Aphorismus #549

Wort zum Sonntag #28

Das Christentum [1] ist in der Tat offen gegenüber allen [2], was in den Kulturen und Zivilisationen an Gerechtem, Wahrem und Reinem [3] ist, gegenüber dem, was unserem Dasein Freude schenkt, uns tröstet und stärkt [4]. Der hl. Paulus hat im Philipperbrief geschrieben: „Was immer wahrhaft edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heisst und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (4,8). Die Jünger Christi erkennen daher die echten [5] Werte der Kultur unserer Zeit – wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die technologische Entwicklung [6], die Rechte des Menschen [7], die religiöse Freiheit [8], die Demokratie [9]– und nehmen sie gerne an.

Papst Benedikt XVI. beim Kongress der katholischen Kirche in Italien, 19. Oktober 2006 in Verona

Klingt doch toll, was Benedikt XVI. da so von sich gibt. Demokratie, Freiheit, Fortschritt, Lebensfreude sind ja nicht unbedingt Worte, die seitens der katholischen Kirche inflationär gebraucht werden. Das klingt so gar nicht nach der üblichen römischen Miesmacherei, die am liebsten alles verbieten möchte, was den Menschen Freude macht . Ganz schön modern und weltoffen hört sich das alles an. Ein Papst zum Bejubeln, ein Papst, der was zu sagen hat!
Na ja. SO einfach kann es auch wieder nicht sein? Oder etwa doch?
Meint Benedikt es ernst mit seinen Worten? Klar tut er das. Und genau das ist das Problem: er meint zu 100% ernst, was er da sagt!
Als gelernter Dogmatiker ist der ehemalige Vorzeigetheologe Ratzinger jemand, der seine Sprache ganz genau und sehr bedacht einsetzt. KEINES seiner Worte bei öffentlichen Grundsatzreden kommt zufällig über seine Lippen. Die besondere Crux dabei ist, dass er Worte aus dem Alltagsgebrauch in einem ganz anderen Sinn benutzt udn dass er sich oft genug einer Sprache befleißigt, die überall anders nahezu ausgestorben ist.

Hier eine kleine Übersetzungshilfe „Papst – Deutsch“ zum Eingangszitat:

[1] Christentum = Die Katholische Kirche. Und nur sie!
Die anderen Konfessionen werden erst dann für voll genommen, wenn sie den Primat des Papstes anerkennen, will heißen: ihre Eigenständigkeit aufgeben. Der Absolutheitsanspruch des Papstes ist nicht auf die eigenen Schäflein beschränkt, sondern betrifft die ganze Welt. Das drückt allein schon das kleine Wörtlein katholisch aus. Es setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern: „κατά kata = von…her, herab… für“ und „ὁλός holos = ganz“ und bedeutet nichts weiter als den Anspruch der Kirche auf’s oder für’s Ganze! Bescheiden und Demut verlangen die Päpste immer nur von anderen!

[2] Offen gegenüber allen = Im Gegensatz zu allen, in Abgrenzung von allem, kein Teil der Welt, sondern Gottes Sprachrohr für die Welt.
Im Grund genommen bedeutet dieses Wort das genaue Gegenteil, von dem, was man zu hören meint: Auf der einen Seite steht mit dem Papst an der Spitze die Kirche mit Gottes Auftrag: unfehlbar, heilig, katholisch etc pp Ihr gegenüber steht „nur“ die „Welt“, die Zivilisationen und Kulturen. War die Kultur im „christlichen Abendland“ der vergangenen Zeiten ausschließlich katholisch, wurde sie von den Kirchenmännern definiert, so ist man heute wenigstens so „liberal“, dass man anerkennt, was zu leugnen kompletter Unfug wäre: es gibt eine säkulare Kultur, es gibt Zivilisation außerhalb der Kirche. Gut. Bzw. schlecht! Machen wir das beste draus, reden wir von Offenheit und Gespräch, irgendwie muss das gottlose Pack doch wieder in die Kirchen zu bekommen sein!

[3] Das Gerechte, Wahre und Reine = Die Lehren der Kirche und alles, was zufällig mit ihnen übereinstimmt.
Man kann dem klassischen bürgerlichen Kunstideal vom „Wahren, Schönen und Guten“ durchaus mit Skepsis und Kritik begegnen, aber eins hat es nicht verdient: dass es durch den Oberkatholiken in seiner krankhaften Herrschsucht vereinnahmt und flugs umgedreht wird. Es ist immer dasselbe üble Spiel der katholischen Wortverdreher: mit salbungsvollem schwülstigen Worten lullen sie dich ein und eh du dich versiehst, stehst du in ihrer Kirche. Ach was sage ich: kniest du in ihrer Kirche! Gerechtigkeit und Wahrheit, das hat tatsächlich was mit Aufklärung zu tun, aber bestimmt nicht die Wahrheit der Bibel und die Gerechtigkeit eines Jüngsten Gerichts am St. Nimmerleinstag. Und Reinheit? Nun, das ist was für RomantikerInnen, für Teenager, die im „Twilight“ auf  den Biss eines Vampirs warten, und eben für alte Herren in Frauenkleidern, die gerne mal einen Knaben auf ihrem Schoß sitzen haben. Ich könnte jedes mal kotzen, wenn mir diese Typen etwas von Reinheit vorlügen, die sie selbst am allerwenigsten haben. Widerlich.

[4] Was unserem Dasein Freude schenkt, uns tröstet und stärkt = Das liebe Jesulein, die Bibel, die Lehren der Kirche und alles, was von ihr in Beschlag, sorry in Dienst genommen wird.
Mit Zivilisation und Kultur beginnt der Papst. Bei seinem Verein und bei sich selbst landet er, endet er, endet alles. Denn Trost und Stärkung, wahre Freude – da sind ja alles die ureigensten Werke der Kirche. Und flugs wird aus der Bibel zitiert, in der natürlich das steht, was der scheinheilige Vater von sich gibt. Und woanders steht das Gegenteil, das kann man dann an passender Stelle einbringen: vom Gericht über die Gottlosen, von der unbedingten Trennung der Heiligen von der Welt usw Schon praktisch so ein Steinbruch, aus dem man sich für alle Fälle das eine oder andere Steinchen heraus brechen kann, oder einen riesigen Stein, mit dem man dann alles platt walzt… Auch wenn es ihm und seinen Apologeten in den deutschen Redaktionsstuben nicht passt: Trost, Stärkung, Freude, auch das Wahre, das Gute und das Schöne, das alles gibt es auch (besser: nur!) ohne den ganzen katholischen Zinnober, ohne Gott, ohne Bibel, ohne Himmel und Hölle.. Das ist halt nur nicht so bequem zu haben wie der sonntägliche Gottesdienst, oder das Abendgebet. Aber dafür ist es ein freies Leben, keines mit den zahllosen Vorschriften rachsüchtiger Götter.

[5] Echt = christlich, katholisch, vom Papst abgesegnet, der Tradition entsprechend.
Etwas Echtes ist in diesem Zusammenhang nicht wirklich echt, sondern nur dem Papst genehm. Es ist so falsch wie heruntergeleierte Litaneien, es ist so verlogen wie die Verheimlichung von Kindern katholischer Priester, es ist so heuchlerisch wie eine Moral, die schier alles verbietet, um es dann hinterher im Beichtstuhl zu vergeben, es ist so unwahr wie das ganze katholische Lehrgebäude, das ein pures Luftschloss ist. Echt und Kirche, das sind zwei Wörter, die sich beißen, die nie zusammengehen können und werden.

[6] Wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklung = Wissenschaft und Technik haben sich gefälligst innerhalb der Grenzen der katholischen Lehre zu bewegen.
Galileis Fernrohr war ‘ne schöne Sache, aber dass der Ketzer damit das Weltbild der Kirche in Frage stellte, das hätte er nicht tun dürfen! Und so hält es die Kirche noch heute! High-Tech-Medizin ist schön und gut, aber die Geräte dürfen bei einem Hirntoten NIEMALS abgeschaltet werden. Die Ergebnisse der Genetik sind eine tolle Sache, aber an menschlichen Genen darf NIEMALS herumgedoktert werden. Und Embryonen sind sowieso so was von sakrosankt, die dürfen NIEMALS eine Petrischale sehen.
Die Kirche erkennt bei den Naturwissenschaften nur widerwillig an, was offensichtlich ist. Nach wie vor fordert sie von den Wissenschaftlern Unterordnung unter ihre Dogmen. Da hat sich seit den Zeiten eines Galileo Galilei oder Giordano Bruno nichts geändert. Wie auch: Wer die göttliche Wahrheit auf seiner Seite weiß, der muss sich nicht ändern, das müssen immer nur die anderen.

[7] Die Rechte der Menschen = die bestehen vor allem darin, sich der katholischen Kirche unterzuordnen.
Es ist kein Zufall, dass Benedikt nicht von Menschenrechten spricht, wie allgemein üblich. Dieser böse Begriff aus der noch viel böseren Aufklärung, der geht ihm einfach nicht locker über die Lippen. Die Kirche hatte 1500 Jahre Zeit für die Rechte der Menschen einzutreten, sie hat es vergeigt. Sie hat immer nur im Namen Gottes ihr eigenes Recht durchgesetzt. Mit allen Mitteln. Sollte man sich von solch einer Institution sagen lassen, was Menschenrechte sind? O.K. diese Frage ist rein rhetorisch.

[8] Religiöse Freiheit = Die Freiheit, katholisch zu werden und zu sein.
Tun wir mal so, als ob wir die anderen Religionen und christlichen Konfessionen anerkennen würden. Tun wir mal so, als ob es um das allgemeine Menschenrecht auf freie Religionsausübung ginge. Tun wir mal so, als ob es nicht um die eigenen Macht, den eigenen Einfluss und die eigene Kundengewinnung (=Mission oder Neu-Evangelisierung Europas) ginge. Wie sehr es die Katholiken ernst damit meinen, das zeigen sie überall dort, wo sie in der Mehrheit sind, wo sie Privilegien und staatliche Protegierung genießen, wo sie eben nicht auf dem freien Markt der Religionen ein Anbiete runter vielen sind. Sie können es nicht lassen: sie müssen immer noch überall hineinreden und hineinregieren, wo man sie lässt.

[9] Demokratie = Das kleinere Übel im Vergleich zu den gottlosen Diktaturen des Staatssozialismus, aber das viel größere Übel verglichen mit den faschistischen Diktaturen wie einst in Spanien, Italien, Chile und anderswo.
Heute wollen die Leute Demokratie? O.K. machen wir gute Miene zum bösen Spiel… Solange die Kaiser, Könige, Feldherrn und Despoten dieser Welt, die Kirche in Ruhe gelassen haben, oder noch besser, die Kirche mit an der Macht beteiligt haben, solange hatte sie NIE ein Problem mit jeder erdenklichen Form von Unterdrückung. Die war nur böse bei Lenin, Stalin und Konsorten, denn diese verstießen gegen das alleroberste Gebot aus dem Vatikan:

Du darfst nichts gegen Rom sagen und tun, ja nicht einmal denken!

Das sind Demokratie, Freiheit und Menschenrechte im Verständnis des Papstes und seiner Altherrenriege, die über die katholische Kirche herrscht, und am liebsten die ganze Welt beherrschen möchte! Man muss nur richtig hinhören: der Papst, seine Kardinäle und Bischöfe- sie sagen ganz offen, was sie denken und wollen!

[2]

Aphorismus #512

Anarchy is the true nature of all things. Monarchy, democracy, communism, all useless forms to control the human mind. But a mind cannot be controlled. It cannot be restrained. It has no boundaries. It has its will. Anarchy is the true nature of all things.

Alex Battig
Leider habe ich über den Urheber des Zitats nichts weiter finden können. Ändert aber nichts an der Aussage. ;-)

Veröffentlicht in:  on Freitag, 16. Oktober 2009 at 00:02 Kommentare (1)
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Scherbengericht

Schon einmal habe ich eine ganz eigene Wahlurne aufgestellt. Da jetzt die Bundestagswahl dräut, hier  noch einmal die Frage: Welchen Politikhanseln würdest du ganz bestimmt NICHT deine Stimme schenken?

Diese Umfrage ist selbstverständlich absolut repräsentativ für jeden Einzelnen, nicht beeinflusst oder irgendwie sonst kreativ umgedeutet, und geht darum NICHT in die offiziösen Umfragen bei ARD, ZDF, RTL & Co. ein.
Soviel Demokratie und Meinungsfreiheit muss sein.

Veröffentlicht in:  on Mittwoch, 16. September 2009 at 09:17 Kommentare (3)
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Aphorismus #474

Mit welchem Stolz geht der Wähler zur Urne! Erfüllt er sein heiligstes Recht, alle fünf Jahre einmal einen Zettel mit dem Namen einer anderen Null feierlich zur Auszählung abzuliefern! Wie unentbehrlich kommt er sich vor!

Noch einmal etwas aus Erich Mühsams Text „Zur Naturgeschichte des Wählers“ von 1907. Wer ihn noch nicht kennt: unbedingt nachholen!  ;-)

Deine Wahlurne - Bitte Wahlzettel gleich hier einwerfen!

Deine Wahlurne - Bitte Wahlzettel gleich hier einwerfen!

Veröffentlicht in:  on Dienstag, 8. September 2009 at 00:02 Kommentare (4)
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Aphorismus #462

Die Stimmabgabe jedes einzelnen Wählers hat also für den Gang der Geschicke eines Volkes ebensoviel zu bedeuten. wie der Rauch einer Zigarre, der sich im weiten Raum einer Wolke beimischt, für den Niederschlag eines Gewitters.

Erich Mühsam (1878 – 1934)

Zur Naturgeschichte des Wählers (1907)

Parlamentswahlen (nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht) werden in der Regel als politische Stimmungsbarometer angesehen. Man hat sich gewöhnt zu glauben, daß die ausgezählten Majoritäten die im Lande vorherrschenden positiven Gesinnungen spiegeln. Das ist eine Verkennung der Massenpsychologie. Der Psychologe darf bei der Beurteilung einer von vielen gemeinsam geführten Aktion die Stellung jedes einzelnen zu der ihn mitumfassenden Vielheit nicht übersehen. Er darf nicht vergessen, daß ein Ich, je dürftiger und nichtiger es dasteht, d.h. je größer die Majorität ist, der es zugehört, umsomehr das Bedürfnis fühlt, sich als Mitglied der Masse persönlich zu dokumentieren. Hat eine große Persönlichkeit den Drang, seine Seele im Rhythmus der Welt schwingen zu lassen, so sucht umgekehrt das Massenmenschchen den Radau des Alltagslebens, den es Welt nennt, auf seine spezielle Existenz zu beziehen, um sich als „Persönlichkeit“ gefallen zu können. So und nicht anders ist die Massenneurasthenie zu erklären, die jede politische Bewegung hervorruft, und der Ausfall von Parlamentswahlen bietet somit in erster Reihe Interesse als statistisches Material für den Neurologen.
In welchem Prozentsatz sich die abgegebenen Stimmen auf die einzelnen Parteigruppen verteilen, ist psychologisch sehr belanglos. Majoritätsmensch ist nicht der nur, der zu den Wählern des endlich siegenden Kandidaten zählt, sondern jeder, der von seinem Stimmrecht Gebrauch macht; jeder also, der seine Meinung als maßgeblich für die Mehrheit ansehen möchte, weil er sie für so gut hält, daß sie ihm als Normalmeinung seiner Zeitgenossen geeignet erscheint. Das Prinzip der Wahl ist ein durchaus demokratisches Prinzip. Es hat die Tendenz, aus der Volksseele einen Diagonalwillen zu destillieren. Jeder Wähler erkennt mit der Ausübung seines Rechts dieses Prinzip ausdrücklich an, das Prinzip der Berechtigung des Mehrheitswillens, das einzelne, selbständige Individuum zu unterdrücken, es den Beschlüssen der Majorität der aus der Majorisierung der Minoritäten hervorgegangenen Körperschaften gefügig zu machen, aus jeder Persönlichkeit eine Nummer im Gesamtbetriebe und aus jeder autonomen Regung eine Gefahr für das demokratische Ganze herzustellen.
Jeder Wähler ist ein Tröpfchen von dem Öl, das die große Staatsmaschine schmiert. Was er wählen darf, ist allein das Ölkännchen, aus dem er in das Räderwerk träufeln darf, und von dem je nach der Größe des Behälters ein Schuß mehr links oder ein Schuß mehr rechts in den Apparat gegossen wird, dessen Hauptwalze sicher und exakt funktioniert, unbeirrt darum, welche von den vielen Seitenrädchen sich etwas schneller und welche sich etwas langsamer um ihre Achse drehen. Die Stimmabgabe jedes einzelnen Wählers hat also für den Gang der Geschicke eines Volkes ebensoviel zu bedeuten. wie der Rauch einer Zigarre, der sich im weiten Raum einer Wolke beimischt, für den Niederschlag eines Gewitters.
Für den Psychologen sind alle Wähler konservativ. Sie haben ausnahmslos das Bestreben, in das Rädchen zu fließen, das dem mächtigen Staatsrad am schnellsten vorwärts hilft. Sie erkennen damit die Notwendigkeit des Bestehenden und den Wert seiner Erhaltung an. Im Gegensatz zur konservativen Partei steht ausschließlich die Gruppe der Nichtwähler, stehen die paar Individualisten, Anarchisten, Künstler und Skeptiker, die in der Staatswalze einen Apparat erkennen, die Persönlichkeit durch die Masse zu wälzen und in jedem ihrer Räder ein Instrument, die Individualität, deren ein Riemen habhaft werden kann, zu rädern. Sie sind revolutionär. Ihr negatives Verhalten bezweckt die Unbrauchbarmachung der ganzen Maschine, entweder dadurch, daß durch das Einrostenlassen aller Seitenräder die Mittelachse gezwungen wird, sich aus eigener Despotenkraft zu drehen – eine Betriebform, die infolge der Vereinfachung des Werkes dem Individuum sehr viel weniger gefährlich ist, als die demokratische Versimpelungsfabrik – oder durch die positive Aktion des Sabots, d.i. die gewaltsame Außerbetriebsetzung des Werks. Wirft man Seife in den Kessel, so platzt der Apparat, und seine Wirksamkeit ist vernichtet.
„Revolutionär“ nennt sich nun freilich auch die Sozialdemokratie, die Partei, der die Massensuggestion, der Wahlakt sei eine heilige Handlung, in erster Linie zu danken ist, und der es – aus Gründen, die gleich erörtert werden sollen – niemals beizubringen sein wird, daß die Beteiligung an der Wahl ein Bekenntnis zur bestehenden Staatsordnung in sich schließt und eine im Kern antirevolutionäre Demonstration darstellt. Man hat ganz haarsträubende Motivierungen konstruiert, die die revolutionäre Tendenz der prinzipiellen Umgestaltung des Staatswesens mit der konservativen Wahlaktion in Einklang bringen sollen. Man behauptet und glaubt, die Zentralisation allen Schmieröls in einer dicken Kanne werde das Mittelrad in einen so rapiden Schwung versetzen, daß es alle Seiten und Nebenräder rotierend mitreißt und sich so ganz aus sich selbst heraus zu jener prächtigen Zentral- und Universalwalze entwickelt, die den idealen einheitlichen Brei aller Staatsbürgerfunktionen produziert, der der fromme Traum jedes unverfälschten Demokraten sein muß.
Man wird nicht von mir verlangen, daß ich diesen ideologischen Blödsinn ernsthaft widerlege. Mir kommt es darauf an zu zeigen, welche tieferen unterbewußten Gründe gerade die Partei, die die Masse hinter sich zu haben strebt, und die am meisten mit den Masseninstinkten rechnen muß, zu ihrer Sakrifikation der Parlamentswahl bewegen.
Der Mittelmensch, der Bürger, der aus der Not seiner Wesensgleichheit mit all seinen Mitmassenmenschen eine Tugend herleitet, hat gleichwohl das starke, seelische Bedürfnis, sich persönlich zu dokumentieren. Das innerstempfundene Gefühl seiner eigenen Unwesentlichkeit, der letzten Endes auch im Nichtigsten schlummernde Drang nach Unsterblichkeit, der verborgene Trieb, irgendwie doch einen noch so verschwommenen Schatten zu werfen, drängt ihn ans Sonnenlicht. Aus diesem Triebe sind so viele Äußerungen zu verstehen, die dem kleinen Mann Vergnügen machen. Wird irgendwo ein Haus photographiert, gleich stehen eine Reihe guter Leute in Positur vor der Fassade, um mit aufs Bild zu kommen. Sie werden ihr Konterfei nie zu sehen kriegen, der Photograph und der Besitzer des Hauses, die es anschauen werden, werden nie erfahren, wer die Leutchen sind, deren Typen sie vor sich haben, werden sich auch nie Gedanken darüber machen – aber der Bürger fühlt seine Befriedigung, weil seine Physiognomie irgendwo festgehalten ist; seinem Unsterblichkeitsdrange ist wenn auch noch so dürftig – Genüge geschehen. Ein noch beliebteres Mittel, seine Wesenheit in die Ewigkeit hinüberzuretten, ist das Anschreiben des Namens an Stellen, wo recht viele fremde Menschen ihn lesen werden, auf die Ruhebänke in gernbesuchten Parks, vor allem an Pissoirwände. Den Kommis und den Bäckergesellen, den Primaner und den Bücherrevisor überkommt ein Gefühl innerster Beruhigung, wenn er das Häuschen mit dem Bewußtsein verläßt, für seinen Nachruhm etwas getan und – sei es nur durch seinen Namenszug, sei es durch eine schweinische Zeichnung oder einen obszönen Vers – seiner tieferen Wesensart den Sprung in die Ewigkeit erleichtert zu haben. Jedenfalls hat er seiner Existenz einen weiteren Resonanzboden geschaffen, als sie auf korrektere Art gefunden hätte.
Mit diesem Phänomen rechnet die sozialdemokratische Parteileitung; muß sie rechnen, um. eine Massenbewegung hinter sich zu haben. Sie muß ihren Mitgliedern, grade weil sie sich zu einer die Persönlichkeit eliminierenden Tendenz bekennen sollen, die Gelegenheit bieten, sich persönlich wichtig zu machen. Mit welchem Stolz geht der Wähler zur Urne! Erfüllt er sein heiligstes Recht, alle fünf Jahre einmal einen Zettel mit dem Namen einer anderen Null feierlich zur Auszählung abzuliefern! Wie unentbehrlich kommt er sich vor! Sein Name steht in den Wahlregistern eingetragen, wird öffentlich aufgerufen; er kann selbst hervortreten, sich coram publico zu seinem Namen bekennen, kann sogar zwischen verschiedenen Zetteln, die ihm Weltanschauungen repräsentieren, aussuchen und kommt sich vor, als ob er am Steuerrad der Historie drehte. Die Befriedigung, die ihm das Bemalen der Abtrittswand erweckt, erfüllt sich beim Wahlakt potenziert.
Wer da glaubt, die ursprüngliche causa movens des Wählers sei politisches Interesse, sei die ernste Sorge um die Verwaltung des Vaterlandes, der irrt. Das Parteigefühl ist in fast allen Fällen erst nachträglich als Beweggrund zum Wählen eingeschoben. Aber soviel Selbstpsychologe ist der Staatsbürger nicht, um zu erkennen, daß er in der Wahrung seiner vornehmsten Rechte kleinlicher Eitelkeit folgt. Er konstruiert erst aus der Handlung, die er gern tut, das Motiv, das ihm diese Handlung erst recht weihevoll erscheinen läßt. Es geht so wie Nietzsches bleichem Verbrecher, der den von ihm Ermordeten beraubt, um vor sich selbst einen Grund zum Mord zu haben. Der Ausfall der Wahl regt den Wähler kaum anders auf, als das Ende eines Wettrennens den, der auf ein bestimmtes Pferd gesetzt hat. Daß es sich bei dem Wettenden um Geld handelt, während sich der Wähler ideelle Interessen einbildet, macht keinen Unterschied. Denn erstens stehen alle Staatsbürgerideale auf materieller Grundlage und werden erst in der politischen Abstraktion ideell verklärt, und zweitens verquickt sich bei dem Startsetzer das Interesse an der riskierten Summe so sehr mit der Aufregung des Zuschauens, daß es sich zu einer wirklich begeisternden Spannung auswächst.
Eine kleine Probe aufs Exempel bestätigt, was ich hier gesagt habe. Die anarchistische Taktik verwirft das Wählen prinzipiell. Sie wendet sich an den Arbeiter mit der Aufforderung, lediglich auf seine wirtschaftliche Förderung bedacht zu sein. Sie weist ihn auf die Kampfmittel hin, mit denen er sich hohe Löhne und kurze Arbeitszeit – also den größten für ihn wünschenswerten Nutzen – erobern kann: auf Klassenkampf und Streik. Sie warnt ihn vor dem Parlamentarismus, der an sich staatsstützend ist und als Ausbeutungswaffe ehrgeiziger Führer gegen die Arbeiter protegiert wird; betont die Nutzlosigkeit und die absolute Gleichgültigkeit des Ausfalls der Wahlen, weil es gar nicht von Belang ist, wer die Dummheiten macht, von der jede Gesetzlichkeit lebt. In Deutschland wird das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht seit 40 Jahren ausgeübt, ohne daß der Sozialismus die allermindeste Förderung dabei erfahren hat. All das führt die anarchistische Taktik gegen die Sozialdemokratie an; all das habe ich ungezählte Male in Arbeiterversammlungen hervorgehoben. Aber, kommt in einer sozialdemokratischen Versammlung irgend ein Agitator einer anderen Partei zum Wort, der den Arbeitern sagt: Wählt nicht den Müller! Wählt den liberalen Meyer oder den Antisemiten Schultz! – dann wird er mit sanfter Ironie abgefertigt, dann begründet man, weshalb nicht der Meyer oder der Schultz, sondern grade akkurat der Müller gewählt werden muß. Anders, wenn ein Anarchist spricht. Ihn, der doch ganz vom materiellen Interesse des Arbeiters ausgeht, der ganz sachlich, ganz unpersönlich diskutiert, widerlegt man nicht. Er wird niedergebrüllt, als Schuft, Polizeispitzel, Söldling der Gegner persönlich verdächtigt oder – wie es mir kürzlich in einer großen Wahlversammlung in München erging – tätlich insultiert.
Diese oft beobachteten, immer sich wiederholenden Tatsachen beweisen wohl, was ich oben behauptet habe: daß der Massenmensch nicht aus irgendwelchen materiellen, politischen oder ideellen Gründen wählt, sondern daß ihm das Wählen Selbstzweck ist. Der Anarchist, der das Wählen an sich angreift, verletzt sein Gefühl. Mit dem ist nicht zu debattieren; der ist ein Lump … Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Und dem Volke muß die Möglichkeit erhalten bleiben – oder geschaffen werden -, sich an Pissoirwänden und Wahlgefäßen zu manifestieren.

DIE FACKEL, IX. Jahr, Nr. 223-224, Wien 12. April 1907
http://www.anarchismus.at/txt5/muehsam27.htm

Veröffentlicht in:  on Donnerstag, 27. August 2009 at 00:02 Kommentare (13)
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Vergipst

Die Firma Knauf Gips aus dem beschaulichen Weinstädtchen Iphofen hat sich aus kleinen Anfängen zur Weltfirma gemau(s)ert. So ist es kein Wunder, dass sie auch im Iran vertreten ist, wie viele andere deutsche Firmen auch. Die deutschen Exporte in den Iran 2008 betrugen knapp 4 Mrd €, damit ist Deutschland der wichtigste Handeslpartner des Iran. Gute Geschäfte brauchen vor allem eines: ruhige und klare Verhältnisse, verlässliche Partner und störungsfreie Kommunikation mit den Herrschenden. Forderungen nach  mehr Demokratie, revolutionäre Umtriebe gar, ein eindeutiges Engagement der Mitarbeiter in der Opposition oder – Gott behüte- gar auf einer Demonstration, all das ist eher hinderlich. Was sage ich hinderlich? Kontraproduktiv ist es! Die Firma Knauf in Person von Isabel Knauf aus der Chefetage des Familienunternehmens hat dies mit der Unternehmern ganz eigenen Logik erkannt und in einem Brief an ihre iranischen Mitarbeiter diese unmissverständlich gewarnt:

We would like to remind all of our employees to remember that they are not only representing their private opinion when being politically active, but their actions could fall back negatively on our Knauf companies in Iran.

Therefore, from now on, if anybody from our company gets caught demonstrating against the current government, he or she will be immediately dismissed.“

Wer’s nicht glauben mag: hier gibt es den Original-Brief als eingescanntes PDF. Und hier steht der Artikel im Wallstreet Journal, das diese Geschichte ruchbar gemacht hat. Und wer es lieber auf Deutsch nachlesen möchte, wird hier fündig.

Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenrechte?
Alles nicht so wichtig: Hauptsache der Rubel rollt!

Veröffentlicht in:  on Freitag, 31. Juli 2009 at 14:40 Kommentar schreiben
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Aphorismus #186

Was Mrs. Block von „Demokratie“ hält

block23Und hier gibt’s die anderen Abenteuer von Mr. Block in meinem Blog.

Veröffentlicht in:  on Sonntag, 23. November 2008 at 00:01 Kommentar schreiben
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Aphorismus #181

Wenn andere meinen, sie haben eine Demokratie, dann ist es doch ihr Recht, das zu äußern. Und ich äußere eben: Wir haben keine Demokratie.

Peter Sodann, Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten der Linken, in einem Fernsehinterview auf Phönix. Wenn er Bundespräsident wird und nicht Köhler oder Schwan, DANN hat Demokratie auch bei unseine Chance. Wenn …

Aphorismus #94

Der Parteienstaat ist die Verfallserscheinung der Republik. Er ist wesentlich verantwortlich für die Entdemokratisierung der Politik, weil die Parteien ihre Macht durch deren Internationalisierung sichern.

Karl Albrecht Schachtschneider (*1940) in einem Interview im Online-Magazin telepolis, auf das ich hier schon verlinkt habe.

BRD = Bananenrepublik Deutschland?

Gibt es noch substantielle Unterschiede bei der Verletzung demokratischer Regeln in China, im Russland Putins, im Italien Berlusconis und bei uns?

So ist ein Artikel von Albrecht Müller in den Nachdenkseiten überschrieben, den ich gerne weiter empfehle und den es hier nachzulesen gibt.

Veröffentlicht in:  on Mittwoch, 13. August 2008 at 19:06 Kommentar schreiben
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