Renitenz statt Resilienz
“In der Physik und in der Technologie wird der Begriff der Resilienz benutzt, um die Eigenschaft eines elastischen Materials oder daraus bestehenden Körpers zu charakterisieren, seine ursprüngliche Form nach einer Deformierung - auf äußere Einwirkung hin - schnell wieder anzunehmen.” War Resilienz in der Psychologie bisher der Gegenbegriff zur Vulnerabilität und damit ein allgemeiner Begriff für die Fähigkeit eines Menschen mit belastenden Situationen klarzukommen, so ist Resilienz in der Arbeitspsychologie die plumpe Übertragung des technischen Modells auf die Psyche: Resilienz meint hier die Fähigkeit des Arbeitnehmers zur Anpassung an alle äußeren Arbeitsbedingungen, und seien diese noch so widrig. Ziel ist nicht wie früher im Arbeitsschutz, die Schaffung von Verhältnissen, die zumutbar sind, sondern die Stärkung des Einzelnen, dass er möglichst lange unzumutbare Arbeitsverhältnisse aushält.
Ehrlicher und offener kann gar nicht gesagt werden, was der Arbeitnehmer in den Augen der Arbeitsherren ist. Nämlich Arbeits-Material, das gewissen Ansprüchen genügen muss: formbar, dehnbar, bearbeitbar, flexibel. Und wenn es nicht mehr geht: hat sich die Arbeitskraft aufzurappeln und weiterzumachen!
Mein Gott, ist das Menschen verachtend. Und die Psychologie macht selbstredend mit. Aber in Wirklichkeit fragt keine alte Sau nach den Opfern als Menschen. Es geht nur um eines: ums Funktionieren, ums
Schaffen von Mehrwert für die Eigentümer, besser den Sklavenhaltern. Heute braucht es keine Peitschen mehr. Da hat es ein weit breiteres Instrumentarium: Wer nicht spurt, der fliegt. Wer nichts mehr leistet, auch. Wer nicht bereit ist für weniger zu arbeiten, erst recht. Und wenn das Hundchen ganz brav war, gibt es ein Leckerchen. Alles damit das Hundchen nur bellt, wenn es soll!
Wen wundert es, wenn die psychischen Erkrankungen zunehmen?
Wann merkt eigentlich der geneigte Zeitgenosse, wie sehr unser kapitalistische System alles gegen die Wand fährt für die Geldbeutel von ein paar wenigen?
Nur ein paar Stichworte aus den letzten Wochen:
- globale Finanzkrise mit geschätzt fast 1 Billionen $ an vernichteten, besser umgeschichteten Geldern
- Inflation weltweit, die wieder vor allem die Ärmsten trifft
- Spekulation auf den Lebensmittelmärkten
- Hungeraufstände wegen der explodierenden Lebensmittelpreise
- die Zeichen für eine Klimakatastrophe mehren sich
und bei uns in Deutschland zusätzlich:
- Rückgang der Reallöhne
- Zunahme des Niedriglohnsektors
- Unfähigkeit der Politiker den Interessen der Arbeitgeber etwas entgegenzusetzen
- Zunahme von psychischen Erkrankungen aufgrund der Arbeitsbedingungen
Wer meint, das alles hänge nicht zusammen, das habe nichts mit dem entfesselten Kapitalismus zu tun, das ließe sich alles innerhalb des Systems (quasi “sozialdemokratisch”) lösen, der lügt sich entweder selbst in die Tasche, oder glaubt einfach allen Geschichten unserer Medien und ist hoffnungslos naiv.
Was wir heute brauchen ist keine Resilienz, sondern Renitenz, Widerstand, ein Aufbegehren von unten gegen diese zynischen Zustände.




