Aphorismus #640

Wort zum Sonntag #41

Die Geschichte eines Autodafés

5 Er hatte drei Tage vor seiner Gefangennahme ein Gesicht, er sah sein Kopfkissen von Feuer ergriffen; da wandte er sich an seine Umgebung und sprach prophetisch: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.

8 (Nach Verhaftung und Verhör) P. ging heiter mit schnellen Schritten weiter und wurde in die Rennbahn geführt; es war aber in der Rennbahn ein solcher Lärm, daß man nichts verstehen konnte.
9 Als er in die Rennbahn eintrat, erscholl eine Stimme vom Himmel: „Mut, P., halte dich männlich!“ Den Redenden sah niemand, die Stimme aber hörten alle, die von den Unsrigen anwesend waren. Wie schon gesagt wurde, war bei seinem Eintreten der Lärm groß, da man gehört hatte, daß P. ergriffen worden war.
Und in dem Getümmel hat jeder gehört, was er hören wollte….
11 Da erklärte der Statthalter: „Ich habe wilde Tiere, denen werde ich dich vorwerfen lassen, wenn du nicht anderen Sinnes wirst.“ Der aber entgegnete: „Laß sie kommen; denn unmöglich ist uns die Bekehrung vom Besseren zum Schlimmeren; ehrenvoll aber ist es, sich vom Schlechten zur Gerechtigkeit hinzuwenden.“ Jener aber fuhr fort: „Wenn du dir aus den Tieren nichts machst, lasse ich dich vom Feuer verzehren, sofern du deine Meinung nicht änderst.“ Darauf sagte P.: „Du drohst mir mit einem Feuer, das nur eine Stunde brennt und nach kurzem erlischt; denn du kennst nicht das Feuer des zukünftigen Gerichtes und der ewigen Strafe, das auf die Gottlosen wartet. Doch was zögerst du? Hole herbei, was dir gefällt!“
12 Da fanden sie es für gut, einstimmig zu schreien, P. solle lebendig verbrannt werden. Es mußte ja auch das an seinem Kopfkissen ihm geoffenbarte Gesicht sich erfüllen; er hatte dieses beim Gebete brennen sehen und zu den Gläubigen, die bei ihm waren, hingewandt die prophetischen Worte gesprochen: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.
Damit es der letzte Depp kapiert: Es ist eine Prophezeiung!
13 Das wurde schneller ausgeführt, als es erzählt werden kann. Die Volksmassen trugen auf der Stelle aus den Werkstätten und Bädern Holz und Reisig zusammen; die größten Dienste leisteten dabei bereitwilligst die Juden, wie sie es gewohnt sind.
Ja, klar. Die Juden sind unser Unglück! Schon immer!
15 Als er sein Gebet vollendet hatte, zündeten die Heizer das Feuer an. Mächtig loderte die Flamme empor; da schauten wir, denen diese Gnade gegeben war, denen es auch vorbehalten war, das Geschehene den anderen zu verkünden, ein Wunder. Denn das Feuer wölbte sich wie ein vom Winde geschwelltes Segel und umwallte so den Leib des Märtyrers; dieser aber stand in der Mitte nicht wie bratendes Fleisch, sondern wie Brot, das gebacken wird, oder wie Gold und Silber, das im Ofen geläutert wird. Auch empfanden wir einen Wohlgeruch wie von duftendem Weihrauch oder von einem anderen kostbaren Rauchwerk.
Gott war es nicht nach Fleisch, sondern nach Brot. Hätte er doch gleich sagen können, und nicht solche Umstände machen müssen. Es stinkt nicht zum Himmel, sondern ein Wohlgeruch verbreitet sich: Zur Vision und Audition gesellt sich nun die Phantosmie. Wo aber bleibt die Phantogeusie? Oder hat der liebe Gott nicht mehr auf der Pfanne?
16 Als endlich die Gottlosen sahen, daß sein Leib vom Feuer nicht könne verzehrt werden, befahlen sie dem Konfektor, hinzuzutreten und ihm den Dolch in die Brust zu stoßen. Als das geschah, kam eine solche Menge Blut hervor, daß das Feuer erlosch und das ganze Volk erstaunt war über den großen Unterschied der Ungläubigen und der Auserwählten.
Wow! Weder Flammen noch Rauch konnten dem Standhaften was anhaben, also zückt der Vollstrecker den Dolch und es gibt ein Blutbad. Im wahrsten Sinne des Wortes.
17 Als aber der Nebenbuhler, der Verleumder und Böse, der Gegner der Gerechten, die Größe seines Martyriums, seinen von jeher unbefleckten Wandel und ihn selbst sah, wie er mit dem Kranze der Unvergänglichkeit geschmückt war und einen unbestrittenen Kampfpreis davontrug, da arbeitete er darauf hin, daß wir seine Überbleibsel nicht davontragen sollten, obschon viele dies zu tun und an seinem heiligen Leibe Anteil zu haben beehrten. Er veranlaßte also den Niketes, den Vater des Herodes und Bruder der Alke, den Prokonsul zu ersuchen, er möge seinen Leib nicht herausgeben, damit sie nicht – das sind seine Worte – den Gekreuzigten verlassen und diesen anzubeten anfangen. Das sagten sie auf Antrieb und Drängen der Juden, die auch achtgaben, als wir ihn aus dem Feuer nehmen wollten; sie begreifen nicht, daß wir Christus niemals verlassen werden, der für das Heil aller, die auf Erden gerettet werden, gelitten hat als ein Schuldloser für die Schuldigen, und daß wir auch keinen andern anbeten können. Denn ihn beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer. Möchten doch auch wir ihre Genossen und Mitschüler werden!
18 Als nun der Hauptmann den Widerstand der Juden sah, ließ er ihn mitten auf den Scheiterhaufen legen und, wie es bei ihnen Brauch ist, verbrennen. Auf diese Weise haben wir hinterher seine Gebeine bekommen, die wertvoller sind als kostbare Steine und schätzbarer als Gold, und haben sie an geeigneter Stätte beigesetzt. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und den Geburtstag seines Martyriums feiern zum Andenken an die, welche bereits den Kampf bestanden haben, und zur Übung und Vorbereitung für die, welche ihm noch entgegengehen.
Der Märtyrerkult ist also Ursprung des Reliquienkultes der katholischen Kirche.

So weit so schlicht. Ich habe den Text des „Martyrium des Hl. Polykarp“ gekürzt aber im Wortlaut weitgehend beibehalten. Wer sich es antun mag, kann ihn komplett in der „Bibliothek der Kirchenväter“ nachlesen. Übrigens gilt diese Räuberpistole- besonders hat es mir das nicht verbrennende Feuer angetan!- als wichtiges historisches Dokument: „Dieser Text ist als eine der ganz wenigen als echt geltenden zeitgenössischen Beschreibungen (Augenzeugenbericht) einer Christenverfolgung des 2. Jahrhunderts auch historisch von Interesse.
Da weiß man, was man von den anderen „Zeugnissen“ über die Christenverfolgungen im römischen Reich zu halten hat.
Nicht besonders viel.

Wenn man bei dieser Geschichte die Protagonisten ändert, statt eines römischen Prokonsuls einen christlichen Inquisitor einsetzt und statt eines allerheiligsten Märtyrerbischofs einen ketzerischen Albigenser, so bleibt es dieselbe Geschichte: Ein Autodafé, nur dass es hier die andere Seite trifft.
Die Kirche hat sich gut „gemerkt“, was ihr von den Mächtigen angetan wurde, sie hat es tausendfach vergolten. Allerdings nicht den Mächtigen.
Vergelt’s Gott!
Lieber nicht!

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