Aphorismus #905

Regieren ist nichts für einen kultivierten oder ehrenhaften Mann.

Aristophanes (448 – 385 v.d.Z.), Die Ritter
Im Original: ἡ δημαγωγία γὰρ οὐ πρὸς μουσικοῦ ἔτ᾽ἐστὶν ἀνδρὸς οὐδὲ χρηστοῦ τοὺς τρόπους.

Dass sich unsere Bundesregierung an diese Weisheit aus der Antike hält, ist natürlich Ehrensache.

Advertisements

4 Kommentare zu “Aphorismus #905

  1. ungenannter sagt:

    Das Zitat sollte provozieren.
    Ich denke, das ist mir gelungen. 😉

  2. Anon sagt:

    Ich bin mir ziemlich sicher, daß es sich bereits in der Antike um einen peiorativ besetzten Begriff handelte, kann aber gerne bis Montag alle Belegstellen im LSJ heraussuchen. Der Etymologie zufolge bedeutet δημαγωγία jedenfalls im weitesten Sinne ein »Lenken«, »Führen« des δῆμος, also derjenigen Gruppe von athenischen Vollbürgern, die in Athen die politische Macht innehatte. Diese Praxis war zur Zeit Aristophanes schon so ausgeprägt, daß faktisch derjenige politische Macht hatte, der es verstand, den δῆμος nach seinem Gutdünken zu beeinflussen. Genau das wird auch in der Komödie »Die Ritter« angeprangert – das Volk als Greis, der geistig nicht mehr ganz auf der Höhe ist und sich von Leuten beschwatzen läßt, die ihm eigentlich untergeben sein sollten (= Politiker).
    Die Übersetzung von δημαγωγία als »Regieren« ist jedenfalls schon deswegen falsch, weil damit die enge Bindung des Begriffs an die politischen Gegebenheiten in Athen im 5. Jhd. aufgegeben wird.
    Der unmittelbare Bezug auf die jetzige Situation ist auch insofern falsch, als daß wir keine »Demokratie« im athenischen Sinne haben, sondern eine gewählte Oligarchie. Eine vergleichbare Herrschaftsform hätten wir vielleicht, wenn sich alle männlichen wahlberechtigten Bürger einer Stadt hin und wieder mal auf einem größeren Platz träfen und sich dort Haßtiraden von Diekmann, Sarrazin, Seehofer, Koch und Co. anhörten, um unmittelbar danach über die Abschiebung »krimineller Ausländer« abzustimmen.
    Unsere jetzige Regierung ist für vier Jahre gewählt und braucht keine δημαγωγία mehr, um ihren Willen durchzusetzen. Daß dabei die eigene Klientel bedient wird, ist eigentlich Merkmal so ziemlich jeder Form von Herrschaft.

  3. ungenannter sagt:

    Δημαγωγία ist gar nicht ziemlich genau frei wiedergegeben. Lt. Gemoll bedeutet es zuerst die „Leitung des Volkes“ und danach erst die „Verführung“ desselben.

    Die sophistischen Redner i.A. meinte A. damit nicht, sondern die ganz konkrete Athener Politik war ihm Anlass für diese Komödie:

    „Aristophanes wendet sich mit dieser Komödie gegen die Politik Athens, wobei der Staatsmann Kleon zur Zielscheibe des größten Spottes wird. Jener wird als großmäuliger Obersklave „Paphlagon“, der durch hinterlistige Machenschaften großen Einfluss auf seinen senilen Herrn „Demos“ (das Volk) gewinnt, ins Stück eingebunden. Wieder (siehe „Die Babylonier“) zeigt Aristophanes in einem seiner Werke Kleon als skrupellosen Volksverführer. Dieser verliert in der Komödie – im Gegensatz zur Realität – seinen Posten: Ein Orakel prophezeit, dass er nur von einem noch schlimmeren Demagogen gestürzt werden könne. Die für das Stück namensgebenden Ritter machen sich auf die Suche und finden ihn in Gestalt eines Wursthändlers, der den Demos überzeugen kann, zum neuen Obersklaven gewählt wird und eine interessante Lösung aller Probleme präsentiert: Der betagte Demos wird mit magischen Kräften „junggekocht“ und damit eine politisch-ethische Erneuerung eingeleitet.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ritter

    Auf unsere jetzige Regierung passt da sehr gut, da sie alles daran setzt ausschließlich ihre eigene Klientel entgegen dem Willen des Volkes zu bedienen.

  4. Anon sagt:

    Δημαγωγία ist damit aber ziemlich frei übersetzt. Ich habe die Stelle zwar nicht im Zusammenhang vorliegen, aber gemeint sind sicherlich die sophistischen Redner, die sich die athenische Staatsform und die Unmündigkeit der athenischen Bürger beeinflussen, um ihre persönlichen Interessen in der Tagespolitik durchzudrücken. Auf unsere Verfassung unmittelbar übertragbar ist das natürlich nicht, schon gar nicht auf die jetzige Regierung, die alles daran setzt, konsequent am Wähler vorbeizuregieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s