Aphorismus #290

Dass die Menschen ohnmächtig sind vorm System und nicht vermögen, aus ihrer Vernunft ihr Leben und das des Ganzen zu bestimmen; ja dass sie nicht einmal mehr den Gedanken daran denken können, ohne zusätzlich zu leiden, bannt ihre Auflehnung in die verkehrte Gestalt: lieber wollen sie hämisch das Schlechtere denn den Schein eines Besseren.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969) aus: Negative Dialektik (1966)
Wieder mal ein „typischer“ Adorno, der sich erst beim zweiten oder dritten Durchlesen erschließt: eine treffende Beschreibung unserer Zeit, und doch mehr als 40 Jahre alt!

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4 Kommentare zu “Aphorismus #290

  1. ungenannter sagt:

    Zum Einstieg, wenn man Zeit, Muße, Geduld und die Möglichkeit zum Nachschlagen von Begriffen etc hat, was ja heutzutage durchs Internet gegeben ist, empfehle ich seine mit Horkheimer verfasste grundlegende Schrift von 1947:

    Dialektik der Aufklärung

    Im Netz zum Großteil zu finden:
    http://www.braungardt.com/Philosophy/Adorno/DA.htm

    Das ist m.E. hochaktuell, was da zu lesen ist.

  2. tetrapanax sagt:

    Na so was! 😉

    Ich kenne Adorno kaum. Seine Sicht macht ihn mir aber sehr symphathisch.

  3. ungenannter sagt:

    Vielleicht macht die Projektion psychischer Voraussetzungen vieler Menschen auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse den Adorno so zeitlos?!

    Ich meine, das „Vielleicht“ kannst du streichen: Für Adorno gehörte Freud zum Handwerkszeug dazu wie Hegel oder Marx.

  4. tetrapanax sagt:

    Dieser Spruch ziel auf die Gesellschaft ab. Aber genau so gut könnte er auf jeden Einzelnen abzielen, denn jeder halbwegs reflektiere Mensch wird in diesem Satz sein eigenes psychisches System wiedererkennen, dem man oft genug hilflos und (scheinbar) machtlos gegenübersteht. Und wie oft schlägt das (oft unbewußte) Gefühl der eigenen Machtlosigkeit irgendwann in eine Lethargie um, die sich mit einer großen Portion Zynismus gepaart stets nur um das eigene Elend rotiert und nichts mehr anderes sehen kann – und auch nichts mehr anderes sehen möchte.

    Vielleicht macht die Projektion psychischer Voraussetzungen vieler Menschen auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse den Adorno so zeitlos?!

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