Aphorismus #451

Wort zum Sonntag #14

Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.

2. Mose 23,19; 2. Mose 34,26; 5. Mose 15,21

Dieses seltsame Sätzlein über das Böcklein in der Milch seines Mütterleins ist eines von 613 Einzelgeboten, die sich nach rabbinischer Lesart in der Tora finden lassen. Und da es dreimal vorkommt, muss es wohl ein sehr, sehr wichtiges Gebot sein! Schließlich gilt: repetitio est mater studiorum! Und man sollte hinzufügen: repetitio est mater religionis. Das wusste schon der HERR im AT. Vieles wird da wiederholt. Verdammt viel. Ermüdend viel. Ja es gibt sogar ein ganzes Buch, das ist eine einzige langatmige Wiederholung des Vorigen: das Deuteronomium, wörtlich das „zweites Gesetz“ bekannter als 5. Buch Mose. Da wird vieles aus Mose 2-4 wiedergekäut und- das ist das Wichtigste dabei!- es wird in einer ganz besonderen Art und Weise wiederholt und uminterpretiert. Nämlich stur nach dem Schema: Gott tut Israel Gutes, das Volk erweist sich der Segnungen als unwürdig, Gott straft, das Volk tut Buße, Gott überlegt es sich anders und tut Israel wieder Gutes… [1 ]Es ist die eindimensionale wie falsche Interpretation der Geschichte Israels durch priesterliche Schreiber in und nach der Verbannung, der „Babylonischen Gefangenschaft“ 586 – 539 v.d.Z. , die es aber fertig brachten, „den Laden beisammen zu halten“. Die Spur der jüdischen Religion verliert sich eben nicht wie die vieler anderer Völker durch Flucht, Verbannung und Fremdherrschaft im Dunkel der Geschichte, sondern durch die Umwidmung einer ehemals kultischen und prophetischen Religion zu einer Buchreligion wurde sie unabhängig von Orten, Ritualen und Priestern. [2]
Wiedergekäutes auch hier: dreimal kommt das Böcklein in der Milch vor. Ohne Begründung. Ohne in irgendeinem größeren Kontext. Es fällt einfach so vom Himmel. Plumps. Und seitdem, seit irgendein Gottesgelehrter auf die glorreiche Idee kam, ein weiteres Kriterium, ein weiteres Unterscheidendes zu den Völkern ringsum aufzustellen, seitdem wird es befolgt. Hätte er geschrieben: hüpft immer auf einem Bein, oder dröhnt euch jeden Tag völlig zu, gäbe es also mindestens eine Religion von hüpfenden oder sturzbesoffenen Gläubigen. Wer jetzt meint, solches sei typisch für die Juden, wer also dem alten Vorurteil  anhängt, NT oder Koran seien besser, weiter entwickelt oder die Erfüllung, der sollte mal mit offenen Augen für die Absurditäten des Religiösen durch die Welt gehen. Die einen zelebrieren jeden Sonntag ein virtuelles Schlachtfest, besser eine kannibalische Orgie namens „Eucharistie“ oder „Abendmahl“, essen Freitag kein Fleisch, oder lallen unverständliches Zeug und meinen, das sei ihnen von Gott persönlich so eingegeben; die anderen essen nur, was „halal“ ist, werfen in Mekka Steine auf den Teufel und halten einen schwarzen Felsbrocken für den Nabel der Welt. Nein! Es ist nicht das Privileg des Judentums schwachsinnige Handlungen zu vollziehen. Keine Religion steht dem in irgendetwas nach! Nur weil man es mehr gewohnt ist, heißt ja noch lange nicht, dass es nicht völlig lächerlich und bescheuert ist!

Hier also geht es um ein seltsames Speisegebot, dessen ursprünglicher Sinn völlig im Dunkeln liegt. Es kann ein Fruchtbarkeitsritual gewesen sein, ein Schibboleth, das die jüdische Gemeinde von der sie umgebenden heidnischen trennte, die Idee eines etwas seltsam denkenden Priesters, oder auch nur ein Fehler in der Überlieferung.. Wie dem auch sei, ist dieses biblische Gebot im Lauf der Jahrhunderte des vermeintlichen Sinns völlig entkleidet worden bis auf den der Unterscheidbarkeit zwischen Juden und Gojim. Der Sinn ging verloren, nicht aber seine Befolgung. Und je weiter sich der Sinn verflüchtigt hat, desto dringlicher und rigoroser wurde die Einhaltung gefordert.  So wurde dieses sehr spezielle Gesetz mehr und mehr verallgemeinert und immer weiter aufgefasst. Es entsand auch hier ein „Zaun um das Gesetz„. Dieser Zaun, den die Rabbiner um alle Gesetze zogen, sollte verhindern, dass keines der 613 Gebote Gottes übertreten wird, auch nicht nur zufällig, unwissend oder aus Dummheit. So wurde im Laufe der Jahrhunderte aus einem sehr merkwürdigen  Gebot, das recht einfach einzuhalten ist- wer macht denn schon so etwas Seltsames: eine kleine Ziege in der Milch ihrer Mutter kochen?- die Grundlage der koscheren Lebensweise. Wenn man sicher gehen will, dass garantiert solches nicht eintritt, das Kochen eines Böckleins in der Muttermilch, sollte also grundsätzlich Ziegenfleisch nicht in Ziegenmilch gekocht werden, besser man kocht überhaupt kein Fleisch mehr in irgendeiner Milch! Am besten man isst Mich und Fleischgerichte NIE zusammen. So funktioniert ein „Zaun um das Gesetz“. So wurde im Lauf der Zeit eine merkwürdige Anweisung aus einem noch merkwürdigeren Buch eines allermerkwürdigsten Gottes entgrenzt und zu einer das tägliche Leben jedes Juden- auch vieler säkularer!- bestimmenden nicht mehr zu hinterfragenden Glaubenspraxis.

Es ist schon sehr merkwürdig, was dabei herauskommt, wenn Heilige Schriften und göttliche Weisungen nicht kritisiert werden, sondern buchstäblich ernst genommen werden, 250 Jahre nach Aufklärung und Säkularisierung, nach dem ganzen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt der Neuzeit. Die Schizophrenie, die sich aus einem einfältigen Glauben an einen himmlischen Superman und der Nutzung der Errungenschaften der Moderne ergibt, diese Schizophrenie ist ein beredtes Beispiel dafür, wie Mensch sich mit aller Inbrunst selbst geschaffenen Illusionen hingeben kann, die absolut konträr zu seinem täglichen Leben sind. Begeht man die Dummheit, einem Gläubigen mit Argumenten beizukommen, wird man genau dies merken: gegen selbst geschaffene Illusionen ist kein Kraut gewachsen.

Vielleicht sollte man mal wieder Ziege essen.

_________________
[1] Das Deuteronomium wird fortgeführt im sog. deuternomistischen Geschichtswerk, das dieses Schema bis zur aboluten Ermüdung durchzieht.
[2] Der zweite und endgültige Schritt zur reinen Buchreligion erfolgte dann 70 n.d.Z. nach der Zerstörung des Herodianischen Tempels durch die Römer und 70 Jahre später durch die endgültige Verbannung der Juden aus Israel.

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Ein Kommentar zu “Aphorismus #451

  1. dummerspruch sagt:

    Bier auf Wein das lass sein
    Wein auf Bier das rat ich dir

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