Die Gegenwart ist schon ohne Jesus Christus schlimm genug.
Brian W. Aldiss, Terror (zitiert nach Georg Seeßlen, „James Joyce auf Acid“ in: konkret 11/2009 S. 64)
Brian W. Aldiss, Terror (zitiert nach Georg Seeßlen, „James Joyce auf Acid“ in: konkret 11/2009 S. 64)
Ralf Schröder, Mission Weltfrieden, konkret 08/09 S.28f
Svenna Triebler in dem Artikel „Ruhe und Ordnung“ in konkret 6/2009
Upps. Ein so langer Text als „Aphorismus“? Ja, weil er sich lohnt!
Auf dem Planeten Abrasien lebt ein riesiger Drache, der weniger dem herkömmlichen Bild vom Drachen ähnelt, vielmehr einem riesigen Bergkamm, der durch seine Ausscheidungen, Ausdünstungen und Bewegungen weite Teile der Anrainerstaaten in Mitleidenschaft zieht. „Von Zeit zu Zeit bläht er sich auf und überschwemmt die Grenzgebiete mit den Resten der verbrauchten Artikel, und bei Schlechtwetter stinkt er tausend Kilometer weit.“ Niemand weiß mehr, wie der Drache entstanden ist, aber die gesamte Wirtschaftsstruktur des Planeten ist auf die Mästung des Untiers ausgerichtet. Pro Tag verschlingt es 1.800.000 Tonnen Lebensmittel, die in Güterzügen und Pipelines angeliefert werden. Ein ganzer akademischer Apparat ist mit der Erforschung der Stoffwechselvorgänge befasst- in der Hoffnung, dass sich durch eine noch besser abgestimmte Diät die Geruchsbelästigung reduzieren und das Wohlverhalten des Drachens fördern ließe. Immerhin hängen 146.00 Arbeitsplätze an den drachenrelevanten Industrien.
Die naive Frage des Forschungsreisenden, warum man das Getüm nicht einfach verhungern lasse und die Mittel zum direkten Nutzen der Bevölkerung einsetze, weist ein führender Drachenforscher als hoffnungslos rückständig und unpraktikabel zurück: „Stellen Sie sich die Ausdünstungen vor, die von einem solchen Kadaver ausgingen. Zweitens würden die Banken zusammenkrachen – Zusammenbruch des monetarischen Systems. Es käme zu einer schrecklichen Katastrophe, Fremdling.“ Die moderne Strategie im Umgang mit dem Drachen ziele demnach auf „Domestifikation und Pazifikation“ ab: „In jüngster Zeit werden ihm riesige Mengen Süßigkeiten verabreicht. Süßigkeiten hat er sehr gern.“ Im Übrigen sei der Drachen längst zur historischen Notwendigkeit geworden, zur Staatsräson: „Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“
Kommt einem irgendwie bekannt vor, hochaktuell sozusagen. Aber die Geschichte „Vom Nutzen des Drachen“ von Stanislaw Lem stammt nicht aus unseren Tagen der Krise, sondern erschien im gleichnamigen Erzählband bereits 1990 auf Deutsch.
Diese verblüffende Entdeckung verdanke ich einem Beitrag von Holm Friebe in konkret 3/2009 S. 27, der ich bei der Wiedergabe weitgehend gefolgt bin.
Noch einmal Hermann L. Gremliza in konkret 1/2009 S. 9
Lothar Galow-Bergemann aus: „Das Gute und die Gier“ konkret 12/2008 , S. 16
Zum Thema empfehle ich hier gerne: die Aphorismen #199, #155, #144, #70, #13 und meine Artikel zu Verschwörungstheorien, die logische Konsequenz aus „regressivem Antikapitalismus“.
9/11/08 steht vor der Tür: ein Datum der deutschen Geschichte wird gebührend begangen und mit Dokumentationen im Fernsehen, Beiträgen in den Feuilletons und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt abgearbeitet, abgehakt und erledigt: die von den Nazis euphemistisch Reichskristallnacht genannte Nacht des von staatlicher Seite verordneten und organisierten großen Pogroms. Unglücklicherweise fällt dieses Datum seit 1989 zusammen mit dem des Falls der Mauer, will heißen dem Anfang vom Ende der DDR und dem Beginn eines neuen Deutschland. Da liegt es natürlich nahe, letzteres lieber zu feiern als an die große Schande der Deutschen zu erinnern.
Aufgewachsen in den 60ern und frühen 70ern gab es in meiner Familie und im Verwandtenkreis wie in den meisten deutschen Häusern keinen Antisemitismus mehr. Zumindest keinen offenen. Es gehörte sich einfach nicht, gegen die Juden etwas zu sagen. Das hatten die Deutschen nach dem verlorenen Krieg kapiert, offiziell wenigstens. Aber irgendwie war das schon eine seltsame Angelegenheit mit „den Juden“: sechs Millionen hatten die Nazis umgebracht. „Die Nazis waren das. Sie allein! Aber doch nicht der geliebte Opa? Nein, die eigenen Eltern oder Großeltern waren daran bestimmt nicht beteiligt! Sie hatten ja auch gar nichts davon gewusst. Gar nichts wissen können! Die Täter, das waren alles nur die Zweihundertprozentigen, die echten Nazis, die aus freien Stücken in der Partei waren. Und nicht weil sie es mussten!“ – So ungefähr sah der Konsens aus, mit dem sich das Deutschland der Adenauer-Ära selbst einen kollektiven Persilschein ausgestellt hatte! Damit meinte man, alle braunen Flecken auf der eigenen ansonsten blütenweißen Weste raus gewaschen zu haben.
Antisemitismus war also kein Thema. Gab es nicht. Nicht mehr! Wo kämen wir denn da hin. Aber gleichzeitig hieß es bei jedem Datum, das an diese Zeit erinnerte: jetzt muss endlich Schluss sein mit der Wiedergutmachung und dem Erinnern! „Wir Deutschen haben für den WK II schon genügend gebüßt! Die anderen haben auch Kriegsverbrechen begange!“
Nicht der offene, primitive Judenhass der Nazizeit, sondern ein latenter, unterschwelliger Antisemitismus gehört in meiner Jugend dazu. Man merkte es gar nicht. Wie auch? Es war schlicht normal, alltäglich, niemand dachte sich etwas dabei:
Sprachlich hatte sich der nationalsozialistische Antisemitismus im Alltag hinein prächtig erhalten und dies ist leider bis heute so. Erziehung und Propaganda, HJ und BDM der Nazis hatten ganze Arbeit geleistet. Und die Inhalte waren auch nicht wegzukriegen. Kein Wunder, dass es in vertrauter Runde nach ein paar Bier hieß, die Gammler und protestierenden Studenten gehörten alle ins KZ. Und über die Juden wurde ein paar Schnäpse später verlautbart, dass Hitler schon recht hatte, aber er hätte es einfach nicht „übertreiben“ dürfen. Jetzt würden sie das gegen Deutschland ausnutzen, und „uns bluten lassen bis in alle Ewigkeit“. Und überhaupt einen „kleinen Hitler“ könne Deutschland ganz gut gebrauchen. Der würde aufräumen mit Gammlern, Drogensüchtigen, Zigeunern und all den anderen Asozialen, die uns nur auf der Tasche liegen. Da lernte ich schon bald: „Jetzt heißt es Fresse halten. Sonst kriegst du eins auf die Mütze.“
Und das war und ist beileibe keine Familie voller Nazis. Gewählt wurde christlich. Was denn sonst? Die Sozis waren ja alles Kommunisten. Und Kommunismus war das Allerschlimmste auf Erden. Dagegen waren die Nazis doch harmlos ….
Ein Kommentar in Der BILD-Zeitung zum Massaker auf dem „Platz der drei Kulturen (Tlatelolco)“ in Mexico City am 2.10.1968, zehn Tage vor der Eröffnungsfeier der XIX. Olympischen Spiele. Dabei schoss eine entfesselte Soldateska auf Befehl des damaligen Präsidenten gezielt in die Menge der friedlich demonstrierenden Studenten. Die Zahl der Opfer wurde nie bekannt gegeben. Man schätzt sie auf bis zu 500. Die Weltöffentlichkeit ging schnell wieder zur Tagesordnung über: die „Weltfriedensspiele“ standen ja unmittelbar bevor. Ob China auch soviel Wohlwollen und Wegsehen bekommen würde?
Gefunden habe ich dieses Zitat in dem Artikel „Muchos muertas“ von Stefan Frank in konkret 8/2008 S. 26
Martin Büsser (*1968), in einer Rezension zu: Hartmann/Geppert, Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus in konkret 8/2008 Damit ist alles Wichtige zu Verschwörungstheorien gesagt.
Hermann L. Gremliza in konkret 6/2008