Aphorismus #922

Wort zum Sonntag #80

Eine etwas andere Advents-Geschichte

»Und zu guter Letzt«, sagte Max, das Publikum wieder zum Schweigen bringend, und setzte seine feierliche Miene auf, »zu guter Letzt haben wir, glaub ich, heute abend eine Gruppe frommer Gläubiger hier bei uns, sehr andächtige Gläubige von der Kirche der Wiederkehr des Großen Propheten Zarquon.«
Es waren ungefähr zwanzig. Sie saßen rechts außen am Rand des Saales, waren asketisch gekleidet, nippten nervös an ihrem Mineralwasser und hielten sich aus der allgemeinen Fröhlichkeit heraus. Als der Scheinwerfer auf sie gerichtet wurde, blinzelten sie verärgert.
»Da sind sie«, sagte Max, »und sitzen geduldig da. Er hat gesagt, daß er wiederkommt und hat sie lange warten lassen. Also wollen wir hoffen, daß er sich ein bißchen beeilt Leute, denn er hat bloß noch acht Minuten Zeit!«
Die Gruppe der Anhänger Zarquons saß starr da und lehnte es ab, sich von den Wogen hartherzigen Gelächters, die über sie wegfegten, erschüttern zu lassen.
Max bändigte sein Publikum.
»Nein, im Ernst Leute, nichts für ungut, das sollte keine Beleidigung sein. Nein, ich weiß, man sollte sich über tief empfundene Überzeugungen nicht lustig machen, darum bitte einen herzlichen Applaus für den Großen Propheten Zarquon …«
Das Publikum klatschte höflich Beifall.
»… egal, wo er ist!«

Dieses wunderschöne Beispiel für geduldiges Warten von Gläubigen auf die Wiederkunft ihres Propheten – weil er es versprochen hatte – stammt aus Douglas Adams, „Das Restaurant am Ende des Universums“ (Ende Kapitel 18) und spielt tatsächlich kurz vor dem Ende des Universums. Ob die Christenheit auf den Advent ihres Herrn auch so lange warten wird? Aber immerhin haben sie 2000 Jahre schon hinter sich gebracht. Die paar Milliarden die noch folgen werden, sind da ein Klacks.

Aber Douglas Adams wäre nicht er selbst, wenn er da nicht noch eins drauf gesetzt hätte. Der Prophet erscheint tatsächlich, aber wozu?

»Der Himmel beginnt zu kochen!« schrie er [=Max]. »Die Natur stürzt in die gellende Leere! In zwanzig Sekunden ist das Universum am Ende! Und da, das Licht der Unendlichkeit bricht über uns herein!«
Eine entsetzliche Zerstörungswut tobte um sie her – und in dem Moment hörte man leise und zaghaft eine Trompete wie aus unendlicher Ferne tönen. Maxens Blick drehte sich zur Band. Aber keiner schien Trompete zu spielen. Plötzlich erschien flimmernd und wirbelnd ein Rauchwölkchen neben ihm auf der Bühne. Zu der einen Trompete gesellten sich weitere. Über fünfhundertmal hatte Max die Show geleitet, aber sowas war noch nie passiert. Bestürzt zog er sich von dem wirbelnden Rauch zurück, und während er das tat, materialisierte sich darin langsam eine Gestalt, die Gestalt eines uralten bärtigen Mannes in einem langen Gewand, der in Licht gehüllt war. In seinen Augen kreisten Sterne, und auf dem Kopf trug er eine goldene Krone.
»Was ist denn das?« flüsterte Max mit wildem Blick, »was ist denn jetzt tos?«
Ganz hinten im Restaurant sprangen die Leute mit den versteinerten Gesichtern von der Kirche der Wiederkehr des Großen Propheten Zarquon verzückt auf, stimmten Choräle an und schrien.
Max blinkerte verdutzt mit den Augen. Er schleuderte seine Arme in Richtung Publikum.
»Einen herzlichen Applaus, meine Damen und Herren«, brüllte er, »für den Großen Propheten Zarquon! Er ist da! Zarquon ist wiedergekehrt!«
Donnernder Applaus brach los, als Max über die Bühne schritt und dem Propheten das Mikrofon reichte.
Zarquon hustete. Er ließ den Blick durch die versammelte Menge schweifen. Die Sterne in seinen Augen blinkten verlegen. Mit dem Mikrofon wußte er vor Verwirrung nicht wohin.
»Äh …«, sagte er, »hallo. Äh, tja, ich komme leider ein bißchen spät. Habe ’ne gräßliche Zeit hinter mir, alle möglichen Dinge tauchen ja immer erst im letzten Moment auf.«
Die erwartungsvolle, ehrfürchtige Stille schien ihn zu ängstigen. Er räusperte sich.
»Äh, wie steht‘s mit der Zeit?« fragte er. »Ich habe bloß eine Min …«
Und so endete das Universum.

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