßt werden, die übrigen New-Yorker, die nicht gefaßt werden, haben ihre Büros in der Wall Street.

B. Traven (gest. 1969), Der Schatz der Sierra Madre
B. Traven, der unter diesem Pseudonym schreibende Verfasser „proletarischer Abenteuerromane“ wusste, was sich bis heute nicht wirklich geändert hat…

Das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten

Eines aber möchten wir in absehbarer Zeit gewiß nicht hören: das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten, weil man sie dann grade so behandeln wird, wie sie heute den Reaktionären helfen, die Arbeiter zu behandeln.
Eines Tages wird es soweit sein. Die furchtbare Drohung, sich nunmehr bald an die frische Luft zu verfügen, wird von der Partei wahrgemacht werden, wahrscheinlich eine halbe Minute, bevor man sie auch in aller Förmlichkeit bitten wird, den Tempel zu räumen. Und dann wird sich die Führung besinnen: Jetzt sind wir in der Opposition. Mit einem großen O. Wie macht man doch das gleich …?
Da werden sie dann die Mottenkisten aufmachen, in denen – ach, ist das lange her! – die guten, alten Revolutionsjacken modern, so lange nicht getragen, so lange nicht gebraucht! Werden ihnen zu eng geworden sein. Und dann frisch als Sansculotten maskiert, vor auf die Szene. »Die Partei protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Gewaltmaßnahmen …« Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluß! Schluß!
Die werden sich wundern. Und sie werden keinen schönen Anblick bieten. Denn nichts ist schrecklicher als eine zu jedem Kompromiß bereite Partei, die plötzlich Unnachgiebigkeit markieren soll. Millionen ihrer Anhänger sind das gar nicht mehr gewöhnt; die Gewerkschaftsbureaukratie auch nicht, für die uns allerdings nicht bange ist: es findet sich da immer noch ein Unterkommen. Wären die Stahlhelm-Industriellen nicht so maßlos unintelligent – sie könnten sich das Leben mit denen da schon heute wesentlich leichter machen. Sie werden es sich leicht machen.
Alles gut und schön. Aber erzählt uns ja nichts von: Recht auf die Straße; Polizeiwillkür; Verfassung; Freiheit … erzählt sonst alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen –: das habt ihr verscherzt.

Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 22.09.1931, Nr. 38, S. 454

Der link zum Bild udn zu viel guter Musik

Aphorismus #480

Wir indes erleben, wie der konservative Klassenkampf von oben total geworden ist, ökonomisch genauso wie mental. Er hat Werte zertrümmert, radikaler, als es die Linke je vermocht hätte. Er hat ein kaltschnäuziges System geschaffen, das dem abgehängten Rest der Gesellschaft nach unten zuruft: Strengt euch gefälligst an.

Man mag es kaum glauben, aber diese phänomenale Erkenntnis hat Matthias Matussek in dem SPON-Artikel „Wie ich aus Versehen ein Linker wurde„. Sollte es doch so etwas wie „Erleuchtung“ geben?

Aphorismus #459

Utz Claassen, Meinhard Miegel, Raffelhüschen, Sinn, Olaf Henkel, Leute, von denen ich kein Butterbrot annehmen würde!

Albrecht Müller in einem Spiegel-Interview über ein paar Liebelings-Experten und Gäste bundesdeutscher Polit-Talk-Shows.

Warum man diesen Herren nicht über den Weg trauen sollte, merkt man, wenn man nur ein paar ihrer Pöstchen und Funktionen Revue passieren lässt:
Utz Claassen: Vorsitzender der BDI-Initiative „Innovationsstrategien und Wissensmanagement“; Mitglied der Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung; Honorarprofessor an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover; Mitglied des Stiftungsrates der Georg-August-Universität Göttingen…
Meinhard Miegel: … Vorstand des Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung; wissenschaftlicher Leiter des Ameranger Disputs der Ernst Freiberger-Stiftung…
Bernd Raffelhüschen: Berufung in die Rürup-Kommission; Mitglied im Aufsichtsrat der ERGO Versicherungsgruppe und der Volksbank Freiburg; wissenschaftlicher Berater für die Victoria Versicherung AG; Mitglied des Vorstands der Stiftung Marktwirtschaft; Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft; Beiratsmitglied der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen…
Hans-Werner Sinn: Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik; Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung; Präsident des International Institute of Public Finance; Fellow des National Bureau of Economic Research in Cambridge (USA); Mitglied im Aufsichtsrat der HypoVereinsbank…
Olaf Henkel: Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie; Präsident der Leibniz-Gemeinschaft; Senior Advisor“ der Bank of America; diverse Aufsichtsratsposten

Aphorismus #453

Die Expropriation der unmittelbaren Produzenten wird mit schonungslosestem Vandalismus und unter dem Trieb der infamsten, schmutzigsten, kleinlichst gehässigsten Leidenschaften vollbracht. Das selbsterarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation fremder, aber formell freier Arbeit beruht.

So kurz und knapp kann man die Geschichte des Kapitalismus zusammenfassen, wenn man Karl Marx heißt.
Das Kapital. 24. Kapitel: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. 7. Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation MEW 23, S.790

Veröffentlicht in: on Dienstag, 18. August 2009 at 00:02 Kommentare (2)
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Vergipst

Die Firma Knauf Gips aus dem beschaulichen Weinstädtchen Iphofen hat sich aus kleinen Anfängen zur Weltfirma gemau(s)ert. So ist es kein Wunder, dass sie auch im Iran vertreten ist, wie viele andere deutsche Firmen auch. Die deutschen Exporte in den Iran 2008 betrugen knapp 4 Mrd €, damit ist Deutschland der wichtigste Handeslpartner des Iran. Gute Geschäfte brauchen vor allem eines: ruhige und klare Verhältnisse, verlässliche Partner und störungsfreie Kommunikation mit den Herrschenden. Forderungen nach  mehr Demokratie, revolutionäre Umtriebe gar, ein eindeutiges Engagement der Mitarbeiter in der Opposition oder – Gott behüte- gar auf einer Demonstration, all das ist eher hinderlich. Was sage ich hinderlich? Kontraproduktiv ist es! Die Firma Knauf in Person von Isabel Knauf aus der Chefetage des Familienunternehmens hat dies mit der Unternehmern ganz eigenen Logik erkannt und in einem Brief an ihre iranischen Mitarbeiter diese unmissverständlich gewarnt:

We would like to remind all of our employees to remember that they are not only representing their private opinion when being politically active, but their actions could fall back negatively on our Knauf companies in Iran.

Therefore, from now on, if anybody from our company gets caught demonstrating against the current government, he or she will be immediately dismissed.“

Wer’s nicht glauben mag: hier gibt es den Original-Brief als eingescanntes PDF. Und hier steht der Artikel im Wallstreet Journal, das diese Geschichte ruchbar gemacht hat. Und wer es lieber auf Deutsch nachlesen möchte, wird hier fündig.

Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenrechte?
Alles nicht so wichtig: Hauptsache der Rubel rollt!

Veröffentlicht in: on Freitag, 31. Juli 2009 at 14:40 Kommentar schreiben
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Aphorismus #434

In der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im Teutoburger Wald.

Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 30. März 1957 in Berlin

Veröffentlicht in: on Donnerstag, 30. Juli 2009 at 00:02 Kommentar schreiben
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Aphorismus #420

Die Entrüstung über die Gesetze des Kapitalismus ist müßig. Auch wenn diese Entrüstung die Fallgesetze beträfe, hätte Gott dafür nur ein müdes Lächeln übrig.

Wieder mal etwas aus der beliebten Abteilung Un-, Wahn-, Schwach- und Hans-Werner Sinn. Was soll man dazu sagen, wenn Deutschlands klügster, bester, wichtigster und überhauptigster Professor vom Leder zieht? Nichts. Er desavouiert sich noch immer am besten selbst.

Veröffentlicht in: on Donnerstag, 16. Juli 2009 at 00:02 Kommentar schreiben
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Wasser, Brot und Margarita!

Wie kam es zur Finanzkrise?
Warum platzen Schecks, verschwinden Ersparnisse und gehen Banken pleite?
Was kann man dagegen tun?
Wer verdient daran?
Sind wieder mal nur die Juden schuld?
Welche Opfer müssen gebracht werden? Reicht ein Huhn, oder braucht es einen neuen Messias?
Und zu guter Letzt: was sollen wir tun? Nichts mehr kaufen oder weitermachen wie bisher?

Und was hat das alles mit einem Mixer zu tun?

Die Antworten auf all diese und noch viel mehr Fragen gibt es in der bitterbösen Southpark-Folge „Margaritaville“.
Viel Spaß!

P.S.: Den Hinweis auf diese Folge habe ich auf linksnet gefunden.
P.S.: So werde ich zu einem Spätbekehrten: Hätte nie gedacht, dass Southpark so gut ist!

Aphorismus #385

Die Reise nach Jerusalem – ein Wirtschaftsspiel

Diese Situation [an den Finanzmärkten] kann mit dem Spiel „Reise nach Jerusalem“ verglichen werden, das von 100 Spielern und 7 Gorillas (= Institutionelle Investoren) ausgeführt wird, die alle um gerade einmal 2 Stühle laufen. Solange die Musik spielt, alle also die verbrieften Geldansprüche akzeptieren, ist alles noch ganz lustig. Sobald die Musik aufhört, gibt es ein böses Erwachen! Hinter den Stühlen verbergen sich aber nicht nur die Zentralbankgelder, sondern alternativ auch die „realen Sachwerte“, um die die Auseinandersetzung inzwischen begonnen hat. Dieser Wettlauf findet aktuell schon statt – auf dem globalen Weltmarkt innerhalb des ungeregelten Weltfinanzsystems.
Gerade eine Situation „hoher“ Liquidität bei wenigen und Liquiditätsengpässen bei den anderen sind „optimal“ für eine Realvermögens-Umverteilung „unter Preis“. Um einen Konkurs wegen Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden (Spieler, die keinen „Stuhl“ ergattern konnten), müssen von diesen „normalen“ Mitspielern Sachwerte an die Gorillas, die liquiden Institutionellen Anleger, veräußert werden (der Verlierer muss ein „Pfand“ abgeben).

Der Ökonom Dr. Dirk Stolte in der lesenswerten „Partialanalyse zur Weltfinanzsystem-Krise – Gewinner und Verlierer der Finanzkrise – Die ‘Reise nach Jerusalem’

Noch Fragen zu Arcandor, Chrysler, Opel und Co?