Das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten

Eines aber möchten wir in absehbarer Zeit gewiß nicht hören: das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten, weil man sie dann grade so behandeln wird, wie sie heute den Reaktionären helfen, die Arbeiter zu behandeln.
Eines Tages wird es soweit sein. Die furchtbare Drohung, sich nunmehr bald an die frische Luft zu verfügen, wird von der Partei wahrgemacht werden, wahrscheinlich eine halbe Minute, bevor man sie auch in aller Förmlichkeit bitten wird, den Tempel zu räumen. Und dann wird sich die Führung besinnen: Jetzt sind wir in der Opposition. Mit einem großen O. Wie macht man doch das gleich …?
Da werden sie dann die Mottenkisten aufmachen, in denen – ach, ist das lange her! – die guten, alten Revolutionsjacken modern, so lange nicht getragen, so lange nicht gebraucht! Werden ihnen zu eng geworden sein. Und dann frisch als Sansculotten maskiert, vor auf die Szene. »Die Partei protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Gewaltmaßnahmen …« Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluß! Schluß!
Die werden sich wundern. Und sie werden keinen schönen Anblick bieten. Denn nichts ist schrecklicher als eine zu jedem Kompromiß bereite Partei, die plötzlich Unnachgiebigkeit markieren soll. Millionen ihrer Anhänger sind das gar nicht mehr gewöhnt; die Gewerkschaftsbureaukratie auch nicht, für die uns allerdings nicht bange ist: es findet sich da immer noch ein Unterkommen. Wären die Stahlhelm-Industriellen nicht so maßlos unintelligent – sie könnten sich das Leben mit denen da schon heute wesentlich leichter machen. Sie werden es sich leicht machen.
Alles gut und schön. Aber erzählt uns ja nichts von: Recht auf die Straße; Polizeiwillkür; Verfassung; Freiheit … erzählt sonst alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen –: das habt ihr verscherzt.

Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 22.09.1931, Nr. 38, S. 454

Der link zum Bild udn zu viel guter Musik

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4 Kommentare zu “Das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten

  1. ungenannter sagt:

    Werbung in Kommentaren landet bei mir sonst automatisch im Spam-Ordner, aber wenn es um Tucho geht, alles so charmant vorgebracht wird und das Ganze nur 9,80 € kosten wird, dann mache ich doch gerne eine Ausnahme und setze hier noch mal den link zu Ihrer Seite.
    Viel Erfolg!

  2. Unglaublich, wie wenig sich in der Politik seit 1931 geändert hat! Tucholsky war allerdings ein Jahrhundertgenie. Was er sonst noch über die Politik und das Leben überhaupt (oft mit einem Augenzwinkern) sagte, lese man im modernen Taschenbuch „Kurt Tucholsky lebt …“!
    Hans Exenberger

  3. stardust sagt:

    es bringt halt nichts, nach links blinken und rechts abbiegen, irgendwann recht es sich, geisterfahrer sind nun mal todeskandidaten.

  4. ungenannter sagt:

    Zum Verlinken, der Shortlink dazu:
    http://wp.me/pe4og-1c3

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