Ein öffentlicher Selbstmord und die Folgen

Natürlich hat mich in den letzten Tagen der Suizid Robert Enkes sehr beschäftigt.
Natürlich habe ich viel darüber gelesen, gehört und gesehen.
Natürlich habe ich die anschließende öffentliche Diskussion aufmerksam verfolgt.
Meine erste Reaktion darauf war die bittere Persiflage „Depressionen sind völlig überbewertet!
Von mir geschrieben aus der Erfahrung vergangener Diskussionen, also in Erwartung des üblichen tumben Gelalles der üblichen Bescheidwisser.
Überraschend ist- zumindest in meiner Wahrnehmung- das Vorurteilskarussell  stehen geblieben.
Was bin ich darüber froh! Da steht endlich endlich überall nachzulesen, dass Depression eine Krankheit ist, die jeden treffen kann, dass 90% aller Suizide auf einer Depression beruhen, dass das Thema in unserer Leistungsgesellschaft noch immer tabuisiert ist, dass Depression nichts mit Schwäche, Feigheit oder Faulheit zu tun hat, sondern eine ernste, potentiell tödliche Krankheit ist,j a sogar davon ist die Rede, dass Depression nicht nur eine psychische, sondern auch eine körperliche Krankheit ist, die man gut mit Medikamenten in den Griff bekommen kann.
Alles lauter gute und wichtige Dinge, die mich freuen. Auf die andere und ich immer wieder hinweisen und die wir uns dafür manch Unschönes anhören müssen! Endlich wird es ausgesprochen! Endlich!

Und gleichzeitig macht mich das traurig.
Muss erst ein bekannter Fußballspieler seiner Krankheit erliegen, damit dieses so wichtige Thema öffentlich diskutiert wird?

Es hat mehr als nur 1000 Selbstmorde vorher gegeben, die es genauso wert gewesen wären, sie zum Anlass einer breiten Diskussion über die Geißel der Depression zu machen!

Muss erst seine tapfere Witwe vor die Presse treten und in bewegenden Worten schildern, wie es ihr in all den Jahren ging, damit endlich gesehen wird, was die Partner der Erkrankten auf sich nehmen, wie sie nach außen hin heile Welt spielen, wie schwer es ihnen fällt, zum Depressiven zu stehen und und und?

Es gibt Tag für Tag in unserem Land zehn- nein hunderttausende, die im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrem kranken Partner mitleiden, die den Laden am Laufen halten, die den schönen Schein wahren, die den Menschen, den sie lieben, nicht mehr wieder erkennen und trotzdem an ihm festhalten und ihn tragen!

Muss erst eine erschütterte Reaktion durch den Blätterwald gehen darüber, dass KEINER was gemerkt hat?

Statt sich darüber zu wundern, was war, sollte jeder lieber in Zukunft genauer hinschauen beim Partner, Nachbarn, Kollegen- oder auch bei sich selbst! Jeder Depressive kennt das, dass niemand etwas merkt, wenn man es nicht merken lassen will. Viel nennen es ihre „Maske“: Depressive haben es gelernt Contenance zu bewahren, denn wir sind es leid, uns erklären zu müssen, auf Verständnis zu hoffen und vor allem wollen wir nicht, was (fast) immer kommt: diese beschissene Betroffenheit, dieses peinliche Schweigen, dieses grausame Spiel des „Das will ich jetzt aber überhört haben!“!! Da vergeht es einem, sich zu öffnen, sich zu zeigen, wie man ist, zu sagen: ich bin innerlich leer, ich bin am Ende, ich leide an einer schweren Depression. Robert Enke hat nichts anderes gemacht. Und wenn wer genau hingeschaut hätte, er hätte es sehen können. Zumindest Depressive können das untereinander. [1]

Müssen erst durch diese Erschütterung des Selbstverständnisses im Sport und in der Gesellschaft, die Medien und Verbände aufmerksam gemacht werden dafür, dass es jenseits des Rampenlichts, der Erfolge und der großen Gelder immer noch Menschen sind, die da stehen? Menschen, die krank werden können, Menschen, die bei Misserfolg vom System ausgekotzt werden und auf der Strecke bleiben?

Robert Enke ist alles andere als ein tragischer Einzelfall: es gibt hunderttausende, deren Leben durch die Depression aus den Fugen geraten ist: verlorener Job, Berufsunfähigkeit gar, kaputte Ehe, finanzieller Ruin, ja und auch Suizidversuche! Unsere Gesellschaft ist zutiefst menschenverachtend. Das Leistungsprinzip dient nur denen, die oben stehen. Und auf dem Weg dorthin lassen sie viele, viele als Opfer zurück. Die meisten arrangieren sich damit. Manche können es nicht. Und dann gibt es noch die, die krank werden.
Liebe Presse, redet auch mal, nein nicht nur einmal, redet viel und oft über die Ausgesonderten, die vom System Ausgekotzten, die kaputt Gemachten! Nicht nur Enke war krank, nicht nur Depressive sind krank: nein, diese Gesellschaft ist zutiefst krank. Und genau deswegen, werden auch weiterhin Depressive ihre Masken aufsetzen, werden die Partner den Laden am Laufen halten, werden die Kollegen jede Schwäche ausnutzen, werden Kranke sich ihrer Krankheit schämen [2], geht die alte Knochenmühle weiter und wird Tag für Tag neue Opfer finden!

Muss erst jetzt Depression zur Sprache kommen als Thema, erst als ein Suizid alle Welt erschüttert?

Wo es doch seit Jahren das Kompetenznetz Depression gibt! Und dazu das Bündnis gegen Depression, wo gute Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird mit Vorträgen und Schulungen, mit Aktionen und Anschubhilfe für lokale Initiativen! Seit Jahren gibt es das. Und es wird da gute Arbeit geleistet. Und doch gibt es noch so viele, die vom Thema Depression oder gar Suizid keine Ahnung haben, aber doch über’n Zaun, im Büro oder am Stammtisch klug daherreden können.

Musste Robert Enke sterben?
Nein natürlich nicht. Aber wie viel anders müsste eine Bundesliga-Mannschaft, ein Fußballverein, eine Sportberichterstattung, eine Gesellschaft aussehen, dass es nie so weit gekommen wäre?
Das wünsche ich mir, dass es nicht bei der gegenwärtigen Erschütterung und Aufgeregtheit bliebe, sondern dass sich wirklich etwas bewegen würde! Nicht nur für mich und die Millionen anderer Erkrankter, sondern auch für die „Gesunden“. Es gibt 1000 mal wichtigeres als Geld und noch mehr Geld, Erfolg und noch mehr Erfolg- und das ist schlicht

Leben!

_______________
[1] Mich hat es nicht sehr überrascht, als es hieß, er sei wegen einer Depression seit Jahren in Behandlung. Es hat gepasst zu seiner für mich manchmal irritierenden Art in den Interviews, gepasst zu seiner Maske.
[2] Welch Irrsinn! Sich seiner Krankheit schämen! Keiner mit Krebs, keiner mit einem gebrochenen Bein, keiner mit einer Allergie käme auf die Idee sich für seine Krankheit zu schämen! Depressive tun es, weil sie sich selbst als schwach und unfähig empfinden und eine gnadenlose Gesellschaft ihnen das einredet.

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6 Kommentare zu “Ein öffentlicher Selbstmord und die Folgen

  1. Depression…

    (Projekt NR: Abgeschlossen und abgegeben. Projekt HE: Planungsphase) Aus gegebenem Anlass – der Selbstmord eines gewissen Torhüters – möchte ich  einen Stimmungstext zur Depression zum Besten geben. Diese Krankheit wird von den meisten Mens…

  2. feydbraybrook sagt:

    @asphyx68s:

    oder die Medien, die ja am Tod Enkes verdienen, sollten das tun. Jedenfalls steht der Gedanke, den Du aussprichst, für die Vorstellung, daß Trauer nicht allein ein Lippenbekenntnis ist, sondern auch in Taten sichtbar werden muß. Das ist im Moment nicht der Fall. 45000 Leute werden heut im Stadion zur Trauerfeier erwartet. Die allerwenigsten werden ihrer sog. „Trauer“ auch Taten folgen lassen und das ist doch entlarvend.

  3. Morla sagt:

    Habe eben beim Kompetenznetz den „Test“ gemacht. Ergebnis: Ich muss zum Arzt. So steht es da wenigstens geschrieben.

    Nur, er wird mir nicht helfen können. Lustlosigleit, Appetitmangel, Zukunftsangst – all‘ diese Symptome hängen bei mir mit dem Zustand dieses Systems zusammen:
    Massentierhaltung, Energiemais, Biogas – das Vergasen und Verheizen von nachwachsenden Rohstoffen – und das wird als zukunftsträchtig propagiert (!) – wir verhalten uns so wie Menschen in Ländern, denen wir (verstärkt durch den nun einsetzenden Klimawandel) alles, aber auch alles zum Leben notwendige genommen haben.
    Ich sehe da keinen Sinn, höchstens den, dass wir Menschen eben „unvollkommen sind“.

    Denn, selbst wenn es gelingt diesen ganzen Wahnsinn des kapitalistischen Systems abzuschaffen – was kommt danach?

    Wird es nicht wieder Menschen geben, denen das Hemd näher ist als der Rock? Wieder werden Menschen das System „Erde“ ausbeuten bis zum getno.

  4. ungenannter sagt:

    1) Ist natürlich richtig: Er wäre nicht der erste Lokführer, den ein solches furchtbares Erlebnis traumatisierte.
    2) Wieso sollte Frau Enke dafür büßen, dass ihr Mann krank war? Was würde es ändern? Traumata verschwinden nicht durch Geld, sondern durch die richtige Therapie.

  5. asphyx68 sagt:

    und niemand spricht an dieser stelle von dem lokführer, der enke überfahren hat und nun selbst unter einem schweren traumata leidet, weil sich ein mensch vor seinen zug werfen mußte!

    frau enke sollte ihr vermögen diesem armen menschen überweisen. damit würde und könnte sie menschlichkeit beweisen und bestätigen, das der lokführer schuldlos ist.

  6. feydbraybrook sagt:

    Nicht, daß ich einem Hinterbliebenen mein Beileid verwehren würde – es tut mir aufrichtig leid um Enke.

    Aber genauso tun mir alle anderen Menschen leid, die den Selbstmord als letzten Ausweg sehen oder an Depressionen leiden. Von denen spricht leider keiner und daran wird auch Enkes Tod nichts ändern. Depression wird totgeschwiegen, es sei denn, man redet im Nachhinein über Enkes Depression – die erfordert ja auch keine Auseinandersetzung damit. Schön bequem.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2009/11/13/enke-trauer-als-freizeit-event/

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