Negermusik

Es ist noch gar nicht so lange her, dass alles, was jenseits vom tümlichen, massenkompatiblen oder schlagerischen Mainstream aus einem Lautsprecher tönte, solch Etikett erhielt. Andere sagten gleich Judenmusik, oder sprachen von Hottentotten, von entartet, krank, satanisch etc. pp. In den 70ern war solches noch gang und gäbe. Dass solche Zeiten noch lange nicht vorbei sind, bzw. dass die Geister wieder losgelassen sind, die mit der verhasster Musik am liebsten gleich Hörer und Musiker aus dem faulenden Volkskörper herausschneiden wollen, beweist ein Beispiel dieser Tage, das eine obrigkeitliche Zensur, eine amtliche Willkür und eine am „gesunden“ Volksempfinden gebildete Geschmacksdiktatur sichtbar macht, wie man sie eigentlich nicht mehr für mögliche gehalten hätte.
Der kleinbürgerliche Rollback geht weiter und weiter.
Man mag zu Death-Metal, seinen Ritualen, Symbolen und seiner Ikonographie stehen, wie man mag, aber einen jungen Lehrer als „psychisch krank“ zu bezeichnen, ihn behördlich zu melden und ihn schließlich zur Kündigung zu zwingen, nur weil man Aversionen gegen ein Platten-Cover hat, das strotzt nur so von Kleingeisterei, Krähwinkelei und Blockwartmentalität.
Aber in einer Zeit, in der alle Probleme, die Jugendliche in ihrer Pubertät haben, auf die Medien, auf Killerspiele, auf Handy-Pornos, das Internet- kurzum auf alle neuen technischen Errungenschaften der letzten 30 Jahre- projiziert werden; in einer Zeit, in der nicht nach den Bedingungen gefragt wird, wie heute Aufwachsen in einer postindustriellen und spätkapitalistischen Welt aussieht; in einer solchen Zeit, in der nach allen möglichen Schuldigen gesucht wird, drängt sich ein growlender Ethik-Lehrer den selbst ernannten Sittenwächtern nahezu auf. – Perversling! Jugendverführer! Satanist! Es ist das Dielmma des alten und neuen Faschismus, dass er seine spießige biedermeierliche Heile-Welt-Idylle mit der nicht zu bremsenden kapitalistischen Technik-Nutzung in den Fabriken, insbesondere aber eine solche über die Medien, unter einen Hut bringen muss. Gelöst wurde solches in den 30ern durch die Behauptung einer jüdischen Vorherrschaft in der Medienwelt, beispielhaft gemacht an der Disqualifizierung von allem, was nicht ins volksdeutsche Konzept passte, als entartet oder eben als Negermusik.
Es scheint so, als wäre man in Württemberg mal wieder dort angekommen, wo sich das deutsche Volksempfinden am wohlsten fühlt: in der Verurteiluing alles Fremden und der Forderung nach Ausmerzung desselben. Der Schoß ist fruchtbar noch…

Der Artikel mit weiteren links dazu findet sich hier.

Was für ein furchtbar entartetes Ding die Musik des Gemaßregelten ist, kann man auf der Homepage von Debauchery nachvollziehen. ENTARTET! Als Hörbeispiel: Chainsaw Masturbation. PERVERS! UNDEUTSCH!

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2 Kommentare zu “Negermusik

  1. Finn sagt:

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass du den Zuständigen zumindest teilweise Unrecht tust.
    Ich glaube nicht, dass das eine reine Geschmackszensur oder Killerspiel-Analogie war, wenn ich mir angucke, was der Betroffene zu dem Thema so sagt. Ich vermisse da stellenweise ein bißchen was. Und damit meine ich keinen „Abschwur dem Metal“.
    Allerdings ging das ganze zu verdammt schnell, das finde ich auch verdächtig, sozusagen.

    (Übrigens sagt er selber, er erinnere sich nicht an den Wortlaut bezügl. „psychisch krank“, nur am Rande)

  2. winni sagt:

    „Der Schoß ist fruchtbar noch…“

    aber da soll mal jemand sagen, in Teutschlant gäbe es keine zivilisatorische Weiterentwicklung. Es ist noch keine 100 Jahre her, da hätte man in diesem unseren schönen Lande zuerst die Gitarren und dannach die Musiker abgefackelt … dagegen erscheint der Entzug der Lebensgrundlage, soziale Ächtung und Verbannung ins Prekariat, doch als schon fast humanistische Wohltat.

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