Kanzelmärchen #2

Gottlos = sinnlos!  Diese Gleichung geht schon theologisch nicht auf!

Gottlos leben = sinnlos leben. Tun wir einmal so, als wäre diese Aussage ernst zu nehmen und vergleichen sie mit dem, was sonst so von den Kirchen gepredigt und gelehrt wird. Spielen wir nicht den advocatus diaboli, sondern den advocatus dei (Anwalt Gottes).

Gottlos leben = sinnlos leben. Welche Aussagekraft hat diese Gleichung? Nun. Es wird etwas Immanentes, das Leben eines (jeden) Menschen und der darin liegende Sinn, mit etwas Transzendentem, mit Gott, sprachlich verschränkt und logisch zusammengeschlossen. – Aber geht das so einfach? Ist das sauber argumentiert? Wenn man bei dieser Gleichung, wie man es in der Mathematik gelernt hat- und das ist m. E. zulässig, denn in der Tat wird diese Gleichsetzung quasi „vulgärmathematisch“ benutzt- wenn man also alles streicht, was auf beiden Seiten identisch ist, so fallen das Wörtchen „leben“ und die Endung „-los“ weg und es kommt eine Gleichsetzung heraus, die einen Gottesbegriff vermittelt, der eigentlich nicht im Interesse derer sein dürfte, die diese Losung so intensiv verwenden: Gott = Sinn. Diese Aussage widerspricht so ziemlich allem, was in der biblischen Tradition nachzulesen ist, aber auch in der Kirchengeschichte gesagt und gedacht wurde. Auf beides aber berufen sich jedoch die Propagandisten der Sinnlosigkeit eines Lebens ohne Gott. Und weil sie es immer wieder gerne und vielfach benutzen, dieses wertvolle Fündlein, für ihre Reconquista des gottlosen Europas, ist es nur schwer zu glauben: aber sie widersprechen sich fundamental selbst! Die Gleichsetzung Gottes mit dem Sinn des Lebens verstößt in toto gegen das Bilderverbot des 2. Gebotes. Dort sind ja nicht nur Bilder und Statuen von Gott Gotteslästerung, sondern jede Art von Festlegung, von Definition, d.h. der „Begrenzung“ Gottes. Wer aber sagt, dass Gott der Sinn des Lebens sei,  nagelt den transzendenten Gott fest auf einen ganz bestimmten Lebenssinn. Indem jemand sagt: „Gott ist der Sinn meines Lebens!“, zwingt er den doch sonst als unendlichen, allmächtigen, allwissenden und wie auch immer verkauften Gott in die Enge und Kürze eines irdischen Daseins. Und das ist schlicht Blasphemie! Es ist wie in jener Legende vom „Kirchenvater“ Augustin, der im Traum ein Kind am Ufer sieht, das mit einer Muschel versucht, das Meer in ein in den Strand gegrabenes Loch zu schöpfen. Ziemlich sinnlos. Genauso sinnlos ist es nach eigener kirchlicher Theologie Gott als „Sinn“ in die Existenz eines Menschen zu bannen. Gott = Sinn, dieses Diktum ist pure Ketzerei!*
Warum muss man als Atheist den Sinn-Verkäufern mal wieder ihre Hausaufgaben machen? Warum können sie das nicht selbst? Nun vermutlich,weil sie sich sonst eines mächtigen Mittels ihrer Proselytenmacherei berauben würden. Da nimmt man dann schon mal in Kauf, dass der behauptete und niedergeschriebene Wille Gottes „großzügig interpretiert“ wird, bzw. gleich frech gelogen wird.

Gott = Sinn. Dieser Satz ist nach christlichem Verständnis eigentlich pure Gotteslästerung. Eigentlich. Dass es die Kirchen nicht so genau nehmen mit dem „Heiligen und Ewigen Wort Gottes“ habe ich im Kanzelmärchen #1 am Beispiel der 10 Gebote aufgezeigt. Glaube stellt sich wie überall als ein riesiger Selbstbedienungsladen dar, in dem sich jeder nehmen kann. was er will. Kein Wunder: über etwas, das nicht von dieser Welt ist kann man ALLES behaupten, jeder nach seinem Gusto. Widerlegen kann es keiner. Nur wenige chritliche Stimmen waren und sind zu hören, die aufgrund rein theologischer Überlegungen dem sinnlosen Unsinn widersprechen. Die dialektische Theologie eines Karl Barth (1886 – 1968) hat sich gegen die „Verfügbarkeit“ Gottes für Kirche und Politik gestemmt. Vergeblich. Sonst würden wir heute nicht immer noch so einen Blödsinn serviert bekommen. Aber an Gott und den ganzen christlichen „Überbau“ geglaubt hat er natürlich trotzdem. Jedoch ist ihm dieser Fundamentalwiderspruch wenigstens aufgefallen!

_______

* An dieser Stelle hat der christliche Theologe üblicherweise noch ein Ass im Ärmel, das sein jüdischer oder sein islamischer Kollege nicht haben: die  „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus. Da hat sich nach kirchlichem Verständnis Gott „begreifbar“ gemacht. Aber auch dieser Ausweg ist keiner, denn in der Lehre von der Trinität erweist sich ja die Gottheit des Christus in seiner Transzendenz und nicht in den wenig mehr als 30 Lebensjahren des zum Gottessohn erhobenen Jesus von Nazareth . Das homoousios des Christus hat nun mal diesen Preis: er ist nicht mehr von dieser Welt, auch wenn er es für kurze Zeit einmal war.

4 Kommentare zu “Kanzelmärchen #2

  1. ungenannter sagt:

    Gott verschone mich vor den selbst ernannten Heilern und Mediziauskennern.

    Mist, da geht es mir jetzt so wie Rober Wilson
    Aphorismus #150

  2. da fällt mir ein... sagt:

    ich schreibe das mal hier hin, wenngleich es vielleicht mit dem artikel nichts zu tun hat. aber da ich öfter auf deine seite stoße und immer wieder was von depression lese, will ich dir mal was schreiben, nicht um dich zu dissen oder was, sondern weil es gerade mein interesse ist.

    ich würde dir zb mal empfehlen, solche genialen köpfe wie Epikur oder Seneca auszugraben. ersterer hat äußerst durchdachtes zur „überwindung der angst“ geschrieben, zweiteres nicht wenig zb zum „zorn“. empfehlung aber nicht zu verstehen als klugschiss, das ist mir nämlich völlig wurscht was du mit deinem verstand so machst, sondern als hilfsmittel eines, wie seneca mal meinte „menschen, der in einem haus für kranke liegt und einem anderen erzählt, was für eine medizin er nimmt, weil beide an ähnlichen krankheiten leiden“ (so ähnlich hat er das in seinen epistula ad lucillum gesagt, die außerordentlich sind!)

    eine zweite sache, die mir einfiel sind zwei philosophen, die noch keine 20 jahre tot sind und aus den gleichen gründen, nur noch extremer als adorno und co ignoriert oder, falls nicht ignoriert, konsequent missverstanden werden: gilles deleuze und felix guattari. die haben ganz abgefahrenes geschrieben und obs leicht zugänglich ist oder nicht, ist eine frage die man selbst experimental angehen muss. falls es dich aber interessiert: es gibt von eugen w. holland sowas wie einen wekrzeugkasten (introduction into schizoanalysis) in englisch, der aber äußerst aufschlußreich ist.

    so medizinisiere ich mich. „der vorteil, klugscheisser?“: du siehst, wie die medikamente hergestellt werden und du siehst, wie sie wirken. nichts kann dazwischen gepanscht werden und mit verlaub ist es unmöglich zu behaupten, wir hätten nur reine pharmazeutische erzeugnisse, sodass sie sicher wären, wenngleich sie vielleicht nicht extremst schädigen, vielleicht doch. wer weiß das schon. verwirft man die wissenschaft der einen, darf man die andere deswegen nicht idealisieren, sondern muss sie ebenfalls herabstufen. sonst ergibt man sich einer sache, die man weder selbst bestimmt noch unter eigener kontrolle hat.

    mit den „medics“ die ich dir gegeben habe, hast du das schon, auch wenn es etwas anders ist als therapie. die warhscheinlichkeit aber,zumindest sich selbst zu retten durch seine eigene fähigkeit zu handeln (die verschwindet nicht, auch nicht durch eine major depressive disorder, MDD, wird höchstens eingeschränkt) ist höher und den vorwurf der trägheit oder willensschwäche braucht man sich nicht mehr angedeihen zu lassen.

    gute besserung! 🙂

  3. ungenannter sagt:

    Danke für den Hinweis.
    Man sollte als letzte Korrektur einen Text nicht auf dem 7″ Display eines eeePC 701vornehmen. Da geht so manches unter…

    Mangelnde Lateinkenntnisse nicht, eher nachlassende. Das bringt die Zeit mit sich, aber von Hause aus habe ich Latinum und Graecum.

  4. ergo sum sagt:

    kurzer hinweis (brauchste nicht veröffentlichen):

    Cogito == Ich denke
    Gogito == ???

    oder irrt hier meine nicht existente lateinkenntnis?

    ist mir nur gerade aufgefallen.

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