Aphorismus #559

Der neutestamentliche Satz: »Wer nicht für mich ist, ist wider mich« war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen. Es gehört zum Grundbestand der Herrschaft, jeden, der nicht mit ihr sich identifiziert, um der bloßen Differenz willen ins Lager der Feinde zu verweisen: nicht umsonst ist Katholizismus nur ein griechisches Wort für das lateinische Totalität, das die Nationalsozialisten realisiert haben. Sie bedeutet die Gleichsetzung des Verschiedenen, sei’s der »Abweichung«, sei’s des Andersrassigen, mit dem Gegner.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia 85 Musterung

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5 Kommentare zu “Aphorismus #559

  1. philgeland sagt:

    Den Satz kann man natürlich auch auf den Antisemitismus beziehen, aber nicht nur. Er scheint generell üblich zu sein, wenn Schwarz-Weiss-Denken „angesagt“ ist.

  2. ungenannter sagt:

    Schön, wenn sich hier ein angeregtes Gespräch ergibt.
    Am liebsten hätte ich ja den ganzen Abschnitt 85 – Musterung der Minima moralia abgedruckt, jedoch erschien er mir zu lang. So möchte ich dies hier nachholen. Es wird dann deutlicher, worauf Adorno hinaus will:

    85
    Musterung. – Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich. Jede abweichende Meinung erscheint auf dem Bezugssystem je einmal vorgegebener Zwecke, ohne welches keine Praxis auskommt, als lästiger Widerstand, Sabotage, Intrige; jede Zustimmung, und käme sie aus dem gemeinsten Interesse, wird zur Förderung, zum Brauchbaren, zum Zeugnis der Bundesgenossenschaft. So tritt Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen ein: die Fähigkeit, den andern als solchen und nicht als Funktion des eigenen Willens wahrzunehmen, vor allem aber die des fruchtbaren Gegensatzes, die Möglichkeit, durch Einbegreifen des Widersprechenden über sich selber hinauszugehen, verkümmert. Sie wird ersetzt durch beurteilende Menschenkenntnis, für die schließlich noch der Beste das kleinere Übel ist und der Schlechteste nicht das größte. Diese Reaktionsweise aber, das Schema aller Administration und »Personalpolitik«, tendiert bereits von sich aus, vor aller politischen Willensbildung und aller Festlegung auf ausschließende Tickets, zum Faschismus. Wer es einmal zu seiner Sache macht, Eignungen zu beurteilen, sieht die Beurteilten aus gewissermaßen technologischer Notwendigkeit als Zugehörige oder Außenseiter, Arteigene oder Artfremde, Helfershelfer oder Opfer. Der starr prüfende, bannende und gebannte Blick, der allen Führern des Entsetzens eigen ist, hat sein Modell im abschätzenden des Managers, der den Stellenbewerber Platz nehmen heißt und sein Gesicht so beleuchtet, daß es ins Helle der Verwendbarkeit und ins Dunkle, Anrüchige des Unqualifizierten erbarmungslos zerfällt. Das Ende ist die medizinische Untersuchung nach der Alternative: Arbeitseinsatz oder Liquidation. Der neutestamentliche Satz: »Wer nicht für mich ist, ist wider mich« war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen. Es gehört zum Grundbestand der Herrschaft, jeden, der nicht mit ihr sich identifiziert, um der bloßen Differenz willen ins Lager der Feinde zu verweisen: nicht umsonst ist Katholizismus nur ein griechisches Wort für das lateinische Totalität, das die Nationalsozialisten realisiert haben. Sie bedeutet die Gleichsetzung des Verschiedenen, sei’s der »Abweichung«, sei’s des Andersrassigen, mit dem Gegner. Der Nationalsozialismus hat auch darin das historische Bewußtsein seiner selbst erreicht: Carl Schmitt definierte das Wesen des Politischen geradezu durch die Kategorien Freund und Feind. Der Fortschritt zu solchem Bewußtsein macht die Regression auf die Verhaltensweise des Kindes sich zu eigen, das gern hat oder sich fürchtet. Die apriorische Reduktion auf das Freund-Feind-Verhältnis ist eines der Urphänomene der neuen Anthropologie. Freiheit wäre, nicht zwischen schwarz und weiß zu wählen, sondern aus solcher vorgeschriebenen Wahl herauszutreten.

  3. advocatus sagt:

    Ein Satz von vielen, der Schwarz/Weiß-Denken allerdings auf den Punkt bringt und nun mal „so geschrieben“ steht.
    Eines „zwischenzeilige[n] Unterstellen[s]“, eines dialektisches gar, bedarfs es ebenso wenig, wie es eine Generalisierung ist – es ist das krasse Gegenteil, gemeinste Vereinfachung, die allerdings eine umfassende – generelle – Wirkung zeitigt.

    Genau das stellt Adorno klar und verweist dabei auf genau diesen, bis heute ganz offiziell vertretenen – totalen – Anspruch des (römischen) Katholizismus, im Besitz der einzigen „wahren“ Glaubenslehre sein zu wollen. Diesen Totalitätsanspruch, alles einzig korrekt zu umfassen und damit einzig „wahr“ zu sein, teilt (u.a.) die katholische Kirche mit allen gleichen Vorkommen, auch nicht-theologischen Ursprungs und Gegenstands, die Gleiches behaupten. Damit auch (u.a.) dem des Nationalsozialismus.

    Eine „Nähe“ muss also gar nicht hergestellt werden – aber amuritme würde das ja auch nur so sagen – so sei es denn. 🙂

  4. Iver sagt:

    Pah. Die Charakterisierung des Katholizismus wird ja nicht aus dem einen Satz abgeleitet. Und der Satz ist nun mal polarisierend und generalisierend in jedem denkbaren Sinne, da gibt es nicht viel zu verdrehen, und jegliche Generalisierung ist inhärent.

    Zum Katholizismus gabs doch grad erst was, vielleicht mal zu https://ungenannter.wordpress.com/2009/11/22/aphorismus-549/ gehen und konkrete Punkte kritisieren, hmmmm?

  5. amoruritme sagt:

    hier wird also in einem aufwasch der katholizismus als totalitär und antisemitisch hingestellt.

    das paradoxe (naja: adorno gilt als meister der dialektik, dh wohl auch: des zwischenzeiligen unterstellens) daran allerdings: inhaltlich greift das überaus deutliche bonmot das prinzip der übertreibungen und generalisierungen an, formal-strukturell: generalisieren und überteiben die paar worte gegen grenzenlos!

    aus diesem einen jesus-satz eine derartige bandbreite an ableitungen abzuleiten, gehört zum generalisierendsten, was ich je gelesen habe!

    und im nächsten dialektischen (wortverdrehenden?) schritt wird dann gleich auch wieder die nähe zum nationalsozialismus hergestellt! grotesk, würde ich mal sagen…

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