Das Märchen vom Osterhasen

Wie verlässlich sind die Evangelien?

Exkurs 1: Legendenbildung heute

Nun, genauso könnte man fragen, wie verlässlich sind die Historienschmonzetten im Fernsehen, die uns in den letzten Jahren beglückt haben: Die Flucht, Dresden, Lengede, Hamburger Sturmflut… Deren Wahrheitsgehalt tendiert außer ein paar nicht zu umgehenden Fakten gegen Null. Das liegt a) am Medium TV, das nach Gefühlen giert, b) dem Bedienen von Erwartungen, c) dem Zwang zur Verbildlichung, d) der damit verbundenen Eineindeutigkeit der Erzählung und e) ganz einfach der Quote, dem Zwang zum Geldmachen. (Hierzu kann ich nur immer wieder Adorno empfehlen.) Sinn und Zweck diese Elaborate begreift man nur, wenn man nach derIntention der Macher fragt: Was wollen sie erzählen und was wollen sie erreichen? Zuerst einmal Unterhaltung und Ablenkung.  Aber beides würde es mit Jauch oder Pilawa billiger geben. So muss die Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte und ihre Verklärung durch Heldentaten einen anderen Zweck erfüllen. Und der heißt „Wir basteln an einer neuen Legende für unser Land!“ Eine, die nicht mehr mit der Stunde Null beginnt, sondern später, mit der Gründung der BRD, die ihre Bewährungsproben in den „schicksalshaften“ Momenten wie der Sturmflut oder dem „Wunder von Lengede“ erlebte und bestand, die „erfüllt“ wurde in der Wiedervereinigung udn die uns „Du bist Deutschland“-Deutsche noch für große Aufgaben braucht. Mir graust davor! Bei diesen Filmen geht es nicht um Fakten. Legendenbildung ist angesagt.

Legendäre Evangelien

Und um genau das, um Legendenbildung, geht es auch in den vier Evangelien! Die Fragen, die man unbedingt stellen muss, wenn man an die Ostergeschichten herangeht ist:  Warum wird es so erzählt? Für wen wird es erzählt? Was ist Meinung, was ist Fakt?

Legt man diese Elle an den vier Evangelien an, so fällt Johannes als erstes heraus. Das jüngste Evangelium, 80 bis 90 Jahre nach dem Wirken Jesu geschrieben, ist am detailreichsten und zeigt damit nicht besondere Nähe, sondern im Gegenteil die größte Distanz. Man kennt derlei von den Geschichten, die in den Familien erzählt und von Generation zu Generation weiter getragen werden: je älter desto ausgeschmückter, fantasievoller, lebendiger und mit immer größeren Anspruch auf Wahrhaftigkeit! Erst recht gilt dies, wenn die Protagonisten der Erzählung nicht mehr leben. Im Laufe der Zeit legt sich Schicht um Schicht, wie beim Backen eines Baumkuchen, um den ursprünglichen Kern. Beim Baumkuchen ist das in Ordnung, weil er lecker schmeckt, bei historischen Erzählungen, die Wahrheit für sich beanspruchen, werden diese je länger je mehr nutzlos. Johannes ist ein erstklassiges Beispiel dafür.

Wie sieht es mit Matthäus und Lukas aus?
Nun Matthäus macht sich gleich am Anfang sehr verdächtig: das Grab ist nicht offen, sondern ein Engel wälzt den Stein weg. Die Frauen sind Augenzeugen dafür, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Dem dient auch die Erwähnung der Wachen, die durch das theophane Brimborium (Erdbeben, Blitz, gleißendes Licht) bei der Auferstehung „wie tot sind“ (Mt 28,4). Soll heißen, alles ist historisch korrekt, die Jünger haben Jesu Leichnam nicht geklaut, was mit großer Sicherheit ein Vorwurf z.Zt. des Matthäus war. Seine Version kann man also ebenfalls getrost streichen. Zu offensichtlich ist sein Interesse, die Sache mit Ostern zu „belegen“, mit zusätzlichen Zeugen und Beweisen zu versehen.
Und bei Lukas? So wie sein Evangelium mit dem Verbreitung „der frohen Kunde“ der Geburt Jesu durch die Hirten (Lukas 2,17 ) beginnt, so endet es ebenfalls mit Missionierung: „Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündigten das alles den elf Jüngern und den andern allen.“ (Lukas 24,9) Der missionarische Charakter seines Evangeliums wird  sehr deutlich. Er hat weniger Interesse an den „Fakten“, wichtig ist ihm, dass es weitergeht, dass das Evangelium von den Juden zu den „Heiden“ kommt. Auch kein wirklich verlässlicher Zeuge.

Bleibt als letztes Markus. Und in der Tat hat er als ältestes Evangelium, das Lukas und Matthäus als Quelle benutzten, die „schlankste“ Erzählung. Das Grab ist offen, ein Engel erscheint den Frauen, sie türmen mit Furcht und Schrecken. Das ist auf jeden Fall 100 mal mehr Psychologie als bei Johannes. Aber ist es dadurch allein schon glaubwürdig?

20 Kommentare zu “Das Märchen vom Osterhasen

  1. […] Schuld an Unstimmigkeiten und Widersprüchen in der Bibel wie etwa bei der Auferstehungs­geschichte! […]

  2. ungenannter sagt:

    Frömmigkeit, griehisch sebeia, lateinisch pietas, ist ein Begriff, der älter ist als die christliche Variante, und meint praktische Religionsausübung und innere Einstellung aus Sicht des Individuums, im Gegensatz zu Worten wie Glaube und Kult, die abstrakter sind, mehr objektivieren, generalisieren.
    Aber genau letzteres wollte ich nicht: mir ging es um diese individuelle Komponente. Und da fällt mir leider kein besseres Wort ein.

  3. P.H. sagt:

    Eben. Davon ausgehend, dass Jesus eine historische Figur war, kann man das ohne weiteres unterschreiben. Realität und Mythos sind halt zwei Paar Schuhe.

  4. P.H. sagt:

    „Im Gegenteil: da wird Sexualität als Teil der Frömmigkeit gesehen:“ Was mich an dem Satz stört ist das Wort „Frömmigkeit“. Ich frage mich, ob dieser bleiche mittelaterliche Begriff in polytheististischen Religionen überhaupt sinngemäss übersetzt werden könnte.
    Ansonsten kann ich Dir nur zustimmen, wobei Dein letzter Kommentar trotz seiner Kürze auf ein paar „erweiternde Details“ eingeht, die sich vorzüglich für ein neues Post eignen würden.

  5. Anonymus sagt:

    das is doch i-wie immer so….
    oder?
    warum sollte es eig bei J anders sein?

  6. ungenannter sagt:

    …und beides ist auch Folge des patriarchal autoritären Charakter monotheistischer Religion. In polytheistischen Religionen gibt es (meist) diese Leibfeindlichkeitn nicht. Im Gegenteil: da wird Sexualität als Teil der Frömmigkeit gesehen: Tempelprostitution, Dionysos-Kult in Griechenland; Tantrismus sind Beispiele dafür.
    Allerdings hat die Verherrlichung des weiblichen Körpers nicht davon abgehalten, die Frau zu unterdrücken…

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