Kanzelmärchen #3

Atheismus ist auch nur eine Art Glaube

Und Prostitution auch nur eine Art Jungfernschaft. Nationalsozialismus nur eine Art Freiheitsbewegung, Armut auch nur eine Art Reichtum! ???

Dass jemand auf die Idee kommt, die exakt gegenteilige Position sei nur eine weitere Variante der eigenen, das ist entweder völlig bescheuert, oder aber es ist von dem krankhaften Wahn besessen, ausnahmslos ALLE MÜSSEN DENSELBEN DEFEKT HABEN wie man selbst! Ich weiß nicht, was mir als Gegenüber lieber wäre: ein völliger Blödmann, der einfach nichts kapiert, oder ein von dem krankhaften Wahn Besessener, der ALLES und JEDEN unter seine Kuratel, ach was: seine Knute bringen muss? Doch, ich weiß es: ersteres wäre mir lieber, aber das Zweite ist leider bittere Realität. Die Geschichte von Christentum und Islam zeigen es nur zu deutlich. Weil Glaube an einen monotheistischen Gott, den Einen, den Allmächtigen, immer alles will, auf alle abzielt, das Ganze meint- und kein Jota weniger!- darum kann er es nicht dulden, wenn jemand an den falschen Gott glaubt, oder an gar keinen! Das ist zutiefst paranoid: „Es ist, als hätte die Schlange, die den ersten Menschen sagte: ihr werdet sein wie Gott, im Paranoiker ihr Versprechen eingelöst. Er schafft alle nach seinem Bilde. Keines Lebendigen scheint er zu bedürfen und fordert doch, daß alle ihm dienen sollen. Sein Wille durchdringt das All, nichts darf der Beziehung zu ihm entbehren. Seine Systeme sind lückenlos. Als Astrologe stattet er die Sterne mit Kräften aus, die das Verderben des Sorglosen herbeiführen, sei es im vorklinischen Stadium des fremden, sei es im klinischen des eigenen Ichs. Als Philosoph macht er die Weltgeschichte zur Vollstreckerin unausweichlicher Katastrophen und Untergänge. Als vollendet Wahnsinniger oder absolut Rationaler vernichtet er den Gezeichneten durch individuellen Terrorakt oder durch die wohlüberlegte Strategie der Ausrottung. So hat er Erfolg. Wie Frauen den ungerührten paranoiden Mann anbeten, sinken die Völker vor dem totalitären Faschismus in die Knie. “ (Max Horkheimer – Theodor W. Adorno: “Dialektik der Aufklärung – Kapitel V “Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung” ) Solches sollte man im Hinterkopf haben, wenn mal wieder ein Pope über die Gottlosigkeit der Welt herzieht, oder einer der feinen C-Politiker jammert, dass die Menschen heute so wenig in der Verantwortung vor Gott stehen würden, oder im Bundestag Gesetzesvorlagen diskutiert werden, die direkt aus der Hölle Höhle des Löwens, i.e. des Vatikans herkommen könnten, wie es bei ethischen Fragen regelmäßig der Fall ist. Zum Glück sind andere Abgebordnete nicht mehr so freiwillig Rom hörig wie einst unter Adenauer. Ein Glaube, der sich im Allein-Besitz der Wahrheit weiß, der auf ALLES eine Antwort weiß, und sei es nur die: „Gott weiß, warum!“, solch ein Glaube hat diese andere, diese paranoide Seite, die sich verfolgt fühlt und darum verfolgt, die sich angegriffen fühlt und darum angreift, die sich in ihrer Bedeutung verkannt fühlt und darum um ihre Pfründe kämpft, die sich mit dem Rücken zur Wand einer Übermacht von Feinden gegenüber sieht, der wird noch immer JEDES MITTEL benutzen, um seine echten oder fantasierten Gegner zu diskreditieren, verächtlich zu machen oder kalt zu stellen. Scheiterhaufen sind ja inzwischen tabu. Und in radikalislamischen Ländern mit Schari’a wird auch nicht verbrannt. Allah ist einfach nur zu gütig!
Dummerweise ist der Kurzschluss „Atheismus = auch nur ein Glaube“ von Anfang an Begleiter des modernen Atheismus gewesen. Dies hängt mit der ganz einfachen Tatsache zusammen, dass er sich in Abgrenzung von und Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben entwickelte. Aus dem luftleeren Raum kann er schlecht kommen, wie es Apologeten Roms gerne verlangen, die z.B. sogar das in ihren Augen Gute an der Aufklärung für sich reklamieren, als genuin christlich oder katholisch, um im gleichen Atemzug alles Negative der Gottlosigkeit der Aufklärer in die Schuhe zu schieben. Frage: Seit wann gilt der Verhinderer von etwas als der größte Förderer? Die Kirche hatte über 1000 Jahre „Mittelalter“ Zeit, ihr wahrhaft freiheitliches und tolerantes Gesicht zu zeigen. Sie hat’s vergeigt. Und zwar gründlich. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht… “ Und die Kirche, sie hat millionenfach gelogen! Mit jeder Taufe, jeder Beichte, jeder Messe hat sie gelogen. Mit jedem „ego te baptizo in nomine patri“, jedem „ego te absolvo“, jedem „hoc est enim corpus meum“ und vielen, vielen anderen Zeremonien, Sakramenten und heiligem Schabernack! Sie hat ewiges Leben, Vergebung aller Sünden, den Beistand und die Liebe Gottes versprochen und verkauft, und es war doch nur alles heiße Luft. Das nenne ich mal eine satte Rendite, wovon Ackermann nur träumen kann: buchstäblich aus nichts einen Welt umspannenden Konzern aufbauen, der seit 2000 Jahren fette Renditen einfährt! Chapeau!
Der moderne Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts entstand genau in dieser radikalen Auseinandersetzung mit den Kirchen, mit ihrer Wirklichkeit und mit ihren Dogmen. Das geschah nicht von heute auf morgen und nicht durch ein paar wenige besonders furchtlose Denker, sondern in einem während der Aufklärung beschleunigten, aber schon Jahrhunderte anhaltenden Prozess mit vielen evolutionären Zwischenstufen: Pantheismus, Panentheismus, Deismus… Dauerhaft und wissenschaftlich begründet etablierte sich in Deutschland Atheismus erst mit den Linkshegelianern, vorneweg Feuerbach, aber dann auch Marx und Engels*. Letztere hatten m.E. den schärfsten Blick und den umfassendsten Ansatz. Sie sahen Religion nicht nur als ein anthropologisches oder historisches Phänomen, sondern als ein gesellschaftliches. „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ (Karl Marx:  „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ MEW 1, S.378)

Atheismus stellt sich also nicht dar als eine verkümmerte Form des Glaubens dar, auch nicht als eine Weiterentwicklung desselben, sondern Atheismus ist zunächst einmal die innere Befreiung des Einzelnen von allen Fesseln der Religion, seien es psychische, intellektuelle, wirtschaftliche oder auch sehr, sehr persönliche, und dann ist Atheismus nicht als eine Sicht auf die Welt, die sie nimmt, wie sie ist: ohne Überbau, ohne Jenseits, ohne irgendein Numinosum.

Atheismus ist Freiheit!

Bild via link

______________

* Gerne werden in diesem Zusammenhang Marx und Engels zitiert: „Atheismus, der letzten Stufe des Theismus, der negativen Anerkennung Gottes.“ Ein Zitat ihrer polemischen und vor Spott triefenden Auseinandersetzung mit den anderen Linkshegelianern und ihrem Abschied von ihnen: „Die heilige Familie„. Es ist die Meinung Bruno Bauers, oder das was sie draus machen, die sie wiedergeben, nicht ihre eigene. Im Kontext:
„Herr Bauer, als echter, wenn auch kritischer Theologe oder theologischer Kritiker, konnte über den religiösen Gegensatz nicht hinauskommen. Er konnte in dem Verhältnis der Juden zur christlichen Welt nur das Verhältnis der jüdischen Religion zur christlichen Religion erblicken. Er mußte sogar den religiösen Gegensatz kritisch wiederherstellen, in dem Gegensatz zwischen dem Verhältnis des Juden und des Christen zur kritischen Religion – dem Atheismus, der letzten Stufe des Theismus, der negativen Anerkennung Gottes. Er mußte endlich in seinem theologischen Fanatismus die Fähigkeit der „heutigen Juden und Christen“, d.h. der heutigen Welt, „frei zu werden“, auf ihre Fähigkeit, „die Kritik“ der Theologie aufzufassen und selbst auszuüben, beschränken. Wie nämlich dem orthodoxen Theologen die ganze Welt in „Religion und Theologie“ sich auflöst (er könnte sie ebensogut in Politik, Nationalökonomie etc. auflösen und die Theologie z.B. als die himmlische Nationalökonomie bezeichnen, da sie die Lehre von der Produktion, Distribution, Austauschung und Konsumtion des „geistlichen Reichtums“ und der Schätze im Himmel ist !), so löst sich dem radikalen, dem kritischen Theologen die Fähigkeit der Welt, sich zu befreien, in die einzige abstrakte Fähigkeit auf,d Theologie“ als „Religion und Theologie“ zu kritisieren. Der einzige Kampf, den er kennt, ist der Kampf gegen die religiöse Befangenheit des Selbstbewußtseins, dessen kritische „Reinheit“ und „Unendlichkeit“ nicht minder eine theologische Befangenheit ist.“ Die heilige Familie, MEW 2, S. 116f
Es ist also nicht so, dass Marx und Engels es nachbeten würden, dass Atheismus die höchste Form von Theismus sei. Nein! Sie werfen es ihrem Kontrahenten Bauer vor, dass er als Theologe auch den Atheismus nur theologisch deuten kann!

2 Kommentare zu “Kanzelmärchen #3

  1. Adi Markl sagt:

    Respekt! Diese(n) Artikel (und nicht nur die) werd ich mir merken, gut auf den Punkt gebracht. Allerdings wäre eine alternativ knappere und knackigere Form der Kritik dieses (gedachten) Gegensatzes zwischen Glauben und der Abwehr dessen gut vorstellbar … ich denk mal drüber nach, kommt ja leider immer wieder immer wieder aufs Tapet …

    LG, Adi

  2. CCQ sagt:

    Ja, dieses „Jeder glaubt“ kenne ich auch. Du glaubst nicht an Gott? Also glaubst du auch, du glaubst nämlich, dass Gott nicht existiert. Das ist natürlich blödsinn. Wenn ich keine Briefmarken sammle, wäre nach dieser Logik mein Hobby das „Nicht-Briefmarken-Sammeln“.
    Ausserdem würde ich dann noch viel mehr glauben und zwar an die Nicht-Existenz von Einhörner, Drachen und Feen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s