Aphorismus #556

Wort zum Sonntag #29

Jesus ist das Gegenstück eines Genies: Er ist ein Idiot.

Heute ganz kurz, aber ganz zutreffend ein erbauliches Wort von Friedrich Nietzsche, Nachlass, KSA 13: 14[38]
Oder ist es keine Idiotie, keines, wirklich KEINES seiner Ziele zu erreichen?
Mehr dazu in meinen anderen Beiträgen dieser Kategorie!

Aphorismus #535

Wort zum Sonntag #26

Jesus Christ Superstar

oder

Wie man es als einfacher Wanderprediger schafft, 2000 Jahre lang verehrt zu werden!

„Wenn die Kirchen machen würden, was Jesus gepredigt hat, die Welt wäre ein besserer Ort!“
„Wenn die Christen immer tun würden, was Jesus gewollt hat, dann könnte ich vielleicht auch glauben!“
„Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit- alles Dinge, die Jesus wollte, und die Christen nicht tun!“
„Jesus war der erste Hippie! Deswegen musste er sterben!“
„Jesus wurde wegen seiner revolutionären Lehren hingerichtet. DAS hat den Mächtigen nicht gepasst!“

Es ist schon seltsam: mit wem man auch diskutiert, ob mit dem Hardcore-Katholiken, dem „normalen“ Kirchgänger, dem New-Age-Jünger, dem linken Aktivisten, dem Agnostiker oder sogar manchem Atheisten- eines eint sie fast immer: die Bewunderung für diesen Jesus von Nazareth! Das sollte einen doch sofort stutzig machen, oder? Dass Leute mit diametralen Positionen, wie es scheint, einen gemeinsamen Punkt haben: die Bewunderung für eine Person, in deren Namen Großes aber auch Furchtbares vollbracht wurde. Die Gründe für die Bewunderung des Nazareners sind allerdings sehr, sehr unterschiedlich. Ist er für die einen der Sohn Gottes und der kommende Herr und Richter der Welt, so ist er für die andere ganz einfach der Mensch, wie er sein sollte, der Sozialrevolutionär, der Weisheitslehrer, der Guru eines neuen Zeitalters oder oder… So hat jeder sein Bild von Jesus und darum hat er, wie es scheint, immer und überall große Fürsprecher. Aber woher rührt diese ungeteilte Beliebtheit? Warum hat Jesus so eine unverschämt gute Presse? Ich will dieser Frage hier nachgehen in den Kapiteln:

Jesus Riding a Dinosaur Pictures, Images and Photos

„Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd.
Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit.“
Offenbarung 19, 11
Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt…

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Aphorismus #530

Die Gegenwart ist schon ohne Jesus Christus schlimm genug.

Brian W. Aldiss, Terror (zitiert nach Georg Seeßlen, „James Joyce auf Acid“ in: konkret 11/2009 S. 64)

Aphorismus #507

Wort zum Sonntag #22

Bekifft ohne Drogen!

Und als Paulus die Hände auf sie legte, kam der Heilige Geist auf sie und sie redeten in Zungen und weissagten.

Apostelgeschichte 19,6

Wahnsinn, oder? Wenn in Wacken oder in Roskilde die Leute so drauf sind, heißt es sofort: „Was haben die genommen?“ „Hilfe! Polizei!“ oder: „DAS möchte ich auch haben!“ Nun bekanntermaßen hat jede Droge ihren Preis- und damit meine ich nicht den beim Dealer. Der Preis bei exzessivem Alkoholkonsum ist körperlicher und psychischer Verfall, sozialer Abstieg und irgendwann die völlige Depravation. Der Preis für den übermäßigen Konsum von Halluzinogenen- angefangen bei magic mushrooms bis hin zum LSD- ist die stetige Gefahr, dass man eines Tages in seinem Trip hängen bleibt. Der Preis für die „Taufe mit dem Hl. Geist“, für ekstatisches Zungenreden, für das komplette „Außer-Sich-Sein“ ist die Komplettaufgabe des eigenen Verstandes udn damit verbunden die Auslieferung seiner selbst an den charismatischen Prediger. Wer am Sonntag wie wild durch die Gegend hüpfen, Unverständliches vor sich hinstammeln  und so die himmlische Glückseligkeit hienieden erfahren will, der muss von Montag bis Samstag unter der Fuchtel eines rigiden Moral leben, muss eine Weltsicht teilen, die finsterstes Mittelalter ist. Im Gefolge von „Geistestaufe“ [1], verzückter „Zungenrede“, Ergriffensein vom Hl. Geist und anderen außergewöhnlichen „geistlichen“ Erlebnissen kommt dies so sicher wie das Amen im „erweckten“ Gottesdienst, nämlich andauernd, völlig überflüssig und absolut unpassend. Die als persönliche Befreiung erlebte „Geistestaufe“ und alles, was damit verbunden ist, wird als Einfallstor für den „Geist Gottes“ in das eigene unbedeutende Leben verkauft, ist jedoch nur das ganz irdische Eingangstor in ein bevormundetes, unselbständiges und gleichgeschaltetes Christenleben, das diese „erweckten“  Gemeinden besonders auszeichnet.

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[1] Ich mache mir diesmal nicht die Mühe, jeden Ausdruck aus dem „pneumatischen“ Universum (pneuma gr. für Hauch, Luft, Geist) zu erklären, denn es ist nur pneuma: Luft, heiße zumeist.

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Kanzelmärchen #4

Wer glaubt, dem geht es besser

Dieser gern geglaubten und noch lieber kolportierten „Tatsache“ begegnet man in Diskussionen mit so ziemlich allen Gläubigen. Allerdings in vielfacher Ausprägung:

  • Wer glaubt, dem geht es in allen Belangen besser: im Beruf, in der Familie, bei den Finanzen, bei der Karriere…
  • Wer glaubt, hat Gott auf seiner Seite, DER wird es für ihn richten
  • Wer glaubt, der hat eine Anlaufstelle im Leben, wo er sich immer hinwenden kann
  • Wer glaubt, der weiß, dass Gottes Ratschlüsse unergründlich sind: ER weiß besser, was gut ist für den Menschen
  • Wer glaubt, der hat es auf jeden Fall nach dem Tod besser

Zefix! Luja, sog I!

Welches Schweinderl hätten’s denn gern?

Da kann sich jeder aussuchen, was ihm am genehmsten ist. Welches Modell eines „besseren Lebens“ er als wünschens- und glaubenswert erachtet. Die erste und die letzte Position, sie könnten nicht weiter entfernt sein. Und doch berufen sich beide auf dieselbe Bibel, denselben Gott! Es war schon immer Privileg von Theologen und Predigern, ALLES, aber auch wirklich alles aus der Bibel heraus,-, vor allem aber in sie hineinzulesen. Das wundert nicht, wenn der Gegenstand des Glaubens sich nicht wehren kann, da nicht existent. Die Variationen über das bessere Leben der Glaubenden reicht von einem plumpen „Wer glaubt, den schmeißt Gott mit Wohltaten zu!“ bis zu einem „Die Wohltaten gibt es erst nach dem irdischen Jammertal!“. Und alles nennt sich christlich. Alles beruft sich auf denselben Jesus, dieselbe Bibel. Das wäre in etwa so, als würde man mit Grundgesetz Art. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ sowohl eine aufgeklärte humane Rechtsauffassung als auch die Beschneidung der Grundrechte, Polizeiwillkür und weiße Folter begründen. Upps. Das kriegen unsere Politiker in Zusammenarbeit mit dem Bundesverfassungsgericht ja schon lange hin. Da sind die Kirchen also gar nichts besonderes bei Wortverdrehungen und dem beliebten „Ich baue mir eine Welt, wie sie mir gefällt.“ Oder ist es umgekehrt und die Politik ist bei der Kirche in die Schule gegangen, in die Schule der Gedankenakrobatik und Wortverdreherei?
Schließt man andere Religionen in diese Gedankengänge mit ein, z.B. Hinduismus, Buddhismus oder Islam, dann gibt es noch weit mehr Möglichkeiten, wie  das ach so bessere Leben der Gläubigen aussehen kann, dann spielen kosmische Prinzipien wie Maya, Karma oder Kismet eine Rolle. Und wenn man dann noch die vielen, vielen kleinen und kleinsten Religionen mit einbezieht, wird eines klar: es kann so ziemlich alles als ein gutes Leben definiert und als Ziel des eigenen Glauben definiert werden. Ganz nach dem Motto: Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Ich werde mich aber hier auf die christlichen Vorstellungen beschränken. Die sind eigenartig genug.

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Aphorismus #493

Wort zum Sonntag #20

Heute musikalisch vorgetragen

Aphorismus #479

Wort zum Sonntag #18

Göttliche Logik

Auch steht in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei. Ich bin’s, der von sich selbst zeugt; und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch von mir. Da fragten sie ihn: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater.

Jesus im Johannesevangelium 8, 17-19

Wer immer noch meint, dass christlicher Glaube i.A., die Bibel im Besonderen und das Johannes-Evangelium speziell irgendetwas mit Logik zu tun hat, mit nachvollziehbaren Gedankengängen, mit dem normalen Leben normaler Menschen, wer das noch glaubt, ist entweder unwissend, blind, oder komplett Gehirn gewaschen. Anders kann man solchen Stuss nicht ernst nehmen. Und wer jetzt etwas von göttlicher Logik faselt, die über die des Menschen übersteigt, der hat zwar einen prima „deus ex machina“ immer griffbereit dabei, aber sinnvoll wird diese Aussage dadurch auch nicht. Wenn nach allgemein christlicher wie jüdischer Vorstellung Gott den Menschen mit Vernunft ausgestattet hat, um die Welt zu bestellen und zu regieren, warum um alles in der Welt ist es das erste, was der Allmächtige himself von seinen „Statthaltern“ fordert: eben diese Vernunft aufzugeben? Und zwar gründlich.
In den anderen Worten zum Sonntag und in weiteren Beiträgen in meinem Blog habe ich ja schon reichlich Material dazu gesammelt. Da ist die Kreiszahl Pi nicht 3,14…  sondern genau 3! Da dürfen Zicklein nicht in der Milch ihrer Mutter gekocht werden. Da sind Hasen Wiederkäuer. Da wollen notgeile Menschen Engel ficken. Da  ist die Welt in 6 Tagen + 1 Ruhetag geschaffen worden. Da konnte Moses von seinem eigenen Tod berichten. Da hat Jesus die Opfer der Sintflut mal eben zwischen Karfreitag und Ostern im Totenreich besucht usw. usf. Wenn es ein Buch gibt, dass vielfach absoluten Blödsinn erzählt, dann ist es die Bibel. Ach ja, der Koran ist nicht besser, das Buch Mormon sowieso und all die anderen „Heiligen“ Schriften der Menschheit sind ebenso voller unheiligem Müll. Die paar guten Stellen, die es dazwischen auch gibt, sind versteckt unter einem Wust von Drohungen, unglaublichen Geschichten und jeder Menge der jeweiligen Zeit geschuldetem pseudowissenschaftlichen Geschwätz; was dann in späteren Tagen die Apologeten der jeweiligen Bücher vor große Probleme gestellt hat und noch immer stellt. Die fundamentalistische Methode: alles ohne wenn und aber zu Gottes Wort zu erklären, ist zugleich die primitivste, die garantiert ohne eigenes Denken auskommt. Da zeugt dann irgendwie der Sohn und der Vater, obwohl der gar nicht da ist und die Hörer weder ihn noch Jesus kennen… Alle anderen Versuche, noch die besten Teile der Bibel für Glauben und Kirche zu retten, sind schon einiges intelligenter, aber redlicher, intellektuell redlicher sind sie nicht. Denn bei jeder Art des Buchglaubens kommt irgendwann der Punkt eines sacrificium intellectus, was einer totalen Kapitulation der Vernunft vor den Ansprüchen des verfassten, institutionalisierten Glaubens gleich kommt. Und darum geht es ja den Glaubensgemeinschaften, um die Macht über staatliche Institutionen und über die Menschen, die diesen Staat bilden. Ob sie wollen oder nicht.!

Über 200 Jahre nach der Aufklärung ist es endlich an der Zeit,

  • dass alle Kreuze mit und ohne Corpus aus Behörden, Gerichtssälen und Schulzimmern verbannt werden;
  • dass das Schwören vor Gericht auf die Bibel komplett abgeschafft wird (auch wenn es „nur“ optional und freiwillig ist);
  • dass alle staatlichen Gelder für kirchliche Institutionen (vom Kindergarten bis zur Hochschule) gestrichen werden, wenn die Träger nicht vorbehaltlos die staatlichen Regeln bei der Personaleinstellung, -führung und -beurteilung befolgen. Mit anderen Worten: keine Mitarbeiterin eines katholischen Kindergartens soll mehr Angst davor haben müssen, gekündigt zu werden, wenn sie in „wilder“ Ehe lebt oder sich gar scheiden lässt! Und auch Atheisten sollen nicht länger ausgesperrt werden.
  • dass in einem darauf folgenden Schritt, die Kirchen ganz aus den Einrichtungen verschwinden, die sie in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen bringt;
  • dass der Religionsunterricht allenfalls ein Wahlfach wird, wie in Berlin, oder ganz abgeschafft wird. Wie kommt der Staat dazu, die Mitgliederwerbung für die Kirchen zu bezahlen und zu fördern?

DAS wäre eine logische Konsequenz, das wäre ein Verweigern des sacrificium intellectus seitens des Staates. Das wird hoffentlich kein Traum bleiben. Wenn in den Kirchen plötzlich eine regimekritische Bewegung heranreifte, wenn man dort offen gegen das kapitalistische System Partei ergriffe, wenn also die Kirchen in der Gesamt-BRD das täten, was sie in der DDR taten, dann, ja dann sähen sich die Politiker ganz schnell dazu gezwungen, eine nachhaltige Trennung von Kirche und Staat durchsetzen, weil dann die Kirche ihren System stabilisierenden Charakter und ihre gesellschaftlich relevante Position verlöre und zum subversiven Beginn des Christentums zurückfände . Das Abendland, es ginge davon nicht unter. Das ist nur billige Propaganda der Kirchen. Sie werden alles dafür tun, dass die Hand, die sie füttert, ja nicht gebissen wird.

Vielleicht sollten alle (linken Atheisten) einen langen Marsch durch die Institutionen der Kirche antreten, diese von innen her politisch radikalisieren und so dafür sorgen, dass das öffentliche Leben weitgehend aufgeklärt und glaubensfrei wird.

Man wird ja noch träumen dürfen…

Aphorismus #472

Wort zum Sonntag #17

Die heilige Familie

Familie, Familie Familie. Für alle Konservativen ist sie das höchste Gut überhaupt! Sie und damit das gesamte Gemeinwesen sei gefährdet durch wilde Ehen, homosexuelle Beziehungen, libertäre Sexualmoral, Arbeit der Mutter, (zu viel) Fernsehen, Computerspiele, Internet, … Mit solchen und ähnlichen Aufgeregtheiten schlagen sie wieder und wieder Alarm, die Verfechter eines längst vergangenen bürgerlichen Familienidylls, das sie für Gott gegeben halten und darum allen aufzwingen wollen:

Der Mann muß hinaus
In’s feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,

Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke

Nur weil die konservativen Meinungsführer in BILD, FAZ, ZDF & Co. diese romantische Verklärung der bürgerlichen Familie als Schüler mal auswendig lernen mussten, glauben sie, dass sei die Realität, und wenn nicht, sei diese unverzüglich herzustellen, sonst geht [Unzutreffendes bitte streichen!] Deutschland/ das Abendland/ die ganze Welt unter! Wer sind nun diese ewig Gestrigen, die ich hier im Sinn habe?
- Nun zuallererst einmal sind es unsere Freunde von der katholischen Kirche. Die hat ja durch ihre nach außen hin zölibatären und kinderlosen Priester die absolute Kompetenz in Fragen von Familie, Ehe, Sexualität, Kindererziehung… Und aus ureigenster Anschauung wissen sie auch, dass alle andere Lebensformen des Teufels sind und darum verboten werden müssen.
- Die evangelischen Kirchen sind wie immer erst mal uneins: da gibt es die liberalen Geister, die sich umschauen und merken: so wie früher kann es einfach nicht mehr werden. Sie werden aber zunehmend von den Reaktionären, den Frommen, den Evangelikalen, den Fundamentalisten übertönt. Und diese sind so manches mal katholischer als der Papst!
- Ihnen auf dem Fuße folgend kommen die „konservativen“ Politiker der C-Gruppen. Jene Bremser und Blockierer, die am liebsten die Uhr zurück drehen möchten in die Zeit, als Familie in Deutschland noch was galt, als es noch Mutterkreuze gab und jedes brave Mädel und jeder tapfere Knabe wussten, wo ihr Platz war.  Eva Herman hat mit ihren Pamphleten ja so manchem Alt- oder Neubraunen aus der Seele gesprochen, als sie die Familienpolitik der Nazis lobend erwähnte.
- Und es sind all jene, die meinen, das hier sei der Weisheit letzter Schluss und für alle Ewigkeit zementiert:

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
Grundgesetz Artikel 6 (1)

Es ist schon eine prima Sache, mit dem alle gesellschaftliche Entwicklung auf dem Gebiet von Partnerschaften,  der Sexualität und der Lebensformen abgeblockt und verhindert werden kann. Familie sei nun mal „Vater, Mutter, Kind“ und nicht „Mutter, Kind“  oder „Vater, Vater, Adoptivkind“ oder „Mutter, Mutter, Kind“. Zu einer pragmatischen, die Zeitläufte anerkennenden Definition von Familie sind „alle Lebensformen,  in denen Erwachsenen mit Kindern zusammenleben“ Familie. Zu einer solcherart offenen Definition sind sie weder willens noch fähig. Mussten einfach zu viel Schiller lernen. :-P
Wenn sie nun die Stichworte „Ehe und Familie“ hören oder davon reden, dann fällt ihnen  NUR Schillers Glocke ein. DIE ist ihr Maßstab. DAS ist Familie. Das ist gut so. Das ist Gott gewollt. So haben wir es schon immer gemacht. So steht es auch in der Bibel!
Tut es das wirklich?
Nun, liebe Familialisten, nicht böse sein. Das Wörtlein „Familie“ kommt im Alten und im Neuen Testament exakt NULL mal vor! Die Kernfamilie, die Kirchen- wie Parteifürsten des christlichen Lagers vorschwebt, diese gab es damals gar nicht. Die ist in der Tat eine recht neue Erfindung. Was es in der Bibel gibt, ist der viel umfassendere Begriff des „Hauses“: eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mehrerer Generationen mit Gesinde und auch unverheirateten Verwandten. Die gibt es nicht mehr. O.k. Frau von der Leyen praktiziert dies noch, weil sie es sich leisten kann und weil sie in Berlin gegen Kinderpornographie zu Felde ziehen muss.  Aber selbst der Begriff „Haus“ in disesm Sinn hat nicht die Wichtigkeit, mit der „Familie“ von der Christenfraktion so gerne benutzt wird. Die sogenannten „christlichen Haustafeln“ in den beiden Deuteropaulinen Epheser (80 – 90 n.d.Z.) 5,21 – 6,9; Kolosser (70 – 80 n.d.Z.) 3,18-4,1 und in  1.Petrus (um 90 n.d.Z.) 2,18-3,7 sind nichts anderes als ein Sammelsurium von Verhaltensvorschriften für christliche Häuser. Dass es diese zur Zeit des Petrus oder des Paulus noch nicht gegeben hat, liegt auf der Hand. Sie sind Zeugen für den längst vollzogenen Übergang einer eschatologischen Ethik, wie sie Jesus in der Bergpredigt vertrat, hin zu einer, die sich „in der Welt einrichten musste. Sie war dergestalt, dass sie die Zustände des oben und unten, der antiken Sklavenhalterwirtschaft und des Patriarchats  als Gott gegeben hinnahm und so zemntierte. Die zu kurz Gekommenen wurden auf später vertröstet, die Geschundenen auf das (nicht mehr ganz so bald) bald erscheinende Reich Gottes verwiesen. – Dass solch eine Lehre für Könige und Kaiser einmal sehr attraktiv werden sollte, liegt auf der Hand. Und für über 1500 Jahre war es ja auch so in Europa. Dass solche traumhaften Zustände einer angepassten Jugend, züchtiger Hausfrauen und fleißiger Väter das große Vorbild der Machtmenschen von heute ist, das ist ebenfalls klar.
Die frommen USA sind da mal wieder „weiter“ als wir im heidnischen Deutschland. „Family values“ sind das Totschlagargument der Republikaner und aller Reaktionäre mit dem noch die leiseste „Aufweichung“ des „Vater, Mutter. Kind“-Schemas geblockt und für des Teufels erklärt wird. Kommt sicher auch zu uns. So wie seit ein paar Jahren auch bei uns üblich ist, es im TV mit einem Piepen zu unterlegen, wenn jemand Ficken sagt, oder so wie Brustwarzen weg retuschiert werden, könnte ja jemand? Ja, was eigentlich? Welch Heuchelei! Brustwarzen schaden niemandem, und Schimpfwörter bringen sich schon die Allerkleinsten gegenseitig im Kindergarten bei.
Was alle Tugendwächter und Kämpfer für die Familienwerte übersehen, ist nicht nur, dass Familie genauso dem Wandel unterliegt, wie alles andere menschliche Miteinander auch, sondern dass das Buch, auf das sie sich so sehr berufen, von Familie auch ganz anders reden kann. Besser gesagt, dass für Jesus Familie kein Selbstzweck und kein unantastbares Heiligtum war, dass Familie kein Wert an sich war! Wie jeder gute Sektengründer bewertete er alle Beziehungen seiner Jüngerinnen und Jünger zu allen Menschen außerhalb seines Kreises sehr, sehr kritisch. Und so wundert es nicht, wenn er nach Lukas sagt:

Bild via LinkDeutliche Worte, oder? Sobald es um seine Sache ging, das „Reich Gottes“,  war Jesus weder das „liebe Jesulein“, das von so mancher Kanzel herunter gelogen wird, noch war er der Garant des Bestehenden, wie ihn die christlichen Familienpolitiker und ihre klerikalen Souffleure herbei phantasieren, NEIN: Jesus war ein stinknormaler Fanatiker, der niemanden schonte, auch sich selbst nicht, der einen feuchten Kehricht auf  Famile und ihre angeblichen Werte gab, wenn es gegen seine Interessen und gegen seinen Fanatismus eines anbrechenden Reiches Gottes ging!  Da war er radikal und verlangte dieselbe Radikalität von seinen Fans. Familie? Fehlanzeige! Wozu auch? Gott würde sowieso jeden Augenblick sein Reich anbrechen lassen!
Diese verwegene und durch die Geschichte komplett widerlegte Lehre des galiläischen Wanderpredigers als Rechtfertigung für eine reaktionäre bürgerliche Familienpolitik herzuziehen, ist schon ein Bravourstück christlicher Dialektik. Bravourstück? Wohl eher doch nicht. Sondern vielmehr die ganz alltägliche kirchliche Usurpation von Begriffen und Inhalten, wenn es um Ehe,  Familie, Moral und Ethik geht. Und wie selbstverständlich hat unsere Gesellschaft es augenscheinlich akzeptiert, dass die Archetypen von Ehe und Familie noch immer christlich besetzt sind, obwohl wir es inzwischen besser wissen (müssten).
NEIN! Zu Ehe, zu Familie, zu Sexualität und anderen „Werten“ sollten sie endlich und für immer schweigen mit ihren Enzykliken, Ratschlüsse und Verlautbarungen. Sie sollen endlich mal diejenigen ran lassen, die davon wirklich Ahnung haben, wie Psychologen, Soziologen, Sexualwissenschaftler e.a. Alles solche, die ohne ideologische Scheuklappen mal hinsehen, was ist, und nicht romantischen Bildern hinterher laufen, die es so nie gab. Den Kirchenmännern und wenigen Kirchenfrauen sollte endlich einmal Redeverbot erteilt werden in allen Fragen des Zwischenmenschlichen! Denn entweder, sie nehmen ihren Boss ernst, dann sind sie radikale Irre, die möglichst nie mit Menschen zu tun haben sollten, am wenigsten mit Kindern. Oder sie folgen dem Geschwätz der „christlichen Haustafeln“, dann sind sie der Beton, der den Status quo zementiert, dann sind sie die großen Verhinderer in der Weltgeschichte, dann sind sie die Bremser im letzten Waggon, die alle anderen aufhalten. Und so sollten auch sie möglichst NIE etwas mit Menschen zu tun haben.
Bin ich mal wieder zu radikal?
Gegenfrage: Wie sollte man mit diesen verbiesterten Radikalen umgehen, die jeden Bezug zur realen Welt verloren haben?
Eben.

Aphorismus #437

Wort zum Sonntag #12

Voll auf die Zwölf!

Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle.
Offenbarung 21,21

Der Glaube an heilige Zahlen mit mythischer Bedeutung, die Zahlenmystik war in der Antike weit verbreitet. Und fand- wen wundert’s?- auch Eingang in die Bibel. Die Ursprünge der heiligen Zahlenspielchen verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Es scheint jedoch so, dass es einige „natürliche“ Zahlen gab, die sich regelrecht aufdrängten: die 7 als Viertel eines Mondumlaufs, die 12 als Grundzahl der Astrologie und des Jahreslaufs, die 4 als Faktor der 12 und als Zahl der Himmelsrichtungen usw. usf. [1] In diesem Wort zum Sonntag geht es aber nicht allgemein um antike oder biblische Zahlenspielchen, das wäre einen eigenen Artikel wert, sonder nur um die Zwölf, genauer um die 12 Apostel.
Die richtige Anzahl der Apostel dürfte eigentlich kein großes Problem gewesen sein: Stift raus, Namen aufschreiben, fertig. So stellt es sich der gemeine Verbalinspirationstheoretiker (nicht zu verwechseln mit dem Konspirationstheoretiker. Oder vielleicht ja doch?) die Sache vor. Das geht wie üblich nur solange gut, solange er NICHT in der Bibel nachliest. Da herrscht das übliche Tohuwabohu: Wer war das nochmal  alles, die Apostel? Nur 12 oder 70 oder 72? Nur Männer oder auch Frauen? Nur Leute, die Jesus persönlich kannten, oder auch solche, die ihm nie begegnet sind?
Einig waren sich die biblischen Schreiber dabei wie so oft nicht. Die angebliche Einigkeit wurde erst nachträglich hergestellt. Liebe Wort-Begeisterte, was muss doch Gott für ein Loser sein, dass er etwas nicht hinkriegt, was jeder Quartalssäufer aus der Kegelrunde „Volle Kanne“ schafft: eine saubere Mitgliederliste! Und wenn Gott schon in solchen simplen Fakten daneben liegt, wie vertrauenswürdig ist er dann bei den echten „Hämmern“ wie den Wundern oder gar der Auferstehung? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht… O.K. Nicht Gott ist der Loser. Die Schreiberlinge sind es. Denn 40, 60 oder gar 100 Jahre nach der großen Jesus-Show in Galiläa waren Fakten Mangelware, musste die Fantasie die Gedächtnislücken füllen. Was dann auch reichlich geschah. Pia fraus, frommer Betrug von Anfang an. [2]

Warum mussten es unbedingt 12 Apostel sein?

Nun, es mussten schon im Alten Testament unbedingt 12  Stämme sein. Aus den vielen Sippen von kanaanäischen Bauern, sich niederlassenden Nomaden und (evtl.) ein paar aus Ägypten geflohenen Sklaven: aus wer weiß was für Gestalten das gebildet wurde, was man das Volk Israel nennt, wurde hunderte Jahre später ein „einheitliches“, sich in 12 Stämme gliederndes Volk. Und schon hier war die himmlische Buchführung gründlich durcheinander, denn es gibt verschiedene Listen. Wer es sich antun will:  1.Mose 29,31-30,24 / 35,23-26 /  49,1-27 // 4.Mose 26,4-51 // Josua 14-21 // Richter 5. [3]
Ist es bei solcher Vorlage aus dem AT ein Wunder, dass das im NT auch nicht hinhaut?

Wie viele waren es denn nun?

Gute Frage. 12? 12 und ein paar Zerhackte? 70? Oder gar 72? In den Evangelien wird dies gut gemischt. Einmal sind es 12 Apostel (= απόστολος/ apóstolos; griechisch für Gesandter; für das aramäische „saliah“), dann 12 Jünger (= μαθηταὶ/ mathetai; griechisch für Schüler, Lehrlinge), dann gar 70/72 Jünger (Lukas 10,1) So ganz schlüssig waren sich die Evangelien da nicht. Wenn Jesus tatsächlich 12 Männer aus seiner Entourage zu den Vertretern der 12 Stämme des wahren Israel ausgewählt hat, so spielte das bei ihm vor allem symbolische Bedeutung. Wichtig, so richtig wichtig wurde das 12er-Gremium erst, als Jeus nicht mehr war. Irgendwie musste der Laden zusammen gehalten werden. Mit einem an der Spitze, Simon Petrus  und 11 seiner Kumpels, die die Sache weitertrieben. 72 wären auf jeden Fall viel zu viele gewesen, um die aufstrebende Sekte effizient zu organisieren. Oder waren es schon damals mehr als 12? Und auch nicht die 12 in den Evangelien genannten? Die Zwölfzahl wurde vor allem dank Lukas (Evangelium + Apostelgeschichte) weiter verbreitet.  In den Briefen des NT ist zwar des öfteren von Aposteln die Rede, nie jedoch von 12 und nie von „Jüngern„.  — So. Sol Da wollten wohl welche keine dummen Lehrbuben mehr sein…

Und wer gehörte nun wirklich dazu?

Paulus nennt Jakobus, den „Bruder des Herrn“ [4] einen Apostel (Galater 1,19). Er selbst usurpiert den  Begriff in seiner unglaublich beschiedenen Art auch für sich: als Apostel der Heiden (Römer 11,13 und öfter)! Des weiteren tummeln sich zusätzlich zu den in den Evangelien genannten 12 noch ein Barnabas (Apostelgeschichte 14,4), ein Silvanus, ein Timotheus (1. Thessalonicher 2,7), ein Andronikus und eine Junia (16,7). EINE JUNIA? Ja, eine Apostelin! Und das ist kein feministischer Schnickschnack, sondern wurde bis ins 13. Jahrhundert so gesehen: „Grüßt Andronikus und Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln…“ Seitdem hat sich ein kleines „s“ an die Junia herangemacht und diese einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Dummerweise ist der Name Junias nirgends sonst in der Antike belegt, wohingegen Junia ein Allerweltsname war. Halten wir fest: ob es nur 12 Apostel waren, und ob  es ausschließlich Männer waren, ist  höchst unwahrscheinlich. Sehr geehrter Herr Papst: wie lange wollen Sie weiter den Unsinn von wegen nur Männer am Altar als göttliche Wahrheit verkaufen? Eine andere“ göttliche Wahrheit“ sagt das Gegenteil!

Summa Summarum

Wenn ich das bisher Gesagte zusammenfasse, und noch ein wenig draufpacke, sieht die Sache so aus: Jesus hat Schüler um sich geschart, 12 davon waren wahrscheinlich seine „Repräsentanten“ des neuen Israel in der bald anbrechenden Königsherrschaft Gottes. Aber SO wichtig war ihm die Sache auch nicht. Es gab (vielleicht) einen erweiterten Kreis von 70 Gesandten/ Aposteln. Nachdem das Reich Gottes ausblieb, musste die entstehende Kirche organisiert werden. Dabei gab der 12er-Kreis eine praktikable  Struktur vor. Diese wurde jedoch einerseits in den Folgejahren aufgebrochen, indem auch ursprüngliche  Nicht-Jünger ( =  solche, die nicht bei Jesu Wanderschaft dabei waren) Apostel wurden, und andere sich selbst dazu erklärten. (Wer das wohl war!) Selbst Frauen konnten Apostel sein. Da das Versorgungsgeschwader und Fanclub um Jesus herum (Maria, Magdalena, Martha und wie sie alle hießen) gerade am zentralen Punkt des christlichen Glaubens, der Ostergeschichte, auftauchen, ist zu vermuten, dass es noch einige weitere Apostelinnen gegeben hat. Mit fortschreitender Hellenisierung der Urkirche, dem Ausbleiben der Parusie Christi, dem Aussterben der „Zeugen“ und Jünger Jesu kam es zu einer Festigung der gemeindlichen Machtstrukturen in Form des monarchischen Episkopats mit einem „Aufseher“ = ἐπίσκοπος = episkopos = Bischof an der Spitze, der verantwortlich war für Lehre, Verkündigung und (bereits da!) die Kirchenzucht! Je länger die Anfänge zurück lagen, desto eindeutiger, monolithischer und unterscheidbarer wurden die „12 Apostel“ gesehen.

Was lehrt uns das?

Wenn es in der Bibel um Zahlen geht, kann man getrost Rechenheft, Taschenrechner und sämtliche Vortstellungen von Exaktheit, Eindeutigkeit und Korrektheit bei Seite legen. Sie sind nur hinderlich!

Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wie kann irgendein denkender Mensch Geschichten aus einem über 1800 Jahre alten Buch für wahr halten, für sein Leben bestimmend, ja bindend? Wie kann ein Mensch des 21. Jahrhunderts auf die glorreiche Idee kommen, dass dieses Buch ihm irgend mehr zu sagen hätte als nur eine Ansammlung von lachhaften Räuberpistolen, frommen Betrug und unglaublichen Geschichtsklitterungen? Wie kann man sich zufrieden geben mit einem Bild der Welt von beschränkten Fischern, Kleinbauern und ein paar wenigen Theologen (Die allerdings den Stuss selber glaubten. Zumindest gaben sie das vor!)? Wie kann ein Mensch heute sich FREIWILLIG diesem Unfug ausliefern?
Es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Auf jeden Fall kein Zahlenrätsel!
____________
[1] Näheres dazu in den Wiki-Artikeln „Numerologie“ und „Zwölf
[2] Für alle, die sich tiefer in die Materie eingraben möchten, findet sich in der Wikipedia eine schöne Tabelle zum Thema
[3] Mehr dazu findet sich im Artikel „12 Stämme Israels“ in der Wikipedia.
[4] Um die ewige Jungfräulichkeit von Maria behaupten zu können, muss die katholische Exegese hier ganz schöne Klimmzüge machen… Wäre ja zu furchtbar, als wenn Maria noch mit einem anderen im Bett gewesen als nur mit dem lieben Gott!

Aphorismus #423

Wort zum Sonntag #10

Und Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft.

Markus 9,1

Jesus hat also erwartet, dass das „Reich Gottes“, jene paradiesische βασιλεία τοῦ θεοῦ (basileia tou theou), das Königreich Gottes unmittelbar bevorstünde. Und der Schreiber des Markusevangeliums teilte diese Auffassung 40 Jahre später (das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 70 verfasst) mehr oder weniger noch immer. Darum belässt er diese Prophezeiung in seinem Evangelium: das Ende ist nahe, verdammt nahe. Wenn Jesus selbst gesagt hat, dass einige seiner Zuhörer den Anbruch der Königreiches Gottes lebend sehen würden, dann würde es bestimmt nicht mehr lange dauern!
Damit wurde die apokalyptische Tradition des Alten Testamentes (Daniel, Makkabäer), vor allem aber die der zwischentestamentlichen Zeit fortgeführt. Und so gehört seit damals zum christlichen Glauben die Erwartung dazu, dass die Welt schon bald ein fürchterliches Ende nehmen werde, bevor Jesus wiederkehren und dann Gott endgültig herrschen werde. In Not- und Kriegszeiten war diese Tradition lebhafter, in ruhigeren Zeiten ging sie zurück. Die Amtskirche, deren Wurzeln einst auch in der Apokalyptik lagen, wurde mehr und mehr immun gegen diese den Status Quo in Frage stellenden Gedanken. Die Erfüllung der biblischen Prophetie vom „tausendjährigen Reich“ (Offenbarung 20) wurde vom Klerus in Gestalt der Kirche, in der Ausbreitung des Evangeliums und in der Entfaltung des christlichen Abendlandes gesehen. Die konkrete Erwartung des nahen Endes und der totalen Wende wanderte aus der Mitte an die Ränder der Kirche(n) und von dort zu diversen apokalyptischen  Sekten. Hier nun eine klein Auswahl der Termine, die ganz total sicher und 100% das genaue Datum des Weltenendes voraussagten. Die einzelnen Daten verdanke ich dieser Zusammenstellung, die es im Netz in verschiedenen Ausführungen gibt, doch leider durchweg ohne Quellenangaben. Daher habe ich eine Auswahl getroffen, die sich 1. auf die Kirchen und ihre Sekten beschränkt, und 2. anderweitig belegen lässt:

Das Ende ist nah! Kleine Geschichte der verpatzten Weltuntergänge

  • 30-ca. 80 n.d.Z.
    • Jesus und die Urgemeinde: das Neue Testament ist ein beredtes Zeugnis hierzu
  • 100 ff
    • Die Offenbarung des Johannes, viele der sog. Kirchenväter
  • ca. 250
  • 31.12.999 Mitternacht
    • Die Angst, dass dann das 1000-jährige Reich der Kirche  vorbei sei und Jesus zum Jüngsten Gericht wiederkommen würde, hatte fast die gesamte Christenheit befallen, auch den Papst Sylvester II.
  • 1420 ff
  • ca. 1500
  • ca. 1530ff
  • Oktober 1844
  • 1874, 1878, 1881, 1910, 1914, 1918, 1925, 1975, 1984, 1993…
  • Jede Menge weiterer Termine im 20. Jahrhundert
  • 1.1.2000 00:00
    • Da ließen sich nicht nur Sektierer zu einer Prophezeiung hinreißen, sondern auch ITler:  Der Millennium-Bug sollte die Welt in den Abgrund stürzen.
  • 21.12.2012
    • Das neueste Fündlein unter den Esos: der Maya-Kalender!  Wird es bis zum Datum eine Hysterie geben? Und wetten zwei Minuten nach dem Ausbleiben der Katastrophe gibt es schon die nächste Prophezeiung?

Und nach jedem Ausbleiben wird gepredigt, dass es jetzt NOCH NÄHER sei das Ende der Welt! Mit solcher apokalyptischer Drohkulisse lässt sich vortrefflich auf Seelenfang gehen und die Schäflein können mit harter Hand geführt werden. Nach dem Wohlgefallen der religiösen Führer, Weisen, Väter, Meister … Aber alles zum Lobe und zur Ehre Gottes!