Märchen des Ökonomismus #2

Freie Marktwirtschaft und Demokratie gehören zusammen und sind die Grundlage der westlichen Werte

Es soll Leute geben, die glauben sogar diesen Bullshit. Dazu gehört unsere politische Klasse bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Diese Behauptung der gegenseitigen Bedingung von Demokratie und kapitalistischer Wirtschaftsweise, die gerne vom jeweiligen amerikanischen Präsidenten ins Feld geführt wird, wenn mal wieder Krieg zu führen ist, und in Folge davon auch von unseren Politikern und unserer Journaille, ist so halbseiden und fadenscheinig, dass mir unwillkürlich „Des Kaisers neue Kleider“ einfällt. Da ist nichts an Argumenten, an historischer und sozioökonomischen Tatsachen: nichts als eine bloße Behauptung bleibt übrig, wenn man mal genauer hinsieht. Alle die diese These im Munde führen, stehen nackt da, geben sich der Lächerlichkeit preis. Nur keiner sagt es ihnen. Und so denken alle: So muss es sein. So gehört sich das. So ist es richtig.

Schaut man jedoch die Geschichte des Kapitalismus an, so sieht man sofort, dass diese These eine glatte Lüge ist. Seine Anfänge im 19. Jahrhundert in England fallen noch in eine mehr oder weniger ständische Gesellschaft mit entsprechender Herrschaftsordnung. An der Macht hatte die neue Klasse des Proletariats keinen Anteil. Den hatten nur der Adel und neu hinzukommend das (die Produktionsmittel besitzende) Bürgertum. Die Arbeiter hatten ausschließlich das Recht für ihre Arbeitsherren zu Hungerlöhnen 16 Stunden täglich zu schuften und durften in Elendsquartieren in den Städten vegetieren. Wer nicht glauiben will, dass dies so war, kann sich heute noch ein Bild davon machen: in Pakistan oder Bangladesh, wo unsere billigen Klamotten herkommen, sieht es nicht anders aus. Und in vielen anderen so genannten Drittwelt- und Schwellenländern auch nicht. Demokratie, d.h. Teilhabe an der Herrschaft, die Möglichkeit über das eigene Schicksal mitzubestimmen, existiert in solchen Verhältnissen nur auf dem Papier.

Alle demokratischen Rechte der Arbeiter, alle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, allen echten sozialen und politischen Fortschritt mussten sie sich mühsam erstreiten. Oder wurde wie im Rheinischen Kapitalismus ihnen großzügig gewährt, damit sie die Klappe halten und brav Adenauer wählen.

So sieht es nun mal aus im Kapitalismus, da hilft die Tünche \

Insgeheim träumen Geldgeber, Investoren und Shareholder von dieser radikal freien Marktwirtschaft, bei der sie allein bestimmen, und sie möglichst viel Profit machen können. Demokratie, Sozialstaat, eine durchlässige Gesellschaft – alles vernachlässigbar. Wenn man so manche Verlautbarung des BDI oder der INSM liest, merkt man worauf es wirklich für Deutsche Bank, Daimler, Siemens & Co ankommt: Gut ist alles, was Rendite schafft! Das ist ihre ganze Moral.

Im Übrigen ist das Kapital nie zaghaft und zögerlich mit wem es zusammenarbeitet. Im Gegenteil. Dem sozialistischen Chile unter Allende liefen wegen geplanter Verstaatlichungen die Investoren davon. Das durfte natürlich nicht sein. So griffen schließlich die USA ein, halfen Pinochet bei seinem Putsch und anschließend bei Folter und Verschleppung zahlloser Regimekritiker. Kaum war der „sozialistische Spuk“ vorbei übernahmen amerikanische Investoren und Berater unter Federführung der marktradikalen „Chicago Boys“ – inkl. ihres Übervaters Milton Friedman, dem großen Guru des Neoliberalismus – das Ruder und formten Chile um nach ihren Vorstellungen. Demokratie war da nicht nötig, eher störend: es könnte ja ein zweiter Allende kommen … Zynisch wurde das ganze von Friedman als „Wunder von Chile“ tituliert.
Die Verschleppten, Entrechteten, Enteigneten, Kleinbauern und Arbeitssklaven waren bestimmt den Göttern des Ökonomismus sehr dankbar, an diesem Wunder teilhaben zu dürfen.

Dass eine Diktatur ganz hervorragend mit freier Marktwirtschaft zusammengeht, zeigt die rasante Entwicklung in China. Kein Land hat wohl für Investoren so hervorragende Möglichkeiten. Eingriffe in den freien Markt von Seiten des Staates gibt es zwar. Jedoch meist im Sinne des Kapitals oder im Sinne der chinesischen Weltmachtpolitik. Die Millionen Arbeitssklaven haben zu schuften und den Mund zu halten. Dafür sind sie da: zur Vermehrung der Gewinne weniger ausländischer und chinesischer Firmen. Demokratie? Ein lässlicher Luxus, der nur die Wertschöpfung stören könnte. Wird sich daran etwas ändern? Wohl kaum. Es funktioniert ja ganz hervorragend. Die Sonntagsreden unserer Politiker, die von China Demokratie fordern, sind ein verlogenes Ritual, geschuldet dem heimischen Publikum. Wirklich wichtig ist, dass die Handelsbeziehungen nicht leiden, dass unsere Firmen Großaufträge an Land ziehen können, und dass wir weiter billige DVD-Player und Plastikspielzeug aus China beziehen können.

Die Kette der Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen. Auch die Geschichte des europäischen Faschismus, insbesondere der des Nationalsozialismus ist eine Geschichte der Verflechtung von unmenschlicher Politik, die Hand in Hand ging mit den Interessen des Großkapitals. Da stand kein Krupp, Thyssen, Quandt oder Reemtsma auf und begehrte gegen Hitler auf. Nein. Sie unterstützen die Nazis nach anfänglicher Skepsis und konnten selbst während des Krieges noch glänzende Geschäfte machen.

Die freie Marktwirtschaft schafft keine Demokratie. Sie schafft stattdessen eine kleine Elite, die alle Produktionsmittel besitzt, die kräftig dabei verdient, eine Elite, die sich immer mehr abgrenzen muss, einen Geldadel, der unter sich bleibt. Dem gegenüber steht ein Heer von Arbeitssklaven, die nichts haben, was sie verkaufen könnten, nichts außer ihrer Arbeitskraft, ihrer Kreativität, oder ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten. Da hat sich seit Marx Beschreibung dieses Verhältnisses nichts geändert.

Wie ich eingangs schon bemerkte: Demokratie und Markt gehören nicht zusammen. Das ist Bullshit. Im Gegenteil: solange noch immer ein paar wenige fast alles besitzen und die allermeisten fast nichts, solange sind wir von wirklicher Demokratie und echter Freiheit Lichtjahre entfernt.

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3 Kommentare zu “Märchen des Ökonomismus #2

  1. ungenannter sagt:

    Solange es viele Habenichtse und wenige (die Produktionsmittel) Besitzende gibt, solange es strukturell ein oben und unten gibt, ein mehr und weniger Einfluss, Macht und Gewalt, einen Unterschied der Gültigkeit von Gesetzen etc. pp. gibt, ist das Label Demokratie, das der jeweiligen Herrschaftsform angeklebt wird, Etikettenschwindel.
    Demokratie heißt Herrschaft des Volkes und nicht Herrschaft des Kapitals, des Militärs, einer Elite, einer oder mehrerer Parteien, oder auch nur eines Volkes über andere.
    Statt weiterer Ausführungen ein paar Zitate zum Weiterlesen und Weiterdenken.
    Ein wenig Adorno dazu:
    https://ungenannter.wordpress.com/2009/08/11/aphorismus-446/
    https://ungenannter.wordpress.com/2009/03/08/aphorismus-290/
    Und ein bisschen Marx:
    https://ungenannter.wordpress.com/2009/03/03/aphorismus-285/
    https://ungenannter.wordpress.com/2009/05/07/aphorismus-350/
    https://ungenannter.wordpress.com/2010/02/13/aphorismus-632/
    Und zu guter letzt das hier:
    https://ungenannter.wordpress.com/2009/03/24/aphorismus-306/

  2. neglectable sagt:

    Na okay, Du hast erfolgreich gezeigt, daß aus freier Marktwirtschaft nicht Demokratie folgt. Wundert eigentlich nicht. Was aber ist andersrum? Wenn wir annehmen, eine Demokratie zu haben, was kann anderes als Kapitalismus, vulgo freie (soziale?) Marktwirtschaft dabei rauskommen? Das ist die eigentlich interessante Frage!

    Dein letzter Absatz suggeriert, Besitzverteilung und politisches System hätten diese Abhängigkeit. Vielleicht kannst Du sie in der Beantwortung meiner Frage aufzeigen?

  3. […] Märchen des Ökonomismus Teil 2 Freie Marktwirtschaft und Demokratie gehören zusammen und sind die Grundlage der westlichen Werte. Es soll Leute geben, die glauben sogar diesen Bullshit… […]

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