Kanzelmärchen #2

Exkurs über den Wahrheitsgehalt der Bibel

Moment mal; Salomo als Philosoph? Als Grübler über den Sinn des Lebens? Wann hätte er da noch regieren sollen? Da beißt sich doch was? Nicht das einzige, was sich in der Bibel beißt. Salomo hat genauso wenig mit diesem Text zu tun wie Mose mit dem Psalm 90 oder mit den „5 Büchern Mose“. Viele, viele Bücher der Bibel haben ganz andere Verfasser als im „Impressum“ steht. Die meisten Bücher der Bibel wurden erst viel, viel später nach den erzählten Ereignissen niedergeschrieben. Vieles wurde immer wieder bearbeitet, umgeschrieben, angepasst und ergänzt, bis die Ausgangsgeschichte nicht mehr zu erkennen ist, wie der Pentateuch. Vieles wurde stark übertrieben, wie z.B. die Zahlenangaben in der Thora und in den Königsbüchern..Vieles wurde ganz einfach erfunden und als Tatsache ausgegeben, wie es bei den Geschichten von Hiob, Jona und Daniel der Fall ist. Und vom biblischen Personal ist auch einiges genauso wenig real, wie es Siegfried oder König Artus waren: die sog. Erzväter, Moses, ja selbst David haben weit mehr die Züge von Legenden als die realer Menschen! All dies sind nicht die Vorurteile und die Lästereien eines Atheisten, sondern Ergebnisse wissenschaftlicher historisch-kritische Bibelexegese. Sie werden einfach meist nicht laut ausgesprochen: die frömmelnde Glaubenspolizei könnte ja einschreiten…
In diesem Umfeld literarischer „Großzügigkeit“ und religiöser Fantasie ist das Vorschieben großer Namen, wie Moses, Salomo oder David für eigene Texte fast schon „harmlos“. Das Segeln unter falscher Flagge erfreute sich bei den frommen Männern vergangener Zeiten also größter Beliebtheit. Viele biblische Autoren gaben ihren Elaboraten dadurch ein möglichst großes Gewicht. Einem König Salomo auf dem Jerusalemer Thron im 10. Jhd. v.d.Z. wurde nun mal viel viel mehr Glauben geschenkt als einem Rabbi Salomo in seiner Schreibstube irgendwo in der jüdischen Diaspora des 3. Jhd. v.d.Z.! Diese Art der billigen historischen wie theologischen Aufwertung durchzieht das ganze Alte Testament mit einer breiten Spur aus frommer Lüge und gebeugter Wahrheit, die allem nach außen gekehrten Schein von Erhabenheit und Göttlichkeit der Bibel Hohn spricht. Das wäre an sich völlig belanglos, wenn es nicht heute noch Zeitgenossen gäbe, die alles haarklein so glauben würden, und die, was den ganzen Unfug richtig gefährlich macht, allen anderen durch ihren Einfluss auf die Staatsmacht ihre ach so grandiose Moral „aufdrücken“ möchten, wie es bei der Sexualmoral oder den ethischen Fragen zum Beginn und Ende des Lebens noch immer geschieht.
Selbstverständlich findet sich auch im Neuen Testament dieser Etikettenschwindel im Namen Gottes. Keiner der vier Evangelisten war unter den 12 Aposteln. Obwohl zwei davon (Johannes und Matthäus) so tun als ob. Und den beiden anderen wird von der kirchlichen Tradition das Qualitätssiegel „Apostelschüler“ aufgedrückt. Aber konnten sie das überhaupt sein, Apostel oder deren direkte Schüler? Alle vier haben ihre Evangelien viel, viel später (zwischen 40 und 90 Jahre nach Jesu Wanderschaft durch Israel) nicht aus eigener Erinnerung geschrieben, wie auch, sie waren ja nicht dabei!, sondern aus dem reichen Material frei komponiert, was sich erzählt wurde in den Gemeinden, was ihnen echt vorkam und was die sog. Logienquelle Q hergab. Die vier Evangelien entstanden demnach in einer Zeit als nur noch wenige oder gar keine Augen- und Ohrenzeugen mehr lebten. So war dem frommen Fabulieren Tür und Tor geöffnet! Und davon machten sie reichlich Gebrauch! In keinem Lebensbereich sind Menschen gutgläubiger gegenüber Scharlatanen aller Art, fantasievoller im Umgang mit den Fakten und größenwahnsinniger in ihren Vorstellungen, als wenn es um Religion geht. Wenn Gott ins Spiel kommt, wird alles, aber auch wirklich alles unrealistisch, unglaubwürdig, lächerlich und schlicht dumm. Weil Begriffe wie Gott,  Himmel und Ewigkeit letztlich sinnlos sind, ist dem frommen Wahn Tür und Tor geöffnet. An kleineren Sekten und ihren krankhaten Glaubenssystemen kann man das heute immer noch studieren. Und die frühe Kirche war genau dies: eine Sekte mit überschaubaren Personal, mit einer sektenspezifischen Gruppendynamik, mit einer ständig am Kochen gehaltenen Erwartung des baldigen Endes der Geschichte durch die Wiederkunft ihres Gründers, mit einem ins Groteske übersteigerten Erwählungsbewusstsein und mit einem sich aus all dem zwangsläufig ergebenden penetranten Missionseifer. Wenn das keine Beschreibung von dem ist, was man heute als Sekte bezeichnet, dann weiß ich auch nicht!

4 Kommentare zu “Kanzelmärchen #2

  1. ungenannter sagt:

    Gott verschone mich vor den selbst ernannten Heilern und Mediziauskennern.

    Mist, da geht es mir jetzt so wie Rober Wilson
    Aphorismus #150

  2. da fällt mir ein... sagt:

    ich schreibe das mal hier hin, wenngleich es vielleicht mit dem artikel nichts zu tun hat. aber da ich öfter auf deine seite stoße und immer wieder was von depression lese, will ich dir mal was schreiben, nicht um dich zu dissen oder was, sondern weil es gerade mein interesse ist.

    ich würde dir zb mal empfehlen, solche genialen köpfe wie Epikur oder Seneca auszugraben. ersterer hat äußerst durchdachtes zur „überwindung der angst“ geschrieben, zweiteres nicht wenig zb zum „zorn“. empfehlung aber nicht zu verstehen als klugschiss, das ist mir nämlich völlig wurscht was du mit deinem verstand so machst, sondern als hilfsmittel eines, wie seneca mal meinte „menschen, der in einem haus für kranke liegt und einem anderen erzählt, was für eine medizin er nimmt, weil beide an ähnlichen krankheiten leiden“ (so ähnlich hat er das in seinen epistula ad lucillum gesagt, die außerordentlich sind!)

    eine zweite sache, die mir einfiel sind zwei philosophen, die noch keine 20 jahre tot sind und aus den gleichen gründen, nur noch extremer als adorno und co ignoriert oder, falls nicht ignoriert, konsequent missverstanden werden: gilles deleuze und felix guattari. die haben ganz abgefahrenes geschrieben und obs leicht zugänglich ist oder nicht, ist eine frage die man selbst experimental angehen muss. falls es dich aber interessiert: es gibt von eugen w. holland sowas wie einen wekrzeugkasten (introduction into schizoanalysis) in englisch, der aber äußerst aufschlußreich ist.

    so medizinisiere ich mich. „der vorteil, klugscheisser?“: du siehst, wie die medikamente hergestellt werden und du siehst, wie sie wirken. nichts kann dazwischen gepanscht werden und mit verlaub ist es unmöglich zu behaupten, wir hätten nur reine pharmazeutische erzeugnisse, sodass sie sicher wären, wenngleich sie vielleicht nicht extremst schädigen, vielleicht doch. wer weiß das schon. verwirft man die wissenschaft der einen, darf man die andere deswegen nicht idealisieren, sondern muss sie ebenfalls herabstufen. sonst ergibt man sich einer sache, die man weder selbst bestimmt noch unter eigener kontrolle hat.

    mit den „medics“ die ich dir gegeben habe, hast du das schon, auch wenn es etwas anders ist als therapie. die warhscheinlichkeit aber,zumindest sich selbst zu retten durch seine eigene fähigkeit zu handeln (die verschwindet nicht, auch nicht durch eine major depressive disorder, MDD, wird höchstens eingeschränkt) ist höher und den vorwurf der trägheit oder willensschwäche braucht man sich nicht mehr angedeihen zu lassen.

    gute besserung! 🙂

  3. ungenannter sagt:

    Danke für den Hinweis.
    Man sollte als letzte Korrektur einen Text nicht auf dem 7″ Display eines eeePC 701vornehmen. Da geht so manches unter…

    Mangelnde Lateinkenntnisse nicht, eher nachlassende. Das bringt die Zeit mit sich, aber von Hause aus habe ich Latinum und Graecum.

  4. ergo sum sagt:

    kurzer hinweis (brauchste nicht veröffentlichen):

    Cogito == Ich denke
    Gogito == ???

    oder irrt hier meine nicht existente lateinkenntnis?

    ist mir nur gerade aufgefallen.

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