Aphorismus #536

Wofür sich ehemalige DDR – Bürger schämen sollten*

Es gab nicht das ganze Jahr über Bananen und Apfelsinen. Zugleich war die Bevölkerung gezwungen, auf Grund jahrzehntelang stabiler Preise für Grundnahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs auf spannende Preisvergleiche zu verzichten.
Es gab viel zu wenig Autos. Die Menschen mußten sich 20 Pfennig vom Munde absparen, um mit Tram, Bus, S-Bahn oder U-Bahn zu fahren.
Die DDR war ein Unrechtsstaat. Sie besaß eine Institution, die sonst in keinem zivilisierten Land auf der Welt existiert: einen Geheimdienst. Der Akzent liegt auf dem Wort einen, hat doch jede vernünftige Demokratie – von Israel über die USA bis zur BRD – gleich mehrere davon.
Es gab keine Reisefreiheit. Kein Ein-Euro-Jobber (nicht mal einen vermochte man vorzuweisen) konnte – wie heute – problemlos drei- oder viermal im Jahr an die Südsee fliegen.
Post und Eisenbahn, Wasser- und Stromversorgung seit Ewigkeiten in Staatshand wurden um die Vorzüge der Privatisierung betrogen.
Man blockierte die freie Arbeitsplatzwahl, indem man eine Mauer errichtete, um im Osten ausgebildete Fachkräfte daran zu hindern, im Westen für die Kapitalisten tätig zu sein.
Weder Arbeitslose noch Obdachlose, weder Bettler noch hungernde Kinder sorgten für Abwechslung im Straßenbild.
Das Verhältnis zu Ausländern war ungesund gut. Den eigenen Leuten wurde einfach nicht gestattet, ihre nationale Überlegenheit auszuspielen.
Es mangelte an Gewaltverbrechern aller Art, weshalb in Kriminalfilmen nur langweilige „Normaldelikte“ gezeigt werden mußten.
Auch die Freiheit für Kinder und Heranwachsende war drastisch eingeschränkt. In bedauerlicherweise flächendeckend vorhandenen Krippen und Kindergärten wurden die Kleinen gezwungen, ihre Notdurft kollektiv zu verrichten.
Man vergällte Halbwüchsigen mit kostenlosen Zirkeln und Arbeitsgemeinschaften den Spaß an der Langeweile und am Herumlungern.
Es gebrach der DDR an der notwendigen Beschränkung der Frauen auf die bewährten drei Ks: Küche, Kirche, Kinder.
Die Gleichberechtigung wurde drastisch übertrieben. Es gab keine föderale Bildungsvielfalt, bei der jeder Bezirk (heute Bundesland) über ein eigenes Schulsystem verfügt. Da es an reichen Eltern fehlte, mußte auch auf Privatschulen verzichtet werden. Noch schlimmer: Kinder von Arbeitern und Bauern hatten sogar Vorteile bei der Platzvergabe.
Es bestanden nur kümmerliche drei Krankenkassen. Heute weiß man, daß Deutschland mindestens 250 Einrichtungen dieser Art mit entsprechenden Gebäuden, Vorständen, Aufsichtsräten und anderen Attributen braucht.
Zur Gartenpflege oder anderen persönlichen Aufgaben mußte man den gesamten „SVKUrlaub“ in Anspruch nehmen. Er stand jedem Arbeitenden zu und betrug sechs Wochen.
Ein Zwei- oder Drei-Klassen-Gesundheitswesen war leider völlig unbekannt.
Beim Arzt wurde kein Eintrittsgeld erhoben. Zuzahlungen für Medikamente oder Kostenerstattung bei Zahnersatz wurden den Bürgern verwehrt.
Besonders empörend war die flache Einkommenspyramide.Selbst ein Minister verdiente höchstens das Fünffache eines guten Facharbeiters. Und das bei wesentlich längerer Arbeitszeit. Er mußte 20 % Lohnsteuer abführen, während sie für einen Arbeiter nur 5 % betrug. Infolge der indiskutabel niedrigen Mieten –sie betrugen maximal 10 % des Einkommens einer Familie – herrschte lange Zeit Wohnungsmangel. Die Möglichkeit, eine Luxusvilla in vorzüglicher Lage (und, versteht sich, zu entsprechendem Preis) zu erwerben oder zu beziehen, beschränkte der Unrechtsstaat auf Spitzenkünstler.
Die Bevölkerung wurde gezwungen, im Haushalt auf Wegwerfgeräte zu verzichten und statt dessen langlebige Industriegüter zu erwerben.
Knapp ein halbes Jahrhundert hinderte man deutsche Soldaten daran, im scharfen Einsatz und möglichst weit vom eigenen Land entfernt ihre kriegerischen Talente zu erproben.
Besonders verwerflich war die Teilnahme der DDR als unsichtbarer Dritter am Verhandlungstisch bei Tarifkonflikten in der alten Bundesrepublik.
Der deutsche Unrechtsstaat besaß – im Unterschied zum deutschen Rechts-Staat viel zu wenig Einwohner. Er stellte nur 5 % der Bevölkerung des „Ostblocks“ und nicht mal 0,03 % der Weltbevölkerung.
Als gravierendes Manko für die Demokratie erwies sich das völlige Fehlen von Listenwahlen. So konnte sich der Bürger nicht zwischender List der verschiedenen Listen frei entscheiden.
Besonders übel war die Einführung des berüchtigten Plebiszits, mit dem die neue Verfassung der DDR durch allgemeine Volksbefragung 1968 bestätigt wurde. In der BRD ist ein solcher Mißbrauch der Demokratie grundgesetzlich ausgeschlossen.
Als größtes Defizit aber wirkte sich die Tatsache aus, daß man es nicht verstand, allen Bewohnern der DDR die hier geschilderten gravierenden Mißstände nachhaltig ins Bewußtsein zu heben.
Sich dafür zu entschuldigen, besteht jeglicher Anlaß.

Dr.-Ing. Peter Tichauer
Quelle: http://comixfuzzy.de/ddr_buerger.pdf

__________________
* So ganz bin ich nicht mit allem in diesem Text einverstanden, und doch ist er das nötige Antidot gegen die unsäglichen „Wir-Deutschen-feiern-uns-selbst-Jubel-Hymnen“, wie sie schon seit Wochen auf uns medial herabkommen wie der der Novemberregen: unaufhörlich, nervend und völlig nutzlos. Es bleibt nun mal dabei: in der BRD war noch nie alles gut. Und ist es jetzt erst recht nicht.
Und wenn noch jemand von der „friedlichen“ oder gar der „sanften“ Revolution salbadert, soll er sich hinten anstellen: es sind genügend Schläge auf den Hinterkopf für jeden da. Die Deutschen haben noch nie ’ne anständige Revolution hinbekommen: weder 1848 noch 1918 noch 1989. Wird Zeit, dass sich das ändert. Lenin hatte einfach Recht!

5 Kommentare zu “Aphorismus #536

  1. ungenannter sagt:

    Ein Dikaturmaßstab von light bis heavy, von 0 bis 10 auf der Ismus-Skala ist natürlich Blödsinn.
    Darum geht es mir auch nicht. Und Staatssozialimen oder Staatskapitalismen, je nach Betrachtungswinkel, sind und waren mit zuwider.
    Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das, was schließlich als „Deutsche Einheit“ herauskam, NICHT das war, was die Menschen in Leipzig und andernorts im Herbst 1989 wollten: Für den Sieg des Kapitalismus auf ganzer Linie inklusive Deutungshoheit über ihre Geschichte riskierten die garantiert nicht alles! So stellte es sich mir jedenfalls bei meinen Gesprächen mit Besuchern von drüben Ende 1989, Anfang 1990 dar. (Ich wohnte damals nicht unweit der Zonengrenze und hatte genug Gelegenheit zu Gesprächen.)
    Aber dann schlugen die westlichen „Werte“ zu: 100 Mark Begrüßungsgeld waren ein verdammter geringer Judas- und Ramschpreis für ihre Werte, Ängste und Hoffnungen.
    Jetzt haben sie ihre Geschichte in der DDR verloren und das Handgeld Ost ist längst weg.
    Aus dem aufbegehrenden und aufrührerischen „Wir sind das Volk!“ wurde ganz schnell „Wir sind ein Volk!“. Das das nicht stimmt, macht jede neue Diskussion über DIE Ossis unmissverständlich klar.
    Es war letztlich keine Revolution, es war eine Heimholung ins Reich / ein Anschluss inklusive Gleichschaltung.
    Böse? Ja böse! Aber nicht ich, sondern der Dicke, seine Helfershelfer und der (Pest-)Atem der Geschichte.

  2. amoruritme sagt:

    @ marlies: da muss man schon mal adorno heranziehen:

    Es gibt kein richtiges Leben im falschen

    ich weiß, es „gehört sich nicht“, aber man kann ja wohl auch kaum sagen: naja, aber die tierschutzgesetze bei den nazis waren für damalige verhältnisse progressiv (diese info habe ich gerade von dem stalinistoiden wolfgang wippermann aus seinem unsäglichen und mmn unverzeihlichen auftritt und ausritt gegen eva herman bei JBK), der seit jahren versucht, die DDR als bsd nette mini-diktatur hinzustellen [wobei ich gar nicht weiß, ob er das wort „diktatur“ jemals üh verwendet! der versuch, die DDR reinzuwaschen, ohne von dem versuch der reinwaschung zu sprechen, ist mmn nicht gerade redlich!]

    über die relativen vorteile einer diktatur zu spekulieren, hat jedenfalls etwas schräges und bedrohliches: leider ists „in“ geworden, zu versuchen die DDR als höchstens semidiktatorisch oder so hinzustellen. ich möchte also fragen: hält jemand die DDR für eine fast-nicht-, halb-, ganz oder sonstige diktatur, und hat es sinn, über die relativen vorteile von „sanften diktaturen“ nachzudenken?

    oder ist das wort „diktatur“ auf die DDR einfach unanwendbar? bevor wir weiteresoterisieren, würde ich gern eine antwort auf diese frage haben: damit ich wenigstens ungefähr weiß, was zwischen den zeilen (nicht) suggeriert werden soll…

  3. Marlies sagt:

    Ich finde ja genau wie Ihr all das Negative an der DDR, aber trotzdem ist doch der Text nicht ganz falsch. Es gab eben AUCH Dinge, von denen wir nur träumen können. Es geht hier darum, auch mal andere Fakten anzuführen als immer wieder dieselben.

    Klar kann sich der Kapitalismus jetzt so richtig entfalten, seit das Gegenmodell verschwunden ist. Stimmt doch.

    Das Zitat von Michael Schmidt-Salomon hab ich mir notiert. Treffender kann man es nicht sagen.

  4. Julius sagt:

    Moin
    Erstmal ich mag diesen Blog gerade weil er kritisch ist und mir persönlich ein paar Gedanksrünge erlaubt,
    aber dieser Text ist einfach nur Schrott.
    Verwandte von mir haben ihren Sohn verloren weil
    dieser auf der Flucht erschossen worden ist, von daher
    bin ich sicher emotional vorbelastet, aber einem Staat
    krampfhaft etwas gutes abzuringen, in dem freie Wahlen ein Witz waren und in der Bürger erschossen wurden nur weil sie in einem anderen Land leben wollten, sollte höchstens als Mahnmal in Erinnerung bleiben und nicht als Leuchtturm für die bösen kapitalistischen Länder.

    Und was soll eigentlich immer dieses Vergleichen BRD und DDR ? In der BRD bekommt ein Arbeitsloser Hartz IV
    darum war die DDR in Wirklichkeit doch besser….hä was ist das den für eine Logik ?

    Naja wie schrieb der Philosoph Michael Schmidt-Salomon
    Die Welt wird nicht regiert von finsteren Dispoten blutigen Diktatoren oder geldgeilen Kapitalisten sondern von einer großen weltumspannenden RIESENBLÖDHEIT. Wer´s nicht glaubt ist schon infiziert.

    MFG
    Julius

  5. amoruritme sagt:

    naja, das ist echt zynisch. hier wird unmenschlichkeit verniedlicht. traurig. schandhaft…

    alle freiheitskämpfer der geschichte werden auf diese absolut pseudowitzige manier noch mal geschändet.

    inquisitorenhumor – nein danke!

    mmn ein unverzeihlicher text…

    und die paar brockerl miniweisheiten? es gibt nichts gutes in einem SO schlechten, weil realitätshassenden text…

    da könnt ja jeder herkommen und drauf bestehen, dass ein paar gran/aitzerl gedänklein in derartigen teerartigen, die realen dingens und menschen zukleisternden anal-ysen (leider gehts hier echt nicht anders, ich hab das noch nie verwendet) drinne wären… will gar nicht fantasieren, wer aller!

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