Kanzelmärchen #2

Gottlos = sinnlos! Und was dazu in der Bibel steht…

Bei diesem Wegsehen von der dahinter sich verbergenden tehologischen Problematik, wudnert es kaum, dass sich die Sinn-Behaupter eine weitere Frage gar nicht stellen: die nach dem biblischen Befund. Wo sie doch sonst so gerne mit Bibelzitaten um sich werfen. Wenn die Frage nach dem Sinn des Lebens so fundamental wäre, wie sie behaupten, müsste sich diesen ja in allen Schichten der biblischen Überlieferung wiederfinden, sowohl in der hebräischen Bibel (Altes Testament) als auch im Neues Testament. Müsste! Nun, wie oft kommt wohl da das Wort Sinn in diesem Sinn vor100 mal? 20 mal? 5 mal? Nein! Kein einziges Mal! Und wenn man mit den entsprechenden griechischen und hebräischen Wörtern die Bibel durchsucht, wird das Ergebnis m.W. nicht viel anders aussehen: die Frage nach dem Sinn des Lebens, haben sich die biblischen Autoren einfach nicht gestellt! Die gab es nämlich in ihrem Kulturkreis gar nicht oder nur in ganz seltenen Ausnahmefällen.

Zwei Stellen aus dem Alten Testament werden aber trotzdem gerne zu diesem Thema angeführt. Die erste ist Psalm 90, wo es u.a. heißt: „Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Ps 90, 9f) Da wird dem alternden Moses eine recht pessimistische Weltsicht angedichtet. Die Ironie daran ist nur, dass er diese nicht gegen, sondern wegen seines Glaubens an Gott hat! Hier macht die Beziehung zu Gott, dem so vehement behaupteten allgemeinen Sinn des Lebens, nicht optimistisch und glücklich, sondern er öffnet dem Glaubenden die Augen und stürzt ihn so in tiefe Depression: „Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen.“ (Ps 90, 7) Gott ist sauer (wegen der Sünden, wie in Vers 8 zu lesen ist!) und darum ist das menschliche Leben ein ganz großer Mist! Eine „schöne“ Weltsicht ist das, so „positiv“ und so  voller „Optimismus“. Von Abraham hieß es noch, er „starb alt und lebenssatt“ (Gen 25,8), das konnte er auch, denn zu seiner Zeit- wenn er denn gelebt hat- gab es ja auch noch keinen Glauben an eine Auferstehung (!) in der Jahwe-Religion. Und die Sache mit den Sünden und so, das nahm Gott auch noch nicht so tierisch ernst. Ein Leben war gelungen, wenn man, möglichst viele Nachkommen hatte, die seinen gut versorgt waren und sein Name nicht vergessen wurde. Das reichte. Das ist viel näher am Leben dran, als das depressive Gejammer von Psalm 90! So kann man mit voller Berechtigung den Zynismus auskosten und sagen: erst als der Himmel, die Ewigkeit und die Auferstehung in die Bibel einzogen, erst da wurde die irdische Existenz zu einem sinnlosen Ort. Eigentor würde ich mal behaupten, aber mit vollem Anlauf!

So schafft Religion zuerst einmal künstlich die Probleme, für die sie angeblich allein die Lösung kennt!

Der andere biblische „Beweis“ für die Sinnfrage ist das Buch Kohelet, auch bekannt als „Prediger (Salomo)“.

4 Kommentare zu “Kanzelmärchen #2

  1. ungenannter sagt:

    Gott verschone mich vor den selbst ernannten Heilern und Mediziauskennern.

    Mist, da geht es mir jetzt so wie Rober Wilson
    Aphorismus #150

  2. da fällt mir ein... sagt:

    ich schreibe das mal hier hin, wenngleich es vielleicht mit dem artikel nichts zu tun hat. aber da ich öfter auf deine seite stoße und immer wieder was von depression lese, will ich dir mal was schreiben, nicht um dich zu dissen oder was, sondern weil es gerade mein interesse ist.

    ich würde dir zb mal empfehlen, solche genialen köpfe wie Epikur oder Seneca auszugraben. ersterer hat äußerst durchdachtes zur „überwindung der angst“ geschrieben, zweiteres nicht wenig zb zum „zorn“. empfehlung aber nicht zu verstehen als klugschiss, das ist mir nämlich völlig wurscht was du mit deinem verstand so machst, sondern als hilfsmittel eines, wie seneca mal meinte „menschen, der in einem haus für kranke liegt und einem anderen erzählt, was für eine medizin er nimmt, weil beide an ähnlichen krankheiten leiden“ (so ähnlich hat er das in seinen epistula ad lucillum gesagt, die außerordentlich sind!)

    eine zweite sache, die mir einfiel sind zwei philosophen, die noch keine 20 jahre tot sind und aus den gleichen gründen, nur noch extremer als adorno und co ignoriert oder, falls nicht ignoriert, konsequent missverstanden werden: gilles deleuze und felix guattari. die haben ganz abgefahrenes geschrieben und obs leicht zugänglich ist oder nicht, ist eine frage die man selbst experimental angehen muss. falls es dich aber interessiert: es gibt von eugen w. holland sowas wie einen wekrzeugkasten (introduction into schizoanalysis) in englisch, der aber äußerst aufschlußreich ist.

    so medizinisiere ich mich. „der vorteil, klugscheisser?“: du siehst, wie die medikamente hergestellt werden und du siehst, wie sie wirken. nichts kann dazwischen gepanscht werden und mit verlaub ist es unmöglich zu behaupten, wir hätten nur reine pharmazeutische erzeugnisse, sodass sie sicher wären, wenngleich sie vielleicht nicht extremst schädigen, vielleicht doch. wer weiß das schon. verwirft man die wissenschaft der einen, darf man die andere deswegen nicht idealisieren, sondern muss sie ebenfalls herabstufen. sonst ergibt man sich einer sache, die man weder selbst bestimmt noch unter eigener kontrolle hat.

    mit den „medics“ die ich dir gegeben habe, hast du das schon, auch wenn es etwas anders ist als therapie. die warhscheinlichkeit aber,zumindest sich selbst zu retten durch seine eigene fähigkeit zu handeln (die verschwindet nicht, auch nicht durch eine major depressive disorder, MDD, wird höchstens eingeschränkt) ist höher und den vorwurf der trägheit oder willensschwäche braucht man sich nicht mehr angedeihen zu lassen.

    gute besserung! 🙂

  3. ungenannter sagt:

    Danke für den Hinweis.
    Man sollte als letzte Korrektur einen Text nicht auf dem 7″ Display eines eeePC 701vornehmen. Da geht so manches unter…

    Mangelnde Lateinkenntnisse nicht, eher nachlassende. Das bringt die Zeit mit sich, aber von Hause aus habe ich Latinum und Graecum.

  4. ergo sum sagt:

    kurzer hinweis (brauchste nicht veröffentlichen):

    Cogito == Ich denke
    Gogito == ???

    oder irrt hier meine nicht existente lateinkenntnis?

    ist mir nur gerade aufgefallen.

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