Aphorismus #654

Wort zum Sonntag #43

Hungerkünstler Teil II

Hungerkünstler Teil I findet sich hier.

3. Fasten macht heil

Die Magerkeit mißfällt uns nicht, denn Gott hat das Fleisch nicht nach dem Pfunde abgewogen, wie er auch dem Geist kein Maß gesetzt hat. Ein abgemagerter Leib wird hoffentlich leichter durch die schmale Pforte des Heiles eingehen, schneller wird ein leichter Körper auferweckt werden, länger wird sich ein vertrockneter Leib im Grabe halten. […] Besser gemästete Christen mag Bär und Löwe wohl gut gebrauchen können, nicht aber Gott.
Der „KirchenvaterTertullian (150 – ca. 230), Über das Fasten. Gegen die Psychiker, Kap. 17

Fasten ist in unserem christlich geprägten Kulturkreis unauflöslich mit religiösen Vorstellungen verbunden. Tertullian ist nur einer von vielen Theologen, die dem Essensverzicht das Wort redeten. Und wie so oft ist das allgemein verbreitete gar nicht mehr bewusst wahrgenommene christliche Gedankengut der Bodensatz, auf dem esoterische, alternativ-medizinische und andere Heilsversprechungen gedeihen wie die Brennessel am überdüngten Bach. Die deutsche Sprache macht es den Seelenfängern einfach: Heil und Heilung liegen eng beieinander [0], so eng, dass viele den Unterschied gleich ganz negieren. So wird aus Heilen, Heil und das nennt sich dann „holistischer Ansatz“, „ganzheitliches Denken“, Einwirken auf die „feinstoffliche Ebene“ etc. pp. Egal. Man könnte auch Spunk sagen, denn eine Bezeichnung für etwas, das es nur in der Fantasie seiner Prediger und Jünger gibt, ist schlicht sinnlos. Weil sich aber so mancher dieser superkalifragilistikexpialigetischen Wunderheiler mit allen möglichen Titeln schmückt, ganz tolle Fremdwörter benutzt und gar sorgenvoll seine Denkerstirn in Falten legen kann, wenn er über den (Gesundheits-)Zustand der Welt i.A. und den des Gegenüber im Besonderen schwadroniert, darum ist es leider nötig diesem Un- und manchmal Wahnsinn immer und immer wieder die nüchternen Fakten entgegenzuhalten.
Fasten ist mindestens genauso gesund wie es „gesund“ ist, mit Trinken oder Atmen aufzuhören! Da merkt allerdings auch der letzte Trottel  die negativen Folgen viel schneller und unmittelbarer als beim Hungern. Es ist einfach idiotisch zu meinen, dass man, wenn man seinem Körper NICHT gibt, was er braucht, ihm etwas GUTES tut.
Fasten ist nicht gesund, sondern Stress für den Körper. „Fasten darf niemand verharmlosen, denn es schädigt über den Abbau der Muskulatur und die Verarmung an lebenswichtigen Substanzen wie Vitaminen, Mineralstoffen, Aminosäuren, Fettsäuren und sekundären Pflanzenstoffen des gesamten Organismus des Menschen.“ [1]
Klasse Heil oder Heilen, das man sich durch eine durch und durch ungesunde Methode erkauft.
Dass (erzwungenes) Hungern negative Folgen hat, belegt nichts besser als die oft als Hungerstudien bezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten über die Folgen des Hungerwinters 1944/45. Der wirkte sich nachweislich nicht nur auf die aus, die dabei waren: „Die Frauen, die damals mit geringem Geburtsgewicht zur Welt kamen, brachten später selbst besonders kleine Kinder zur Welt – obwohl es natürlich längst wieder genug zu essen gab. Und auch diese Kinder, also die Enkel der Kriegsgeneration, litten noch unter einem höheren Krankheitsrisiko.“ [2] Hungern als vermeintliche Gesundheitskur kann also Folgen haben, die nicht nur die Hungerkünstlerin auskosten darf, sondern auch deren Kinder und Enkel. Aber zum Glück wird selbst von den glühendsten Verfechtern des Fastens davor gewarnt, schwanger zu fasten. Aber gefragr wird immer wieder danach und in diversen Kinderwunschforen gibt es Berichte darüber, dass (angeblich) so manche Frau NACH dem Fasten endlich schwanger wurde. Traurig, was Menschen bereit sind zu glauben, wenn es um ihre tiefsten Wünsche und Sehnsüchte geht.
_____________
[0] Ganz anders z.B. im Englischen: salvation ist das religiöse Heil und cure oder healing die medizinische Heilung. Nicht anders ist es im Französischen, im Italienischen…
[1] Diätexperte Sven-David Müller warnt vor dem Fasten – Religiös bedingtes Fasten führt zu inneren Einkehr, aber Heilfasten kann krank machen – Erstes bezweifle ich zwar, wie ich im Teil I ausführlich dargelegt habe, aber seine anderen Thesen sind auf dem derzeitigen Stand der seriösen Ernährungswissenschaft.
Ein „herzliches Danke“ an die Eso- und Alternativ-„Wissenschaftler“-Front, dass man inzwischen bei jeder Humanwissenschaft das Wort „seriös“ hinzufügen muss, um sich von diesen Scharlatanen, Quacksalbern und Dampfplauderern abzugrenzen. Leider tut die gemeine Presse solches nicht immer, am allerwenigsten die „Mir-ist-unter-der-Trockenhaube-so-langweilig-Postillen“, die beim Frisör ausliegen und die angeblich keine Frau liest oder kauft.
[2] Epigenetik – Der Code hinter dem Code
Bas Heijmans (Molecular Epidemiology Leiden University Medical Centre), Integrating epigenetics in famine studies – Epigenetic Epidemiology
Bastiaan T. Heijmans, Elmar W. Tobi,Aryeh D. Stein, e.a., Persistent epigenetic differences associated with prenatal exposure to famine in humans

3 Kommentare zu “Aphorismus #654

  1. ungenannter sagt:

    Danke Fremde für diesen ausführlichen Kommentar.
    Was soll ich dazu sagen? Nun, es ist deine sehr subjektive Erfahrung, die will ich weder klein reden noch bestreiten, mir ging und geht es jedoch nicht um individuelles Einzelerleben, sondern um das medial gehypte Heilfasten, um das ganze „Brimborium“ und eben auch um die „Spiritualisierung“ von Nahrungsaufnahme.
    Und Glauben hab ich echt keinen. Müsstest Du als Atheistin auch nachvollziehen können. 😉

    Grüße vom Ungenannten

  2. L'étranger sagt:

    Hallo Ungenannter!

    Da bin ich zufällig (was ist Zufall?) auf deinen Blog gestoßen, fand ihn anfangs beim Stöbern auch ganz interessant, ja teilweise sogar informativ, zum Nachdenken anregend. Und dann lese ich den leicht sarkastisch angehauchten oder gar zynisch unterwanderten Satz: „…dass (angeblich) so manche Frau NACH dem Fasten endlich schwanger wurde.“ (Quellennachweis: „Aphorismus #654“).

    Das tut weh. Nein es handelt sich bei meiner Person nicht um eine Ex-Schwangere, sondern um deren Ex-Mann. Und nach einem kinderlosen Jahrzehnt, mit ärztlicher Beweisführung dass eine Schwangerschaft zu 95% jemals auszuschließen sei, war es dann 2 Monate nach einer Woche Fastenwandern doch soweit. Der Kindersegen hatte eingesetzt, nicht der göttliche, aber wohl der biologische.

    Mag sein dass es Zufall war? Hab leider keine Statistik im Informations-Dschungel gefunden die ein solchen Zusammenhang beweisen will.

    (Heil)fasten aus religiösen Gründen kann ich ausschließen, bin Atheist.
    Um einen tiefen Kinderwunsch ging es uns damals auch nicht, wir mochten bloß Sex.
    Abnehmen war auch kein Thema, das war allerhöchstens nach dieser Woche ein gern beobachteter Nebeneffekt.
    Ich habe mich nur sehr viel wohler gefühlt als nach einem Wienerschnitzel mit Pommes.

    Wir wollten wohl einfach nur diesen Dopamin-Überschuss am eigenen Körper erleben?

    Ich kann nur bezeugen dass ich mich bereits nach 2 Tagen bedeutend besser spürte, „bewusster“ halt eben. Halluzinationen habe ich allerdings keine erfahren dürfen, schade eigentlich wenn ich so im Nachhinein dran denke. Ich stimme zu dass nichts Metabolismus anregendes zu sich nehmen und dabei womöglich auch noch still im Bett liegen, unverantwortlich ist. (Es sei denn man beherrscht diesen Trick mit der Entropie auf einer anderen Ebene?) Doch Wasser, Tee, Gemüsebrühe und jeden Tag 20 Kilometer Wandern reichen aus um sich ungemein wohler zu fühlen. Von Muskelabbau übrigens keine Spur, im Gegenteil.

    Als uns am letzten Nachmittag (endlich) eine Möhre und ein Apfel gereicht wurden, hat keiner der Teilnehmer beide Nahrungsmittel verschlungen. Weil es niemand konnte. Das primäre Bedürfnis der Nahrungsaufnahme war bereits nach einem halben Apfel befriedigt.

    Auch du Ungenannter willst nur an eines glauben, nämlich deinen eigenen.

    Mit freundlichem Gruß.

  3. Klugsch sagt:

    Ein Hinweis noch: dass man im Mittelalter an eine flache Erde glaubte ist eine Mär….
    Es gab lediglich einen „Antipodenstreit“…
    Ob die andere Seite der Erdkugel auch bewohnt sei…

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