Aphorismus #549

Wort zum Sonntag #28

Das Christentum [1] ist in der Tat offen gegenüber allen [2], was in den Kulturen und Zivilisationen an Gerechtem, Wahrem und Reinem [3] ist, gegenüber dem, was unserem Dasein Freude schenkt, uns tröstet und stärkt [4]. Der hl. Paulus hat im Philipperbrief geschrieben: „Was immer wahrhaft edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heisst und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (4,8). Die Jünger Christi erkennen daher die echten [5] Werte der Kultur unserer Zeit – wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die technologische Entwicklung [6], die Rechte des Menschen [7], die religiöse Freiheit [8], die Demokratie [9]– und nehmen sie gerne an.

Papst Benedikt XVI. beim Kongress der katholischen Kirche in Italien, 19. Oktober 2006 in Verona

Klingt doch toll, was Benedikt XVI. da so von sich gibt. Demokratie, Freiheit, Fortschritt, Lebensfreude sind ja nicht unbedingt Worte, die seitens der katholischen Kirche inflationär gebraucht werden. Das klingt so gar nicht nach der üblichen römischen Miesmacherei, die am liebsten alles verbieten möchte, was den Menschen Freude macht . Ganz schön modern und weltoffen hört sich das alles an. Ein Papst zum Bejubeln, ein Papst, der was zu sagen hat!
Na ja. SO einfach kann es auch wieder nicht sein? Oder etwa doch?
Meint Benedikt es ernst mit seinen Worten? Klar tut er das. Und genau das ist das Problem: er meint zu 100% ernst, was er da sagt!
Als gelernter Dogmatiker ist der ehemalige Vorzeigetheologe Ratzinger jemand, der seine Sprache ganz genau und sehr bedacht einsetzt. KEINES seiner Worte bei öffentlichen Grundsatzreden kommt zufällig über seine Lippen. Die besondere Crux dabei ist, dass er Worte aus dem Alltagsgebrauch in einem ganz anderen Sinn benutzt udn dass er sich oft genug einer Sprache befleißigt, die überall anders nahezu ausgestorben ist.

Hier eine kleine Übersetzungshilfe „Papst – Deutsch“ zum Eingangszitat:

[1] Christentum = Die Katholische Kirche. Und nur sie!
Die anderen Konfessionen werden erst dann für voll genommen, wenn sie den Primat des Papstes anerkennen, will heißen: ihre Eigenständigkeit aufgeben. Der Absolutheitsanspruch des Papstes ist nicht auf die eigenen Schäflein beschränkt, sondern betrifft die ganze Welt. Das drückt allein schon das kleine Wörtlein katholisch aus. Es setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern: „κατά kata = von…her, herab… für“ und „ὁλός holos = ganz“ und bedeutet nichts weiter als den Anspruch der Kirche auf’s oder für’s Ganze! Bescheiden und Demut verlangen die Päpste immer nur von anderen!

[2] Offen gegenüber allen = Im Gegensatz zu allen, in Abgrenzung von allem, kein Teil der Welt, sondern Gottes Sprachrohr für die Welt.
Im Grund genommen bedeutet dieses Wort das genaue Gegenteil, von dem, was man zu hören meint: Auf der einen Seite steht mit dem Papst an der Spitze die Kirche mit Gottes Auftrag: unfehlbar, heilig, katholisch etc pp Ihr gegenüber steht „nur“ die „Welt“, die Zivilisationen und Kulturen. War die Kultur im „christlichen Abendland“ der vergangenen Zeiten ausschließlich katholisch, wurde sie von den Kirchenmännern definiert, so ist man heute wenigstens so „liberal“, dass man anerkennt, was zu leugnen kompletter Unfug wäre: es gibt eine säkulare Kultur, es gibt Zivilisation außerhalb der Kirche. Gut. Bzw. schlecht! Machen wir das beste draus, reden wir von Offenheit und Gespräch, irgendwie muss das gottlose Pack doch wieder in die Kirchen zu bekommen sein!

[3] Das Gerechte, Wahre und Reine = Die Lehren der Kirche und alles, was zufällig mit ihnen übereinstimmt.
Man kann dem klassischen bürgerlichen Kunstideal vom „Wahren, Schönen und Guten“ durchaus mit Skepsis und Kritik begegnen, aber eins hat es nicht verdient: dass es durch den Oberkatholiken in seiner krankhaften Herrschsucht vereinnahmt und flugs umgedreht wird. Es ist immer dasselbe üble Spiel der katholischen Wortverdreher: mit salbungsvollem schwülstigen Worten lullen sie dich ein und eh du dich versiehst, stehst du in ihrer Kirche. Ach was sage ich: kniest du in ihrer Kirche! Gerechtigkeit und Wahrheit, das hat tatsächlich was mit Aufklärung zu tun, aber bestimmt nicht die Wahrheit der Bibel und die Gerechtigkeit eines Jüngsten Gerichts am St. Nimmerleinstag. Und Reinheit? Nun, das ist was für RomantikerInnen, für Teenager, die im „Twilight“ auf  den Biss eines Vampirs warten, und eben für alte Herren in Frauenkleidern, die gerne mal einen Knaben auf ihrem Schoß sitzen haben. Ich könnte jedes mal kotzen, wenn mir diese Typen etwas von Reinheit vorlügen, die sie selbst am allerwenigsten haben. Widerlich.

[4] Was unserem Dasein Freude schenkt, uns tröstet und stärkt = Das liebe Jesulein, die Bibel, die Lehren der Kirche und alles, was von ihr in Beschlag, sorry in Dienst genommen wird.
Mit Zivilisation und Kultur beginnt der Papst. Bei seinem Verein und bei sich selbst landet er, endet er, endet alles. Denn Trost und Stärkung, wahre Freude – da sind ja alles die ureigensten Werke der Kirche. Und flugs wird aus der Bibel zitiert, in der natürlich das steht, was der scheinheilige Vater von sich gibt. Und woanders steht das Gegenteil, das kann man dann an passender Stelle einbringen: vom Gericht über die Gottlosen, von der unbedingten Trennung der Heiligen von der Welt usw Schon praktisch so ein Steinbruch, aus dem man sich für alle Fälle das eine oder andere Steinchen heraus brechen kann, oder einen riesigen Stein, mit dem man dann alles platt walzt… Auch wenn es ihm und seinen Apologeten in den deutschen Redaktionsstuben nicht passt: Trost, Stärkung, Freude, auch das Wahre, das Gute und das Schöne, das alles gibt es auch (besser: nur!) ohne den ganzen katholischen Zinnober, ohne Gott, ohne Bibel, ohne Himmel und Hölle.. Das ist halt nur nicht so bequem zu haben wie der sonntägliche Gottesdienst, oder das Abendgebet. Aber dafür ist es ein freies Leben, keines mit den zahllosen Vorschriften rachsüchtiger Götter.

[5] Echt = christlich, katholisch, vom Papst abgesegnet, der Tradition entsprechend.
Etwas Echtes ist in diesem Zusammenhang nicht wirklich echt, sondern nur dem Papst genehm. Es ist so falsch wie heruntergeleierte Litaneien, es ist so verlogen wie die Verheimlichung von Kindern katholischer Priester, es ist so heuchlerisch wie eine Moral, die schier alles verbietet, um es dann hinterher im Beichtstuhl zu vergeben, es ist so unwahr wie das ganze katholische Lehrgebäude, das ein pures Luftschloss ist. Echt und Kirche, das sind zwei Wörter, die sich beißen, die nie zusammengehen können und werden.

[6] Wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklung = Wissenschaft und Technik haben sich gefälligst innerhalb der Grenzen der katholischen Lehre zu bewegen.
Galileis Fernrohr war ’ne schöne Sache, aber dass der Ketzer damit das Weltbild der Kirche in Frage stellte, das hätte er nicht tun dürfen! Und so hält es die Kirche noch heute! High-Tech-Medizin ist schön und gut, aber die Geräte dürfen bei einem Hirntoten NIEMALS abgeschaltet werden. Die Ergebnisse der Genetik sind eine tolle Sache, aber an menschlichen Genen darf NIEMALS herumgedoktert werden. Und Embryonen sind sowieso so was von sakrosankt, die dürfen NIEMALS eine Petrischale sehen.
Die Kirche erkennt bei den Naturwissenschaften nur widerwillig an, was offensichtlich ist. Nach wie vor fordert sie von den Wissenschaftlern Unterordnung unter ihre Dogmen. Da hat sich seit den Zeiten eines Galileo Galilei oder Giordano Bruno nichts geändert. Wie auch: Wer die göttliche Wahrheit auf seiner Seite weiß, der muss sich nicht ändern, das müssen immer nur die anderen.

[7] Die Rechte der Menschen = die bestehen vor allem darin, sich der katholischen Kirche unterzuordnen.
Es ist kein Zufall, dass Benedikt nicht von Menschenrechten spricht, wie allgemein üblich. Dieser böse Begriff aus der noch viel böseren Aufklärung, der geht ihm einfach nicht locker über die Lippen. Die Kirche hatte 1500 Jahre Zeit für die Rechte der Menschen einzutreten, sie hat es vergeigt. Sie hat immer nur im Namen Gottes ihr eigenes Recht durchgesetzt. Mit allen Mitteln. Sollte man sich von solch einer Institution sagen lassen, was Menschenrechte sind? O.K. diese Frage ist rein rhetorisch.

[8] Religiöse Freiheit = Die Freiheit, katholisch zu werden und zu sein.
Tun wir mal so, als ob wir die anderen Religionen und christlichen Konfessionen anerkennen würden. Tun wir mal so, als ob es um das allgemeine Menschenrecht auf freie Religionsausübung ginge. Tun wir mal so, als ob es nicht um die eigenen Macht, den eigenen Einfluss und die eigene Kundengewinnung (=Mission oder Neu-Evangelisierung Europas) ginge. Wie sehr es die Katholiken ernst damit meinen, das zeigen sie überall dort, wo sie in der Mehrheit sind, wo sie Privilegien und staatliche Protegierung genießen, wo sie eben nicht auf dem freien Markt der Religionen ein Anbiete runter vielen sind. Sie können es nicht lassen: sie müssen immer noch überall hineinreden und hineinregieren, wo man sie lässt.

[9] Demokratie = Das kleinere Übel im Vergleich zu den gottlosen Diktaturen des Staatssozialismus, aber das viel größere Übel verglichen mit den faschistischen Diktaturen wie einst in Spanien, Italien, Chile und anderswo.
Heute wollen die Leute Demokratie? O.K. machen wir gute Miene zum bösen Spiel… Solange die Kaiser, Könige, Feldherrn und Despoten dieser Welt, die Kirche in Ruhe gelassen haben, oder noch besser, die Kirche mit an der Macht beteiligt haben, solange hatte sie NIE ein Problem mit jeder erdenklichen Form von Unterdrückung. Die war nur böse bei Lenin, Stalin und Konsorten, denn diese verstießen gegen das alleroberste Gebot aus dem Vatikan:

Du darfst nichts gegen Rom sagen und tun, ja nicht einmal denken!

Das sind Demokratie, Freiheit und Menschenrechte im Verständnis des Papstes und seiner Altherrenriege, die über die katholische Kirche herrscht, und am liebsten die ganze Welt beherrschen möchte! Man muss nur richtig hinhören: der Papst, seine Kardinäle und Bischöfe- sie sagen ganz offen, was sie denken und wollen!

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Ein Kommentar zu “Aphorismus #549

  1. […] Wörterbuch Papst > Deutsch Quelle: Ungenannter […]

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