Verschwörungstheorien als struktureller Antisemitismus – mindestens

Eine steile These, aber bevor der ungeneigte Leser jetzt in die Luft geht und mir die Auschwitzkeule vorwirft, bitte erst zu Ende lesen, nachdenken und wenn es dann immer noch nötig sein sollte: dann poltern.

Ein Bastard wird geboren

Um diesen Zusammenhang aufzuzeigen, müssen wir zunächst einmal zurück zur Geburtsstunde des Antisemitismus, der die Blaupause aller folgenden Verschwörungstheorien (= VTs) war und ist. Er ist der, besonders in Deutschland viel geliebte und vielfach hofierte Bastard, gezeugt von einem judenfeindlichen Christentum mit dem, die Widersprüche einer entmystifizierten Welt nicht ertragenden und gleichzeitig zur Hybris neigenden Kleingeisterei, die sich doch so großartig aufgeklärt wähnte! Er entstand aus der fatalen Verbindung alter kirchlicher Denkfaulheit von über 1500 Jahren Kirchengeschichte mit der Überheblichkeit von sich aufklärerisch dünkender neuer bürgerlicher Denkfaulheit.
Und gegen Denkfaulheit, gegen die schnellen und billigen Antworten hilft nur Denken! Ganz im Sinne von Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung. Denken als essentielle Begrenzung der Aufklärung in ihrem Wahn grenzenloser Machbarkeit. Denken als Gegenmittel gegen den durch die Aufklärung selbst entfachten Mythos, der schließlich in dem des 20. Jahrhundert seinen abgründigen Tiefpunkt fand.
Die Renaissance der konservativen „Werte“,die Anbiederung von Politik und Medien an Kirche und andere Mythenverkäufer (Roland Koch, dieser Scharfmacher gegen alles Fremde dackelt nur allzu gern dem Dalai Lama hinterher!), der hilflose Umgang mit dem Islam: entweder er wird zum Bösen an sich dämonisiert, oder es wird aus missverstandener Toleranz vom getrennten Schwimmunterricht bis zu Überlegungen, die Scharia zuzulassen, alles getan, dass es bestimmt zu keiner Integration der Muslime in Deutschland kommt! Kurzum die neue Hinwendung zum Mythischen, die in den Esoterikzirkeln schon seit Jahren zu beobachten ist, zeigt, wie gefährdet die Aufklärung nach einer Phase des grenzenlos erscheinenden Fortschritts und Wachstums schon wieder und gerade deswegen noch immer ist. Die Antiaufklärung erhebt weltweit immer stolzer ihr Haupt. Und sei es „nur“ in dem derzeit zu erlebenden immer tieferen Versinken der katholischen Kirche in ihre eigene Rückständigkeit.

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25 Kommentare zu “Verschwörungstheorien als struktureller Antisemitismus – mindestens

  1. honeypiehorse@gmx.de sagt:

    Komischerweise hat man hier, was VSTler anbelangt, immer ein genaues Bild im Hinterkopf. Alle VSTler glauben an die geheime Schattenregierugn, Chemtrails und an eine Pyramidengesellschaft usw. Von diesem Denken sollte man mal weg kommen, auch wenn man keine VSTler mag, weil diese wohl angeblich glauben, über die effektivere Weisheit zu verfügen als die anderen. Tatsache ist erst mal, wenn man sich die gegenwärtige und vergangene Politik und die Geschichte allgemein anschaut, dass es immer gewisse Lobbygruppen gab, die versucht haben, einen Vorteil gegenüber der Mehrheit zu erlangen. Man hinterfrage mal das Finanzsystem im Allgemeinen, besonders aber das der USA.
    Wenn zwei Menschen im stillen Kämmerlein etwas aushecken, dann ist das im Grunde schon eine Verschwörung. Auch wenn manche VSTler manchmal etwas verquerte Ansichten haben mögen oder über die Stränge schlagen, so finde ich einiges nicht unbedingt immer so abwegig. Ich würde manche Dinge eher als Korruption und Vorteilnahme im ganz großen Stil bezeichnen, denn als Verschwörung.
    Das gewisse Thinktanks wie z.B. Atlantikbrücke, Club OF Rome, Bilderberger, Club der 300 etc. existieren, ist längst kein Geheimnis mehr. Natürlich werden dort auch Dinge ausgekungelt, die Karl Arsch nicht unbedingt zu interessieren hat!
    Die Sache mit dem Antisemitismus ist, meines Erachtens nach, schon wieder ein ganz anderes Thema, aber im Grunde genommen eins der schlechteren Argumente. Hierbei handelt es sich doch eher um eine Anschuldigung, die jemanden mundtot machen soll oder in ein schlechtes Licht rücken soll!
    Ich finde es durchaus berechtigt, wenn Menschen sich Gedanken machen, weil sie vielleicht nicht unbedingt Lust haben, in einer Welt von Großkonzernen, Bankenkartellen etc. zu leben,

  2. honeypiehorse@gmx.de sagt:

    Welches ist denn das verräterische Wörtchen, Antisemitismus oder Verschwörungstheorie? Oder ist es einfach schon verdächtig, eine andere Wahrheit als die etablierten Medien propagieren, nur im Entferntesten in Betracht zu ziehen? Dann sind hier wohl einige des Antisemitismus schuldig, wenn es denn so einfach ist. Antisemit zu sein scheint so verdammt leicht zu sein. Ich nehme mal an, dass sich in diesem Zusammenhang das Wort Semit, lediglich auf Menschen mit jüdischer Herkunft bezieht, andere Semiten finden ja für manche Leute gar nicht erst statt?!

  3. gibsonlespaul74@web.de sagt:

    Ganz interessanter Artikel. Ich verstehe nur den Teil mit der Esoterik nicht so recht. Wie passt das da rein. Oder wird der sog. Antisemitismus (das Wort ansich ist schon irreführend…wer sind die Semiten?) vom Autor als eine eine Art von Religion angesehen?

  4. erich sagt:

    ein netter artikel.
    arme VT’ler…

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