Aphorismus #472

Wort zum Sonntag #17

Die heilige Familie

Familie, Familie Familie. Für alle Konservativen ist sie das höchste Gut überhaupt! Sie und damit das gesamte Gemeinwesen sei gefährdet durch wilde Ehen, homosexuelle Beziehungen, libertäre Sexualmoral, Arbeit der Mutter, (zu viel) Fernsehen, Computerspiele, Internet, … Mit solchen und ähnlichen Aufgeregtheiten schlagen sie wieder und wieder Alarm, die Verfechter eines längst vergangenen bürgerlichen Familienidylls, das sie für Gott gegeben halten und darum allen aufzwingen wollen:

Der Mann muß hinaus
In’s feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn‘ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,

Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke

Nur weil die konservativen Meinungsführer in BILD, FAZ, ZDF & Co. diese romantische Verklärung der bürgerlichen Familie als Schüler mal auswendig lernen mussten, glauben sie, dass sei die Realität, und wenn nicht, sei diese unverzüglich herzustellen, sonst geht [Unzutreffendes bitte streichen!] Deutschland/ das Abendland/ die ganze Welt unter! Wer sind nun diese ewig Gestrigen, die ich hier im Sinn habe?
– Nun zuallererst einmal sind es unsere Freunde von der katholischen Kirche. Die hat ja durch ihre nach außen hin zölibatären und kinderlosen Priester die absolute Kompetenz in Fragen von Familie, Ehe, Sexualität, Kindererziehung… Und aus ureigenster Anschauung wissen sie auch, dass alle andere Lebensformen des Teufels sind und darum verboten werden müssen.
– Die evangelischen Kirchen sind wie immer erst mal uneins: da gibt es die liberalen Geister, die sich umschauen und merken: so wie früher kann es einfach nicht mehr werden. Sie werden aber zunehmend von den Reaktionären, den Frommen, den Evangelikalen, den Fundamentalisten übertönt. Und diese sind so manches mal katholischer als der Papst!
– Ihnen auf dem Fuße folgend kommen die „konservativen“ Politiker der C-Gruppen. Jene Bremser und Blockierer, die am liebsten die Uhr zurück drehen möchten in die Zeit, als Familie in Deutschland noch was galt, als es noch Mutterkreuze gab und jedes brave Mädel und jeder tapfere Knabe wussten, wo ihr Platz war.  Eva Herman hat mit ihren Pamphleten ja so manchem Alt- oder Neubraunen aus der Seele gesprochen, als sie die Familienpolitik der Nazis lobend erwähnte.
– Und es sind all jene, die meinen, das hier sei der Weisheit letzter Schluss und für alle Ewigkeit zementiert:

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
Grundgesetz Artikel 6 (1)

Es ist schon eine prima Sache, mit dem alle gesellschaftliche Entwicklung auf dem Gebiet von Partnerschaften,  der Sexualität und der Lebensformen abgeblockt und verhindert werden kann. Familie sei nun mal „Vater, Mutter, Kind“ und nicht „Mutter, Kind“  oder „Vater, Vater, Adoptivkind“ oder „Mutter, Mutter, Kind“. Zu einer pragmatischen, die Zeitläufte anerkennenden Definition von Familie sind „alle Lebensformen,  in denen Erwachsenen mit Kindern zusammenleben“ Familie. Zu einer solcherart offenen Definition sind sie weder willens noch fähig. Mussten einfach zu viel Schiller lernen. 😛
Wenn sie nun die Stichworte „Ehe und Familie“ hören oder davon reden, dann fällt ihnen  NUR Schillers Glocke ein. DIE ist ihr Maßstab. DAS ist Familie. Das ist gut so. Das ist Gott gewollt. So haben wir es schon immer gemacht. So steht es auch in der Bibel!
Tut es das wirklich?
Nun, liebe Familialisten, nicht böse sein. Das Wörtlein „Familie“ kommt im Alten und im Neuen Testament exakt NULL mal vor! Die Kernfamilie, die Kirchen- wie Parteifürsten des christlichen Lagers vorschwebt, diese gab es damals gar nicht. Die ist in der Tat eine recht neue Erfindung. Was es in der Bibel gibt, ist der viel umfassendere Begriff des „Hauses“: eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mehrerer Generationen mit Gesinde und auch unverheirateten Verwandten. Die gibt es nicht mehr. O.k. Frau von der Leyen praktiziert dies noch, weil sie es sich leisten kann und weil sie in Berlin gegen Kinderpornographie zu Felde ziehen muss.  Aber selbst der Begriff „Haus“ in disesm Sinn hat nicht die Wichtigkeit, mit der „Familie“ von der Christenfraktion so gerne benutzt wird. Die sogenannten „christlichen Haustafeln“ in den beiden Deuteropaulinen Epheser (80 – 90 n.d.Z.) 5,21 – 6,9; Kolosser (70 – 80 n.d.Z.) 3,18-4,1 und in  1.Petrus (um 90 n.d.Z.) 2,18-3,7 sind nichts anderes als ein Sammelsurium von Verhaltensvorschriften für christliche Häuser. Dass es diese zur Zeit des Petrus oder des Paulus noch nicht gegeben hat, liegt auf der Hand. Sie sind Zeugen für den längst vollzogenen Übergang einer eschatologischen Ethik, wie sie Jesus in der Bergpredigt vertrat, hin zu einer, die sich „in der Welt einrichten musste. Sie war dergestalt, dass sie die Zustände des oben und unten, der antiken Sklavenhalterwirtschaft und des Patriarchats  als Gott gegeben hinnahm und so zemntierte. Die zu kurz Gekommenen wurden auf später vertröstet, die Geschundenen auf das (nicht mehr ganz so bald) bald erscheinende Reich Gottes verwiesen. – Dass solch eine Lehre für Könige und Kaiser einmal sehr attraktiv werden sollte, liegt auf der Hand. Und für über 1500 Jahre war es ja auch so in Europa. Dass solche traumhaften Zustände einer angepassten Jugend, züchtiger Hausfrauen und fleißiger Väter das große Vorbild der Machtmenschen von heute ist, das ist ebenfalls klar.
Die frommen USA sind da mal wieder „weiter“ als wir im heidnischen Deutschland. „Family values“ sind das Totschlagargument der Republikaner und aller Reaktionäre mit dem noch die leiseste „Aufweichung“ des „Vater, Mutter. Kind“-Schemas geblockt und für des Teufels erklärt wird. Kommt sicher auch zu uns. So wie seit ein paar Jahren auch bei uns üblich ist, es im TV mit einem Piepen zu unterlegen, wenn jemand Ficken sagt, oder so wie Brustwarzen weg retuschiert werden, könnte ja jemand? Ja, was eigentlich? Welch Heuchelei! Brustwarzen schaden niemandem, und Schimpfwörter bringen sich schon die Allerkleinsten gegenseitig im Kindergarten bei.
Was alle Tugendwächter und Kämpfer für die Familienwerte übersehen, ist nicht nur, dass Familie genauso dem Wandel unterliegt, wie alles andere menschliche Miteinander auch, sondern dass das Buch, auf das sie sich so sehr berufen, von Familie auch ganz anders reden kann. Besser gesagt, dass für Jesus Familie kein Selbstzweck und kein unantastbares Heiligtum war, dass Familie kein Wert an sich war! Wie jeder gute Sektengründer bewertete er alle Beziehungen seiner Jüngerinnen und Jünger zu allen Menschen außerhalb seines Kreises sehr, sehr kritisch. Und so wundert es nicht, wenn er nach Lukas sagt:

Bild via LinkDeutliche Worte, oder? Sobald es um seine Sache ging, das „Reich Gottes“,  war Jesus weder das „liebe Jesulein“, das von so mancher Kanzel herunter gelogen wird, noch war er der Garant des Bestehenden, wie ihn die christlichen Familienpolitiker und ihre klerikalen Souffleure herbei phantasieren, NEIN: Jesus war ein stinknormaler Fanatiker, der niemanden schonte, auch sich selbst nicht, der einen feuchten Kehricht auf  Famile und ihre angeblichen Werte gab, wenn es gegen seine Interessen und gegen seinen Fanatismus eines anbrechenden Reiches Gottes ging!  Da war er radikal und verlangte dieselbe Radikalität von seinen Fans. Familie? Fehlanzeige! Wozu auch? Gott würde sowieso jeden Augenblick sein Reich anbrechen lassen!
Diese verwegene und durch die Geschichte komplett widerlegte Lehre des galiläischen Wanderpredigers als Rechtfertigung für eine reaktionäre bürgerliche Familienpolitik herzuziehen, ist schon ein Bravourstück christlicher Dialektik. Bravourstück? Wohl eher doch nicht. Sondern vielmehr die ganz alltägliche kirchliche Usurpation von Begriffen und Inhalten, wenn es um Ehe,  Familie, Moral und Ethik geht. Und wie selbstverständlich hat unsere Gesellschaft es augenscheinlich akzeptiert, dass die Archetypen von Ehe und Familie noch immer christlich besetzt sind, obwohl wir es inzwischen besser wissen (müssten).
NEIN! Zu Ehe, zu Familie, zu Sexualität und anderen „Werten“ sollten sie endlich und für immer schweigen mit ihren Enzykliken, Ratschlüsse und Verlautbarungen. Sie sollen endlich mal diejenigen ran lassen, die davon wirklich Ahnung haben, wie Psychologen, Soziologen, Sexualwissenschaftler e.a. Alles solche, die ohne ideologische Scheuklappen mal hinsehen, was ist, und nicht romantischen Bildern hinterher laufen, die es so nie gab. Den Kirchenmännern und wenigen Kirchenfrauen sollte endlich einmal Redeverbot erteilt werden in allen Fragen des Zwischenmenschlichen! Denn entweder, sie nehmen ihren Boss ernst, dann sind sie radikale Irre, die möglichst nie mit Menschen zu tun haben sollten, am wenigsten mit Kindern. Oder sie folgen dem Geschwätz der „christlichen Haustafeln“, dann sind sie der Beton, der den Status quo zementiert, dann sind sie die großen Verhinderer in der Weltgeschichte, dann sind sie die Bremser im letzten Waggon, die alle anderen aufhalten. Und so sollten auch sie möglichst NIE etwas mit Menschen zu tun haben.
Bin ich mal wieder zu radikal?
Gegenfrage: Wie sollte man mit diesen verbiesterten Radikalen umgehen, die jeden Bezug zur realen Welt verloren haben?
Eben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s