Kanzelmärchen #3

Die Menschen haben schon immer geglaubt

Ja, na und? Sie hatten schon immer Pickel und schlechte Zähne. Muss deswegen JEDER wie ein Streuselkuchen und mit schwarzen Stümpfen im Maul durch die Gegend laufen? Dass etwas schon immer da war, heißt noch lange nicht, dass es gut ist und immer da sein muss. Das ist ein typisches Argument einer konservativen, durch ihre eigene Geschichte sich selbst legitimierenden Institution. Es passt voll zu dem, was ich oben über unsere Vorfahren auf den Bäumen gesagt habe. Der christliche Glauben war ganz am Beginn vielleicht sogar ein klein wenig „revolutionär“. Es waren damals anscheinend auch (fast) lauter begeisterte Anhänger, die es wirklich ernst meinten. Aber spätestens in dem Augenblick, als dieser Glaube institutionalisiert wurde, war es damit vorbei. Da wuchsen Strukturen, entstand Herrschaft, wurde Kirche. „Jésus annonçait le royaume, et c’est l’Église qui est venue.“ – „Jesus kündete das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche.“*

Dass das Reich Gottes nicht kommen würde, das hätte jeder vernünftige, d.h. nicht von einer Religion verblendete Mensch Jesus und seinen Jüngern sagen können. Aber sie hätten dem Mann der Vernunft NICHT geglaubt, einer Frau noch weniger! Sie hätten mehr ihrem Chef, mehr seiner Auslegung des Alten Testamentes und mehr ihren eigenen Sehnsüchten geglaubt als einem objektiven Beobachter. Ihr Glaube hätte ihn in die Ecke der Versuchung und Ketzerei gedrängt, obwohl er nichts anderes wollte, als nur darüber reden, um besser zu verstehen. So wie es Pilatus- der mit der ganz schlechten Presse seit 2000 Jahren!- nach dem Johannesevangelium tat (auch wenn dieser Dialog garantiert NIE so stattgefunden hat, möchte ich ihn trotzdem zitieren.): „Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und da er das gesagt, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. (Johannes 18,36ff) Außer dem Grundstock zum christlichen Antijudaismus, den Johannes legt, indem er den Römer frei spricht und alle Schuld „den Juden“ gibt**, ist noch etwas interessant: Johannes konstruiert die Botschaft Jesu, die er „Wahrheit“ nennt im bewussten Gegensatz zur Philosophie seiner Zeit, indem er Pilatus ein skeptisches „Was ist Wahrheit?“ in den Mund legt. Es ist der Gegensatz zwischen dem „Reich des Christus“ und der „Welt“; dem Reich Gottes und der Welt der Menschen; der zwischen „Kämpfen“ und „Überantwortet Werden“; der zwischen Wahrheit und dem philosophischen Skeptizismus, dem Ansinnen des Menschen, die Welt ohne Gott begreifen zu wollen. Das alles ist ganz im Stil des gesamten Johannes-Evangeliums geschildert als  das Hereinbrechen des göttlichen Lichts in die Dunkelheit der Welt, und des daraus sich ergebenden Kampfes zwischen Licht und Finsternis. Die Jüngerinnen und Jünger sind dabei mehr oder weniger nur unbeteiligte Zuschauer, das einzige was sie „tun“ können ist Beten und natürlich Missionieren auf Teufel komm raus. Upps. Gott lässt seinen Plan ablaufen, das gilt es zu glauben! Punkt! So entsteht zwangsläufig neben dem oben beschriebene Kadavergehorsam, die Forderung in den ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis einzutreten! Wo stehst du, sprich! Auf der hellen oder der dunklen Seite der Macht. JEDER MUSS in dieser krankhaften Ideologie Rechenschaft ablegen. Jeder muss sich entscheiden, ob er mit dem Licht oder der Finsternis geht. JEDER, ausnahmslos! Dass es Menschen wie Pilatus gibt, die sagen: „Ohne mich!“, oder die nur zu fragen wagen: „Warum?“- DAS kommt bei solch einer „ewigen Schlacht“ nicht vor! Da MUSS einfach JEDER GLAUBEN! Geht gar nicht anders! Denn die Welt ist schwarz und weiß. Dazwischen gibt es nichts. Jesus hat es doch selbst gesagt! Gegen solch eine totalitäre Weltsicht ist kein Kraut gewachsen. Da kann man eigentlich nur sagen: Du meinst also, dass auch ich glaube? Und das nur weil du es so definierst? Und du meinst auch, es kann nur diese eine Definition geben, ist ja schließlich die der Bibel?

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Vergiss es!

Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, ich habe eine andere Definition. Und die hat dasselbe Recht und denselben Anspruch zur Deutung der Welt wie deine. Ja ich gehe sogar soweit, dass ich sage, meine hat mehr Anspruch! Im Gegensatz zu JEDER religiösen Deutung, lässt sich eine atheistische empirisch belegen. Sie kommt ohne irgendwelches metaphysisches Gedöns aus, ist das Ergebnis einer langen philosophischen stetig fort schreitenden Tradition und verstrickt sich nicht heillos in innere Widersprüche und solchen zu den anderen Religionen, die ihr je eigenes Schwarz und Weiß ganz anders definieren!  Ich bin froh, dass ich nicht mehr glauben muss, dass ich heute weiß, warum es donnert und blitzt, warum eine Missernte ganz bestimmt nichts mit der seltsamen Rothaarigen vom Nachbarhaus zu tun hat, warum Menschen Dinge tun, die gefährlich, furchtbar oder verboten sind. In einer Welt, in der ein paar Atomuhren mich sicher an jeden Punkt der Erde bringen können- Atomuhren, die nach dwn Gesetzen von Einsteins Relativitätstheorie justiert werden!-, in einer Welt, in der wir in die kleinsten Bausteine der Materie sehen und sie für unsere Zwecke nutzbar machen können. In einer Welt, in der wir uns inzwischen beim Denken zusehen können. In solch einer Welt mit hochentwickelter Technik und Wissenschaft hat der archaische Glaube an einen Opfer fordernden Gott keinen Platz mehr. Genauso wenig wie für einen ewigen Kampf zwischen den himmlischen und den höllischen Heerscharen mit der Erde als Arena. Genauso wenig wie für 70 wartende Jungfrauen oder für die Minderwertigkeit der Frauen gegenüber den Männern. Es ist auch kein Platz mehr für einen mit Millionen Göttern bevölkerten Himmel oder für Ahnengeister, schwarze Magie, Voodoo und anderem Hokuspokus. Und es ist auch kein Platz für ständige Wiedergeburten, für Seelenreisen, Astrologie und all dem anderen esoterischen Schrott, der alles verspricht und nichts hält. Das ist alles längst widerlegt: durch die Geschichte, durch die Arbeit der Naturforscher,  durch die der Philosophen und die der anderen Wissenschaftler, die sich ihren Blick auf die Welt nicht durch irgendeinen Glauben oder Aberglauben verstellen lassen. NEIN! Das passt alles nicht mehr. Glauben ist obsolet. Nur zu dumm, dass dies so viele nicht wahrhaben wollen.

Wir haben uns selbst vom Glauben befreit! Endlich!

Aufgabe_des_Verstandes

_________________

* Der französische katholische Theologe Alfred Loisy (1857 – 1940) wurde wegen seiner historisch-kritischen Bibelauslegung vom Vatikan mit Lehrverbot belegt und seine Bücher kamen auf den Index. Er war so etwas wie der  „Lieblingsgegner“ der Kurie im „Modernismusstreit“ und wurde schließlich 1908 exkommuniziert.
Merke: Das passiert, wenn Neues auf Beharrendes trifft, wenn erstarrte Amtskirche mit dem frischen Geist wissenschaftlicher Kritik konfrontiert wird . – Müßig zu erwähnen: der all dies veranlassende Papst Pius X. wurde 1957 heilig gesprochen. Und der von ihm eingeführte für alle Kleriker verpflichtende „Antimodernisteneid“ musste bis 1967 geleistet werden! Das heißt, ein Großteil der Violett-Armada um den Weißkopf Benedikt XVI. hat ihn noch geleistet. Und einen Eid darf man ja nicht brechen, oder? Ja, ja, die Kirche war schon immer ein Hort der Wahrhaftigkeit, der Bildung und der Freiheit! Halleluja!

** In den synoptischen Evangelien wird noch unterschieden zwischen Pharisäern, dem Sanhedrin (Hohen Rat), der hauptsächlich aus Sadduzäern bestand, den Hohepriestern, den Schriftgelehrten  und dem einfachen Volk. Nachzulesen Markus 14-15; Matthäus 26-27 und Lukas 22-23. Da kommt zwar das jüdische Volk auch nicht besonders gut weg. Matthäus 27,25 steht der verhängnisvolle Satz: „Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Die Steilvorlage für alle christlichen Antijudaisten, die fortan die Juden als „Christusmörder“ oder gleich gar als „Gottesmörder“ titulierten. Bei Johannes jedoch, dessen Evangelium nicht vor 100 n.d.Z. entstand (Die Christen waren aus der jüdischen Gemeinde inzwischen komplett ausgeschlossen worden.) geht die Differenzierung verloren, ist die christliche Gemeinde nicht mehr Teil des Judentums, sondern steht der „Synagoge des Satans“ gegenüber, wie es sein Namensvetter, der Verfasser der Apokalypse drastisch ausdrückte: Offb 3,9. Es dauerte zwar noch ca. 1800 Jahre bis zu den Öfen von Auschwitz, aber dort, im Antijudaismus des Neuen Testaments sind die Grundlagen gelegt. „Ohne die nahezu 2000 Jahre christlicher Judenfeindschaft ist Auschwitz nicht möglich.“ („Lexikon der Religionen, hg. von Franz Kardinal König 1988, TB-Ausg. 1995, Art. Antijudaismus/Antisemitismus – zitiert nach Gerhard Czermak:“ 2000 Jahre Christen gegen Juden“

2 Kommentare zu “Kanzelmärchen #3

  1. Adi Markl sagt:

    Respekt! Diese(n) Artikel (und nicht nur die) werd ich mir merken, gut auf den Punkt gebracht. Allerdings wäre eine alternativ knappere und knackigere Form der Kritik dieses (gedachten) Gegensatzes zwischen Glauben und der Abwehr dessen gut vorstellbar … ich denk mal drüber nach, kommt ja leider immer wieder immer wieder aufs Tapet …

    LG, Adi

  2. CCQ sagt:

    Ja, dieses „Jeder glaubt“ kenne ich auch. Du glaubst nicht an Gott? Also glaubst du auch, du glaubst nämlich, dass Gott nicht existiert. Das ist natürlich blödsinn. Wenn ich keine Briefmarken sammle, wäre nach dieser Logik mein Hobby das „Nicht-Briefmarken-Sammeln“.
    Ausserdem würde ich dann noch viel mehr glauben und zwar an die Nicht-Existenz von Einhörner, Drachen und Feen.

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