Aphorismus #280

Upps. Ein so langer Text als „Aphorismus“? Ja, weil er sich lohnt!

Vom Nutzen des Drachen

Auf dem Planeten Abrasien lebt ein riesiger Drache, der weniger dem herkömmlichen Bild vom Drachen ähnelt, vielmehr einem riesigen Bergkamm, der durch seine Ausscheidungen, Ausdünstungen und Bewegungen weite Teile der Anrainerstaaten in Mitleidenschaft zieht. „Von Zeit zu Zeit bläht er sich auf und überschwemmt die Grenzgebiete mit den Resten der verbrauchten Artikel, und bei Schlechtwetter stinkt er tausend Kilometer weit.“ Niemand  weiß mehr, wie der Drache entstanden ist, aber die gesamte Wirtschaftsstruktur des Planeten ist auf die Mästung des Untiers ausgerichtet. Pro Tag verschlingt es 1.800.000 Tonnen Lebensmittel, die in Güterzügen und Pipelines angeliefert werden. Ein ganzer akademischer Apparat ist mit der Erforschung der Stoffwechselvorgänge befasst- in der Hoffnung, dass sich durch eine noch besser abgestimmte Diät  die Geruchsbelästigung reduzieren und das Wohlverhalten des Drachens fördern ließe. Immerhin hängen 146.00 Arbeitsplätze an den drachenrelevanten Industrien.
Die naive Frage des Forschungsreisenden, warum man das Getüm nicht einfach verhungern lasse und die Mittel zum direkten Nutzen der Bevölkerung einsetze, weist ein führender Drachenforscher als hoffnungslos rückständig und unpraktikabel zurück: „Stellen Sie sich die Ausdünstungen vor, die von einem solchen Kadaver ausgingen. Zweitens würden die Banken zusammenkrachen – Zusammenbruch des monetarischen Systems. Es käme zu einer schrecklichen Katastrophe, Fremdling.“ Die moderne Strategie im Umgang mit dem Drachen ziele demnach auf „Domestifikation und Pazifikation“ ab: „In jüngster Zeit werden ihm riesige Mengen Süßigkeiten verabreicht. Süßigkeiten hat er sehr gern.“ Im Übrigen sei der Drachen längst zur historischen Notwendigkeit geworden, zur Staatsräson: „Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“

Kommt einem irgendwie bekannt vor, hochaktuell sozusagen. Aber die Geschichte „Vom Nutzen des Drachen“ von Stanislaw Lem stammt nicht aus unseren Tagen der Krise, sondern erschien im gleichnamigen Erzählband bereits 1990 auf Deutsch.

Diese verblüffende Entdeckung verdanke ich einem Beitrag von Holm Friebe in konkret 3/2009 S. 27,  der ich bei der Wiedergabe weitgehend gefolgt bin.

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