Aphorismus #437

Wort zum Sonntag #12

Voll auf die Zwölf!

Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle.
Offenbarung 21,21

Der Glaube an heilige Zahlen mit mythischer Bedeutung, die Zahlenmystik war in der Antike weit verbreitet. Und fand- wen wundert’s?- auch Eingang in die Bibel. Die Ursprünge der heiligen Zahlenspielchen verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Es scheint jedoch so, dass es einige „natürliche“ Zahlen gab, die sich regelrecht aufdrängten: die 7 als Viertel eines Mondumlaufs, die 12 als Grundzahl der Astrologie und des Jahreslaufs, die 4 als Faktor der 12 und als Zahl der Himmelsrichtungen usw. usf. [1] In diesem Wort zum Sonntag geht es aber nicht allgemein um antike oder biblische Zahlenspielchen, das wäre einen eigenen Artikel wert, sonder nur um die Zwölf, genauer um die 12 Apostel.
Die richtige Anzahl der Apostel dürfte eigentlich kein großes Problem gewesen sein: Stift raus, Namen aufschreiben, fertig. So stellt es sich der gemeine Verbalinspirationstheoretiker (nicht zu verwechseln mit dem Konspirationstheoretiker. Oder vielleicht ja doch?) die Sache vor. Das geht wie üblich nur solange gut, solange er NICHT in der Bibel nachliest. Da herrscht das übliche Tohuwabohu: Wer war das nochmal  alles, die Apostel? Nur 12 oder 70 oder 72? Nur Männer oder auch Frauen? Nur Leute, die Jesus persönlich kannten, oder auch solche, die ihm nie begegnet sind?
Einig waren sich die biblischen Schreiber dabei wie so oft nicht. Die angebliche Einigkeit wurde erst nachträglich hergestellt. Liebe Wort-Begeisterte, was muss doch Gott für ein Loser sein, dass er etwas nicht hinkriegt, was jeder Quartalssäufer aus der Kegelrunde „Volle Kanne“ schafft: eine saubere Mitgliederliste! Und wenn Gott schon in solchen simplen Fakten daneben liegt, wie vertrauenswürdig ist er dann bei den echten „Hämmern“ wie den Wundern oder gar der Auferstehung? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht… O.K. Nicht Gott ist der Loser. Die Schreiberlinge sind es. Denn 40, 60 oder gar 100 Jahre nach der großen Jesus-Show in Galiläa waren Fakten Mangelware, musste die Fantasie die Gedächtnislücken füllen. Was dann auch reichlich geschah. Pia fraus, frommer Betrug von Anfang an. [2]

Warum mussten es unbedingt 12 Apostel sein?

Nun, es mussten schon im Alten Testament unbedingt 12  Stämme sein. Aus den vielen Sippen von kanaanäischen Bauern, sich niederlassenden Nomaden und (evtl.) ein paar aus Ägypten geflohenen Sklaven: aus wer weiß was für Gestalten das gebildet wurde, was man das Volk Israel nennt, wurde hunderte Jahre später ein „einheitliches“, sich in 12 Stämme gliederndes Volk. Und schon hier war die himmlische Buchführung gründlich durcheinander, denn es gibt verschiedene Listen. Wer es sich antun will:  1.Mose 29,31-30,24 / 35,23-26 /  49,1-27 // 4.Mose 26,4-51 // Josua 14-21 // Richter 5. [3]
Ist es bei solcher Vorlage aus dem AT ein Wunder, dass das im NT auch nicht hinhaut?

Wie viele waren es denn nun?

Gute Frage. 12? 12 und ein paar Zerhackte? 70? Oder gar 72? In den Evangelien wird dies gut gemischt. Einmal sind es 12 Apostel (= απόστολος/ apóstolos; griechisch für Gesandter; für das aramäische „saliah“), dann 12 Jünger (= μαθηταὶ/ mathetai; griechisch für Schüler, Lehrlinge), dann gar 70/72 Jünger (Lukas 10,1) So ganz schlüssig waren sich die Evangelien da nicht. Wenn Jesus tatsächlich 12 Männer aus seiner Entourage zu den Vertretern der 12 Stämme des wahren Israel ausgewählt hat, so spielte das bei ihm vor allem symbolische Bedeutung. Wichtig, so richtig wichtig wurde das 12er-Gremium erst, als Jeus nicht mehr war. Irgendwie musste der Laden zusammen gehalten werden. Mit einem an der Spitze, Simon Petrus  und 11 seiner Kumpels, die die Sache weitertrieben. 72 wären auf jeden Fall viel zu viele gewesen, um die aufstrebende Sekte effizient zu organisieren. Oder waren es schon damals mehr als 12? Und auch nicht die 12 in den Evangelien genannten? Die Zwölfzahl wurde vor allem dank Lukas (Evangelium + Apostelgeschichte) weiter verbreitet.  In den Briefen des NT ist zwar des öfteren von Aposteln die Rede, nie jedoch von 12 und nie von „Jüngern„.  — So. Sol Da wollten wohl welche keine dummen Lehrbuben mehr sein…

Und wer gehörte nun wirklich dazu?

Paulus nennt Jakobus, den „Bruder des Herrn“ [4] einen Apostel (Galater 1,19). Er selbst usurpiert den  Begriff in seiner unglaublich beschiedenen Art auch für sich: als Apostel der Heiden (Römer 11,13 und öfter)! Des weiteren tummeln sich zusätzlich zu den in den Evangelien genannten 12 noch ein Barnabas (Apostelgeschichte 14,4), ein Silvanus, ein Timotheus (1. Thessalonicher 2,7), ein Andronikus und eine Junia (16,7). EINE JUNIA? Ja, eine Apostelin! Und das ist kein feministischer Schnickschnack, sondern wurde bis ins 13. Jahrhundert so gesehen: „Grüßt Andronikus und Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln…“ Seitdem hat sich ein kleines „s“ an die Junia herangemacht und diese einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Dummerweise ist der Name Junias nirgends sonst in der Antike belegt, wohingegen Junia ein Allerweltsname war. Halten wir fest: ob es nur 12 Apostel waren, und ob  es ausschließlich Männer waren, ist  höchst unwahrscheinlich. Sehr geehrter Herr Papst: wie lange wollen Sie weiter den Unsinn von wegen nur Männer am Altar als göttliche Wahrheit verkaufen? Eine andere“ göttliche Wahrheit“ sagt das Gegenteil!

Summa Summarum

Wenn ich das bisher Gesagte zusammenfasse, und noch ein wenig draufpacke, sieht die Sache so aus: Jesus hat Schüler um sich geschart, 12 davon waren wahrscheinlich seine „Repräsentanten“ des neuen Israel in der bald anbrechenden Königsherrschaft Gottes. Aber SO wichtig war ihm die Sache auch nicht. Es gab (vielleicht) einen erweiterten Kreis von 70 Gesandten/ Aposteln. Nachdem das Reich Gottes ausblieb, musste die entstehende Kirche organisiert werden. Dabei gab der 12er-Kreis eine praktikable  Struktur vor. Diese wurde jedoch einerseits in den Folgejahren aufgebrochen, indem auch ursprüngliche  Nicht-Jünger ( =  solche, die nicht bei Jesu Wanderschaft dabei waren) Apostel wurden, und andere sich selbst dazu erklärten. (Wer das wohl war!) Selbst Frauen konnten Apostel sein. Da das Versorgungsgeschwader und Fanclub um Jesus herum (Maria, Magdalena, Martha und wie sie alle hießen) gerade am zentralen Punkt des christlichen Glaubens, der Ostergeschichte, auftauchen, ist zu vermuten, dass es noch einige weitere Apostelinnen gegeben hat. Mit fortschreitender Hellenisierung der Urkirche, dem Ausbleiben der Parusie Christi, dem Aussterben der „Zeugen“ und Jünger Jesu kam es zu einer Festigung der gemeindlichen Machtstrukturen in Form des monarchischen Episkopats mit einem „Aufseher“ = ἐπίσκοπος = episkopos = Bischof an der Spitze, der verantwortlich war für Lehre, Verkündigung und (bereits da!) die Kirchenzucht! Je länger die Anfänge zurück lagen, desto eindeutiger, monolithischer und unterscheidbarer wurden die „12 Apostel“ gesehen.

Was lehrt uns das?

Wenn es in der Bibel um Zahlen geht, kann man getrost Rechenheft, Taschenrechner und sämtliche Vortstellungen von Exaktheit, Eindeutigkeit und Korrektheit bei Seite legen. Sie sind nur hinderlich!

Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wie kann irgendein denkender Mensch Geschichten aus einem über 1800 Jahre alten Buch für wahr halten, für sein Leben bestimmend, ja bindend? Wie kann ein Mensch des 21. Jahrhunderts auf die glorreiche Idee kommen, dass dieses Buch ihm irgend mehr zu sagen hätte als nur eine Ansammlung von lachhaften Räuberpistolen, frommen Betrug und unglaublichen Geschichtsklitterungen? Wie kann man sich zufrieden geben mit einem Bild der Welt von beschränkten Fischern, Kleinbauern und ein paar wenigen Theologen (Die allerdings den Stuss selber glaubten. Zumindest gaben sie das vor!)? Wie kann ein Mensch heute sich FREIWILLIG diesem Unfug ausliefern?
Es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Auf jeden Fall kein Zahlenrätsel!
____________
[1] Näheres dazu in den Wiki-Artikeln „Numerologie“ und „Zwölf
[2] Für alle, die sich tiefer in die Materie eingraben möchten, findet sich in der Wikipedia eine schöne Tabelle zum Thema
[3] Mehr dazu findet sich im Artikel „12 Stämme Israels“ in der Wikipedia.
[4] Um die ewige Jungfräulichkeit von Maria behaupten zu können, muss die katholische Exegese hier ganz schöne Klimmzüge machen… Wäre ja zu furchtbar, als wenn Maria noch mit einem anderen im Bett gewesen als nur mit dem lieben Gott!

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6 Kommentare zu “Aphorismus #437

  1. ungenannter sagt:

    …upps.
    ausgebessert!

  2. WK sagt:

    Hi Ungenannter,

    ein Kalauer zum Sonntag:

    Die Epistel ist die Frau vom Apostel.

    Das behauptet zumindest die ehrwürdige Frau Summae Summaerum, die Frau des berühmten und ehrwürdigen römischen Rechers Summa Summarum.

    Liebe Grüße

    W.

  3. Markus. sagt:

    Nun, mein Hinweis zielte auf das fehlende „k“ der Sklaven, nichts weiter.
    Die Herkunft der slavischen (heute mehrheitlich ’slawisch‘ geschrieben) Völker ist ja nicht klar. Ägypten wäre ein neuer Ansatz.

  4. ungenannter sagt:

    Das (evtl.) vor den Sklaven war genau so gemeint: eventuell.
    Kann jeder halten, wie er will. Trägt zur Wahrheitsfindung in der Tat nichts bei.

  5. Markus. sagt:

    Hallo ungenannter,

    mal wieder kein produktiver Einwurf von mir…

    Ich nehme an, dass Slaven immer wieder mal fliehen mussten. Vermutlich aber nicht aus Ägypten, zumindest nicht in dem Umfang, dass sie in diesem Beitrag explizit erwähnt werden müssten.

    Schönen Sonntag noch!

  6. Morla sagt:

    Sagen wir mal so: Das Sammelsurium „Bibel“ ist für mich eine Art (Web)-Tagebuch. Alle möglichen und unmöglichen Schreiberlinge haben zu irgendwelchen Zeiten irgendetwas aufgeschrieben. Fast so wie heute – Gedanken halt und Geschichten, die einem so in den Sinn kommen. Die sind natürlich immer unterschiedlich; mal war der Schreiber hungrig, mal satt, mal war er müde, selten wach – und manchmal mussten auch dringend Dinge aufgeschrieben werden, weil irgendeiner dafür bezahlte.

    Kurz: damals wie heute ist dieses Buch der Beweis der menschlichen Einfalt. Mit einigen guten Sprüchen drin – in der Bergpredigt z.B. Doch die wollte damals schon keiner hören – und heute?

    „Der Mensch kann nicht um die Ecke denken“, meinte Hoimar von Dittfurth.

    Ja, so ist es! Nur zu dumm, dass dies nur wenige begreifen und danach handeln.

    Erquicklichen Sonntag!

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