Aphorismus #558

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?*

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen
den leeren Platz überm Sofa ein.
Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,
gescheit und trotzdem tapfer zu sein.

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.
Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben .. .?
Ein Friedhof ist kein Lunapark.

_________________
* Es war mal wieder Zeit, das Motto dieses Blogs den Gegebenheiten anzupassen. Just da ist mir dieses schöne Gedicht von Erich Kästner unter die Finger gekommen.
Passt.

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4 Kommentare zu “Aphorismus #558

  1. norberto42 sagt:

    Bitte die 1. Strophe von der 2. grafisch absetzen!

  2. ungenannter sagt:

    Danke für den Hinweis, ist mir bekannt.
    … wordpress sitzt in den USA, ich hoffe mal, dass das deutsche Abmahnrecht nicht bis dorthin reicht. 😉

  3. Gelegenheitsleser sagt:

    Ich möchte den Blogger davor warnen, Erich-Kästner-Zitate zu veröffentlichen, da dessen klagefreudiger Nachkomme, Thomas Kästner, wenig zimperlich verfährt, sobald er davon Wind bekommt:
    http://psverlag.de/artikel/internetfreiheit/allerletzteskapitel.html

  4. philgeland sagt:

    Kästner ist auch nicht schlecht, aber der Sṕruch von Adams mit den Logikwölkchen ist um einen Hauch besser!

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