Wie konntest du uns das antun?

Suizid – Ein heikles Thema zwischen Tabus und Vorurteilen

Warum will sich jemand umbringen? Warum lässt eine Mutter ihre Kinder, ein Mann seine Frau, ein Chef seine Firma oder ein Vater seine Familie im Stich und macht sich so feige aus dem Staub? Was treibt einen Menschen dazu, für sich und seine Situation keinen Ausweg mehr zu sehen, als den finalen?

Ein heikles Thema, eines, worüber man nicht spricht, eines, bei dem die Betroffenen schamhaft zu Boden schauen, oder am liebsten Gras drüber wachsen lassen möchten. Und genau deswegen, weil keiner darüber spricht, und die allermeisten allein gelassen bleiben mit ihren Fragen, ihrer Trauer, ihrer Wut, ihrer stummen Fassungslosigkeit, genau deswegen ist es so wichtig, das Schweigen zu brechen. Ich möchte dies, ähnlich wie bei meinem Artikel „Irrtümer zum Thema Depression“, tun.

Dabei gehe ich von einer Voraussetzung aus, die zwar unter den Psychiatern inzwischen Allgemeingut ist, aber leider noch nicht in das Bewusstsein der Allgemeinheit Einzug gehalten hat:

Ein Suizid, auch ein Suizidversuch ist in der Regel das Symptom einer schweren psychischen Erkrankung, wie einer schweren Depression, einer bipolaren Störung, einer Psychose, oder anderer Krankheiten aus diesem Bereich. Der sogenannte Bilanz-Suizid (das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben nach rein rationaler Abwägung der Lebensumstände) ist äußerst selten. Gleiches gilt für einen philosophisch oder religiös begründeten Suizid. Möglich, dass auch da die voraus gehende „rationale“ Abwägung alles andere als rational war. Wir wissen es nicht. Ebenso ausdrücklich ausklammern möchte ich den Todeswunsch schwer Kranker, deren „Leben“ nur noch ein Leiden ist: wer weiß, wie man selbst in solcher Situation handeln würde! Mehr dazu im lesenswerten Wikipedia-Artikel zum Thema. Wenn ich im Folgenden vom Suizidenten rede, habe ich immer dies im Hinterkopf: seine psychische Erkrankung, vornehmlich Depressionen.

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5 Kommentare zu “Wie konntest du uns das antun?

  1. ungenannter sagt:

    Hallo Gelangweilter,
    deine Auslassungen haben mich ganz schön gelangweilt…
    Du drehst dich im Kries, und deine Begründung für deine Langeweile ist? Deine Langeweile!
    Die Antworten auf deine Fragen gibst du dir selbst, lehnst alle Interpretationen von außen ab. Also sicher auch die meine.
    Aber egal. Ohne einen Widerspruch meinerseits habe ich Bauchgrimmen deinen Kommentar hier stehen zu lassen.
    Drei Begriffe fallen mir dazu ein: Der erste ist Luthers „homo in se curvatus„: der in sich selbst gekrümmten Menschen. Bei ihm ist das Bild für das peccatum originale, die Erbsünde- für mich eher das, was in einer Depression- oh, das böse D-Wort!- passiert: man kann aus seiner Haut nicht raus, ist immer und überall auf sich zurückgeworfen, der Blick richtet sich zwangsläufig nach innen, selbst wenn ich nach oben, nach außen, neben mich oder über mich sehe.
    Der zweite Begriff ist der des Solipsismus. Du scheinst mir unfähig zu sein, Beurteilungen deines Erlebens von außen zur Kenntnis, geschweige denn dir zu Herzen zu nehmen. DU allein definierst, was für dich gesund ist und passt. Dein gutes Recht. Aber es ist auch eines jeden anderen Recht, der mit dir zu tun hat- und durch deinen Text habe ich das jetzt nun mal- die Dinge ganz anders zu sehen. Aber irgendwie scheint das Außen bei dir innen keine Repräsentationen/ Entsprechungen zu haben, es bleibt Bild auf einer Leinwand, berührt dich jedoch nicht, will heißen: alles langweilt dich.
    Und dieser Fakt bringt mich zum dritten Begriff, dem der Dysthymie– und jetzt steht das böse D-Wort ganz breit da! Dysthymie als die andauernde gleichbleibende minderschwere Form einer Depression, in der keinesfalls alle, manchmal gar nur wenige Symptome über einen längeren Zeitraum- mindestens 2 Jahre- auftreten. Und die „Langeweile“, die du schilderst, i.e. die Unfähigkeit Reize mit all ihren Facetten aufzunehmen, die damit verbundene Freudlosigkeit, die anscheinend wiederholte Beschäftigung mit der sinnlosesten aller Fragen: der Sinnfrage, und davon ausgehend auch die Gedanken um den eigenen Suizid- all dies „riecht“ mir schon verdammt nach Dysthymie. Und ich weiß, wovon ich rede, ich habe seit meiner Jugend eine solche, über die sich in unregelmäßigen Abständen Rezidive einer klinischen Depression legen. Glaub mir, DAS willst du ganz bestimmt nicht haben.
    Mein Rat: Geh doch mal zu einem Doc. Ich habe in meiner „Klinik-Karriere“ einige Mitpatienten erlebt, die ungefähr wie du gesprochen haben, sich von Ärzten und Therapeuten partout nicht helfen lassen wollten, weil sie sich nicht für krank hielten, und es dann eines Tages doch „geschafft“ haben: sich das Leben zu nehmen.
    Ganz so einmalig, wie du dich in deinem Kommentar gibst, bist du also nicht. Du bist nicht die Ausnahme- Suizid aus Langeweile- sondern ganz einfach einer, der an einer Dysthymie leidet und das wie üblich nicht wahrhaben will. Mein Lernprozess dahingehend war sehr sehr schmerzhaft.

    Der Ungenannte

  2. Gelangweilter sagt:

    Daß nicht jeder Suizid „selbstbestimmt“ ist, das sehe ich ein.

    Doch was ist mit denen, die nicht aus Angst, Verzweiflung, Enttäuschung
    oder Depression und Leiden usw. nicht mehr Leben möchten, sondern aus
    schierer Langeweile?

    Lassen wir einmal den in der Tat beschämenden Zustand dieser Welt, das
    harte Los der Armen und Gepeinigten, vor allem auch der „Nutz“tiere
    usw., lassen wir das einfach mal außen vor, und sehen uns eine
    Situation an, die ich hier beschreiben möchte: Wenn man also gesund
    ist und isst, einer Arbeit nachgeht, genug Geld verdient, um sich
    intellektuell zu beschäftigen (vor allem Bücher), vielleicht auch
    mal Informatik und Chemie studierte aber aus ebendieser Langweile nach
    einiger Zeit abbrach: wenn man auch mal ab und zu Sport macht, vor allem
    aber regelmäßig spazieren geht und auch mal programmiert, zeichnet —
    Musik höre ich nicht, kann ich nicht leiden –, vor allem liest und
    auch Gemälde sich anschaut. Wenn man keine Freunde oder gar einen
    „Lebenspartner“ hat, dies aber freiwillig, man also kein Verlangen
    danach hat: wenn auch der Kontakt zu Eltern und Geschwistern nicht da ist
    und einen dies auch nicht stört; ja wenn also Frauen einen kalt lassen,
    nicht interessieren, reizen. Wenn einem die Idee einer „beruflichen
    Selbstverwirklichung“ befremdlich vorkommt und es einem genügt,
    genügend Geld mit recht wenig Aufwand verdienen zu können (da es einem
    leicht fällt [Programmierung/Wartung], aber mehr auch nicht).

    Wenn dieser Mensch — ich bin natürlich der Beschriebene — aber
    seit er denken kann (gut, seit dem 5. Lebensjahr) das Leben nicht als
    schrecklich oder unerträglich, sondern einfach langweilig empfindet,
    und er nichts dagegen hätte, freiwillig aus dem Leben zu treten: warum
    sollte man es ihm nicht ermöglichen? Daß ich „depressiv“ oder ganz
    einfach krank sei, weil ich alles langweilig finde, das lehne ich ab,
    denn, wie geschrieben, habe ich einen normalen Apetit, stehe morgens
    auf und lese usw.

    Wenn man jetzt noch hinzuzählt, daß man sich ja nicht selbst geboren
    hat, daß also der Grund, weshalb man lebt im Grunde ein ganz primitiver
    Trieb ist, und daß da ja kein Vertrag war, den man hätte unterschreiben
    können , dann ist eben gar nichts einzuwenden, daß dieser Jemand
    auf h u m a n e (mittels einem Barbiturat [NaP], das ist schnell und
    sicher; keine Entsellung, kein aufgeplatzter/zermatschter Schädel,
    kein abgetrennter Kopf, den womöglich auch Kinder zu sehen bekommen,
    kein traumatisierter Zugführer etc. pp.) Art und Weise aus dem Leben
    treten darf (das er, wie gesagt, nicht selbst gezeugt hat: ein anderer
    hat hier jemanden in die Welt gesetzt, der mit seinen „Freuden“
    bei der Zeugung ja gar nichts zu schaffen hatte, nun aber — irgendwie,
    warum auch immer — Leben soll: was ich ja bis jetzt (29) auch tat, doch
    eben die Frage: soll das jetzt also bis ins hohe Alter so weitergehen?

    Gut, kann es, soll es, aber wozu? Ich meine, warum sollte man das
    jetzt bis zum bitteren Ende — es wird ja wahrscheinlich bitter: Krebs,
    Herzinfarkt, gar andere schlimme Krankheiten? — durchhalten? Liegt das
    an der Gesellschaft? D. h. ist es vielleicht so, daß man früher stärker
    eingespannt war? Man kann heute ja sehr anonym und zurückgezogen
    leben und ich habe damit, wie gesagt, auch gar kein Problem, finde
    es schon schön, wenn man so für sich alleine ist und sich mit dem
    beschäftigt das einem „Spaß“ macht (gibt es bei mir natürlich
    nicht: es gibt Dinge, mit denen habe ich mich auseinandergesetzt und
    die sagen mir mehr zu als andere, was wohl nur natürlich ist, aber
    richtig begeistern kann ich mich für keine Kunst oder Wissenschaft;
    verstehe jedoch, wenn talentierte für „ihre Sache“ leben (Kunst
    schaffen/forschen etc.), doch das ist bei mir nicht der Fall und ich
    habe auch kein großes Bedürfnis danach. Sport ist nur Joggen, das ist
    einfach und hält recht fit, Mannschaftssport mochte ich nie. Vielleicht
    bin ich Asperger und asexuell? Habe ich mich schon öfter gefragt,
    glaube ich jedoch nicht ganz.)

    Mir fehlt es also weder an der Befriedigung der physischen
    Grundbedürfnisse — bis auf die Sexualität: Frauen (sowie Männer;
    ich dachte dann erst, ich sei homosexuell, aber das trifft wohl auch
    nicht zu) ließen mich schon immer kalt, haben mich nie gereizt; ich
    mag Tiere, und kleine Kinder sind auch ganz nett, wenn man sie so aus
    der Ferne beobachtet, sonst aber wohl eher anstrengend, nehme ich an
    (würde auch, wie gesagt, niemandem diese Langeweile zumuten wollen,
    und zu Frauen schrieb ich ja, daß ich mich niemandem hingezogen fühle).

    Und wenn man dann sich sagt: gut, war ganz nett, wenn auch meist einfach
    langweilig, und man Sterbehilfe beantragen möchte, dann wird das einem
    „jungen und gesundem“ Menschen natürlich nicht genehmigt, nehme
    ich an. (Wird ja oft, wie ich las, nicht einmal bei Todkranken, was
    ich, mit Verlaub, pervers finde: wozu diese armen Menschen weiterleiden
    lassen? Wenn doch nicht einmal Besserung in Sicht ist: warum nicht los-,
    sie gehenlassen?)

    Wie gesagt: mir konnte bisher niemand erklären, was eine recht blinde
    Bejahung des Lebens um jeden Preis rechtfertigt. Klar, ich könnte so
    weiterleben, aber wozu? (Ich würde mich sogar als wunschlos glücklich
    bezeichnen, weil ich eben auch gar nichts wünsche oder verlange.) Die
    Antwort mit Genen/Biologie ist mir zu primitiv, weil man sich dem ja nicht
    beugen muß: es ist gut, daß wir — wie ich auch bei Dawkins las — uns
    der Natur nicht beugen, und „wir“ haben ja auch große Anstrengungen
    unternommen, z. B. geistig und auch körperlich Behinderten, die so gar
    keine Überlebenschance hätten, ein einigermaßen erträgliches Dasein
    zu ermöglichen. Das kann es also nicht sein. Dann gibt es noch die
    Antwort: mach doch dies oder jenes. Damit ist wohl gemeint, man soll etwas
    finden, „wofür es sich zu leben lohnt“. Wie gesagt: Zeichnen und
    Programmieren, das mache ich, aber eben auch einfach so, weil ichs kann,
    es mir leichtfällt und die Zeit ausfüllt, da es ja noch langweiliger
    wäre, einfach so nichts zu tun: trotdem: die Langeweile bleibt.

    Nun ja, wurde recht lang, möchte auch niemandem hier auf die
    Füße treten, aber wollte mal eine andere „Sicht der Dinge“
    schildern, denn es scheint mir, die Vorstellung, daß jemand zuerst
    einmal gar nicht nach Freunden oder gar Frau verlangt, auch berufliche
    „Selbstverwirklichung“ einen nicht berührt, man aber eben ganz normal
    lebt, auch Sport, lesen etc. (Wenn ich es recht überlege, wird dieser
    Text wohl für viele „deprimierend“ wirken, obwohl ich selbst gar
    nicht deprimiert bin, und, wie geschrieben, „normal“ lebe: doch die
    Art, w i e ich lebe, scheinen viele deprimierend zu finden. Doch heißt
    das dann, daß ich deprimiert bin? Diese Sicht finde ich nämlich recht
    anmaßend: daß ich, trotz eigenem Wissen, nicht weiß, was „gut für
    mich ist“. Das lehne ich ab, da es mir falsch erscheint: man wird zu
    einem Zombie erklärt, nur weil man’s nicht „wie die anderen macht“.)

    Egal. Ich höre hier auf, ist ein wenig anstrengend, das Schreiben.
    Trotzdem: ich glaube es nicht, daß es soetwas wie mich nicht geben soll,
    daß so etwas wie ich krank sein soll, obwohl äußerlich und innerlich
    keinerlei Anzeichen da sind. Eben nur die Langweile. Und: daß ich eben
    nichts dagegen hätte, zu gehen, ich im Grunde das „Ausharren um jeden
    Preis“ als nicht sehr normal empfinde: den natürlichen Tod abzuwarten
    ist ja weitaus grausamer, als wenn man bewußt den eigenen Tod sozusagen
    „planen“, also bewußt ein Ende setzen würde — und das humaner, als jeder
    (willkürlich eintreffende) Herzinfarkt oder Krebs sein kann.

    Bis dann irgendwann.

    Der Gelangweilte

  3. sodade sagt:

    Der erste wirklich gute Artikel zu diesem Thema. Auch ich bin betroffen. Danke.

  4. Ulf sagt:

    Auch ich habe mehrfach überlebt. Danke für diesen Artikel. Vielleicht gibt es ja auch Menschen, die ihn verstehen.:-)

  5. […] Wie konntest Du uns das antun […]

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