Aphorismus #270

Unter den Bedingungen allgemein durchgesetzten bürgerlichen Rechts gehört die Bekämpfung der in der kapitalistischen Gesellschaft mit Notwendigkeit fortwesenden Diskriminierung nicht in das Gesetzbuch geschrieben, sondern sie hat dort zu erfolgen, wo diese unter den Bedingungen formal gleicher und freier Rechtsverhältnisse allein noch stattfindet: in den politischen und privaten gesellschaftlichen Beziehungen; und sie hat sich dort vor allem auch gegen die völkischen, religiösen und rassistischen Selbstzuschreibungen der Subjekte zu richten.

Diesen Satz von Manfred Dahlmann aus einem Artikel in der jungle world sollte man mehrfach lesen,es lohnt.

* Ja Selbstzuschreibungen, nicht nur Fremdzuschreibungen! Wer sich selbst immer nur als Türke definiert, wird eben auch nur als solcher gesehen. Wer selbst ständig den Unterschied zwischen seinem geliebten Islam und dem dekadenten Westen betont, wird zwangsläufig als islamischer Fanatiker oder gar als Islamist gesehen. Wer seine Frau und seine Töchter nur verschleiert außer Haus lässt, der lebt in seiner Vorstellung nicht im liberalen Europa, sondern in den Stammestraditionen von Vorderasien oder Nordafrika. Wer meint, er müsse allen anderen seine restriktiven patriarchalen und präaufklärerischen Sitten und Dogmen aufzwängen, der versteht nicht was Freiheit wirklich heißt: die Freizügigkeit der anderen, die eigne Toleranz dazu und das Gutheißen der daraus resultierenden Pluralität. Jeder wie er mag, aber keiner von irgendeinem gezwungen, marginalisiert oder verachtet. Dass wer in einem aufgeklärten Land lebt, dem aufgeklärten Grundkonsens unabdingbar zustimmen muss, ansonsten hier nie einen Platz finden wird, nie dazugehören wird, nie richtig ankommen wird, dies sollte Einwanderungs- und Integrationspolitik als erstes vermitteln. Ein Test mit einem Fragebogen zu angeblich wichtigen deutschen Themen, ist ein schlehter Witz. Und die doppelte Staatsbürgerschaft und endlich ein territoriales statt eines Blut- und Boden-Staatsbürgerschaftsrecht ist mehr als überfällig.

Advertisements

3 Kommentare zu “Aphorismus #270

  1. Anonymus sagt:

    schöne Geschichte auch der libanesisch-stämmige Aachener der in Erlangen lebend den Wunsch bekundet fränkischer Ministerpräsident zu werden… diese Person ist mir persönlich bekannt….

  2. ungenannter sagt:

    Sehr schöne Beispiele. Auch wenn ich lt. Staatsbürgerschaftsurkunde, die ich mal brauchte, seit Generationen, alt eingesessen usw. Dafür war in den 60ern mein bester Freund ein Spanier. Was habe ich die tapas (den Namen kannte ich damals noch nicht!) und das andere Essen genossen, wenn der Papa der Familie an den Feiertagen den Kochlöffel schwang!
    Zu den Siebenbürgern: da kannte ich einige Ältere, die nach D auswanderten: die lebten mehr in ihrer Heimat als sonstwas. Und wenn man sie fragte, warum sie gegangen sind, hieß es nur: der Kommunismus und dann wurde über die „Zigeuner“ hergezogen, die jetzt in ihren alten Häusern wohnen würden und alles würde verkommen, überall Schmutz….

    Wie schon Karl Valentin wusste:

    Fremd ist der Fremde nur in der Fremde!

  3. tetrapanax sagt:

    Spannendes Thema, in dem man sich leicht verlieren kann. Die Integration, bzw. die komplette Assimilation von Migranten in eine Gesellschaft kann innerhalb von zwei, drei Generationen abgeschlossen sein, kann aber auch mehrere Jahrhunderte dauern.

    Meine Altvorderen kommen aus fast ganz Europa. Was heute noch überliefert ist, sind im Familienbesitz befindliche alte Dokumente in verschiedensten Sprachen, mein Nachname und Speisegerichte, die über Generationen weitergegeben wurden. Zum Beispiel kommt eine namenlose Nudelspeise mit gekocheten Pflaumen der Überlieferung nach von meinem Ur-Ur-Opa aus Polen. Ein besonderes Gänse-Gericht wurde uns, der Familiensage nach, von der Oma aus Bayern überliefert, deren Mutter dieses Rezept schon in Österreich kochte, die es wiederum von ihrer Oma aus Nord-Italien überliefert bekam. Und so weiter.

    Allein das Wissen um meine Herkünfte hat mich immun gegen einen übersteigertes Nationalgefühl gemacht. Mag sein, daß da irgendwo „germanische Gene“ in mir verbaut sind, aber wer weiß, wie viele Völker der Welt mit unterschiedlichsten Religionen über tausende von Jahren gesehen in mir stecken!

    Spannend ist auch, als Beispiel für eine Nicht-Integration, die nun langsam zu Ende gehende Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Ursprünglich aus meiner Gegend kommend, kolonisierten sie ab dem 12. und 13. Jhd. das dato noch sehr dünn besiedelte Siebenbürgen und bilden seit dem eine eigene Kultur. Bis heute sprechen sie ein völlig veraltertes Deutsch mit moselfränkischen Wurzeln. Das Bestehen dieser Kolonie, bzw. dieser Kultur über die Jahrhunderte konnte nur durch eine strikte kulturelle Isolation und durch die Abgrenzung von der sie umgebenden nicht-deutschstämmigen Einwohner und deren Kultur gesichert werden.

    Tja, was wohl ein Jens Yazıcıoğlu, geboren im Jahre 2060 in Duisburg, noch über die Probleme seiner namensgebenden Vorfahren aus der Türkei und die Situation der darauf folgenden zwei, drei Generationen in Deutschland weiß? Vielleicht ist er Muslim, möglicherweise aber auch Christ, fühlt sich als Buddhist oder hat gar keine Religion… Möglicherweise spielt für ihn seine Herkunft im Alltag überhaupt keine Rolle und er freut sich über die alten überlieferten Kochrezepte seiner Vorfahren…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s