Aphorismus #642

Es sei ein Recht des in der Gesellschaft lebenden Menschen, in allem volle Freiheit zu genießen, so dass er nicht nur in der Ausübung seiner Religion nicht behindert werden darf, sondern dass es auch seinem Ermessen überlassen bleibt, was er über religiöse Fragen denken, reden, schreiben und im Druck veröffentlichen will.
Diese wahre Ungeheuerlichkeit stamme und folge, so wird erklärt, aus der Gleichheit aller Menschen und ihrer natürlichen Freiheit. Aber kann man etwas Sinnwidrigeres ersinnen als eine solche Gleichheit und Freiheit aufzustellen?

Religionsfreiheit als Ungeheuerlichkeit?
Gleichheit aller Menschen als Absurdität?
Sätze eines fanatischen Ayatollahs? Oder eines durchgeknallten Sektierers?
Nein, von einem „Unfehlbaren“ sind sie, von Papst! Papst Pius VI. 1791 in seinem Breve „Quod Aliqauntum“, wo er zu den Menschenrechten, wie sie von der Französischen Revolution verkündet wurden, Stellung nimmt.
Ach, 1791 ist lange her, heute denkt der Papst bestimmt anders!
Wieder daneben.
Ganz offiziell wird im Katechismus der Katholischen Kirche von 1997 genau dieses Pamphlet zustimmend erwähnt:
2109 Das Recht auf Religionsfreiheit darf an sich weder unbeschränkt [Vgl. Pius VI., Breve „Quod aliquantum“] noch bloß durch eine positivistisch oder naturalistisch verstandene „öffentliche Ordnung“ [Vgl. Pius IX., Enz. „Quanta cura“.] beschränkt sein…“

Frage: Kann man einer Institution, die so offensichtlich gegen die elementarsten Menschenrechte eingestellt ist, seine Kinder anvertrauen im Kindergarten und der Schule? Ihr die Arbeit mit Behinderten, Alten und Bedürftigen bereitwillig überlassen? Ihr Lehrstühle an staatlichen Universitäten einrichten und unterhalten? Ihr so viel Platz im öffentlichen Raum, in den Medien und an vielen anderen Stellen unserer Gesellschaft bereitwillig einräumen?
Man kann es nicht, wenn man Freiheit ernst meinte.
Aber man tut es.

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Ein Kommentar zu “Aphorismus #642

  1. Andreas E. sagt:

    Ich glaube die Legende vom säkularisierten Staat schon lange nicht mehr. Aber es immer wieder witzig, daß es ausgerechnet die Parteien mit dem „C“ sind, die sich darauf berufen, daß wir einer wären.

    Wären wir einer, würde die Kirche nicht € 9,1 Mrd. Kirchensteuern vom Staat beitreiben lassen können! (Und dies ist nur die Spitze einer Summe, die um einiges höher liegt.)

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