Überschätzte Mittelmäßigkeit

Hier mal eine Negativ-Liste. Nicht die besten, seltsamsten oder sonstwie auffälligsten Bands, sondern eine Liste der in der Rock- und Popgeschichte bis heute am meisten überschätzten Bands! – Diesmal ohne links, denn ihre Musik hat wohl jeder im Ohr, sie zählen nach allgemeiner Meinung zu den GANZ GROSSEN! Und bevor Missverständnisse entstehen: Auch ich höre höre manches davon gerne mal, aber es ist eben NICHT der musikalischen Weiheit letzter Schluss, wie gerne behauptet wird.
Mit Widerspruch ist zu rechnen. 😉

5. Bruce Springsteen & The E-Street Band

The Boss ist ein ganz fabelhafter Songwriter und Texter. Allein mit seiner Gitarre, oder nur sparsam instrumentiert erreicht er zwar nie die „astralen“ Sphären von His Bobness, aber in der Singer-/ Songwriter-Szene zählt er zu den Besseren. Als Beleg möge sich der geneigte Leser die CD „The Ghost of Tom Joad“ anhören.
Ach würde B.S. doch dabei bleiben! Aber, weil er nun mal zur „Zukunft des Rock ’n‘ Roll“ ausgerufen wurde, musste es die E-Street-Band sein, mussten Hymnen her, bis zum Erbrechen wiedergekaute Refrains, der immer gleiche langweilige stampfende Rhythmus etc. pp. Kein Wunder, dass die Republikaner „Born in the USA“, das den Vietnam-Krieg beleuchtet, für Reagens Wahlkampf (!) verwenden wollten.
Es gibt für mich kaum einen Musiker, wo Botschaft und Musik so weit auseinander klaffen wie bei Springsteen, sobald er zur E-Gitarre greift und die E-Street-Band alles versaut. Aber was macht man nicht alles für Geld.

4. U2

Muss man dazu irgendwas sagen? Zu dem pseudoreligiösen Gehabe? Zu der mit allen kommerziellen und medialen Mitteln vorgetragenen „Konsumkritik“? Zum Einklinken in fast jeden erfolgreichen aktuellen popmusikalischen Trend? Zu der unerträglichen politischen Ich-rette-die-Welt-im-Alleingang-Attitüde Bonos? Zum Größenwahn ihrer Bühnenshows und Tourneen?
Genug davon. U2 hätten mit der Gitarre von The Edge, der Stimme von Bono, dem (des öfteren) guten Songwriting alles Zeug dazu wirklich gut und bedeutsam zu sein. Aber weil sie immer und immer wieder zwanghaft bedeutsam und gut sein sein wollen, darum haut’s nicht hin.
Schade.

3. Queen

Gibt es ein Synonym für Größenwahn in der Rockgeschichte, so wäre Freddie Mercury mit Queen erster Kandidat. Keiner hat das Image des Rock-Gottes so zelebriert wie F.M. Keine Band hat in den wahrlich nicht gerade bescheidenen 80ern den Bombast und die Egozentrik so gefeiert wie Queen. Opernhafter Gesang- oder wäre operettenhafter besser?-, „große“ Gesten, der unbedingte Glaube an die eigene Anbetungswürdigkeit- all dies vereinigt F.M. und Queen in unerträglicher Art und Weise.
Zweifelsohne machten sie auch gute Musik, hatten nette Ideen (Bohemian Rhapsody), aber ein wirklich bedeutsamer Beitrag zur Geschichte de Rockmusik? Fehlanzeige. Völlig unerträglich wurde die Sache erst recht durch die Leichenfledderei nach Mercurys Tod mit dem absoluten Tiefpunkt eines Queen-Musicals „We Will Rock You“. Was für eine Blamage!

2. The Rolling Stones

Nicht die Stones! Die sind doch DAS Urgestein des Rock, sind in ihren Live-Shows unübertroffen und sind aus der Geschichte der Rockmusik nicht wegzudenken. Die kann man doch gar nicht überschätzen! Doch, man kann. Es wird laufend getan.
Was haben die Stones wirklich musikalisch „vollbracht“? Sie waren Teil der British Invasion in den USA, haben den schwarzen Rock ’n‘ Roll in seiner britischen Variante zusammen mit den Beatles und anderen englischen Bands in die USA quasi zurück gebracht. Dies führte wiederum angereichert mit amerikanischen „Zutaten“ zur musikalischen Explosion des US Garage Punk, der in die „Psychedelic Era“ mündete. Aber das ist es schon, was die Stones wirklich für den Fortgang des Rocks getan haben. Ihre eigenen Alben waren nur in dieser kurzen Spanne wirklich auf der Höhe der Zeit, ansonsten verarbeiteten sie meist kommerziell erfolgreicher als die Originale nur das, was überall zu hören war. Innovatives, gar Umstürzlerisches haben sie seitdem nicht mehr zum Rock beigetragen. Meist sahnen sie nur den Rahm ab, den andere für sie geschlagen haben. Sie waren einfach die bessere Marke und hatten das cleverere Marketing. That’s all.
Und ihre legendären Live-Auftritte? Mag sein, dass sie einmal hart, laut und vibrierend waren. Mag sein. Seitdem sie in den großen Arenen, in Konzerten jenseits von 50.000 Zuhörern auftreten, sind sie es nicht mehr. Da läuft die übliche perfekte Show mit Videowand und dem ganzen anderen Schnickschnack ab. Eine mäßig interessante DVD zum „Liebhaberpreis“. Und sie werden es immer und immer wieder tun, solange die Kasse stimmt. Ein mehrfaches Aha-Erlebnis erlebte ich bei der Bridges-to-Babylon-Tour 1997: Ein ach so „improvisiertes“ Solo von Richards spielte er parallel zum MTV-Video, ab der Hälfte des Geländes herrschte nur noch Zimmerlautstärke- möglichst viele Fans abzukassieren war also wichtiger als der richtige Bumms!-, die Becher mit der berühmten Zuge zeigten diese in Gold. „We’re Only in It for the Money“ nannte Zappa ’68 ein Album mit den Mothers: Wie recht er doch hatte.

Wer kann das noch toppen? Richtig! Nur noch diese vier:

1. The Beatles

Früher, als die Grenzen in der Rockmusik noch klar waren, wären entweder die Stones oder die Beatles in dieser Liste aufgetaucht. Aber beide zusammen? Wie das denn? Nun, jedes Mal, wenn mal wieder ein musikgeschmacksbefreiter und kenntnisloser Redakteur vom „Rolling Stone“, von der „Kulturzeit“ oder irgendeinem anderen selbsternannten (Pop-)Kultur-Medium sich darüber ausläßt, wie wichtig die Beatles waren, was Großes sie für die Musik des 20. Jahrhunderts geleistet haben, dann weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Und wenn dann denkbefreite und nachplappernde „Musikexperten“ gar behaupten, die Beatmusik hätte von den Beatles ihren Namen, dann könnte ich doch glatt…- aber lassen wir das.
Was war so wichtig an den Beatles? Außer dem Beginn der British Invasion, die Popularisierung und damit einhergehend die Verflachung von bereits vorherrschenden Muiskstilen wie Mersey Beat, Psychedelic und Progressive, vor allem aber außer zigtausend feuchten Höschen zeichnet sie nichts aus, was ihren immer behaupteten unschätzbar großen Stellenwert nur irgend rechtfertigen könnte. Wer immer noch meint das „Weiße Album“ von 1968 sei innovativ und einzigartig, dem empfehle ich einmal ein paar Platten die 1967, also ein Jahr zuvor erschienen: „The Velvet Underground & Nico“ (The Velvet Underground), „Strange Days“ (The Doors), „Absolutly Free“ (Frank Zappa), „Disraeli Gears“ (Cream), „Surrealistic Pillow“ (Jefferson Airplane), „The Piper at the Gates of Dawn“ (Pink Floyd)… DAS waren innovative, unerhörte Alben, die alle in ihrer Art die Musik der nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte nachhaltig beeinflussten. Die Beatles sprangen da nur auf, vermarkteten sich geschickt und machten das dicke Geschäft. So wurde aus einer durchschnittlichen Boygroup aus Liverpool das große Dinge der Pop-Geschichte. Und je länger sie weg sind, desto „wichtiger“ werden sie. Wer macht sich schon noch Gedanken über Ursprünge, Einflüsse, Genealogien und Nebenlinien der Musik der 60er? Da ist es dann doch viel einfacher, zwei Namen zu nennen, die Beatles und Stones, und zu meinen, dass damit alles gesagt sei.

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4 Kommentare zu “Überschätzte Mittelmäßigkeit

  1. ungenannter sagt:

    🙂

  2. lebowski sagt:

    Ich würde Queen mit „The Police/Sting“ tauschen, denn der Größenwahn von Queen kommt ja im Gegensatz zu U2 ironisch daher. Queen haben die Schraube mit Absicht überdreht.
    Wie es the Police mit ihrem dürftigen Sound und ihren debilen Refrains (De-doo-doo-doo, De-daa-daa-daa) in den Rock-Olymp Geschafft haben, ist mir bis heute ein Rätsel.

  3. ungenannter sagt:

    Stimmt natürlich, was du sagst- zum Teil.
    Gute Musiker kennen meist mehr als das Publikum, aber auch mehr als die schreibende Zunft, die gerne mal so tut, als wären Stones, Beatles und die anderen Megaseller schon alles oder umgekehrt, dass man jede noch so kleine Garagenband kennen MUSS.
    Das gesunde Mittelmaß? Fehlanzeige!

  4. wichtigtuer sagt:

    Zu Queen hast du bereits das wichtigste gesagt, wobei ein Lied wie bohemian rhapsody einfach sich selbst für alle Ewigkeit in die Rock-Geschichte zementiert….
    UNd was du anscheinend vergisst: wichtig ist (nicht nur in der Scheibenwelt) oft tatsächlich, wer als wichtig gilt…. denn die Musiker von heute kennen aus den 60ern tendeziell auch genau die Stones und die Beatles und haben ihre Inspirationen DA her, auch wenn die wo anders besser wären….

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