Hatte die RAF vielleicht doch Recht?

Vorbemerkung: Ich rede hier nicht einer kritiklosen Verherrlichung der RAF oder einer „klammheimlichen“ Zustimmung ihrer Taten das Wort. Hier geht es um exakt zwei Gedankengänge ihres ideologischen Überbaus und Selbstverständnisses. Das muss nicht nur erlaubt sein. Das ist m.E. auch dringend nötig, weil es im Jubiläumsjahr „Deutscher Herbst“ viel zu selten passiert ist. Auch der gehypte Eichinger/Edel-Film ist in meinen Augen eine komplette Themaverfehlung. Da wird so getan, als sei die möglichst „authentische“ Darstellung der Ereignisse ohne Kommentierung, ohne Diskussion der Königsweg der Auseinandersetzung mit der RAF und der Antwort der Bonner Republik. Es geht nicht um den Baader-Meinhof-Komplex, sondern ist eher ein BM-Multiplex. Gedreht um möglichst viel Geld zu machen, das Thema ein für allemal abzuwickeln: der Zuschauer soll glauben, er wisse nun Bescheid. Lächerlich. So wird im Gefolge von Austs akribischer aber politisch inhaltsleerer Fleißarbeit psychologisiert und die Motive nur im privaten, biographischen Bereich gesucht. Das ist seit Jahren so etwas wie der Konsens in der bundesrepublikanischen RAF-Exegese. Der Mühe einer politischen Auseinandersetzung unterzogen sich nur die wenigsten. Leider. Wieder eine Chance vertan.*

Die RAF hatte bei ihrem bewaffneten Kampf, die unterschiedlichsten Ziele:

  • eine revolutionäre Avantgarde bilden
  • eine Rote Armee in der BRD aufbauen
  • die Linke hinter sich bringen und zum bewaffneten Kampf führen
  • den weltweiten Kampf gegen den Imperialismus in die deutschen Städte tragen

Zwei weitere, und um diese geht es mir, waren:

  • Sie wollte das wahre Wesen des bundesrepublikanischen Staates herbeischießen und –bomben: i.e. den verborgenen Faschismus der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ans Licht bringen, indem der Staat die angebliche Freiheit mit Notstands- und Antiterrorgesetzen zu Tode schützen würde.
  • Dadurch sollte die Arbeiterklasse und alle fortschrittlichen Kräfte zum bewaffneten Kampf mobilisiert werden.

der Stern der Roten Armee und eine MP

Dass letzteres nicht geklappt hat, ist hinlänglich bekannt. Zu satt, zu zufrieden, bestens alimentiert mit Reihenhaus, Italienurlaub und vermögenswirksamen Leistungen waren die einen, zum System übergelaufen wie die Grünen waren beim Marsch durch die Institutionen die anderen. Der erzwungene Klassenkampf ist ausgeblieben, dank BILD-Hetze, einem wie geschmiert funktionierenden Justiz- und Polizeiapparat, dank Rasterfahndung und Isolationshaft.

Du musst dem Kleinbürger nur lange genug einreden, dass die „Baader-Meinhof-Bande“ sein Häuschen kaputt machen und ihm ans Leder will, voilà er applaudiert der politischen Klasse, die ihn vor den bösen Buben schützt.

Das hat in den 70ern funktioniert und das klappt auch noch heute ganz vorzüglich.

Was vor und nach dem unseligen 11. September alles an Gesetzen zur „Terrorabwehr“ auf den Weg gebracht wurde, ist ein Horrorkabinett des faschistischen Überwachungsstaates: großer Lauschangriff, Vorratsdatensicherung, biometrischer Pass, Überwachungskameras aller Orten, eine sprunghafte Zu- und damit Überhandnahme von Abhörmaßnahmen… Durch die Anschläge der islamistischen Selbstmordattentäter ist in vielen westlichen Staaten genau das passiert,was die RAF erreichen wollte: sie zeigen inzwischen mehr oder weniger deutlich ihr latentes faschistisches Gesicht. Allen voran die USA und ihr Schoßhund GB, der durch den Antiterrorkampf gegen die IRA hinlänglich Erfahrung gesammelt hat. Auch wenn seit Obamas Präsidentschaft ein wenig Entspannung eingetreten ist, bleibt es weiterhin nur eine Frage der Zeit, sprich von ein, zwei Aufsehen erregenden Attentaten wie 9/11 (z.B. eine schmutzige Bombe, verseuchtes Trinkwasser, ein Anschlag auf die UNO …. ) bis härtere Mittel angewandt werden: die auch offiziell zugegebene Aufhebung von Bürgerrechten. Seit Obama wissen wir, wenn ein neuer Hoffnungsträger tatsächlich gewinnt, muss er schnell merken, dass andere das Sagen haben: all das, was man gemeinhin den militärisch-industrielle Komplex nennt.

auf Litfaßsäulen, in Kneipen, beim Bäcker.

Auch bei uns gibt es nicht wirkliche Alternativen zur Politik der Herrschenden, zur Politik des Kapitals. Ob SPD, CDU, FDP oder Grüne drauf steht – der Inhalt ist immer dasselbe: eine Politik der Restriktion, der Beschneidung der Bürgerrechte und der sog. Reformen, des Abbaus von Sozialstandards und der Umverteilung von unten nach oben. Selbst dort, wo die Linke mitregiert, trägt sie die gleiche neoliberale Soße mit, die sie sonst lauthals bekämpft. Nur für ein paar Schönheitskorrekturen ist sie dann gut.Die Linke hat die Rolle des pseudofortschrittlichen Feigenblattes von den Grünen geerbt.

Wenn erst einmal in den USA und/oder in GB der Damm in Richtung offener Diktatur gebrochen ist, werden garantiert innerhalb kurzer Zeit überall in Europa „waschechte“ Demokraten regieren: mit (Not-)Verordnungen, einer bis an die Zähne bewaffneten Polizei und einer Armee, die im Krieg gegen den Terror selbstverständlich auch im Inneren eingesetzt wird. Und dann werden im Bundestag alle zustimmen: die CDU/CSU sowieso und auch die SPD (sie hat da seit den Kriegskrediten für Wilhelm II. eine gute Tradition), die FDP um der „Freiheit“ willen und auch die Grünen sehen die „historische Notwendigkeit“ ein- bis auf Christian Ströbele natürlich. Nur „Die Linke“ fährt einen in den Medien ungehörten Kreuzzug gegen diesen Wahnsinn. Was sie bei einer nicht mehr stattfindenden Wahl prompt unter 5% treiben würde, mindestens aber ihre Sitze im Geheimdienstausschuss kosten und viele aktive Parteimitglieder in „Schutzhaft“ bringen würde. Aber das ist nur der Anfang…

Und der Kleinbürger? Der hat schon lange sein Reihenhaus und seinen Italienurlaub verloren. Dank gestrichenen Kündigungsschutz, Hartz IV und der irrsinnigen Reformpolitik der letzten Jahre, dank RTL und Bild hat er alles verloren, auch seine Kraft und seinen Willen gegen die Ketten zu kämpfen, die ihn fesseln. Er ist es gewohnt alles zu schlucken, was ihm vorgesetzt wird: Gammelfleisch und Oettinger, „Deutschland sucht den Superstar“ und den ganzen Hype um A-, B- udnm C-Prominente, dass der Schutz der Freiheit nur durch faschistische Gesetze möglich ist, dass die 68er mit ihrer Unmoral alles verdorben haben. Und und und…

Die RAF hatte also damit Recht, dass durch Terror und Anschläge die westlichen Staaten, ihr wahres, ihr faschistisches Antlitz zeigen würden. Aber wie 1977 hatten und haben sie mit dem zweiten Teil ihrer These nicht Recht: auch heute würde kein breiter Widerstand gegen einen faschistischen Staat entstehen.

Schließlich haben wir uns daran gewöhnt, nichts machen zu können.

* Diese Vorbemerkung wurde von mir aktualisiert am 27.9.08. Ergänzend zum NM-Film verweise ich auf die gute Kritik von Rüdiger Suchsland auf telepolis. Ich konnte es natürlich nicht unterlassen meine Gedanken dort auch zu hinterlassen.

Letzte Aktualisierung: 20.10.2009

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7 Kommentare zu “Hatte die RAF vielleicht doch Recht?

  1. noconform sagt:

    Ich bin anderer Meinung, wenn man etwas tun will, bedarf es Konsequenzen. Konsequenzen, die der Staat mit allen Ihm zur Verfügung stehenden Mitteln anwendet und damit die persönliche Freiheit immermehr einschränkt. Man sollte Grenzen überschreiten können und diese Konsequenzen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.Im Angesicht der Unfairen Chancen, ist jedes Mittel recht ? . Es ist kein Kampf der Gerechtigkeiten, es ist ein Kampf der Ideologien. Was ist die geregelte gesicherte kastrierte Eintönigkeit kontrovers zu einem ungesicherten Leben mit erkämpfenswerten Zielen der Freiheit ?
    Die Bevormundung des Staates in allen Lebenslagen fordert das anarchistische Denken aller noch nicht gehirnamputierten und medienferngesteuerten Charakteuren. Der Film ist nur ein Mythos, die Ignoraranz des Staates gegen alles was anders ist, keinesfalls.

  2. sey sagt:

    Das junge agressive Enttäuschungspotential muss man doch überwachen! Am besten mit ganz viel Kameras!

    http://www.heise.de/newsticker/Frankreich-Videoueberwachung-soll-verdreifacht-werden–/meldung/132642

  3. Unknown sagt:

    Gewalt kann nur dann erfolg haben, wenn der Staat schwach ist, oder wenn man glaubhaft machen kann Gewalt sei das einzige Mittel…..

  4. Anonymous sagt:

    Die Weichen sind gestellt…
    die Genossen stehen bereit

  5. meistermochi sagt:

    sie haben mit dem griff zur waffe den leichtesten weg gewählt – und den falschen. damit haben sie alles womöglich gute schon im keim zerstört.

  6. Ich sagt:

    Die Weichen sind gestellt!

  7. anonymus16 sagt:

    meiner meinung ist der artikel zuschwarzmalerisch. Mag sein dass wir deutschen nichts gegen den „antiterror“-überwachungsstaat machen würden aber den Franzosen (hier gab es 68 ja auch die dringend notwendige verbrüderung der revolutionäre mit der arbeiterschaft) würde man zum Beispiel solch ein System nie schmackhaft machen können. Dafür gibt es zuviel junges aggresives Enttäuschungspotenzial. (Vorstädte etc.) Und wie schon 1848 zu sehen war bleibt eine Revolution in Frankreich nur selten ohne Nachahmer, wenn die Bürger der anderen europäischen Staaten ihr politisches System als ähnlich erkennen. Und ich denke auch, dass anders als 1848 diese Revolution nicht dadurch scheitern würde, dass die Regierung nicht zustimmt.

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