Aphorismus #438

Hätte sich in Teheran eine normale Militärdiktatur an die Macht geputscht, wäre es schlimm genug. Hier aber haben wir es einer völlig aus dem Ruder gelaufenen antisemitisch-apokalyptischen Clique zu tun. Für sie ist Terror nach innen die Voraussetzung für Terror nach außen. Sie wollen die Destruktionskraft der Bombe mit dem Furor des Religionskriegs und ihrem Märtyrerwahn fusionieren – eine Kombination, wie es sie seit Beginn der Kernspaltung noch nicht gab.

Matthias Küntzel: Der Westen fällt der iranischen Protestbewegung in den Rücken

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6 Kommentare zu “Aphorismus #438

  1. ungenannter sagt:

    Als Antwort darauf ein Zitat, das die Sache auf den Punkt bringt:

    Diese Bezeichnung stößt auf harsche Kritik, und zwar bei Menschen, bei denen dies überrascht. Menschen, die sei’s sonst den Nationalsozialismus samt Judenvernichtung in eine Geschichte der Modernisierung einfügen; die sei’s sonst zielsicher das Beharren auf der Einzigartigkeit der Shoah als Profilierungssucht und Erpressungsmittel der Juden enttarnen; die sei’s sonst je lieber und je öfter überall Faschismus entdecken, und am liebsten bei den USA und bei Israel, desto mehr sie damit vom Nationalsozialismus schweigen können; – solche Menschen entdecken mit einem Mal und genau dann die Rede von der „Singularität der Shoah“ und der Einzigartigkeit des deutschen Faschismus als unbedingtes Gebot, wenn der Vorwurf tatsächlich stimmt und als analytische Kategorie passt. Flankiert werden sie vom anti-eurozentristischen Anti-Rassismus, der bei Zygmunt Bauman, Enzo Traverso et al. gelernt hat, aus einer Dialektik der Aufklärung die Dialektik wegzukürzen und feuilletonistisch von „Auschwitz & Moderne“ zu parlieren. Kritik am Islam als Religion und Politik im allgemeinen wie auch am Islamismus als gegenwärtiger pan-arabischer Bewegung im besonderen werden als rassistisch (bzw. inzwischen als „Islamophobie“) diffamiert, einfach nur auf Grund der Tatsache, dass die Weltanschauung von Menschen kritisiert wird, die „aus einem anderen Kulturkreis“ stammen. Differenziert solche Kritik auch zwischen Islam und Islamismus, zwischen einem Menschen & seiner Herkunft einerseits und dem, was er sagt & praktiziert andererseits, so kann der Anti-Rassismus dies anscheinend nicht wahrnehmen, denn für ihn sind Menschen aus dem arabischen Raum oder Kulturkreis so homogen und so sehr mit ihrer Herkunft verbunden, wie sonst nur für RassistInnen. Die Kritik des Islamismus kennt Individuen, die in der Lage sein sollten, sich von gesellschaftlicher Naturwüchsigkeit zu emanzipieren; der Anti-Rassismus kennt nur Völker, Kulturen und deren „Eigenheiten“, die man vor aller Reflexion zu respektieren habe.

    Aus der lesenswerten Rezension: Matthias Küntzel: Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg/ Karl Selent: Ein Gläschen Wein auf den israelischen Golan. Polemik, Häresie und Historisches zum endlosen Krieg gegen Israel

    Dei Singularität der Shoah als Verharmlosung und Herunterspielen des Antisemitismus ist garantiert das, was die Shoah wiederholbar machen wird, nicht die Darstellung der Zusammenhänge zwischen islamistischen Antisemitismus heute und nationalsozialistischen gestern.
    Außerdem ist die Gleichung Antisemitismus = Rassismus eine der größten Verharmlosungen zum Thema nach der These vom „Unfall“. Auschwitz ist die letzte Konsequenz der Totalität des Kapitalismus, der entgrenzten Verwertung von allem und jedem.

  2. goedel sagt:

    Mir fällt auf, dass es überwiegend deutsche und nicht-jüdische Publizisten sind, die den heutigen Hort eines eliminatorischen Antisemitismus im arabischen und persischen Kulturkreis verorten. In Israel hingegen sieht man natürlich klar die Israelfeindschaft eine Regimes wie des iranischen (und weiß auch, dass dessen Machthaber den Staat Israel am liebsten von der Landkarte fegen würden), verortet den Antisemitismus und seine Ursprünge aber weiterhin ganz klar vor allem in Europa. (Siehe z.B. hier: http://www.haaretz.com/hasen/spages/1054887.html)

    Das ist auch eigentlich kein Wunder, waren doch der Zionismus und damit auch die Entstehung des Staates Israel überhaupt erst eine (vollkommen berechtigte) Reaktion auf den europäischen Antisemitismus. Es war der rassistische Antisemitismus *unserer* Großeltern, der mit dem einmaligen Menschheitsverbrechen Auschwitz in die massenmörderische Tat umgesetzt wurde. Aus dem persischen Raum ist mir nichts Vergleichbares bekannt und ich kenne auch keine belastbaren Belege dafür, dass sich irgendwelche arabischen oder persischen Machthaber die Auslöschung der Juden schlechthin bzw. als „Rasse“ zum Ziel gesetzt hätten. (Nicht dass das Ziel der Beseitigung Israel nicht auch verdammenswert ist, aber es ist eben mit dem einer „Endlösung“ im Sinne der Nazis in keiner Weise vergleichbar.)

    Insofern hat es für mich etwas unangenehm Holocaust-relativierendes, wenn gerade Deutsche sich darin hervortun, den iranischen Diktatoren einen „aus dem Ruder gelaufenen“, „apokalytischen“, soll heißen eliminatorischen Antisemitismus unterzuschieben und damit die Aufmerksamkeit vom immer noch latenten und virulenten Antisemitismus in Europa abzulenken.

  3. amoruritme sagt:

    ich bin „neu hier“ und vermutete zunächst einen strammen linkslinken (die bevorzugte literaturtipps schienen dafür zu sprechen). ich sehe aber „gsd“, dass hier keinem müden 68-dogmatismus gefrönt wird. schön so, finde ich…

    das böse an hass und gewalt sind hass und gewalt.

    d’accord…

  4. traumperlentaucher sagt:

    Könnte sein, dass er beides gemeint hat. meines Erachtens sind auch heute die Neonazis und die linken Fundis soweit auseinander wie Nord- und Südpol. An beiden Orten ist es lebensfeindlich und trostlos und das Klima ist zum Verwechseln ähnlich. So verwundert es nicht, dass beide Lager vereint scheinen, wenn es gegen den gemeinsamen Feind „USrael“ geht. Nur ist bei den Nazis der Antisemitismus offen, bei den linken Fundis verdeckt. Ein Beispiel dafür, wie nahe die beiden Pole in Wirklichkeit sind, ist Horst Mahler. Er mutierte vom Links- zum Rechtsextremisten. Extremismus und Hass sind die Essenzen, die beide Pole verbindet. Höchst giftige Substanzen, welche die Seelen vergiften und die Menschen erblinden lassen.

  5. ungenannter sagt:

    Auf meiner Suche nach der Quelle habe ich das Original von W.C. gefunden, jedoch ist es ein wenig anders:

    They [Nazis] different from the Bolsheviks whom thes denounced no more than the North Pole does from the South.
    Winston Churchill: The Gathering Storm S.54

    Es war also weder von Fundamentalisten noch von Neo-Nazis die Rede. Es ging in dem Essay um die Situation vor dem 2. Weltkrieg („From War to War“), also zuallererst um einen historischen Moment.
    Und das Bild ist alles andere als eindeutig:
    – Nazis und Bolschewisten waren so verwechselbar wie Arktis und Antarktis
    – Nazis und Bolschewisten waren die am weitest entfernten Antipoden, so wie Süd- und Nordpol eben.
    Vielleicht hat er ja auch beides gemeint?

  6. traumperlentaucher sagt:

    Die blinde Unterstützung des iranischen Regimes durch unsere extremen Linken und extremen Rechten, zum Beispiel durch die unbesehene Übernahme von Propaganda der iranischen „fünften Kolonne“ (Muslim-Markt), zeigt, dass Churchill Recht hatte:
    „Die linken Fundamentalisten unterscheiden sich von den
    Neo-Nazis so, wie der Nordpol vom Südpol“.

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