Aphorismus #668

Wort zum Sonntag #45

Warum Missbrauch in der katholischen Kirche kein Zufall ist

und warum er sich wiederholen wird per saecula saeculorum

Über den jahrzehntelangen (jahrhundertelangen müsste es wahrheitsgemäß heißen!) systematischen Missbrauch von Kindern mit allen Formen der Gewalt- psychisch, physisch, sexuell- durch katholische Geistliche ist derzeit tagtäglich zu lesen. Gut so. Endlich kommt ans Licht, wie unter dem Deckmantel der Liebe brutalste Unmenschlichkeit verborgen liegt.
Hier ein paar ungeordnete Gedanken dazu, warum mit der „Aufarbeitung“ der bisherigen Fälle dieses Thema NIE eine Ende haben wird:

  • Zwischen den „heiligen“ Geistlichen und ihren Zöglingen besteht ein schier unüberbrückbares Gefälle. Auf der einen Seite steht der heilige von Gott berufene und ins Amt eingesetzte Priester, auf der anderen der kleine Junge, abhängig vom Wohlwollen und der Gnade des Gottesdieners. Dort Heiligkeit, hier Sünde; dort göttliche Vollkommenheit, hier Unfähigkeit; dort Allmacht, hier Ohnmacht; dort Gott, hier der Teufel! – Kann es eine größere Diskrepanz und größere Abhängigkeit geben?
  • Die Deutungshoheit über das Leben und Erleben des Kindes, über Gott und die Welt liegt allein beim Priester. Das missbrauchte Kind ist auf Gedeih und Verderb seinem Wohlmeinen und Wohlwollen ausgeliefert.
  • Das Kind erlebt sich als von seinen Eltern dem heiligen Mann übergeben und ausgeliefert. Selbst die Personen, denen es natürlicherweise am meisten vertraut, stellen sich UNTER die Autorität des Priesters. Wie da aufmucken? Wie da sich wehren? Wie da anklagen?
  • Wie alle Opfer von sexuellen oder anderen Formen des Missbrauchs fühlt sich das Opfer schuldig, nicht der Täter. Die christliche Anthropologie, die in der Erbsündenlehre des Augustin ihren klarsten und gleichzeitig widerwärtigsten Ausdruck findet, verstärkt diese Tendenz um ein vielfaches. „Ich bin schuld, weil ich immer schuld bin!“ Das ist bei Missbrauchten die logische Konsequenz dieses perversen Menschenbildes.
  • Die Erbsünde als Folge der menschlichen concupiscentia carnis– dieses Kernstück der christlichen Lehre- führt zu einer Abwertung und Tabuisierung alles Sexuellen, was wiederum zu einem verhängnisvollem Schweigen zum Thema führt, was wiederum das Offenbaren von Missbrauchsopfern noch weit schwerer macht, als es sowieso schon ist.
  • Der Zwangszölibat verschärft diese Situation insofern, als der Mann Gottes weder eine erfüllte Sexualität haben darf noch kann er mit anderen darüber reden. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes von Rom allein gelassen.
  • Wo große Macht, hohes Ansehen, starke Abhängigkeit, ein zutiefst negatives Menschenbild sich mit einer zwangsweise unterdrückter Sexualität vermengen, bleiben Gewalt psychischer und physischer Natur nicht aus. Der junge idealistische Priester wendet sie vielleicht gegen sich, indem er zuallererst einmal sich als Sünder und Unwürdiger sieht, ein anderer Amtsbruder tobt sich als selbstherrlicher Laffe in seiner Pfarrgemeinde aus und sammelt eine Kohorte Kanzelschwalben um sich, ein dritter greift zur Flasche- unter der Geistlichkeit ein weit verbreitetes Bewältigungsrezept-, ein vierter unterhält eine mehr oder weniger offene Beziehung zur Haushälterin/ Religionspädagogin/ Pfarramtssekretärin oder sonst einem armen Geschöpf, dass sich eine geheime Priesterehe antut, und dann gibt es noch die Gottesmänner, die ihren Frust an Schülern, Ministranten etc. auslassen, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen und schließlich gibt es als letztes die Gruppe jener, die ihre unterdrückte Sexualität an jenen ausleben, die am allerwenigsten dafür können: an kleinen Jungs.
  • Meist sind es Mischformen dieser Möglichkeiten, die bei näherem Hinsehen beim jovialen, immer gut aufgelegten Herrn Pfarrer zu entdecken sind. Mir ist auf jeden Fall noch kein katholischer Priester begegnet, auf den nicht wenigstens einer dieser Punkte zutrifft, meist sind es sogar mehrere.

Die vielfältigen Formen des Missbrauchs, von denen der sexuelle „nur“ eine von vielen ist, richtet sich nicht zufällig fast ausschließlich gegen kleine Jungs. Der Schläger, Demütiger oder Vergewaltiger sieht in ihm sich selbst. Seine Wut, gespeist aus der unterrückten Sexualität, richtet sich gegen den Jungen in sich, der damals zum Priester ehrfürchtig aufgeschaut hat, der damals mit acht, zehn oder zwölf Jahren auch sein ein heiliger, wichtiger und beliebter Mann sein wollte. Jetzt ist er dieser Mann, aber er ist weder heilig, noch wichtig noch beliebt. Seine schiere Wut auf sich selbst reagiert er an denen ab, die sich am wenigsten wehren können. Und so müssen seit Generationen kleine Jungs dran glauben, weil andere kleine Jungs heilig und keusch sein wollten. Kindesmissbrauch ist auch ein Zeichen unreifer Persönlichkeiten, die Kirche gibt ihnen reichlich Platz, sich auszutoben.  Kämen sie auf die konstruktive Idee, ihre nie gelebte Wut gegen die Kirche zu richten, die den Irrsinn eines heiligen Lebens von ihm fordert, sie verdienten Respekt, so sind sie nur Fälle für den Staatsanwalt.

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3 Kommentare zu “Aphorismus #668

  1. ungenannter sagt:

    Also bei mir funktioniert er nach wie vor.
    Viell. mal mit einem anderen Browser probieren?

  2. Down sagt:

    menschlichen concupiscentia carnis- dieses K – der Link ist tot.
    Bitte neu verknüpfen bzw hochladen..

  3. schluss damit sagt:

    kopf gesenkt
    andächtig hände gefaltet
    heiligemariamuttergottesbittefürunssünder
    jetztundinderstundeunserestodesamen

    kopf gesenkt
    sünder
    bereue
    nichts bist du
    ohne gott
    ohne gottesmutter
    ohne den sohn

    kopf gesenkt
    ichhabegesündigtingedankenwortenundwerken
    bekennen
    fragen
    stammeln
    stille
    egoteabsolvoapeccatistuis
    innominepatrisetfiliietspiritussancti

    kopf gesenkt
    nichts bist du
    ohne priester

    kopf gesenkt
    er darf
    brüllen
    schlagen
    demütigen
    durchs haar streifen
    auf den schoß nehmen
    und

    kopf gesenkt
    er ist priester
    er ist christus
    er ist gott

    kopf gesenkt
    und
    schnauze gehalten
    die vielen jahre

    schluss damit

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