Kanzelmärchen #3

Der Mensch braucht etwas, woran er sich halten kann

Ja, klar. Jeder. War schon immer so. Wird immer so bleiben. Die Menschen sind alle so doof und unsicher, dass sie es nie gelernt haben, eigene Schritte zu gehen. Sie halten ihr Leben lang Ausschau nach Mamis Rockzipfel oder Papis starker Hand. Un weil sie so unselbständig sind, haben die Menschen auch nie etwas Neues angefangen. Darum sitzen sie noch immer in Afrika auf den Bäumen und mümmeln Blätter wie die Affen, anstatt aufrecht die Savanne zu durchstreifen, Werkzeuge herzustellen und- ja, jetzt kommt’s!- und die Religion zu erfinden! Wären unsere Vorfahren so gewesen, wie uns die Religionen dieser Erde noch heute gerne glauben machen wollen, so unselbständig, so angewiesen auf das, woran „man“ sich halten muss, wären wir also immerzu brave, fromme Musterschüler der Religion gewesen:  es hätte den modernen Menschen nie gegeben! Kein Auszug aus Afrika. Keine Eroberung des ganzen Planeten. Kein Ackerbau. Keine Technik. Keine Kunst. Keine Schrift. Keine Kommunikationsmittel. Und auch keine Pfarrer, Priester und Imame. Keine Schamanen, Schriftgelehrten und Theologen.  Keine Tempel,  Kirchen und Moscheen. Kurzum: keine Religion!*  Dass es sie gibt, so wie es sie gibt, ist ein einziger Widerspruch. Denn immer und überall stellen sich die Verwalter des Glaubens gegen den Fortschritt, gegen jedes bisschen Freiheit, das sich die Menschen vom religiösen Überbau erkämpfen, gegen selbständige, aufgeklärte und kritischen Individuen! Das Leitbild dieser Entmündigung hat das Neue Testament  in einer Klarheit und Schärfe ausgedrückt, die fast zwei Jahrtausende die Christenheit geprägt und gemaßregelt hat: Gott ist der große König, der Über-Vater, wir Menschen seine kleinen, doofen und vor allem ständig Mist bauenden Kinder. In der ach so beliebten Bergpredigt- beliebt wohl nur deswegen, weil deren Hintergründe die Theologen verschweigen– in Matthäus 5 – 7 ist eine regelrechte Inflation des Wortes „Vater“ zu verzeichnen: 16 mal redet Jesus da von Gott als Vater und damit implizit auch von den Menschen als seinen Kindern. Das Idealbild des Christenmenschen lautet also: unmündig, hilflos, abhängig. Den Launen und den Geboten eines „Vaters“ ausgesetzt, der über alles und jedes bestimmt. Damit ist das Neue Testament auf derselben Linie wie das Alte. Den oft zitierten Unterschied zwischen einem alttestamentarischen Rachegott und einem neutestamentlichen Gott der Versöhnung, den gibt es nicht! DA hat sich zwischen den beiden Testament nichts geändert.  Es ist der eine biblische Gott, der seine „Kinder“ mutwillig auf die Probe stellt, wie z.B. Hiob, von dem dieser „liebende“ Gott selbst sagt: „… es ist seinesgleichen nicht im Lande, schlecht und recht, gottesfürchtig und meidet das Böse. “ (Hiob 1,8) Und genau diesen vorbildlichen Hiob, den liefert der „gnädige“ Herr höchstpersönlich dem Satan aus! Was für ein Sadist! Was für ein hinterhältiger Despot, der die eigene Größe auf Kosten seiner „geliebten Kinder“ dem Satan vorführen muss, um zu beweisen: „Du kannst mit ihm alles machen. Er steht zu mir! Denn dieses „Gotteskind“ habe ich so gut konditioniert, den könnte ich in siedendes Öl schmeißen, auf dem Grill rösten oder vierteilen lassen, der wird mich auch da noch lieben und an mich glauben!“ Letzteres ließen sich die Märtyrer der jungen Kirche gerne gefallen. Auf die Idee mit den Bombengürteln ihrer islamistischen Nachfahren heute kamen sie noch nicht, weil es 1. noch keine Bomben gab (o.k. ist ein Kalauer) und 2. die kirchliche Propaganda noch nicht auf Offensive gesetzt hatte, sondern auf „stilles Leiden“. Der massive Angriff auf alles Heidnische und Gottlose kam später mit der Missionierung der ganzen Welt (Daher auch der Name katholisch von καθολικος (katholikos) = das Ganze betreffend, allgemeingültig; absolut, totalitär sind sicher adäquate Übersetzungen. Und so tritt sie ja auch auf die una sancta!)  den Kreuzzügen  und der Inquisition. – Selbst der paranoideste und neurotischste Diktator gewährt seinen „Kindern“ mehr Freiheit und Luft zum Atmen als der eifersüchtige (5. Mose 4, 24) Kleingeist der Bibel! Oh. War das jetzt böse? Ja! Aber nicht ich. Nein, die Bibel ist es, der Glaube, die Kirchen. Die lehren so etwas.
Wie krank muss ein Hirn sein, dass sich solch einen Gott ausdenkt? Was für grausame, misanthropische und- ja!- psychotische Schreiberlinge müssen es gewesen sein, die solche Werke verfassten?  Und welche Irren verkündeten diesen ganzen Wahnsinn, der seit 3000 Jahre die Menschen erniedrigt, beschädigt, entmenschlicht und psychisch zerstört?** Angefangen bei den Verfassern des Pentateuch und  den Propheten, über die Evangelien und Paulus bis hin zum Verfasser der wahnsinnigsten Fieberträume und schizoiden Weltuntergangsphantasien, die die Welt bis dahin gesehen hatte: der Offenbarung (des Johannes). Liest man einmal etwas mehr in der Bibel  ohne kirchliche, oder sonstwie fromme Brille, kann man unschwer feststellen, dass hier eine Menge gestörter Persönlichkeiten am Werk war. Allein die Gottesbilder, die sie malen, sind so bizarr und abenteuerlich, dass man sich nur wundern kann, wie das Ganze nun seit den Anfängen in den Nomadenzelten der Jahwe-Gläubigen bis heute ins 21. Jahrhundert so prima funktioniert hat! Ich meine, nur deswegen, weil „es schon immer so war““! Weil die Eltern an die Kinder den Defekt weitergeben, mit dem sie selbst behaftet sind. Irgendein Idiot hat einmal damit angefangen, und nach und nach fanden sich andere Idioten dazu bis schließlich das daraus wurde, was wir heute „Kirche“, „christlichen Glauben“ oder auch nur „christliches Abendland“ nennen. Und wer jetzt denkt, wo anders sei es besser: ein paar Suren aus dem Koran werden ihn eines besseren belehren.
Gott als Vater, die Gläubigen seine Kinder, das ist der größte Etikettenschwindel, den der christliche Glaube je vollbracht hat. Nirgends sonst werden diese zwei positiven Worte dermaßen umgedeutet und missbraucht bis am Ende das genaue Gegenteil herauskommt: die Gläubigen an der Kandare eines bizarren Despoten!
Da wundert es nicht, wenn der Bischof von Rom sich als Papa anreden lässt! DER Wahnsinn liegt nun mal in der Familie.
Wie kann sich jemand, der solch ein verächtliches Bild vom Menschen hat, wie können sich die Kirchen hinstellen und behaupten, sie gäben Halt und Orientierung? Es ist nicht die Hand eines Vaters, wie sie gerne schönfärberisch behaupten, es ist das Gängelband namens Moral oder christlicher Ethik, an dem, die untergebensten Diener (= Klerus, Prediger, Theologen) ihres Himmelstyrannen jeden Tag mindestens die Christenheit, am liebsten jedoch die ganze Welt wie einen Tanzbären hilflos in der Manege herumtapsen lassen wollen. Sie versuchen es tausendfach- angeblich zu unsrem Besten, aber es ist immer nur ihr Bestes!-  unter den Flaggen einer Re-Evangelisierung Europas, in den bei ihnen so beliebten Ethikkommission oder gut getarnt als „gesellschaftliches Engagement“.

bild via link

Ich weiß, dass der Gedanke an einen festen Halt im Leben für viele Menschen etwas sehr Positives ist. Das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ kann auch etwas Tröstendes haben: wenn es hart auf hart kommt, kann man die Verantwortung abgeben an Gott. Aber diese Entlastung wird teuer erkauft. Dann ist in den Krisen des Lebens Beten wichtiger als Handeln, Glauben wichtiger als Nachdenken, Innerlichkeit wichtiger als die reale Welt, Gott wichtiger als die Menschen. So wird von den Frommen und Duldern bereitwillig den „Machern“ das Feld überlassen, die die Dinge in die Hand nehmen. Das hat schon immer den christlichen Glauben für die Despoten und Tyrannen so attraktiv gemacht. Ein Mussolini, ein Franco, ein Pinochet, ein Hitler- sie alle wussten, was sie an der Kirche hatten. Und diejenigen, die dagegen aufstanden, hatten zuallererst Schwierigkeiten mit den „eigenen“ Leuten, mit den kirchlichen Hierarchie, und wurden nur allzu oft fallen gelassen wie heiße Kartoffeln. So mancher „Märtyrer“ wurde es, weil ihm seine geliebte Kirche nicht beistand. Bonhoeffer z.B. wurde erst nach seinem Tod zum großen „Heiligen“ stilisiert. Unterstützung vorher? Fehlanzeige!***

Braucht der Mensch wirklich etwas, woran er sich halten kann? Braucht er tatsächlich irgendwelche Herren im Ornat, die für ihn denken und ihm sagen, wo es lang geht? Braucht er einen ominösen Vater im Himmel, der alles und jeden beherrscht? Ich denke, nichts was von außen über uns Menschen bestimmt, ist wirklich hilfreich und befreiend im Sinne einer freien Assoziation. Nur Selbstvertrauen in die eigenen Möglichkeiten kann Halt gaben! Und ein soziales Netz, das auffängt und trägt. Aber das sind zwei der Dinge, die im Einfluss der Kirche von klein auf kaputt gemacht werden: das Selbstvertrauen durch das ganze Gerede von der Sündhaftigkeit und der notwendigen Erlösung durch Jesus Christus, die nur die Kirche vermitteln kann- wer hätte das gedacht! Das soziale Netz dadurch, dass die Kirche sich als die wahre, die heilige Familie darstellt. Getreu dem Wort von Jesus: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) Jedem Verein, jeder Organisation oder jeder Gruppe, die einen solchen Anspruch an ihre Mitglieder hat, denen würde kein denkender Mensch sein Kind anvertrauen. Der Kirche gibt man gerne! Geld. Zeit. Die Kinder. Mit fatalen Folgen, wie immer wieder neue Skandale beweisen. Ich frage: Wie kann Eigenverantwortlichkeit wachsen, wenn alles andere regeln: „der liebe Herr Jesus“ oder der „Vater im Himmel“ oder hienieden der „Herr Pfarrer“, oder diverse kirchliche Mitarbeiter von der Kindergottesdiensthelferin bis zum Hauskreisleiter? – Was haben die Kirchen nicht alles in ihrer 2000-jährigen Geschichte an Kinderseelen angerichtet! Angst erzeugt! Schuldgefühle infundiert! Die Psyche gebrochen! Nur um willige Diener und Werkzeuge für „den Weinberg des Herrn“ zu produzieren! Nur um den eigenen Bestand zu sichern! Frau von der Leyen, warum gehen Sie gegen diese Form des psychischen Kindesmissbrauchs nicht vor? Ach ja, Sie haben ja selbst eine „christliche Erziehung“ genossen und lassen sie auch ihren eigenen Kindern angedeihen.
Gerade in Zeiten wie diesen, die so unübersichtlich sind, in denen viele „Gewissheiten“ zerbröseln sehnen sich viele nach Halt. Und gerade in Zeiten wie diesen ist das genaue Gegenteil gefordert: Selbständigkeit, Freiheit, Mitdenken und daraus entspringende Solidarität.

Selbst leben, statt leben lassen.

_________

* Vielleicht war es ja doch keine so gute Idee, von den Bäumen zu steigen?  Auf jeden Fall wären uns Bomben zündende Selbstmorattentäter und das Gesülze feister Pfaffen erspart geblieben!

** Da nehme ich ausdrücklich Jesus NICHT aus! Der gehört in diese destruktive Reihe 100% dazu! Wieso? Er erwartete das baldige Anbrechen des Königreiches Gottes. Zuvor müsste aber die Menschheit mit Feuer gereinigt werden. Er selbst sah seine Rolle, insbesondere den Kreuzestod als Opfer für Gott, nicht für die Menschen (!) an, dieses Reich Gottes zu „erzwingen“. Wer’s nicht glaubt lese nur mal im Markusevangelium nach:

Markus 1,15: Und [Jesus] sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!
Markus 9,1: Und er sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis daß sie sehen das Reich Gottes mit seiner Kraft kommen.
Markus 9,47: Ärgert dich dein Auge, so wirf’s von dir! Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen…
Markus 13,8f Es wird sich ein Volk wider das andere empören und ein Königreich wider das andere, und werden Erdbeben geschehen hin und wieder, und wird teure Zeit und Schrecken sein. Das ist der Not Anfang. Ihr aber, sehet euch vor! Denn sie werden euch überantworten vor die Rathäuser und Schulen; und ihr müßt gestäupt werden, und vor Fürsten und Könige geführt werden um meinetwillen, zu einem Zeugnis über sie.
Markus 14,25: Wahrlich, ich sage euch, daß ich hinfort nicht trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis auf den Tag, da ich’s neu trinke in dem Reich Gottes.

Das sollte genügen, um klarzustellen, dass Jesus nicht das liebe Jesulein war, sondern ein waschechter Apokalyptiker, dem das Ende der Welt nicht schnell genug kommen konnte! Wie beten Christen weltweit Tag für Tag im Vaterunser? „Dein Reich komme!“ Kann man nur froh sein, dass DIESES Reich 2000 Jahre ausgeblieben ist…

*** Nebenbei bemerkt entwickelte er im Gefängnis mit seiner Suche nach einem „religionslosen Christentum“ die Anfänge der „Gott-ist-tot-Theologie„, der einzigen Theologie, die einerseits aus Auschwitz und dem Wüten der Nazis die Konsequenz zog und andererseits die Gottlosigkeit der Welt anerkannte. Aber vielleicht wäre eine „Gott ist tot Philosophie“ der bessere Ansatz gewesen.

2 Kommentare zu “Kanzelmärchen #3

  1. Adi Markl sagt:

    Respekt! Diese(n) Artikel (und nicht nur die) werd ich mir merken, gut auf den Punkt gebracht. Allerdings wäre eine alternativ knappere und knackigere Form der Kritik dieses (gedachten) Gegensatzes zwischen Glauben und der Abwehr dessen gut vorstellbar … ich denk mal drüber nach, kommt ja leider immer wieder immer wieder aufs Tapet …

    LG, Adi

  2. CCQ sagt:

    Ja, dieses „Jeder glaubt“ kenne ich auch. Du glaubst nicht an Gott? Also glaubst du auch, du glaubst nämlich, dass Gott nicht existiert. Das ist natürlich blödsinn. Wenn ich keine Briefmarken sammle, wäre nach dieser Logik mein Hobby das „Nicht-Briefmarken-Sammeln“.
    Ausserdem würde ich dann noch viel mehr glauben und zwar an die Nicht-Existenz von Einhörner, Drachen und Feen.

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