Aphorismus #959

Was objektiv die Wahrheit sei, bleibt schwer genug auszumachen, aber im Umgang mit Menschen soll man davon nicht sich terrorisieren lassen. Es gibt da Kriterien, die fürs erste ausreichen. Eines der zuverlässigsten ist, daß einem entgegengehalten wird, eine Aussage sei »zu subjektiv«. Wird das geltend gemacht und gar mit jener Indignation, in der die wütende Harmonie aller vernünftigen Leute mitklingt, so hat man Grund, ein paar Sekunden mit sich zufrieden zu sein.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969), Minima Moralia: 43 – Bangemachen gilt nicht

Ein Kommentar zu “Aphorismus #959

  1. oblomow sagt:

    Zur Objektivität zitiere ich da doch mal Heinrich Heine, hat mir damals beim ersten lesen gefallen und gefällt mir heute immer noch, auch wenn es sich doch eher auf geschichtsschreibung bezieht:

    „Die sogenannte Objektivität, wovon heut so viel die Rede, ist nichts als eine trockene Lüge; es ist nicht möglich, die Vergangenheit zu schildern, ohne ihr die Färbung unserer eigenen Gefühle zu verleihen. (…) Jene sogenannte Objektivität, die, mit ihrer Leblosigkeit sich brüstend, auf der Schädelstätte der Tatsachen thront, ist schon deshalb als unwahr verwerflich, weil zur geschichtlichen Wahrheit nicht bloß die genauen Angaben des Faktums, sondern auch gewisse Mitteilungen über den Eindruck, den jenes Faktum auf seine Zeitgenossen hervorgebracht hat, notwendig sind.“ (Briegleb-Ausgabe, Band 7, S. 179)

    Dem kann ich immer noch zustimmen und das gilt auch für das sehr gegenwärtige leben. Da kann man dann mit seiner sub/ob/jektiven wahrheit schon mal näher an der (objektiven) wahrheit liegen als die herrschenden objektivitätsapostel/-apologeten, die einem alles als alternativlos, weil objektiv notwendig, ja geradezu vernünftig, unterjubeln wollen. Beispiele gibt es genug: studiengebühren, hartz iv, akws, privatisierung, bankenrettung usw. Man komme bloß nicht mit dem einwand: und die menschen? Übrigens: ich bin gerne mal wenigstens ein paar sekunden mit mir selbst zufrieden, wenn mir die reaktion des gegenübers zeigt – touchee.

    gruß

    oblomow

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